Samstag, 29. Dezember 2012

Lesebühne des Glücks: Irrungen, Wirrungen und Entwirrungen

Wenn schon der Moderator und Mit-Organisator einer Veranstaltung total gespannt und neugierig darauf ist, ist das wahrlich ein gutes Zeichen, denke ich. Wie wird Marc Rybicki live lesen, was wird uns Carsten Nagels vortragen? Wie werden die Leute mitgehen, wie darauf reagieren? Diskutieren? Wer wird sich trauen, Lachyoga mit Laurenz mitzumachen? Und was wird der Moderator Überraschendes liefern? Ich weiß es noch nicht! Und was wird es zu essen geben? Was wird sich K1 einfallen lassen? Ihr dürft gespannt sein!
Kommt alle vorbei, ihr kriegt Glücksblumen, gute Laune, wunderbares Essen, werdet viel lachen, viel diskutieren, in fremde Horizonte reisen. Das wird wundervoll! :-)

Donnerstag, 27. Dezember 2012

Elf Fragen von schmerzwach an den Autoren Peter Nathschläger


Peter Nathschläger, geboren im März 1965 in Wien, ist ein österreichischer Schriftsteller. Er lebt seit 18 Jahren mit seinem Lebensgefährten in einem gemeinsamen Haushalt, arbeitet hauptberuflich als IT Prozess Manager, schreibt einen Roman nach dem anderen und treibt sich in der Welt herum. Seine erste Publikation war der Gedichtband “Alles besser” 1998 im Männerschwarm Verlag, seine bisher letzte Publikation ist der Roman “Im Palast des schönsten Schmetterlings” im Herbst 2012 im Himmelstürmer Verlag. Die nächste geplante Veröffentlichung ist der Roman “Der Falke im Sturm”, der zweite von drei Romanen, die auf Kuba spielen. “Der Falke im Sturm” wird im Frühjahr 2013 im Himmelstürmer Verlag erscheinen.

1. Wer bist du?
Ein Schriftsteller & Herumtreiber - in beliebiger Reihenfolge
2. Was machst du?
Ich schreibe und treibe mich herum, ich lebe und liebe und kann davon gar nicht genug bekommen
3. Woher kommst du und wohin möchtest du?
Ich komme aus Wien, und wenn ich müde bin vom Herumreisen und Schreiben, dann möchte ich auch immer wieder nach Wien zurück. Diese Stadt ist mir mehr als nur Heimat
4. Warum bist du Schriftsteller geworden?
Weil ich eines Tages die Bestimmung angenommen habe, einer zu sein, weil es mein Leben bereichert
5. Welche Ziele hast du?
Weiterschreiben und nie aufhören, erstaunt zu sein, wie großartig und erfüllend das Schreiben und das Leben ist.
6. Wer oder was inspiriert dich?
Die eine Welt. Und die andere, die im Schatten des Vordergründigen verborgen ist. Die lateinamerikanischen Schriftsteller, die Reisen mit meinem Lebensgefährten, Bergluft, die Brandung der Karibik, eine Originalausgabe von Hemingway in Händen zu halten. Liebe.
7. Wann bist du glücklich?
Wenn die Inspirationen in mir Produktivität auslösen, wenn ich nachts an der Seite meines Freundes einschlafe und die Metastasen der Angst, allein zu sein, immer wieder aufs Neue besiege
8. Wie sieht dein perfektes Leben aus? 
Chaotisch, überall und zu jeder Zeit alles sein können ohne irgendetwas sein zu müssen. Und doch ein Leben im Gleichgewicht. Ein perfekter Tag wäre ein heiteres Besäufnis mit E.Hemingway im La Terrazzas in Cojimar, Cuba. Daiquiri und Mojitos.
9. Was würdest du tun, wenn du ein Tag lang König von Deutschland wärst?
Meinen Nachfolger bestimmen, der dem Land besser dienen könnte als ich, und mir den Rest des Tages freinehmen
10. Wovon hast du als Kind geträumt?
Von dürren Ästen, die in stürmischen Nächten außen am Fenster kratzen, und von der Stoffpuppe unter dem Bett, die plötzlich die Augen öffnet und unfreundlich in die Finsternis starrt. Und davon, den Nachbarsjungen vom Campingplatz zu küssen. Den hat Gott so schön gemacht, dass er ihm die Schulter mit siedendem Wasser verbrühen musste, um die Perfektion zu zerstören.
11. Worauf könntest du verzichten und worauf überhaupt nicht? 
Auf alles außer Liebe.

Dienstag, 25. Dezember 2012

Fortsetzungsroman: Moody Blue 21

http://schmerzwach.blogspot.de/2012/
12/fortsetzungsroman-moody-blue-20.html
Levent rief mich an. Ich fragte ihn, wo er gewesen sei. Er wollte nichts sagen. Wie geheimnisvoll! Irgendwo musste er sich ja herumgetrieben haben, vielleicht in München. Na? fragte ich ihn. Er verneinte, ich glaubte es ihm nicht. Was ist mit deiner Freundin, Levent? Er sagte, dass sie abends zu ihm komme, da müsse er mit ihr Klartext reden; ob er mich danach besuchen könne, wollte er wissen. Natürlich. Er entschuldigte sich für seinen Betrug mit meinem Roman, ich lachte ihn aus. Alles in allem war es ein sehr zähes Telefonat, ich telefoniere sowieso nicht gerne. Levent hatte grundsätzlich Angst abgehört zu werden, erzählte nichts Verwerfliches und Vertrauliches am Telefon, und ich brauchte ein sichtbares Gegenüber, um mich anständig unterhalten zu können. Ich redete oft nur Unsinn oder fragte völlig sinnlose Dinge, hinterher wusste ich entweder gar nichts - oder alles, was ich nicht wissen wollte. Zumindest kam es mir immer so vor. Ein weiteres Problem war, dass ich große Schwierigkeiten hatte, Leute anzurufen, die ich nicht kenne, oder Respektspersonen, Behörden. Es macht mich schwitzen, ich weiß einfach nicht, was ich sagen soll/ muss. 
Nach dem Telefonat aßen wir zu Mittag und dann ging Alejandro, er musste einige Dinge in der Stadt erledigen. Ich war allein und glücklich, ein bisschen lesen zu dürfen. Nach einer Weile bekam ich Lust zu schreiben. Ich setzte mich hinaus auf meinen Balkon, im Recorder steckte eine meiner Lieblingskassetten, die ich im Hintergrund laufen ließ. Anfangs flossen die Gedanken auf das Papier, mit der Zeit fiel es mir zunehmend schwerer. Die Sätze hörten sich abgehackt und kindlich an. Warum schaffte ich es nicht, mehrere Seiten konsequent, stilvoll und mit gutem Rhythmus zu schreiben? Das Problem an sich war, dass ich zwar stundenlang erzählen kann, wenn ich in Form war, sogar richtig interessante und spannende Dinge, die Leute fanden mich geistreich und klug, sagten, hey, warum schreibst du keine Romane? Ich schmiss den Block weg, konzentrierte mich auf die Sonnenstrahlen, die meinen Körper angenehm erhitzten, ich liebte diese Wärme, die andere Menschen fertig macht, ich liebte es, in der Sonne zu schmoren. Südländer. Wie mein Engelchen, das ich so liebte; es war wunderbar morgens neben ihm aufzuwachen, mit ihm zu duschen, mit ihm zu essen, mit ihm über alles zu reden und bald würde dies zur Gewohnheit werden, dann lebte er bei mir in Karlsruhe, tritt seine Zivistelle an. Vertriebe mir die Langeweile während meines Studiums, das im Grunde genommen nur ein erster Schritt zu meiner Zukunft sein sollte. Ich konnte mir nicht vorstellen, länger als zwei bis drei Jahre Lehrer an einer Hauptschule zu bleiben. Ich würde weiterstudieren, Schulpsychologie vielleicht, danach eine Dozentenlaufbahn anstreben, Professor werden. 
Ich konnte Tobias auf der Straße entdecken, hatte er mich gesehen? Nein, wahrscheinlich nicht, man konnte kaum etwas zwischen den vielen dichten Stäben sehen, abgesehen davon, schaute man selten nach oben, bevor man irgendwo klingelte. Ich musste schnell den Recorder ausschalten und mich verstecken, das Klingeln ignorieren, denn ich hatte keine Lust auf ihn, er sollte mich nicht aus dem Gleichgewicht bringen, ich wollte weiterschreiben, es wenigstens probieren. Was wollte er von mir? Steff war da, sollte er zu ihr gehen. Wollte er schon wieder Sex mit mir machen? Er klingelte zehn Mal, dann ging er endlich. Zum Glück. 
Doch meine schriftstellerischen Versuche blieben  erfolglos, ich fand nicht die richtigen Worte, wie so oft, ach, wie schön wäre es, den Rhythmus meiner griechischen Musik einzufangen. Jalla, jalla. Alles sinnlos. Egal. Dann tanzte ich eben zu „Oye mi canto“. Sang mit. Erfreute mich am Leben. Mir kam nun die Idee mit meinem Schätzchen, der sich in der Schule als Theaterschauspieler übte, einen kleinen Videofilm zu drehen. Ich hatte bereits einige Drehbücher geschrieben, ich wusste nicht, ob sie etwas taugten, ich zumindest fand sie komisch. Bestimmt hätte Alejandro weniger Scheu vor der Videokamera zu spielen als Levent, der zwar bei Theatervorstellungen ausgebufft war, aber da sehr große Probleme hatte. Wieder setzte ich mich auf den Balkon, nahm den Block zur Hand und meinen Kuli und versuchte mich. Vertieft wie ich war, bemerkte ich nicht, dass Alejandro mittlerweile gekommen war und neben mir stand, er klopfte auf meine Schulter, ich schreckte hoch: Du bist es. Ich wäre früher gekommen, sagte er, aber ich traf Christian und Tobi, die auf dem Weg zu dir waren, ich behauptete, du seiest nicht da, und schlug eine andere Rich-tung ein, damit sie nicht merken, dass ich lüge; haben sie trotzdem bei dir vorbeigeschaut? Nein, sagte ich, Tobi hat es vor einiger Zeit schon allein probiert, ich habe ihm aber nicht geöffnet. 
Plötzlich klingelte es. Oh, nein, flüsterte mein Schatz, was machen wir jetzt? Nichts, meinte ich, wir bleiben still hier sitzen. Nach einigem Klingeln stellten sie sich unter den Balkon, schrieen: Wir wissen, dass ihr da seid, lasst uns herein. Keine Regung von uns. Wir hörten, wie Tobi sagte, dass er die Tür aufbrechen könne, Christian hinderte ihn daran, sagte, wenn uns jemand sieht... gehen wir, man kann niemanden zu seinem Glück zwingen. 
Alejandro und ich seufzten beide erleichtert auf. Wir rissen uns nicht um die Jungs, konnten uns nur vorstellen, dass ihr Besuch ein sexuelles Motiv hatte und auf dieses wollten wir verzichten, wir waren vom letzen Abend genug bedient. Irgendwie schien uns alles so merkwürdig, mit Tobi stimmte etwas nicht. 

