Sonntag, 16. Dezember 2012

Männer kaufen - Unterwegs mit Strichern und Kunden in Zürich von Oliver Demont und Walter Pfeiffer / Salis Verlag

Was ist die Zukunft des Buches? Einerseits wird es mehr Ebook-Leser/innen geben, bei denen der Inhalt, der so genannte Content, das Bestimmende sein wird, darunter fallen Sachbücher (die man geschickterweise mit nützlichen Links, Grafiken, Bildern etc. anreichern kann, was oft bei Print-Erzeugnissen schwieriger ist) und Unterhaltungsromanen (deren Erscheinungsbild oft nicht wirklich wichtig erscheint). Andererseits wird es mehr "schöne Bücher" geben, deren Ausstattung besonders wichtig sein wird. Eine interessante Aufmachung, gute Fotos, markantes Layout, ansprechende (Papier)Qualität. 
So ein wunderbares Buch ist "Männer kaufen", das von dem 35jährigen Journalisten Oliver Demont geschrieben wurde, der 28jährige Guillaume Mojon zeichnet sich für die Illustration verantwortlich - und der geniale Walter Pfeiffer steuert ganz viele ästhetische, emotional berührende (Akt)Fotos. 
Männer kaufen ist tatsächlich Programm hier: In Zürich gibt es Schätzungen, dass 1500 Stricher unterwegs sind, teilweise aus aller Welt. Ein paar von ihnen kommen zu Wort, daneben auch auch einige der Freier. Oliver Demont hat mit ihnen gesprochen und ein unterhaltsames Buch entworfen, das nur auf den ersten Blick banal und trivial erscheint. Er unterhält sich mit ihnen auf einer Ebene, sucht die interessantesten Schnipsel der Unterhaltung heraus, stellt diese Menschen in ihrer gesamten Wahrhaftigkeit vor, ohne zu moralisieren - und immer mit dem Wunsch diese "Szene" in ihrer Gesamtheit zu zeigen, weswegen er Stricher-Kneipen wie das "Carrousel" oder "Dynasty" (der Original-Name von der in Deutschland "Denver-Clan" genannten Fernsehserie) oder DIE Social Network Plattform für schwule Männer "Gayromeo" näher beleuchtet. 
Homosexualität ist ein großes Thema die letzten Tage und Wochen, nicht zuletzt durch unkluge, unzeitgemäße Kommentare von CDU-Mitgliedern. Künstler/innen und Politiker/innen, die homosexuell sind, und die akzeptiert erscheinen, täuschen darüber hinweg, dass es nach wie vor nicht unbedingt leicht ist, sich als Homosexueller sichtbar zu machen. Darüber hinaus erklärt David Garcia, der Leiter der Sprechstunde für Sexualmedizin in der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Universitätsspital Zürich, der am Ende zu Wort kommt, dass bei homosexuellen Männern eine Hypersexualisierung des Körpers stattfinde, und zwar in sehr viel höherem Maße als dies bei Heterosexuellen das der Fall ist. Einerseits legen sich homosexuelle Männer mit einem gestählten, muskulösen Körper ein Schutzschild zu, um aus den Gefühl des Nichtgenügens herauszukommen. Der soll diese mit Angst besetzte Andersartigkeit verdecken und verdrängen. Andererseits ist dieses Bild so virulent, so marginal möchte ich behaupten, dass häufig eine Abwertung derjenigen vollzogen wird, die nicht mehr starke und feste Körper haben. Wird es schwabbelig oder labberig, wird der Mann einfach etwas älter, dann verliert er sehr an Attraktivität. Für Stricher bedeutet das, dass sie nur eine begrenzte Zeit haben, in der sie Geld mit ihrem Körper verdienen können, für in die Jahre gekommene Männer bedeutet das, dass sie sich attraktive Männer nur noch kaufen können - so zumindest aus ihrem eigenen Blick heraus. 
Die Stricher und Freier reden angenehm frei heraus, auch die humorvollen, teils vielleicht auch eher unfreiwillig lustigen Stellen werden hervorgehoben, zum Beispiel in großen Lettern: "Baby, who the Fuck is Walter Pfeiffer???" oder: "Ich will fünfzig Prozent vom Buchgewinn und eine richtige Gage oder was anderes Geiles."


Das Geld, das liebe Geld, natürlich ist dies der Beweggrund, "anschaffen" zu gehen, als "Liebesdiener" (wie es einer der Freier formuliert) zu arbeiten. Einige der befragten Stricher sind heterosexuelle Männer aus dem Osten, manche aus Lateinamerika. Aber auch es gibt auch deutsche und schweizerische Jungs, jede Bildungsschicht ist vertreten, auch Studenten, gebildete Typen, klug mitunter, manchmal aber auch einer Konsumsucht verfallen, wie sie für die heutige Zeit typisch erscheint. Man will sich "etwas leisten", "etwas gönnen", "genau so viel haben wie die anderen", "man braucht ein iPhone", "die und die Marke" etc. Die Freier sind meist eher aus der Bildungsschicht, eher vermögend, schließlich haben einige von ihnen bereits mehrere hundert Tausend Franken für ihre jungen Kerle ausgegeben, der eine oder andere von ihnen hat Stricher für längere Zeit ausgehalten, sie bei sich aufgenommen, ihnen eine Wohnung bezahlt manchmal, teilweise eine Ausbildung für die Zeit danach spendiert. Es gibt Freier, die vielleicht ihr "Kind-Ersatz" in den jungen Männern gesehen haben, psychologisch verquer und doch nachvollziehbar.
"Männer kaufen" könnte ein billiges Buch sein, ist es aber nicht, die Fotos könnten Pornografie sein, sind es aber eben so wenig. Sie haben Charakter, sie zeigen Emotion, sie sind wunderschön - und vor allem sind sie keine Fast-Food-Bilder. Man kann sie länger betrachten und findet einen neuen Aspekt. Sie erzählen Geschichten. 
Nein, dieses Werk ist wirklich nicht billig, es ist kunstvoll, es ist ästhetisch, es ist ganzheitlich, es ist unheimlich unterhaltsam, selbst wenn man sich noch nie für dieses Thema interessiert hatte. Es ist absolut empfehlenswert!
Print-Bücher wird es noch ganz lange geben - so lange sie so liebevoll und schön gemacht werden wie dieses Buch, denn dann möchte man sie nicht nur verschlingen, sondern sehr gerne ins Regal stellen.
"Männer kaufen - Unterwegs mit Strichern und Kunden in Zürich" von Oliver Demonat (und dem Fotografen Walter Pfeiffer und dem Typographen Guillaume Mojon) ist im Oktober 2012 im Salis Verlag erschienen, umfasst ca. 200 Seiten, ist gebunden, 18 x 27 cm groß und für 55 Euro im Fachhandel erhältlich. 
Bilder: Copyright beim Salis Verlag
Mehr zum Buch hier: 
http://www.salisverlag.com/content/oliver-demont-m%C3%A4nner-kaufen

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