Sonntag, 12. Dezember 2010

Stuhl hin oder her... KOKOLORES... - Teil 4 -

Gemma war die einzige, die ihren Weg bis zum Ende ging. Die jetzt Lehrerin ist und sicher ihren Job gut macht. Die Familie hat, glücklich ist, die ihren Schülerinnen und Schüler etwas mit auf ihrem Lebensweg geben kann. Die anderen sind nicht mehr im sozialen Bereich zu finden. Außer mir. Ich arbeite in einem bundesweiten Projekt mit, das die Chancen von erwachsenen Menschen mit Migrationshintergrund verbessern soll, sich in den deutschen Arbeitsmarkt zu integrieren, mehr so ein politisches Ding.

Metin sagt:
„Ich musste meinen Eltern immer bei Behördengängen helfen, die waren so unselbständig, konnten zu wenig Deutsch, um sich selbst zu helfen, waren von allem überfordert. Sie hatten viele Ängste, die sie auf mich übertrugen. Wie hätte etwas aus mir werden können?“
Wie hätte aus ihm etwas werden können, mit all diesen Handycaps, Schwierigkeiten und Diskriminierungen. Es gab immer einen Unterschied zwischen ihm und mir. Ihm sieht man das „Ausländer-Sein“ an, er ist der böse Türke, der böse Muslim. Er sieht „outlandish“ aus, er sieht so aus, als könnte er sich „nicht integrieren“. Mich nahm man nie als Migrant an, ich sei doch Deutscher, hier geboren, und perfekt Deutsch sprechend. Das alles trifft auf Metin auch zu, nur keiner sagt es. 

Gemma hat einen Mann mit italienischem Migrationshinweis, wie man heute sagt. Sie kriegt gerade ein Kind von ihm. Dani hat auch einen Mann mit italienischem Hintergrund geheiratet. Vor Kurzem bekamen sie ihr zweites Kind. 

Metin hat seinen Abschluss gemacht, seinen Magister, mit Ach und Krach zwar, mit 34, aber geschafft ist geschafft, seine Psychoanalyse, seine Kämpfe mit ADHS oder nicht, seine Lernschwächen, sein Ausgepowert-Sein wegen zu vieler Jobs neben dem Studium, alles vorbei. Doch jetzt wohnt er in Wien, mit seiner Freundin, sechs Jahre sind sie nun zusammen, sie promoviert gerade, schließt bald ab, möchte Kinder haben.
„Nur wie?“ fragt mich Metin, „ich habe alles aufgegeben in München, habe gerade keinen Job, kein Geld, wie soll ich ein Kind ernähren?“
Ich weiß es nicht, ich weiß es nicht. Ich möchte so gerne Menschen helfen. So gerne etwas verändern. Nur wie? frage ich mich. Nur wie? 

Ich telefoniere mit Gemma. Sie sagt: „Mein Mann ist arbeitslos geworden. Ausgerechnet jetzt, wo das Kind unterwegs ist. Zum Glück habe ich ein gutes Gehalt als Lehrerin.“
Meine Mutter ruft mich an, fragt mich, wann ich endlich heirate. Ich sage, dass ich mir so etwas nicht leisten kann. Es auch nicht will, heutzutage müsse man nicht heiraten. Daraufhin meint sie entnervt: „Heutzutage gibt es ja auch alles!“

Was sie schon damals sagte, als ich ihr von Chrissoula erzählte, die bei unserem Stammtisch immer mit vegetarischen Menus aufwartete. „Ich bin Vegetarierin!“ Da war meine Mutter fassungslos: Eine Griechin und Vegetarierin. So weit musste nun die „Integration“ auch nicht gehen, dachte sie sich wohl.

Ich hatte eine Phase. Da kramte ich alte Kassetten meines verstorbenen Vaters aus, hörte sie tage- ja, wochenlang an, bis selbst meine Mutter genug davon bekam und sich bei mir beschwerte. Sie hätte genug von diesen Klarinetten und von dieser Melancholie, sie müsse ständig an Epirus denken, an ihr Dorf, an ihre Kindheit. Wenn ich möchte, dass sie depressiv werde, tagelang vor sich hinweine, könne ich ruhig weitermachen mit diesem Psychoterror. Daraufhin hörte ich die Musik immer mit Kopfhörern. Bis heute noch. Ohne zu wissen, wieso mich diese Musik nicht kalt lässt, ohne zu wissen, wieso sie mich so berührt, so glücklich macht, so zum Träumen bringt, so zu mir zugehörig erscheint. Was ist „das Beste aus den Kulturen“ frage ich mich manchmal, finde aber keine Antwort, es gibt auch keine, ganz sicher!

- Fortsetzung folgt -

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