Montag, 24. Dezember 2012

Dirty Dichters Weihnachtsgedanken: Pillen lügen nicht


Weihnachten wird dieses Jahr
in der Apotheke entschieden
wo sich
alt & alt gesellt
hast du nichts
so bleiben dir die Krankheiten
Vitamine für alle
Morphium für die erhitzten Gemüter
Taubmacher
für das Geschrei unterm Baum

zwo drei
hebt den Takt
zum Todesreigen der Gebrechlichkeiten

auch die grindige Alte
mit den verrutschten Stützstrümpfen ist da
unablässig
brabbelt sie
über ihren Hautausschlag
doch niemand da
der ihr zuhört
selbst die Enkel schämen sich

Buckelchen fehlt
eigentlich schade
so kurz
vor der Parade
hat er es
nicht mehr geschafft.

Sonntag, 23. Dezember 2012

ACADIUS' TAGEBUCH - Geschichten aus meinem Leben


ÜBER DEN UNTERGANG DER WELT …

Ich trau mich gar nicht aus dem Fenster zu gucken. Alles ist grau, wo doch eigentlich viel, viel Schnee liegen sollte. Das ist auf dieser Welt so, hab ich in all den Jahren, die ich nun schon hier bin, festgestellt. Man nennt die Zeit “Weihnachten”. Besinnlich soll sie sein, Männer und Frauen, Väter und Mütter rennen durch die Geschäfte und kaufen für ihre Liebsten und ihre Kinder Geschenke ein. Ich mache das nicht, sitze lieber hier auf meinem Sessel und schaue aus dem Fenster, warte auf den Schnee, der ja doch nicht kommt.

Aber die Welt wird im Moment von etwas Anderem bewegt. Irgendwelche Mayas, ich hab noch nie so ganz verstanden, wer das genau sein soll, haben vor vielen, vielen, vielen Jahren – nein, wohl eher Jahrtausenden – prophezeit, dass in wenigen Tagen die Welt untergehen wird. Am 21.12.2012. Ein schönes Datum, wie ich finde – so viele einsen und zweien. Zufall, dass es sich dabei um so eine Quasi-Schnappzahl handelt? Ich bin mir nicht sicher, woher die Maya das genommen, oder besser errechnet haben, aber ich kann sagen: Die Welt wird nicht untergehen. Nicht an diesem Freitag. Nicht mehr in meinem Leben, obwohl ich ja überhaupt nicht abschätzen kann, wie lange das noch geht. Die Medien sind jedenfalls dennoch voll von dem Thema. Und alle fragen sich: Was ist, wenn doch. Aber, woran soll die Welt untergehen? Die Menschen sind doch technologisch so fortgeschritten, die erkennen alles, was sie bedroht – sofern sie es erkennen wollen.

Ich wisch mir eine Träne aus dem Gesicht. Jeder Winter erinnert mich an sie, an dich. Und es macht mich traurig. Wenn die Welt untergeht, und das ist genau der Gedanke, der ein Loch in mein Herz reißt, dann werde ich alleine mit ihr untergehen. Du bist nicht hier, wir können uns nicht an die Hand und in den Arm nehmen, wenn die Erde bebt, Feuerfunken vom Himmel stürzen und alles zerbricht. Ich bin alleine, müsste es ganz alleine erleben. Aber vielleicht wäre es gut, denn dann könnte ich dich endlich wieder in die Arme schließen. Oder?

http://www.acadius-tagebuch.hilke-gesabussmann.de/uber-den-untergang-der-welt/
Acadius ist die Hauptfigur aus Legenden der Weltentaucher...
http://www.amazon.de/Die-Legenden-Weltentaucher-Aufbruch-ebook/dp/B008RZY05Q/

Samstag, 22. Dezember 2012

Krankenhaus-Künstler


Das weiß man sicherlich nicht, aber einer meiner ersten Langtexte war eine wissenschaftliche Hausarbeit zum Thema Krankheit und Tod, wie man in der Gesellschaft damit umgeht und insbesondere im Religionsunterricht - es ist also ein großes Thema in meinem Leben. Selbstverständlich auch deswegen, weil ich zu Teenie-Zeiten sehr lange auf einer Kinder-Krebs-Station lag. Es ist also ein Thema. Aber wieso so öffentlich? Ich vergleiche mich jetzt nicht mit Christoph Schlingensief oder gar Ai Wei Wei, beides große Künstler und fast noch größere Menschen, an die ich nie heranreichen werde. Doch beide haben auch ihre Krankheiten und Krankenhausaufenthalte zu einem öffentlichen Thema gemacht, was ich sehr begrüße. Warum? Krankheit und Tod sind ein riesiger Bestandteil unseres Lebens, das kann man nicht wegdiskutieren und vor allem nicht weg tabuieren. Uns begegnen diese zwei Themen fast häufiger als die Liebe, über die man immer gerne reden möchte. Wieso so öffentlich, so wenig privat? Früher hatten Krankheit und Tod einen ständigen Platz im Alltag der Menschen, man pflegte Angehörige zuhause, es war selbstverständlich, dass Kinder oft mit dem Tod konfrontiert wurden, das war eben so, auch in einer ehemals sehr viel kollektivistischeren Gesellschaft in Deutschland - erst zu modernen Zeiten änderte sich das Verhältnis zu Krankheit und Tod, meines Erachtens ins Negative. Ich fand es hervorragend, dass Schlingensief damals die Situation genutzt hat, das Thema in die Gesellschaft und vor allem in die Medien zu bringen. Selbstverständlich war ich nicht immer einer Meinung mit ihm, aber darum geht es nicht. Er war ein Künstler und gab ein Statement, (ver)arbeitete sein schwieriges Thema künstlerisch und medial. Das gleiche gilt für Ai Wei Wei (siehe auch Ausstellung "Privatheit" in der Schirn Kunsthalle). Ich bin eben nicht der Meinung, dass man alles voneinander trennen muss. Kunst wird zur Politik, Krankheit zur Kunst, Privatheit und Öffentlichkeit werden eins - und können damit sowohl zur Kunst als auch zur Politik werden. Alles ist eins. Wir sind eins.


