Montag, 27. Februar 2012

Ausschnitt aus "Scher den Bär" von Thomas Reich


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Ferdi war eine glückliche Filzlaus in Festanstellung. Seit drei Jahren arbeitete er in den Förderfeldern des berühmten Schamhaarmodels Uschi. Dadurch genoss er deutlich mehr Achtung als seine Kollegen in Tine Wittlers haarigem Duschausguss, oder Elton Johns Toupet. Seine Frau hatte eine Halbtagsstelle im Kindergarten von Kratzingen. Als Doppelverdiener konnten sie sich ein großes Haus leisten. Die Partypackung Knabberspaß, die ein achtloser Passant weggeworfen hatte, beinhaltete zehn Kammern. Er fuhr mit dem Bus zur Arbeit, da die Verbindungen zur Arbeitsstelle seiner Frau schlechter waren als die seinen. Momentan sparten sie gerade auf einen Zweitwagen. Kurz gesagt- alles lief zum Besten. Bis zu einem verhängnisvollen Augustmorgen. Der Schweiß floss in Strömen. Den ganzen Morgen hatten sie Pipelines gelegt, um die Brutfelder trocken zu legen. Eine hektische Betriebsamkeit lag über der gesamten Anlage.
„Sag mal Ferdi, du hast da was.“
„Schnell, mach es weg!“
Die stetige Furcht vor Geschlechtskrankheiten prägte die Arbeiter. Wenn man so dicht an der Quelle arbeitete, war Vorsicht geboten. Vor und nach der Arbeit stand die Quarantänedusche an. Wer sich weigerte, wurde zu Dammarbeiten verdonnert, ein wahrer Scheißjob.
„Ich kann nicht, sieht mehr wie ein Ausschlag aus.“
„Was soll ich bloß tun?“
„Am besten gehst du gleich zum Betriebsarzt.“
*
„Und Herr Doktor, was ist es?“
„Tja, sieht eindeutig nach einer Menschenhaarallergie aus. Ich werde sie unbefristet krankschreiben.“
„Sind sie verrückt geworden? Wir sind nicht gewerkschaftlich organisiert. Wie soll ich denn meine Frau und meine zehn Kinder ernähren? Was schlagen sie alternativ vor?“
„Es gäbe noch eine Cortisonkur, aber das wäre blanker Wahnsinn. Sie würden nur die Symptome unterdrücken, ohne die Krankheit auch nur ansatzweise zu heilen.“
„Ist mir egal. Stellen sie schon das Rezept aus.“
*
Und so schluckte Ferdi jeden Morgen vor der Arbeit eine kleine Pille und alles war gut. Alles? Die Nebenwirkungen übertrafen die Wirkung um ein Vielfaches. Er hatte zu seinem alten Biss zurückgefunden, zahlte aber einen hohen Preis. Sein Körper quoll auf wie eine Dampfnudel. Schweres Asthma quälte ihn. Es hatte Zeiten gegeben, da war er mehrere Monate in Folge zum Mitarbeiter des Monats gewählt worden. Nun schaffte er kaum noch die Charge eines einfachen Leiharbeiters. Er quälte sich. Vergaß er mal einen Morgen seine Medizin, bereute er es bis zum Feierabend. Stets bemüht, die roten Quaddeln auf seinen Armen zu verbergen. Die Stellen, die direkten Kontakt zu den Haaren hatten, sahen am schlimmsten aus. Die Tabletten bekamen den Juckreiz in den Griff, nicht aber den Ausschlag. Ferdi kam sich vor wie ein Aussätziger. Seine Frau war es schließlich, die dem Spuk ein Ende setzte.
„Schatz, du machst dich noch kaputt! “
Ihre monatliche Pflichtübung hatte seinen Ausschlag zu Tage gefördert.
