Posts

Posts mit dem Label "Inklusion" werden angezeigt.

Bitte steck mich nicht in Schubladen!

Bild
2006 „Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin…“ – ich laufe den Main entlang mit Tausenden von grölenden Menschen, die glücklich ihre Fahnen schwenken. Sie singen, sie lachen, sie freuen sich. Ich schaue sie mir an, lasse jede Skepsis, jedes Misstrauen, das ich gegenüber Patriotismus und Nationalismus hegte, fallen. Ich lasse mich von der Menge treiben, spüre einen wohligen Schauer. Ich habe gute Laune. Ich möchte tanzen. Mein Herz zerspringt vor Freude.  Wer hätte das gedacht?  Eine junge Frau stupst mich von der Seite an: „Sing mit, wenn du ein Deutscher bist, sing mit…“ Und ich singe. Sie lacht mich an und schenkt mir ein Bier. Plötzlich geht es nicht mehr weiter. Wir bleiben stehen an einem brasilianischen Stand: Hier bewegen sich alle zu Techno-Musik, stehen auf den Tischen, trinken, hopsen, singen. Ich denke: das sind also die Deutschen, die angeblich nicht feiern können?   Als ich vor dem ersten Spiel an den Römerberg kam, wunderte ich mich doch ...

Batucada Frankfurt 2/3

Bild
Mittwoch, 21.1., 11.04 Uhr: Kristina vom Produktionsbüro ruft mich an. I am in! Ich sage: Ups, nein! Nicht nur überrascht bin ich, auch verwirrt, wollte ich doch gar nicht mehr mitmachen nach einer Nacht Überlegung. Ihre Irritation ließ mich sagen: Ich melde mich in einer Stunde wieder. Okay? Mittwoch, 21.1., 12.05 Uhr: Ich mache mit. Sage ich. Denn ich denke: Du wirst sicher bereuen, wenn du es nicht machst. Du wirst dich ewig fragen, ob das ein Fehler war, deine einmalige Chance auf eine andere Art der Selbsterfahrung, eine Grenzerfahrung, die du nicht steuern kannst (sonst wäre es ja auch keine Grenzerfahrung). Also, es gilt: ich gehe nicht ins Dschungelcamp, sondern in ein hartes Dance-Camp! Foto: Allen Sonntag, 1.2., 12.05 Uhr: Das nächste Projekt beginnt, für die nächsten zwei Wochen bin ich nicht Tänzer, sondern Kurator. Meine Ausstellung beginnt so langsam. Das ist ganz gut für mich, denn ich habe den Blues, kann ihn aber nicht ausleben. Fuck! Das waren zwei wunderbare...

Batucada Frankfurt 1/3

Bild
Samstag, 31.1., 21.15 Uhr: Ich liege nackt auf dem kalten Boden, die wahrscheinlich attraktivste Frau der Welt (Wilena) ganz nah neben mir, mehr als 300 Menschen versuchen über uns hinwegzusteigen. Beginn eines Pornos? Nein! Teil einer Performance namens "Batucada" (von Marcelo Evelin), die zu einer krassen Selbsterfahrung für mich wurde. Wir befinden uns in unserem „Abschlussbild“, in dem 41 nackte Tänzer*innen auf dem Bauch liegend, teilweise ineinander verkeilt, den Kopf gen Boden gerichtet, darauf warten, dass die Leute an ihnen vorbei Richtung Ausgang laufen – was nicht ohne Schrammen zu bewerkstelligen ist. Eine Person fällt auf einen unserer Tänzer, er sieht Sterne, sie schiebt es auf das Instrument, das im Weg stand. Bild: Georg Ladanyi, Premiere 30.1. Freitag, 30.1., 19.48 Uhr: Ich erkenne dich, Janni, sagen meine lieben Freundinnen Luise, Dorothee und Lisa. Sie kichern. Selbstverständlich versuche ich sie zu ignorieren bzw. neutral zu bleiben. In unserer Perf...

Stuhl hin oder her... KOKOLORES... - Teil 5 -

Metin ruft mich an, und sagt: „Oh Mann, die Österreicher nerven mich. Die machen gerade so, als müssten sie mich – als Deutschen – ausweisen, wenn ich innerhalb von drei Monaten keinen sozialversicherungspflichtigen Job nachweise. Puh, diese alten Rassisten!“ Auf diesem Spielplatz, auf der Rutsche oben, nicht von anderen einsehbar, malten wir uns die Zukunft aus, redeten von Erfolg, von Glücklich sein, etwas erreichen, etwas vollbringen. Wir waren voller Hoffnung, dass wir unserem Schicksal entkommen können. Doch scheinbar hat es uns immer wieder verfolgt, uns zeitweise zur Strecke gebracht. Unseren Idealismus abgetötet vielleicht. Unsere Hoffnung. Unsere Ziele. Wir wollten etwas Sein, etwas Darstellen, Anerkennung erhalten, Ankommen. Unsere Väter schufteten sich den Rücken krumm für uns, damit wir es einmal besser als sie haben. Metins Vater sagte nach meines Vaters Tod: „Ich hab gesagt, Papa Aris, arbeit nicht so viel. Machst dich kaputt! Habe ich gesagt. Jetzt ist er tot!“ Er wein...