Krankheit und Tod sind natürlich auch nicht immer nur Themen, die man ausschließlich mit Trauer assoziieren muss. Ein bisschen Lockerheit, ein bisschen Humor nimmt diesem wichtigen und wirklich sehr emotional aufgeladenen Thema diese schreckliche Bedeutung, wird weniger schwer, wird händelbarer. Mein Gott, wir werden ständig krank, ständig stirbt jemand aus unseren Reihen und macht uns tief betroffen. So what! Das ist eben so, das können wir nicht abschalten, nicht verändern. Es wird immer schlimm bleiben und immer weh tun, den Angehörigen meist noch mehr als den Kranken und Sterbenden. 



Es ist also etwas, das uns täglich begleitet, uns in die Tiefe reißen kann, aber auch etwas, das uns Menschen miteinander verbindet, uns näher zueinander bringt, im Leid quasi kommen wir uns näher. 



Ich war von Montag auf Dienstag im Schlaflabor, ich habe Atemaussetzer in der Nacht. Na gut, was interessiert euch das, könnt ihr mich fragen. Nichts, vielleicht. Keine Ahnung, ob es euch interessiert. Wieso soll ich das auf Facebook posten, wieso habe ich das getan? Wen geht das was an? Und ich sage: Ich hasse frühes Aufstehen, bin morgens muffelig, sogar depressiv, fühle mich tagsüber müde und werde erst abends fit. Warum? Weil ich diese Atemaussetzer in der Nacht habe. Und diese Tatsache prägt neben vielen anderen Dingen meinen Charakter. Gehört zu mir wie die Tatsache, dass ich gerne schreibe oder moderiere, dass ich eine rasche Auffassungsgabe habe oder leicht verzweifle. Und doch... doch ist es anders. Ich kann etwas dagegen tun, und ich kann nichts dafür, dass ich diese Symptome zeige, denn es ist etwas, worauf ich kaum Einfluss habe. Ich möchte es aber verändern un dich möchte, dass die Leute wissen, dass diese Dinge, die Krankheiten, die man erleidet, die Trennungen, die Verluste, einen zu dem machen, was man ist, aber auch in diesem Fall zu dem Künstler, der ich bin. Wo will ich das trennen?
Zum Thema "sie beobachten mich" eine kleine Anekdote: Beim letzten Mal im Schlaflabor habe ich irgendwie nicht darauf geachtet, dass da eine Kamera hängt - da ich überall verkabelt war nachtsüber, durfte ich nicht auf die Toilette, was heißt, dass ich so eine Pissflasche urinieren sollte. ;-) Und was tat ich in der Nacht gedankenverloren? Ich drehte mich in die Richtung der Kamera beim Pissen und dachte nichts weiter. :-))) Daran wollte ich dieses Mal denken. Habe ich auch. ;-)


Wie will man so schlafen? Das haben einige über Facebook gefragt. Ich kann sagen: viel schlafen konnte ich nicht. Ich wusste nicht, in welche Richtung ich mich drehen und wenden sollte, ohne mich zu verheddern. Zwei kleine Boxen waren auf Lunge bzw. Bauch (was man hier nicht sieht) befestigt - da ich Bauchschläfer bin, nicht besonders praktisch). Atemaussetzer. Klingt gefährlich. Kann es auch sehr sein. Aber natürlich haben wir neben dem Austesten, ob ich mit Nasenmaske schlafen kann oder nicht, etliche Untersuchungen durchgeführt. Und einiges herausgefunden... The story goes on. Es war merkwürdig, dieses Ding auf der Nase zu haben, Sauerstoff zugeführt zu bekommen. Anfangs war es mir schummerig. Und leider wurde es die ganze Zeit nicht angenehmer...
Ich habe über Facebook auch Kommentare/ Nachrichten erhalten, die mir auf dem Weg zur Gesundung helfen, DAS ist natürlich schon auch super.


Am frühsten Morgen aufstehen, es bleibt ein Graus für mich, vor allem nach dieser Nacht, in der ich bewiesenermaßen nur zwei Stunden geschlafen habe. Da hatte ich auch keine Atemaussetzer, aber was bringt es, wenn man die Hälfte der Nacht nicht schläft - dann ist man hinterher genauso groggy wie vorher.


Hm... Leckeeerr. Oder so. Na gut, ich bin verwöhnt, na gut, ich wurde auch beim Frühstücken gestört, weil ich zur Ärztin musste. Aber auch dies ein ständiger Quell von Gesprächsstoff: Krankenhaus-Essen. ;-)



Weil ich mit diesen Verkabelungen nicht schlafen konnte, wurde ich nach Hause geschickt, die nächsten Nächte sollte ich zuhause schlafen, ohne Verkabelung und so. Nur sehr viel besser erging es mir nicht. In der ersten Nacht konnte ich lange Zeit nicht schlafen, weil das Gerät so viele laute Geräusche machte. Nach Stunden schlief ich doch ein, um dann bald wieder aufzuwachen. Da ich auf Toilette musste, aber das Gerät ja nicht mitnehmen konnte, musste ich es ausschalten. Dazu musste ich aber erst das Licht einschalten (was sonst ja nicht notwendig wäre), um nicht den falschen Knopf zu drücken. Maske ab, auf Toilette gehen, Maske wieder auf, die richtigen Knöpfe drücken, alles bei Licht, und so war ich dann wach. In der zweiten Nacht dann mit Ohropax. Auch schön, nun hörte ich meine eigenen Geräusche (Herz etc.), im Hintergrund ein lautes unaufhörliches Gesumme. Nervig. Wieder ewiges Warten auf den Schlaf... Dann einschlafen... Aufwachen- und beschließen, das Ding auszuschalten, um endlich richtig schlafen zu können. 

Freitag, 21. Dezember 2012

Elf Fragen von schmerzwach an die Autorin Julia Mayer

In Mecklenburg-Vorpommern arbeitend und lebend, schreibt Julia Mayer, 1993 in Malchin geboren, seit ihrem vierzehnten Lebensjahr aktiv Romane. Dabei tobt sie sich gern in den unterschiedlichsten Genres aus. Die Keime ist ihr erstes Werk der Old Souls Buchreihe, das ein dystopisches Setting aufweist und sich eng mit der Philosophie verwebt. Mehr über die Autorin und ihre Werke gibt es hier: http://www.oldsouls.de 

