Posts

Posts mit dem Label "Migrationshintergrund" werden angezeigt.

Stuhl hin oder her... KOKOLORES... - Teil 4 -

Gemma war die einzige, die ihren Weg bis zum Ende ging. Die jetzt Lehrerin ist und sicher ihren Job gut macht. Die Familie hat, glücklich ist, die ihren Schülerinnen und Schüler etwas mit auf ihrem Lebensweg geben kann. Die anderen sind nicht mehr im sozialen Bereich zu finden. Außer mir. Ich arbeite in einem bundesweiten Projekt mit, das die Chancen von erwachsenen Menschen mit Migrationshintergrund verbessern soll, sich in den deutschen Arbeitsmarkt zu integrieren, mehr so ein politisches Ding. Metin sagt: „Ich musste meinen Eltern immer bei Behördengängen helfen, die waren so unselbständig, konnten zu wenig Deutsch, um sich selbst zu helfen, waren von allem überfordert. Sie hatten viele Ängste, die sie auf mich übertrugen. Wie hätte etwas aus mir werden können?“ Wie hätte aus ihm etwas werden können, mit all diesen Handycaps, Schwierigkeiten und Diskriminierungen. Es gab immer einen Unterschied zwischen ihm und mir. Ihm sieht man das „Ausländer-Sein“ an, er ist der böse Türke, der ...

Stuhl hin oder her... KOKOLORES - Teil 2 -

„Kokolores, Klischee – bringt uns alles nicht weiter. Du bist so wie du bist, weil du clever bist. Nichts weiter. Einfach ein cleveres, weltoffenes Bürschchen, und das ist gut so. Fang aber nicht mit diesen Stühlen an, sonst ramme ich dir einen in deinen kleinen Bauch.“ Toula, die bei unserer ersten Demo gegen die Bildungsmisere, vorneweg lief, plötzlich gegen die Polizisten wetterte, so etwas wie „Bullen raus, geht nach Haus´“ skandierte, woraufhin wir ihr sofort rieten, ihren Mund zu halten, bevor sie noch niedergeknüppelt werde. Unsere Väter kamen aus unterschiedlichen Gründen nach Deutschland. Metins Vater war ein intellektueller Linker, hochgebildet, mit Universitätsabschluss als Ingenieur. Mein Vater war ein armes Dorfkind mit geringer Schulbildung, der als ältester der Brüder beschloss sich fünf Jahre lang als Gastarbeiter bei der Firma Züblin zu verdingen, um Geld nach Hause zu schicken, den Standard der Familie anzuheben, dann zurückzukehren, eine Frau zu finden und zu heira...

Stuhl hin oder her... KOKOLORES - Teil 1 -

Unsere Väter trafen sich eines Mittags in der Kantine des Badischen Stahlwerkes, klopften sich gegenseitig auf die Schultern und sagten es so: „Ah, du Papa Aris?!“ – „Ah, du Papa Metin?!“ – „Ja. Metin ist guter Junge.“ – „Ja. Ja. Dein Aris auch ein guter Junge.“  Und dann kümmerten sie sich wieder um ihr Essen, vermutlich irgendetwas mit Kartoffeln.  Metin und ich befanden uns auf dem Spielplatz, in der Nähe seiner Straße, gut versteckt in der großen Rutsche, wenn man saß, sah man uns nicht von außen. Das war auch gut so. Unsere Väter sollten uns nicht beim Kiffen erwischen. Wir sagten es so: „Scheiße, Mann, wir müssen hier aus dem Kaff raus, wir haben keine Chancen hier, keine Optionen.“ – „Ja, Mann, wir können uns hier nicht entfalten. Wir müssen weg, in die Großstadt, wir brauchen Museen, Theater, wir brauchen eine Chance, um weiterkommen zu können.“   Das war vor langer Zeit gewesen. Wo sind der Metin und der Aris von damals geblieben? Und wo unsere Väter? M...

Gestern morgen in Mainz...

... musste ich mich schwer wundern. Ich habe es also gut getan, man merkt mir meinen "Migrationshintergrund" nicht an, YEAH, ich bin so deutsch, habe ja auch keinen Akzent, sehe gar nicht so aus, und meine Argumente sind auch noch vernünftig, YEAH, ich bin wohl "integriert", ja, ich bin vielleicht sogar "assimiliert", ich musste mich wirklich schwer wundern. Dabei muss ich diesen Menschen, der mir das sagte, nicht ernst nehmen, ich meine, wer versucht in einer Runde von Experten diejenigen mit Migrationshintergrund abzuzählen... du hast MIHIGRU, du nicht, du schon, du nicht, du nicht, du hast... Dabei sprach er ja noch nicht einmal etwas Falsches an, nein, im Gegenteil, er sprach an, dass in diesem Bereich "Arbeit zu Integration und Migration" so viele "Deutsche" arbeiten und so wenig mit MIHIGRU. Nun, erstes Problem: die Integrationisten reden gerne einmal davon, wie man "diese Menschen dazu bringen könnte, zu unserer Beratung zu ...

Die Sprache -2-

Ich verwechsle Sprachen, übersetze falsch, mir passieren interessante Fauxpas. Ich sage im Griechischen: mir schlafen die Füße ein, und ernte Gelächter, in Griechenland heißt es, dass die Füße vermodern. Wie soll man als Kind auch auf so eine morbide Übersetzung kommen. Ich will zum Assenseri gehen, wenn ich einen Aufzug brauche, könnte aber auch Ascenseur sagen, wie meine Nachbarn, oder Lift? Dann möchte ich besonders intelligent und reif erscheinen und sage: „oben ohne“, als ich „open end“ meine, wieder lacht alles, während ich das sage. Es verwirrt mich. Man denkt erneut, ich sei dumm, weil ich zu Missverständnissen neige. Manchmal irren sich aber auch die anderen. Man erklärt mir, wie man mit Wasserfarben malt, doch ich benutze zu viel Wasser, ich liebe Wasser, finde wässrige Farbe faszinierend. Ich höre die Freundin von meiner Schwester sagen: „Erkläre ihm mal, dass er weniger Wasser nehmen soll!“ Ich verstehe es. Will kundtun, dass ich das wisse, aber es anders machen wolle. Ich ...

Die Sprache -1-

Spät begann ich die Kunst des Sprechens zu erlernen. In meinem Kopf formten sich zwar endlose Reihen von Wörtern, doch als sie aus meinem Mund strömen sollten, blieben sie aus, man vernahm nur ein Gurgeln und Quietschen. Es war, als blieben die Worte in meinen Stimmbändern hängen, könnten ihnen nicht entrinnen. Mir kam es so vor, als wollten sie mich ärgern, als versteckten sie sich dort unter der Haut meines Halses. Doch warum taten sie so etwas? Was hatte ich getan? Warum verkrampfte sich alles in mir drin, wenn ich reden sollte? Eines Tages fühlte ich mich so hilflos, so verzweifelt, dass ich die oberste Schublade unseres Küchenschrankes, die ich erreichen konnte, öffnete und den spitzesten Gegenstand, den ich fand, hervorholte. Es war eine Schere. Ich setzte gerade an, um sie in meinen Hals zu stechen, als ich ein lautes Schreien hörte, das aus der Kehle meiner Mutter entwich. Ich blickte sie erstaunt an, hatte aber durchaus nicht vor, von meinem Tun abzulassen, schließlich erwarte...