„Wie lange geht das schon so?“
„Ach, erst ein paar Tage.“
„Lüg mich nicht an.“
„Einen Monat.“
„Einen Monat! Und du erzählst mir nichts davon? Wozu hast du denn eine Ehefrau?“
„Weil ich nicht abwaschen kann.“
„Du kriegst gleich eine Standpauke, die sich gewaschen hat! Morgen gehst du zum Arbeitsamt und siehst dich nach einer neuen Tätigkeit um. Ein Mann in den besten Jahren! Die finden im Handumdrehen etwas Neues, was besser zu dir passt.“
Es machte keinen Sinn, sich den Worten seiner Frau zu widersetzen. Wenn sie sich einmal in etwas festgebissen hatte, ließ sie so schnell nicht locker.
*
„Igitt! Eine Filzlaus auf dem Arbeitsamt. Verschwinde!“
„Langsam Jungs, langsam. Erst einmal heißt das guten Tag. Ich werde euch nicht beißen. Deswegen bin ich ja hier.“
„Eine Filzlaus, die nicht beißen kann. Sehr komisch. Na, dann kommen wir zu ihren Personalien. Name?“
„Ferdi Filzlaus.“
„Wohnhaft?“
„Zum wilden Hengst sieben.“
„Ernsthaft?“
„Ja, das ist eine Parallelstraße zu Schlapper Schniepel.“
„Na dann will ich’s mal gelten lassen. Derzeitige Tätigkeit?“
„Ingenieur des Raffineriewesens.“
„Möchten sie wechseln oder sind sie arbeitslos?“
„Ich kann meinen Beruf aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr ausführen.“
„Können sie das belegen?“
„Hier, das Attest meines Arztes.“
„Na, wegen so einer Kleinigkeit wollen wir uns nicht in die Haare kriegen. Mal sehen, was wir da für sie haben. Haben sie Erfahrung im Umgang mit Pflanzen?“
„Wir haben einen kleinen Garten bei uns zuhause, den wir hegen und pflegen.“
„Prima! Dann wären sie bestimmt als Landschaftsgärtner geeignet.“
„Hm. Arbeiten an der frischen Luft klingt gut. Ich nehme an.“
„Schön. Melden sie sich morgen bei Vorarbeiter A. Meise. Wir machen eine Blattlaus aus ihnen.“
*
Die Umstellung von Menschenblut auf Pflanzensaft war etwas gewöhnungs-bedürftig. Schließlich war Ferdi kein Vegetarier. Er musste nur niesen, wenn er sich seiner Beute näherte. Ein schlechter Jäger, der noch nicht einmal eine Büchse Konservenmilch fangen konnte. Seine neuen Kollegen nahmen ihn unvoreingenommen an. Sie wussten ja nichts von seiner schmachvollen Vergangenheit. Zur Mittagspause erntete er freundliches Schulterklopfen. Und doch würde er in dieser eingeschworenen kleinen Gemeinschaft, die einem Außenstehenden so seltsam anmutete wie ein inzestuöses Bergvolk, immer ein Fremder bleiben.
„Sag mal Kumpel, weißt du eigentlich, worauf du dich eingelassen hast?“
„Ne, wieso?“
„Die Melkerkolonne ist im Anmarsch.“
„Welche Melker?“
„Dachte ich’s mir doch. Das Beste verschweigen sie den Neulingen meistens. Wir dürfen den Pflanzensaft nicht für uns selbst behalten.“
„Mir haben sie Halbpension mit un-eingeschränkter Nutzung der Saftbar versprochen.“
„Und du hast geglaubt, das gelte auch für die Touristenklasse? Mann, du musst noch viel lernen.“
„Was soll ich tun, wenn sie mich melken wollen?“
„Lass uns offen miteinander reden. Du bist keine Blattlaus, stimmt’s?“
„Sieht man es mir an?“
„Die Jungs würden es dir nie offen ins Gesicht sagen. Sie schreiben es lieber an die Klowände in der Kantine.“
„Und warum habt ihr mir nicht rechtzeitig von den Melkern erzählt?“
„Oh, das. Die Jungs wollten sich amüsieren. Wir haben keinen Fernsehempfang. Da sind sie dankbar für jede kleine Zerstreuung. Wenn ich dir einen Ratschlag geben kann: Halt still und denke an Gott und das Vaterland. Wie Generationen von Läusen vor dir.“
Es war grässlich. Nie in seinem Leben kam er sich so geschändet vor. Dass er nicht über die nötigen Drüsen verfügte, kümmerte die Ameisen wenig.