1. Wer bist du?
Oh, fangen wir gleich mit den wichtigsten Fragen an. Wer bin ich? Das ist gar keine einfache Frage, da muss ich doch glatt mal überlegen. Auf den ersten Blick bin ich wohl noch ziemlich jung, das einzige – und jüngste – Mädchen von vier Geschwistern. Ich glaube, Schwester- und Tochter-Sein nimmt einen großen Teil meines Lebens ein, da mir Familie sehr wichtig ist. Ach ja, ich schreibe außerdem – oft versuche ich es nur, manchmal bin ich inspiriert und die Seltenheit ist dann, dass mich ein eigener Text auch mal überzeugt.
2. Was machst du?
Ich schreibe und sonst bin ich eher eine Bummlerin. Derzeit arbeite ich im Krankenhaus, sozusagen als Mädchen für alles, im Laufe eines Praktischen Jahres. Was danach wird? Wer weiß?
3. Woher kommst du und wohin möchtest du?
Schon seit Langem möchte ich nach Dresden ziehen, ob das klappt, mal sehen. Derzeit wohne ich, wie gesagt, im Norden, relativ nah an der Ostsee. Gerade schneit es, sieht sehr fein aus. (Man merkt, ich bin kein Autofahrer, mir macht Schnee noch Spaß.) Aber wohin möchte ich ist ja auch nicht unbedingt eine geographische Frage. Wohin möchte ich mit meinem Leben, mit dem Schreiben, mit meinem Denken? Ich wäre gern glücklich – nicht mal ab und zu, sondern konstant und durchgängig. Ob das möglich ist, weiß ich selbst noch nicht, aber ich hoffe, es irgendwann herauszufinden.
4. Warum bist du Künstler_in geworden?
Das ist auch so eine Frage, die wohl kaum jemand richtig beantworten kann. Ist es möglich, Künstler zu werden? Ist jemand, der sich viel mit Kunst beschäftigt, eher dazu fähig, selbst irgendwann künstlerisch tätig zu sein? Ich glaube, das fängt ganz früh und im Stillen mit sich selbst an. Nicht jeder, der Künstler ist, führt dies auch aus. Ich denke, sogar im Denken kann Kunst entstehen. Es bedarf ja auch keiner Zuschauer – ist aber in der Literatur mit Lesern umso schöner.
5. Welche Ziele hast du?
Ich würde gern nur noch schreiben, aber ich denke, das möchte jeder, der für sein Schaffen brennt, gern. Mir ist der Respekt anderer Menschen enorm wichtig, ich denke, das ist auch ein wichtiges Ziel für mich. Sonst bin ich eher der ziellose Chaot.
6. Wer oder was inspiriert dich?
Das ist immer unterschiedlich – generell inspiriert mich jedoch die Kunst an sich, tolle Gemälde, anrührende Musik … Meine liebste Inspiration sind jedoch Alltäglichkeiten, die doch wieder besonders wirken. Wie ein einzigartiges Gesicht, ein intimer Blick, ein schwieriger Satz, ein ungewöhnliches Wort.
7. Wann bist du glücklich?
Wenn ich bemerke, dass meine Kunst jemandem wichtig ist. Oder wenn mir jemand etwas erzählt, das er nicht jedem anvertraut – nicht unbedingt ein Geheimnis, sondern eine simple, entwaffnende Ehrlichkeit. Das macht mich wahnsinnig glücklich.
8. Wie sieht dein perfektes Leben aus?
»Perfekt« und »Leben« widersprechen sich doch, oder? Ich glaube, Leben werden erst gut, wenn man akzeptiert, dass es nicht perfekt geht und dass man trotzdem auch die fiesen Sachen irgendwie lieben kann. Sagen wir mal so: ich schreibe, das gibt jedem wunden Punkt einen Sinn.
9. Was würdest du tun, wenn du ein Tag lang König_in von Deutschland wärst?
Wahrscheinlich den halben Tag schlafen und den Rest des Tages schlemmen. Machtposition hin oder her, ich würde alle zum Fest laden, wenn es nur für einen Tag wäre. Keinen Krieg anzetteln, keine schweren Entscheidungen treffen (kann man in der Politik überhaupt RICHTIGE Entscheidungen treffen?) und nur essen und – auch auf die Gefahr hin, dass es sehr nach Hippietum klingt – lieben.
10. Wovon hast du als Kind geträumt?
Ich wollte immer irgendwas mit Musik machen, hab den ganzen Tag nur gesungen. Ich mag Musik immer noch sehr gern, aber künstlerisch hat es mich mittlerweile dann doch in eine andere Richtung gezogen.
11. Worauf könntest du verzichten und worauf überhaupt nicht?
Auf meine Zigaretten kann ich gut verzichten – auf meinen Laptop leider gar nicht. Ist mir schon oft genug passiert, dass mein Laptop kaputt ging und einige Dokumente, die ich nicht doppelt gesichert habe, fort waren – das ist für einen Schreiber vermutlich das Schlimmste überhaupt!
http://www.amazon.de/Die-Keime-Old-Souls-ebook/dp/B00ACHOFE8/

Donnerstag, 20. Dezember 2012

Fortsetzungsroman: Moody Blue 20

http://schmerzwach.blogspot.de/2012/
12/fortsetzungsroman-moody-blue-19.html
Daheim musste ich unbedingt eine griechische Kassette als Einschlafmusik einlegen. Jetzt kommt mein Lieblingslied, sagte ich nach einer Weile, Alejandro schien es nicht gehört zu haben, und kurze Zeit später nickte auch ich ein, ich war so müde gewesen, dass ich selbst mit meinem Schätzchen neben mir gut schlief. Vielleicht schaffte ich es irgendwann, endlich jederzeit gut neben ihm zu schlafen. Am nächsten Morgen oder vielmehr Mittag weckte er mich, in dem er den Kassettenrecorder laut aufdrehte. Was singt sie? fragte er. Es ist ein sehr langes Lied, mit viel Improvisation, die Sängerin freestyled fast schon, es beginnt mit: Μωρε μ´ εχασα μαντιλι, εχασα μαντιλι, μωρε με κατω ϕλορια...; Mensch, ich habe mein Kopftuch, mein Kopftuch verloren, Mensch, mit hundert Pfennigen drin... An meiner Lieblingsstelle heißt es:
Μωρε, για παρε με, για παρε με,
στην αγκαλια σου βαλε με,
και οτι θελεις κανε με.

Mensch, nimm mich, nimm mich,
in deine Arme nehme mich,
und mache, was du willst, mit mir.

Oh, wie schön, sagte er. Mach dich nicht lustig! ermahnte ich ihn. Na ja, die Griechen haben sehr kluge, einfallsreiche Texte, meinte er. Auf den Text kommt es nicht an, um die Emotionen, die die Sängerin wachruft, geht es. Gefühl ist wichtig, die Liebe ist wichtig. Sing es nur! sagte er. Und ich sang vom verlorenen Kopftuch und von der Liebe und von den enttäuschten Gefühlen von zwei Schwestern, die keiner zur Frau nehmen wollte. Alejandro lächelte. Ich liebe dich, rief er, weil du der süßeste Mensch bist, den ich kenne. Ich küsste ihn. Dann fing ich an, auf die griechische Musik zu tanzen. Du bist verrückt, lachte er. Mach mit, forderte ich ihn auf. Wir tanzten ausgelassen auf griechische Weise. Jalla. Και οτι θελεις κανε με. Mach, was du willst, mit mir. 
Den Literatur-Nobelpreis bekäme ich, wenn ich die griechische Musik, den Rhythmus, die Höhen und Tiefen der Klarinette und Violine und der menschlichen Stimme auf das Papier brächte, wenn ich die musikalische Vollkommenheit, die Ekstase, in Sprache umsetzen könnte. Und selbst wenn ich keinen Nobelpreis bekäme, mein Leben würde auf diese Weise glücklich, zufrieden und erhaben enden. Jalla. Bis dann tanze ich, singe ich; ich singe: Μωρε, για παρε με, για παρε με, στην αγκαλια σου βαλε με, και οτι θελεις κανε με. Ich liebe meinen Freund. Er liebt mich. Alles ist schön. Was sind wir für ein tolles Paar, sagte er. Sind wir, bestätigte ich. 


Fünf

Oye mi canto

Creo en el amor pero sin condiciones
(Oye mi canto)
y en ayurdanos sin tener otras razones
Oye mi canto
Los celos y el odio so ya tradiciones
Oye mi canto
Hay que dejarlas atras
No buscar explicaciones

(Gloria Estefan)

Wir tanzten weiter, diesmal hörten wir dabei Gloria Estefans „Oye mi canto“. Ich hatte die lateinamerikanische Seele meines Freundes geweckt, der nach Wunsch seines Vaters Alexander heißt, seine Mutter hatte ihn Alejandro nennen wollen, sich aber nicht durchsetzen können. Achtzehn Jahre später hob ich diese Dummheit auf, gab ihm seinen brasilianischen Namen. Sein Vater verbot zuhause seiner Frau Portugiesisch mit den Kindern zu sprechen. Leider bin ich selbst nicht viel kompetenter, ich versuchte beim zweiten Mal einen Teil des Lie-des simultan zu übersetzen. Erfolgreich? Keine Ahnung, ich spreche kein Spanisch, hatte es lediglich einmal probiert zu lernen, damals in der ersten Hälfte des zehnten Schuljahres. Alejandro zumindest hatte durch mich seine Liebe zu Lateinamerika entdeckt, begann für diese Klänge zu schwärmen, mochte Gloria Estefan, Ricky Martin, Marc Anthony und Jennifer Lopez. 

