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Der Arzt...

Ich lege mich erst einmal vor den Fernseher. Zum Entspannen. Das Gehirn wird so schön müde, wenn man eine Weile in die Glotze starrt. An sich ist es vielleicht nicht die beste Methode, sich auf das Schreiben vorzubereiten, aber wen interessiert es. Und wenn man sich es überlegt, dann sind doch diese dummen Talkshows inspirierend, hirnlose Idioten streiten sich über sinnlose Themen, und man selbst macht sich seine Gedanken über die Leute und die Thematik. Lesen wäre zwar im Grunde genommen besser, aber das ist schwieriger, wenn einem so vieles durch den Kopf schwirrt. Das macht mich manchmal regelrecht verrückt. Tausend Millionen Dinge kreisen in meinem Kopf, ich werde sie nicht los, ich drehe mich mit ihnen um mich selbst, ich versuche sie zu verbannen, damit ich mich auf das Wichtigste konzentrieren kann. Vergiss es! sagt mein Gehirn. Sie haben vielleicht schon selbst bemerkt, wie ausufernd ich sein kann. Fürchterlich. Die Leute denken dann manchmal: was macht denn der für seltsame Ge...

Der Arzt (Part Four)

„Warum sind Sie so unhöflich!“ entgegne ich ihm, „ich habe Ihnen weder das Du angeboten, noch bin ich ein kleines Kind; dass ich Sie angerempelt habe, tut mir Leid, ich war in Gedanken, aber es ist trotzdem kein Grund sich so zu benehmen.“ Nun flippt er vollkommen aus: „Du kleiner Bastard, du schwules Muttersöhnchen, verpiss dich von hier!“ Ich schaue die Umstehenden an, fordere sie auf, etwas dagegen zu sagen: „Haben Sie das gehört, wie der sich benimmt, das ist ja unerhört!“ Ich blicke auf eine ältere distinguierte Dame: „Sagen Sie ihm doch bitte einmal, dass man sich als erwachsener Mensch besser zu benehmen hat, vor allem, wenn Damen in der Nähe sitzen.“ Sie lächelt mich an, schaut dann zu dem grobschlächtigen, ungehobelten Mannsbild auf, weist ihn zurecht: „Der junge Mann hat Recht, Sie sollten sich schämen! Da schimpfen die Älteren immer, die Jungen wären unhöflich und benähmen sich wie Flegel, dabei sind sie es oft selbst!“ fährt sie fort. „Würden Sie sich bitte bei ihm entschul...

Der Arzt (Part Three)

„Wie ein Psychotherapeut?“ möchte ich wissen. „Ja, wie ein Psychotherapeut,“ antwortet er, „und am besten schicken Sie mir Ihre Aufzeichnungen per Email, und wenn ich glaube, dass Sie reif für ein Gespräch sind, machen wir elektronisch einen Termin miteinander aus, für Sie opfere ich gerne einmal meine Freizeit.“ „Oh,“ ertönt es aus meinem Mund, „wie komme ich zu dieser Ehre?“ „Sie interessieren mich, wie gesagt. Wenn Sie nicht mein Patient wären ...“ „War das eine Anmache?“ frage ich perplex. „Jetzt tun Sie doch nicht so unschuldig, wir sind beide erwachsen,“ sagt er mit einem Lächeln, das recht zweideutig anmutet. „Ja, und der eine von uns beiden ist sehr viel erwachsener als der andere,“ dringt lauter als ich es beabsichtigt hatte aus mir heraus. „Sie haben es wirklich im Griff, wirklich jedem, der Sie mag, einen verbalen Fausthieb zu verpassen,“ meint er, „zum Glück mag ich Kratzbürsten.“ So ein Idiot! Der tut gerade so, als hätte er mich durchschaut. Und ich hasse nichts mehr als ...

Der Arzt (Part Two)

„Letztendlich können auch sie nichts gegen ihre unbewussten Abwehrmechanismen tun, sie sind einfach da, und flugs kann man einen Patienten nicht leiden und behandelt ihn dementsprechend.“ „Was soll denn das heißen?“ frage ich entrüstet. „Jeder Mensch sollte gleich vor Gericht und beim Arzt sein! Was sind denn das für Sitten?!“ Es drängen sich mir Gedanken auf, diesen Quacksalber endlich zu verlassen und einen neuen Arzt zu suchen. „Sie sind ja herzig! Ein wahrer Idealist! Aber ich sage Ihnen etwas! Ein Arzt muss jeden gleich behandeln, jeden Patienten muss er nach bestem Wissen und Gewissen therapieren, ihn als gleichwertigen Menschen betrachten. Doch wir sind keine Maschinen und keine Halbgötter in Weiß, was wir angeblich von uns glauben; wir haben Gefühle, Vorurteile, Verdrängungsapparate, Ängste, negative Wellen usw. wie andere Menschen auch. So kann es durchaus passieren, dass man jemanden halbherzig behandelt, den man nicht mag, es allerdings überhaupt nicht merkt, und man glaubt ...

Der Arzt (Part One)

„Was haben Sie nur gegen Psychotherapeuten?“ fragt er mich. „Ich führe diese Praxis bereits seit zwei Jahrzehnten, noch nie hat mir ein Patient nach der dritten Überweisung zu einem Kollegen an den Kopf geworfen, dass ich kein Fingerspitzengefühl habe und unnütze Empfehlungen mache!“ „Fangen Sie bloß nicht an zu weinen,“ erwidere ich ihm kühl. „Sie sind doch ein witziger, intelligenter Mensch, warum können Sie sich nicht mit diesen Spezialisten einigen? Was stellen die denn so Schlimmes an, dass Sie immer wieder abbrechen?“ Ich denke über diese Fragen nach, während ich mich in seinem Zimmer umschaue, diesmal zum hundertachtundzwanzigsten Mal, erneut – wie hundertsiebenundzwanzig Mal davor – bleibt mein Blick am Diplom meines Hausarztes haften. Warum habe ich ihn noch nie gefragt, wie es kommt, dass es in Kyoto ausgestellt worden ist? Eine interessante Frage deswegen, weil auch meine Augenärztin ein in Kyoto ausgestelltes Diplom in ihrer Praxis hängen hat. Kann man dort Diplome kaufen? ...