*
Wieder beim Arbeitsamt. Ferdi litt unter den Phantomschmerzen nicht vorhandener Drüsen.
„Sie verdammtes Drecksschwein! Man hat mich missbraucht und gedemütigt! Sie haben mich in unzumutbare Arbeitsbedingungen vermittelt!“
„Was soll ich sagen- es sind halt lausige Zeiten.“
„Darüber kann ich gar nicht lachen.“
„Entschuldigung, den konnte ich mir einfach nicht verkneifen.“
„Im Hochglanzprospekt sah es schöner aus als in Realität.“
„Ich sehe, sie sind bereit für neue Herausforderungen. Ich hätte da eine freie Stelle für sie.“
„Echt? Wo denn?“
„Unter meinem Arm.“
„Wollen sie mich verarschen?“
„Wenn sie mich so fragen- ja.“
„Ich warne sie. Wir Läuse lassen nicht mit uns spaßen. Wenn sie mich weiter ärgern, hetze ich ihnen meine Verwandtschaft auf den Hals!“
„Ok, Scherz beiseite. Sind sie sportlich?“
„Klimmzüge kann ich ganz gut. Auch Lungenzüge. Eigentlich alles, was mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu tun hat.“
„Ach. Wie kommt’s?“
„Tägliches Training. Ich bin fit wie ein Rollstuhl!“
„Könnten sie sich vorstellen, in einem Flohzirkus zu arbeiten?“
„Bei allem Stolz, ich bin eine Laus und kein Floh. Sie können uns doch nicht alle über einen Kamm scheren!“
„Sie waren auch keine Blattlaus und haben dafür ganz redlich in diesem Sektor gearbeitet. Sie schaffen das schon.“
„Wenn sie das sagen…“
„Schauen sie mal, ich habe ihnen einen Spandexanzug gehäkelt. Wenn sie bitte mal probieren würden…?“
„Der passt ja wie angegossen! Woher kennen sie meine Größe?“
„Ich bitte sie, ihre persönlichen Daten sind für alle Behörden frei verfügbar. Über die Homepage des Innenministeriums könnte ich sogar ihre Schwanzgröße abfragen. Soll ich?“
„Nein danke, nicht nötig. Und wo bitte geht es zum Zirkus?“
„Folgen sie den Schildern. Die hängen in der ganzen Stadt aus.“
*
Ferdi brauchte nicht lange nach ihnen zu suchen. Von seinem Standpunkt aus (überragt von allen Dreikäsehochs, Aug in Aug mit den Krümeln) sprangen ihn die roten Lettern regelrecht an. Doktor Alfred Stielmann! Das konnte doch nicht der Ernst seines Arbeitsvermittlers sein! Stielmann hatte ihm vor zehn Jahren eine Peilsonde in den Bauch implantiert, damit er das Paarungsverhalten der Filzläuse besser erforschen konnte. Dieser perverse alte Spanner! Wegen Stielmann hatten Ferdis Eltern den familiären Kontakt abgebrochen. Bloß wegen ein paar Amateurpornos auf DMAX, die der fiese Alte als Dokumentarfilme tarnte, um einen Sendeplatz vor Mitternacht zu ergattern. Nun leitete dieser Hurensohn einen weltberühmten Flohzirkus. Ob er ihn wiedererkennen würde?