Mittwoch, 19. Dezember 2012

Schwarze Sonne - ein sel noir Krimi von Felix Mennen

Krimis habe ich immer schon gerne gelesen, nicht erst seitdem ich Guido Rohms Romane kenne, nur habe ich sie früher selten rezensiert. Neuerdings kriege ich häufiger Rezensions-Anfragen für Kriminalromane - ja, das ist auch schön, aber wie oft werden mir da rätselhafte, spannende Plots versprochen, etwas noch nie Dagewesenes, und das vor allem von Indie-Autor/innen (von denen es wie überall gute und schlechte gibt). Doch wie oft sind diese Thriller dann viel zu langatmig (eine spannende Geschichte kann auch auf 100-200 Seiten erzählt werden), viel zu abstrus, die einzelnen Fäden verheddern sich irgendwo, die Figuren sind klischeehaft und tun voraussehbare Dinge. Ganz anders erging es mir mit "Schwarze Sonne" vom Tatort-Drehbuchautoren Felix Mennen, dessen Roman im wunderbaren Salis Verlag erschienen ist. 
Bei Carl Banuschas Eintreffen am Tatort ist nicht nur die Leiche verschwunden; das Phantombild der vermeintlichen Toten im Monbijoupark weist zudem eine große Ähnlichkeit mit Banuschas chilenischer Frau Anna auf. Diese glaubt an den indianischen Mythos eines Dämons, der Jungfrauen betört, entführt und ermordet. Trotz der unauffindbaren Leiche, trotz der unerreichbaren Anna - ein Mythos ist ein Mythos. Oder doch nicht? Felix Mennens Krimi "Schwarze Sonne" treibt ein vertracktes Spiel mit Wahrheit und Wahnsinn.
Ein verwirrendes Kammerspiel hat Felix Mennen da konstruiert, es bleibt immer spannend - und vor allem verwirrend. Wer Klarheit und Einfachheit mag in Krimis ist hier nicht wirklich richtig, wer aber noch tagelang darüber nachdenken möchte, was er da gelesen hat, der wird hier seinen Spaß haben. Was mir besonders gefallen hat: Carl Banuscha ist eine sehr sympathische und ungewöhnliche Hauptfigur, und: die bildhafte Sprache des Autoren - hier schreibt jemand, der das kann. Denn auch Krimis können, wenn sie gut geschrieben sind, zur Hochliteratur gezählt werden... 

Dienstag, 18. Dezember 2012

Pilgerreise von Michael Stauffer

Die größte Kunst eines Autors ist es, einen völlig unsympathischen Protagonisten zu erfinden, der trotz all seiner Schwächen von den Leser/innen gemocht wird, mit dem sich der eine oder andere (belassen wir es bei der männlichen Form) identifizieren kann, zumindest gewillt ist, es zu tun. So ein Autor ist Michael Stauffer. Und so ein Protagonist ist Bela Schmitz. 
Dieser ist ein Dichter, Literaturprofessor und vor allem Egomane und Arschloch. Anders lässt es sich nicht sagen. Seine Freundin hat die Nase voll von seinem unsozialen, um nicht zu sagen: asozialen, Verhalten, und verlässt ihn. Bela Schmitz redet nämlich nicht mit jedem, schon gar nicht mit Menschen, die er für dümmer als sich selbst hält - und das scheinen so ziemlich alle zu sein. Er wird verlassen und weiß sich nicht zu helfen. Er hat nur seinen Cousin, bei dem er Narrenfreiheit genießt, sonst hält noch die Sekretärin des Instituts zu ihm, die ihm ständig Avancen macht. Sonst hat er keine Freunde, wie denn auch. Er beschließt aus einer Laune heraus zu pilgern, nicht etwa aus religiösen Gründen, um sich selbst zu finden oder sich weiter zu entwickeln. Dementsprechend ist er auch nicht besonders konsequent, fährt manchmal Zug, hat natürlich recht bald Fußschmerzen. Er trinkt überall Schnaps, isst riesige Schinkenbrote, schaut sich die nebligen Landschaften an und versucht Leute kennen zu lernen. Leute, denen er auf der weiteren Reise vermeintlich klug durchdachte und formulierte Karten schickt. Wenn man sonst keine Freunde hat... Er protokolliert seine Erfahrungen in einer Art Tagebuch, während gleichzeitig seine Geschichte erzählt wird...
Bela Schmitz ist eingebildet, man möchte ihn zunächst hassen, bekommt irgendwann Mitleid mit ihm, nein, nicht Mitgefühl, Mitleid tatsächlich, und irgendwann mag man ihn vielleicht sogar. Dem Rezensenten ging es zumindest so. Warum?
Jemand sagte, dass man niemals zwei Mal das gleiche Buch lese, so wie man niemals in den gleichen Fluss steige. Bei der Rezeption eines Buches kommt es sehr darauf an, in welcher Verfassung man sich gerade befindet. Das beeinflusst auch das Lesen, die Identifikation mit dem Text und mit den Figuren. Wer wurde nicht einmal verlassen und kennt die Qualen, die man danach durchmacht, die verschiedenen Phasen des Verleugnens, Nicht Wahrhaben wollen, der Trauer, Wut etc. 
"Ich habe alle Vorzeichen ignoriert, aber nicht aus Dummheit, sondern weil ich dich so sehr liebe und mich an die Hoffnung klammern wollte", schreibt er. Ein banaler Satz, der allzu oft sehr wahr ist. Wer hat nicht schon einmal so gefühlt? Der Protagonist kann nur in unserer Zeit sozialisiert worden sein, er ist eine Karikatur des verweichlichten intellektuellen Egomanen, der in seinem eigenen Saft schmort, sich selbst reflektiert und den Blick nicht nach außen wendet. 
Ist die "Pilgerreise" eine Persiflage? Persiflage auf das Buch von Hape Kerkeling? Man kann es bezweifeln. Nein, eigentlich hat das nichts mit diesen Büchern zu tun, es hat nichts mit einem Innehalten zu tun, nichts mit Philosophie. Es hat mit Flüchten zu tun, mit nicht erwachsen werden wollen. Wenn dieses Buch etwas karikieren möchte, dann ist das der moderne,  Mann, der zu viele Möglichkeiten hat, sich der Verantwortung über sein Leben zu entziehen. 
Und trotzdem. Trotzdem ist dieser Kotzbrocken liebenswert in seiner absolut anstrengenden Art, weil er aus der Norm ausbricht, weil er Dinge sagt und tut, die man eben nicht sagt und tut, weil er sich schwach und verletzlich macht, weil er einfach Mensch ist. Mit all seinen Macken, Verwirrungen und Verirrungen. Und der geliebt werden kann, trotz allem. Von einer Frau, die er neu kennen lernt. Es ist nicht nachzuvollziehen und man mag es nicht glauben, doch es ist so.
"Pilgerreise" von Michael Stauffer, im wunderbaren Verlag Voland & Quist erschienen, ist ein fantasievolles Buch, eines, das emotional trifft, auf die eine oder andere Weise - niemand wird dieses Buch unberührt lesen können. Und erst recht nicht, wenn man sich die CD "Mein Motto: Mutter", die dem Buch beiliegt, anhört. Eine feine Sache das. Ein feines Buch. Ein feiner Verlag. Und gut investierte 19,90 Euro für ein gelungenes Weihnachtsgeschenk: rund 230 Seiten Lesespaß und eine Stunde Hörvergnügen. 

Sonntag, 16. Dezember 2012

Männer kaufen - Unterwegs mit Strichern und Kunden in Zürich von Oliver Demont und Walter Pfeiffer / Salis Verlag

Was ist die Zukunft des Buches? Einerseits wird es mehr Ebook-Leser/innen geben, bei denen der Inhalt, der so genannte Content, das Bestimmende sein wird, darunter fallen Sachbücher (die man geschickterweise mit nützlichen Links, Grafiken, Bildern etc. anreichern kann, was oft bei Print-Erzeugnissen schwieriger ist) und Unterhaltungsromanen (deren Erscheinungsbild oft nicht wirklich wichtig erscheint). Andererseits wird es mehr "schöne Bücher" geben, deren Ausstattung besonders wichtig sein wird. Eine interessante Aufmachung, gute Fotos, markantes Layout, ansprechende (Papier)Qualität. 
So ein wunderbares Buch ist "Männer kaufen", das von dem 35jährigen Journalisten Oliver Demont geschrieben wurde, der 28jährige Guillaume Mojon zeichnet sich für die Illustration verantwortlich - und der geniale Walter Pfeiffer steuert ganz viele ästhetische, emotional berührende (Akt)Fotos. 
Männer kaufen ist tatsächlich Programm hier: In Zürich gibt es Schätzungen, dass 1500 Stricher unterwegs sind, teilweise aus aller Welt. Ein paar von ihnen kommen zu Wort, daneben auch auch einige der Freier. Oliver Demont hat mit ihnen gesprochen und ein unterhaltsames Buch entworfen, das nur auf den ersten Blick banal und trivial erscheint. Er unterhält sich mit ihnen auf einer Ebene, sucht die interessantesten Schnipsel der Unterhaltung heraus, stellt diese Menschen in ihrer gesamten Wahrhaftigkeit vor, ohne zu moralisieren - und immer mit dem Wunsch diese "Szene" in ihrer Gesamtheit zu zeigen, weswegen er Stricher-Kneipen wie das "Carrousel" oder "Dynasty" (der Original-Name von der in Deutschland "Denver-Clan" genannten Fernsehserie) oder DIE Social Network Plattform für schwule Männer "Gayromeo" näher beleuchtet. 
Homosexualität ist ein großes Thema die letzten Tage und Wochen, nicht zuletzt durch unkluge, unzeitgemäße Kommentare von CDU-Mitgliedern. Künstler/innen und Politiker/innen, die homosexuell sind, und die akzeptiert erscheinen, täuschen darüber hinweg, dass es nach wie vor nicht unbedingt leicht ist, sich als Homosexueller sichtbar zu machen. Darüber hinaus erklärt David Garcia, der Leiter der Sprechstunde für Sexualmedizin in der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Universitätsspital Zürich, der am Ende zu Wort kommt, dass bei homosexuellen Männern eine Hypersexualisierung des Körpers stattfinde, und zwar in sehr viel höherem Maße als dies bei Heterosexuellen das der Fall ist. Einerseits legen sich homosexuelle Männer mit einem gestählten, muskulösen Körper ein Schutzschild zu, um aus den Gefühl des Nichtgenügens herauszukommen. Der soll diese mit Angst besetzte Andersartigkeit verdecken und verdrängen. Andererseits ist dieses Bild so virulent, so marginal möchte ich behaupten, dass häufig eine Abwertung derjenigen vollzogen wird, die nicht mehr starke und feste Körper haben. Wird es schwabbelig oder labberig, wird der Mann einfach etwas älter, dann verliert er sehr an Attraktivität. Für Stricher bedeutet das, dass sie nur eine begrenzte Zeit haben, in der sie Geld mit ihrem Körper verdienen können, für in die Jahre gekommene Männer bedeutet das, dass sie sich attraktive Männer nur noch kaufen können - so zumindest aus ihrem eigenen Blick heraus. 
Die Stricher und Freier reden angenehm frei heraus, auch die humorvollen, teils vielleicht auch eher unfreiwillig lustigen Stellen werden hervorgehoben, zum Beispiel in großen Lettern: "Baby, who the Fuck is Walter Pfeiffer???" oder: "Ich will fünfzig Prozent vom Buchgewinn und eine richtige Gage oder was anderes Geiles."


Das Geld, das liebe Geld, natürlich ist dies der Beweggrund, "anschaffen" zu gehen, als "Liebesdiener" (wie es einer der Freier formuliert) zu arbeiten. Einige der befragten Stricher sind heterosexuelle Männer aus dem Osten, manche aus Lateinamerika. Aber auch es gibt auch deutsche und schweizerische Jungs, jede Bildungsschicht ist vertreten, auch Studenten, gebildete Typen, klug mitunter, manchmal aber auch einer Konsumsucht verfallen, wie sie für die heutige Zeit typisch erscheint. Man will sich "etwas leisten", "etwas gönnen", "genau so viel haben wie die anderen", "man braucht ein iPhone", "die und die Marke" etc. Die Freier sind meist eher aus der Bildungsschicht, eher vermögend, schließlich haben einige von ihnen bereits mehrere hundert Tausend Franken für ihre jungen Kerle ausgegeben, der eine oder andere von ihnen hat Stricher für längere Zeit ausgehalten, sie bei sich aufgenommen, ihnen eine Wohnung bezahlt manchmal, teilweise eine Ausbildung für die Zeit danach spendiert. Es gibt Freier, die vielleicht ihr "Kind-Ersatz" in den jungen Männern gesehen haben, psychologisch verquer und doch nachvollziehbar.
"Männer kaufen" könnte ein billiges Buch sein, ist es aber nicht, die Fotos könnten Pornografie sein, sind es aber eben so wenig. Sie haben Charakter, sie zeigen Emotion, sie sind wunderschön - und vor allem sind sie keine Fast-Food-Bilder. Man kann sie länger betrachten und findet einen neuen Aspekt. Sie erzählen Geschichten. 
Nein, dieses Werk ist wirklich nicht billig, es ist kunstvoll, es ist ästhetisch, es ist ganzheitlich, es ist unheimlich unterhaltsam, selbst wenn man sich noch nie für dieses Thema interessiert hatte. Es ist absolut empfehlenswert!
Print-Bücher wird es noch ganz lange geben - so lange sie so liebevoll und schön gemacht werden wie dieses Buch, denn dann möchte man sie nicht nur verschlingen, sondern sehr gerne ins Regal stellen.
"Männer kaufen - Unterwegs mit Strichern und Kunden in Zürich" von Oliver Demonat (und dem Fotografen Walter Pfeiffer und dem Typographen Guillaume Mojon) ist im Oktober 2012 im Salis Verlag erschienen, umfasst ca. 200 Seiten, ist gebunden, 18 x 27 cm groß und für 55 Euro im Fachhandel erhältlich. 
Bilder: Copyright beim Salis Verlag
Mehr zum Buch hier: 
http://www.salisverlag.com/content/oliver-demont-m%C3%A4nner-kaufen

Samstag, 15. Dezember 2012

Dominiks Weihnachtsgedanken: Fickt euch!

Bild von eins.de entnommen, Weihnachten in Darmstadt
Ich bin wach. Acht Uhr morgens ist's und noch keine Seele wach in diesem Haus. Traurig eigentlich, da ja heute Weihnachten ist und jeder hier die Tage so gestresst hat, dass alles "Perfekt" sein muss, aber HEY, es gibt noch Menschen, denen dieses Fest völlig egal ist. Denn da will man ein einziges mal im Jahr mit der Familie am Tisch sitzen und ein festliches Mahl genießen und dann werden Themen angesprochen, über die man garnicht erst reden wollte. Oder was ich noch schöner finde: Es streitet sich jemand über irgendeine Kleinigkeit, die nicht einmal nennenswert ist. Ich habe da einen Rat für die, die immer so drauf sind: Einfach mal die Fresse halten und einfach mal die Ruhe und die Familie genießen. Streiten könnt ihr wenn ihr mal allein unter euch seid, aber dieser ABFUCK an Heilig Abend geht mir tierisch auf den Zeiger. Erst schiebt ihr solch einen Stress, dass man ausrasten muss und macht einem dann noch dazu Hoffnungen, dass es dieses Jahr mal anders wird. Aber ihr ändert euch ja eh nicht. Wieso auch? Ich meine ihr seid noch immer die Gleichen wie vom Vorjahr, noch immer die Lappen, welche ich leider um mich habe, noch immer die, die mich jeden Tag enttäuschen.
Ich machte mir bislang jedes Jahr die Mühe und habe Geschenke für euch gesucht, die ihr euch auch gewünscht oder gefallen haben. Und was bekomme ich? Das totale Gegenteil. Zeugs, was ihr euch eigentlich in den Arsch hättet schieben können, denn mal ehrlich, ihr kennt mich wohl gut genug, dass ich mir meine Kleidung selber kaufe oder Dinge wie Socken und verfickte Unterwäsche bestimmt nicht von euch haben will und dazu eure Aufforderung: PROBIER SIE DOCH MAL AN, SIEHT BESTIMMT VOLL TOLL AUS!!! - Fickt euch. Ich bin sicher nicht scharf drauf, euch zu zeigen wie ich in meiner sexy Unterwäsche aussehe, abgesehen mal davon, dass ich schon so auch keine Lust auf euch Idioten habe. Hättet ihr von anfang an, nicht solch hohe Erwartungen in mir geweckt, wäre unser Verhältnis sicher auch besser, aber naja, ihr habt es nun so gewollt und so sei es auch und ich werde euch jeden weiteren Tag, mit "Fickt euch" beleidigen, denn es geht mir auf den Sack mit noch etwas mit euch zu "feiern", was den Sinn schon längst verfehlt hat. Weihnachten nun mal das "Fest der Freuden", aber warte, selbst diese Illusion habt ihr in mir zerstört. Fickt euch auch dafür. Ein Kind zu belügen, dass es etwas wie den "WEIHNACHTSMANN" gibt, ist schon totaler shit, mal abgesehen davon, dass er selbst nur eine reine Werbefigur war.
Und wieso ich mich darüber aufrege? Ganz einfach, ein denkender Mensch hört nie auf, an die Jahre zuvor zu denken, denn er entsinnt sich an das Geschehene.
Da habt ihr eure "FROHE WEIHNACHTEN"
Fickt euch.

Freitag, 14. Dezember 2012

Fortsetzungsroman: Moody Blue 19

http://schmerzwach.blogspot.de/2012/
12/fortsetzungsroman-moody-blue-18.html
Ich hatte eine Idee. Um vier fährt ein Zug direkt nach ... durch, sagte ich, lasst uns hinlaufen. Im Grunde genommen hätten wir in meiner Wohnung in Karlsruhe übernachten können, aber ich hatte keine Lust dazu, wollte heim. Und mein Auto? fragte Christian. Da wird sich eine Lösung finden, sagte ich. Alejandro und ich liefen los. Tobi und Chris folgten uns. Einmal war Verlass auf die Deutsche Bahn. Wir setzten uns in den fast leeren Zug in ein Nichtraucherabteil, Alejandro und ich nahmen auf der linken Seite Platz, die beiden anderen auf der rechten. Müde schwiegen wir. Ein paar Sitze weiter saßen noch welche, ich hörte eine weibliche Stimme, die mir bekannt vorkam, dann eine männliche, die mir noch vertrauter war. Die sagte: ich lese dir nun den Anfang des letzten Romans, den ich geschrieben habe, vor. Was machte er nachts um vier in diesem Zug? Ich wartete ab, mein Brasileiro schaute mich verwirrt an. Levent rezitierte:

Stelio
Meine Mutter glaubt, dass ich verrückt bin. Verrückt. Ich weiß gar nicht, wie sie darauf kommt! Doch! Ich weiß es! Sie findet nicht gerade normal, dass ich....
... mit sechs eine ihrer Freundinnen auf den Mund küsste, als diese gerade ihre Kaffeetasse auf den Tisch gesetzt hatte. Meine Erzeugerin war zunächst perplex, entschuldigte sich dann tausend Mal für mein Verhalten, die Geküsste lachte und nahm mich in ihre Arme, allerdings entriss mich meine Alte daraus und brachte mich in mein Zimmer, während ich meiner Angebeteten einen Heiratsantrag zuschrie. Seitdem durfte ich an keinem der Kaffeekränzchen meiner Mutter teilnehmen.
... mit sieben jedem erzählte, dass ich nur noch ein halbes Jahr zu leben hätte, weil ich an einer unheilbaren Krankheit litte. Und mit jedem meine ich wirklich jeden. Wenn wir durch die Stadt bummelten, redete ich wildfremde Leute an, denen ich mein angebliches Todesschicksal aufzwang; meine Mutter schämte sich so sehr für mich, dass sie diese Ausflüge mit mir strich.
... mit neun behauptete, von Außerirdischen entführt worden zu sein, die mir ihr geheimes Wissen anvertraut hätten, damit ich die Welt retten könnte; ich gab ständig solche Weisheiten von mir wie: „Spucke drei Mal auf den Boden, bevor du durch ein Maisfeld gehst“ oder „Wer blaue Strümpfe trägt, sollte sich nicht darüber wundern, dass er beim Duschen nicht vollständig sauber wird“.
... mit elf nackt in unserem Reihenhausgarten lag, um mich zu sonnen. Die Nachbarn auf beiden Seiten schauten mich schräg an, schließlich war ich kein Kleinkind mehr, schon alt genug, um Scham zu besitzen. Als meine Mutter das sah, kam sie mit einer Badehose in den Händen aus dem Haus gerannt, die ich allerdings trotz ihrer Proteste und der von dem alten Knacker, der auf der rechten Seite neben uns wohnte, nicht anzog, anstattdessen schlenderte ich frivol an unseren Zaun, der sehr niedrig war, stellte mich demonstrativ so davor, dass mein Pimmel über dem Zaun baumelte, steif wurde und ich onanierte auf das Grundstück des alten Sacks, der kurz vor dem Herzinfarkt stand, hechelte, schnaubte, meine Alte schmierte mir eine, zog mich ins Haus hinein; auch Sonnenbaden im Garten wurde mir verboten.
... mit zwölf in unseren Dorfpfarrer verliebt war, mit Freuden nicht nur jeden Sonntag in die Kirche ging, sondern in der ersten Reihe saß, diesen jungen Geistlichen anschmachtete, mich nach einer Predigt meldete und fragte, wie man Pfarrer werden könne, erfreut sagte er mir es und bot mir an, mir nach dem Gottesdienst etwas über das Studium zu erzählen. Als wir in seinem Zimmer saßen, eröffnete ich ihm meine Liebe zu ihm, fragte ihn, ob ich ihn in vier oder fünf Jahren heiraten könne, das sei mein größter Wunsch. Erschrocken fragte er mich, ob ich ihn zum Narren halten wolle und ich sagte: „Nein, ich meine das wirklich so.“ Und danach meinte ich lässig: „Du kannst mir deinen Pimmel in meinen Popo stecken und ich mache das dann bei dir auch.“ Völlig errötet zerrte er mich sofort aus dem Zimmer, brachte mich nach Hause und erzählte meinen Eltern alles; ich durfte nie wieder in die Kirche mit.
... mit vierzehn mich angeblich umbringen wollte, was allerdings gar nicht der Wahrheit entspricht, da ich lediglich auf unserem Balkon im ersten Stock stand, weil ich darauf balancieren wollte. Ich meine, wenn ich mich selbst um die Ecke hätte bringen wollen, dann wäre ich doch von einem Hochhaus hinuntergestürzt.
... mit sechzehn meine Haare abrasiert habe, nur noch braune Ge-wänder anzog und den ganzen Tag vor mich hin meditierte; ich wollte ein perfekter Buddhist werden und das Nirvana so bald als möglich erreichen.
... mit achtzehn Jahren von einer Studienfahrt in London heimgeschickt wurde, weil ich meine Englisch-Lehrerin angeblich auf mieseste Weise sexuell belästigt hätte. Da war ich gerade dabei, Tim einen zu blasen, wir beide dementsprechend nackt und erregt, es klopft jemand an die Tür, ich sage: „Sind gerade voll beschäftigt.“ Die Antwort lautet: „Beeilt euch mal, wir müssen los, das Musical fängt gleich an, auf, eins, zwei, drei, macht mal.“ Ich sage: „Wenn Sie reinkommen, geht’s schneller.“ Während sie die Tür öffnet, ins Zimmer tritt, holt mir Tim einen runter und ich sage: „Wenn Sie mitmachen ist es noch geiler und erregender und ich komme schneller.“ Sie rannte schnurstracks aus dem Zimmer, verbannte mich am gleichen Abend zurück nach Deutschland.
... mit zwanzig vom Zivildienst suspendiert wurde, weil ich mir aus Versehen eine E in mein Maul stopfte anstatt einer Kopfschmerztablette und dann hohldrehte, ich schob einen Behinderten im Rollstuhl, es ging ein wenig bergab und ich begann schneller zu werden, immer schneller, plötzlich rannte ich wie ein Irrer, konnte nicht mehr stoppen, was ja nicht so schlimm gewesen wäre, wenn mir die Rollstuhl-griffe nicht aus den Händen geglitten wären und der gute Behinderte schmerzhafterweise einen Crash mit einer Laterne gehabt hätte.
... mit zweiundzwanzig aus einem Seminar geflogen bin, weil ich – zugekifft wie ich war – von Peace, Love and Happiness träumend meine Professorin angelächelt und ihr gesagt hatte, dass sie Humanbiologie auch interessanter gestalten könnte, wir zwei könnten uns ja ausziehen und Sexualkunde plastisch darstellen, ich sei sowieso schon längst spitz auf sie.
... mit dreiundzwanzig als Stripper durch das Land zog, um mir mein Studium zu verdienen, allerdings nicht lange, denn ich ging meinen Chefs zu weit, was das Ausziehen und Erotisieren des Publikums betraf, ich zog zum Beispiel einmal einen Schwulen ganz aus, tanzte um ihn herum, er bekam einen Steifen, genauso wie ich, was sich durch meinen Slip abzeichnete, er zog ihn mir erregt herunter und begann meinen Pimmel zu lutschen, was die Veranstalter noch gestatteten, mich aber nie wieder irgendwo auftreten ließen. Doch ein Pornofilm-Produzent entdeckte mich bei dieser Gelegenheit und ich drehte einige Streifen, bis mich das annervte.
Tja, meine Mutter fände da sicherlich noch sehr viel mehr Gründe, die gegen meine Zurechnungsfähigkeit sprechen, aber wen interessiert das?

Das war wirklich unfassbar! Unser verschwundener Levent saß hier, las Stellen aus meinem Roman vor, die er für seine ausgab. Levent und Stefanie, schrie ich, kommt sofort her! Sie erhoben sich von ihrem Platz, fragten, wo kam das her? Tobi und ich standen auf. Hierher! Sie setzten sich zu uns. Wo wart ihr nur? fragte Tobi. Mal hier, mal da, antworteten sie unlustig. Ihr wollt es nicht erzählen, oder? fragte er. Nein, nicht heute, antwortete Levent, morgen vielleicht. Er schaute mich mit diesem „Bitte-sag-nichts“-Blick an. Ich sagte nichts. Ruf morgen früh in München an, sagte ich, und geh endlich nach Hause, deine Familie nervt mich, seitdem du weg bist mit Anrufen. Ja, hmmm, machte er, kam mir dann näher und drückte seine Lippen auf meine, er setzte sich wieder, lächelte mich süßlich an. 
War das autobiographisch? fragte Steff ihn. Was glaubst du! behauptete er. Bestimmt! dachte ich. Ich schloss meine Augen und versuchte auszuruhen. In ... angekommen, mussten wir alle nach Hause laufen. Alejandro und ich hatten eine andere Richtung als die anderen, was gut war. Wir beeilten uns, damit wir endlich ins Bett konnten. 

Mittwoch, 12. Dezember 2012

Im Palast des schönsten Schmetterlings von Peter Nathschläger

Peter Nathschläger ist auf eine spannende und gleichsam sehr verstörende Geschichte im Kuba nach der Revolution gestoßen. 
Im Jahr 2011 wurden bei Renovierungsarbeiten Notizbücher eines schwulen Teenagers gefunden, die derjenige 1964 in Kuba, kurz nach dem Battista-Regime, geschrieben hatte, bevor er sich umbrachte. Der Autor arbeitete diese Geschichte auf, und stellte eine Verbindung zu einem anderen Selbstmord her. Dieser fand erst im Sommer 2010 statt: Ein Mann ertrank dabei an der Küste Havannas. Das Wasser verbindet die beiden Hauptfiguren: Der Junge war in Cojimar von den Klippen in die Fluten gesprungen, wohl wissend, dass er das nicht an dieser Stelle nicht in diesem Moment tun durfte... 
Es ist die Geschichte zweier Brüder. Gerardo, der die Notizbücher geschrieben hat, ist der jüngere von beiden. Er wird von allen geliebt und verehrt. Mädchen wie Jungen möchten mit ihm zusammen sein, er ist hübsch, er ist unbeschwert, hat immer ein Lächeln auf den Lippen - und ist lebensklug. Yoanis, sein älterer Bruder, fühlt sich immer zurück gesetzt, er wird nicht geliebt, er hat keine Interessen. Das einzige Talent ist das Boxen, und da ist er konsequent und erbarmungslos. Das erkennen auch die Revolutionäre, die ihn für ihre Zwecke einsetzen. Doch bevor er für sie Menschen quält, diese bricht, tut er das mit seinem kleinen, verhassten Bruder. Gefühllos, kaltblütig, gewissenlos...
Es ist ein wichtiges Buch, das Peter Nathschläger da verfasst hat. Ein sehr wichtiges sogar! Obgleich man es trotz seiner nur 172 Seiten sicherlich nicht schnell, in einem Ruck lesen kann. Nicht weil es etwa langweilig oder schlecht geschrieben ist, ganz im Gegenteil, nur diese Geschichte berührt auf so eine tiefe Weise, mal macht sie unfassbar traurig, mal macht sie unfassbar wütend, mal ist es einfach nur unerträglich und man muss das Buch weglegen, und manchmal ist es einfach wunderschön. Die Briefe, die Gerardo in seinen jungen Jahren in seinem Straßen-Spanisch geschrieben hat, strotzen von Bildern und klugen Lebensweisheiten (trotz Übersetzung zuerst ins Englische und dann ins Deutsche, vermutlich waren viele Teile unübersetzbar). Sie sind voller Liebe. 
Der Autor schafft es wie kaum ein anderer die tiefen Abgründe der Menschen in brutale, einfache Worte zu packen, die einen schütteln, die verstören. 
Es ist ein wichtiges Buch gerade in der heutigen Zeit, in der die Diskriminierung und Verfolgung von Homosexuellen, die Gewalt gegen sie wieder zunimmt, man denke an Russland, an Uganda, und jetzt jüngst zu Äußerungen einer deutschen Kanzlerin. 
Peter Nathschlägers "Im Palast des schönsten Schmetterlings" ist im Himmelstürmer Verlag, Hamburg, 2012 erschienen, umfasst 172 Seiten und ist für 15,90 € erhältlich. 

Dienstag, 11. Dezember 2012

Wichtige Weihnachtsgedanken von Anja Ollmert


Stellen
Sie sich vor,
W e i h n a c h t e n
würde  heute  passieren
Schon der Advent stellt uns
in der Gegenwart vor fast unlösbare Aufgaben.
Wir sollen uns Zeit nehmen, auf etwas zu warten,
das  wir  in  seiner  Tragweite  kaum  erfassen  können:  Ein  Kind,
das  die  Welt  retten soll, will  in  unsere  unrettbare Welt geboren  werden. Die  Israeliten 
vergangener  Zeiten warteten unaufhörlich auf den Erlöser,  tun  es  bis  heute. Jede junge Frau, die damals
ein  Kind  erwartete,  hatte  die  Hoffnung, die Mutter  des  erwarteten Erlösers zu sein.  Dabei  wussten  die  Frauen  nicht,
was  sie da  wirklich  erwartete,  was  von  ihnen  erwartet  wurde. Allein dieses Wortspiel der Erwartung könnte 
sich  unendlich fortführen lassen...  bis hin  zu unseren heutigen Erwartungen  –  wir  wollen  immer  alles,
das  ganze  Glück,  die  ganze  Freude, das  vollkommene Miteinander, den absoluten Reichtum –
kaum  jemand  gibt  sich  mit  dem,  was  er  hat,  einfach  zufrieden. Und  wir  wollen  all  das 
möglichst sofort. Von Warten kann  keine Rede  sein und  Erwartung  ist  uns längst  fremd.
Das  neue  Fahrrad, die  Playstation, das  aktuellste  Handy,  Buch  oder  Spielzeug;
schon  unsere  Kinder  besänftigen  wir  immer  häufiger  mit  der Fülle, erfüllen  ihnen  alle 
Wünsche, dass oft genug kein einziger Herzenswunsch mehr übrig bleibt. Wenn jemand gefragt wird, 
was er sich wünscht, und er antwortet etwas so Nebulöses  wie " Den Weltfrieden", wird er von vielen belächelt –
und doch ist derzeit so wenig Frieden auf der Welt, wie selten zuvor. Auf den Frieden werden wir noch lange warten müssen, 
so viel steht fest. Das liegt auch daran,  dass der Frieden vor allem eines nötig hat: die eigene Zufriedenheit. Das Glück, andere sein
lassen zu können,  wie sie sind. Die Gelassenheit, manche Dinge hinnehmen zu  können,  auch  wenn  sie  mir  nicht  gefallen.
Doch  ein  Funke  Hoffnung  bleibt,  ein  aufgehender  Stern,  dessen  Aufleuchten  wir  nicht  übersehen dürfen.
Und statt immer nur Veränderung zu erwarten, stellen wir doch einmal unerwartete Erwartungen
an uns selbst. Leuchten wir denen auf dem Weg, die immer noch im Dunkeln tappen und
herumirren. Lasst uns schwanger gehen mit einem Frieden, und ihn austragen. Ihn
gebären in unsere alltägliche Welt. Schenken wir ein Lächeln, dem der uns
das Leben schwer macht. Erwarten wir das Unerwartete,
leisten wir uns das Hoffnungsfrohe,
das  uns und allen Frieden
bringt. 



Ist übrigens möglich die Seite zu vergrößern, zum Besser lesen. :-)
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