„Ferdi, alter Freund! Lange nicht mehr gesehen. Was treibt dich in die Stadt?“
„Ich suche Arbeit.“
„Das trifft sich gut. Mir ist gestern ein Artist vom Trapez gefallen.“
„Dann bin ich mit im Boot?“
„Sozusagen. Wie geht es eigentlich Frau und Kindern?“
„Frag besser nicht.“
*
Ferdi wurde in den Mannschaftsunterkünften untergebracht. Seiner Frau schrieb er eine Karte, dass sie auf Tournee wären, und alles besser werden würde. Er vermisste sie jetzt schon. Er wollte Geld schicken und selbstgeschmierte Butterbrote. Doch er scheiterte schon an der Bedienungsanleitung des Faxgerätes. Also schickte er einen berittenen Investment-banker, der sie mit den besten Grüßen zu seiner Frau brachte. Investmentbanker waren seit der großen Finanzkrise günstig zu mieten, und sie erfüllten dankbar jeden ihnen angebotenen Tagelöhnerjob.
Zu seinen neuen Kollegen zählten Flohrentine Dubrovnik, eine polnische Ausnahmekünstlerin auf dem Trapez. Flohrian Feuerwehr, ein Brandkünstler mit langer Ahnengalerie. Sein Großonkel Flohdolf war Mitinitiator der Reichspogromnacht. Wahrscheinlich, weil die Aktion ursprünglich unter einem Shoppingevent lief. Tag der offenen Tür, Shoppen bis zum Umfallen. Ein verzeihlicher Fehler, wären da nicht die historischen Konsequenzen gewesen. Sein Nachfahre wurde bekannt für seine Künste als Schwertschlucker und Feuerspucker. Natürlich nicht gleichzeitig, denn das hätte zu Sodbrennen und Schluckauf geführt. Als letzter Kollege zu erwähnen dürfte Flohkus sein, der allseits gemiedene Fäkalkünstler. Ähnlich dem Pillendreher formte er große Kugeln aus seinem Kot, auf denen er Pirouetten durch die ganze Manege drehte. Man hatte Ferdi gleich am Anfang angewiesen, ihm unter keinen Umständen die Hand zu schütteln. Auch von den Küchenarbeiten wurde Flohkus geflissentlich ausgeschlossen. Pünktlich jeden Winter bei Kälteeinbruch jedoch wurde er zum Held der Stunde, da seine Fürze die Biogasanlage befeuerten und für eine behagliche Wärme sorgten.
Von allen Berufen, die er nach seiner Allergie angenommen hatte, stellte sich der des Zirkusartists als der beste heraus. Er war Flohkules, die Kraftmaschine. Der Schwarzenegger unter den Flöhen. War er früher schon ein trainierter Bursche gewesen mit den sehnigen Muskeln eines Arbeiters, stählte ihn nun das gezielte Krafttraining, dass er vor Kraft kaum laufen konnte. Voller Stolz trug er ein Halssixpack, auf dem man Walnüsse knacken konnte. Vom Rest ganz zu schweigen. Doktor Stielmann ließ den Schneider kommen, auf das er ihm neue Hemden nähte. Der alte Groll schien begraben. Stielmann zahlte eine vernünftige Gage, Spesen und Getränke frei. Während die anderen sich an Groupies gütlich hielten, verkroch er sich in seine Schlafkoje, ein Bild seiner Frau unter dem Kopfkissen. Das Leben im Tourbus glich dem einer Rock N Roll Band, wenn auch ohne Drogen. Endlich war es ihm gelungen, sich selbst zu verwirklichen. Ein freier Künstler in Festanstellung, das war Welten entfernt von der einfachen Filzlaus auf den Förderfeldern.

Sonntag, 26. Februar 2012

DSDS 2012 - Der NACKTE Wahnsinn

Selten hat man so viel nackte Haut gesehen bei DSDS: Was ist da los? Luca nur mit Sakko ohne ein T-Shirt oder Hemd darunter, Luca bei seinem Auftritt vor einem riesengroßen nackter-Oberkörper-frei-Luca? Überhaupt: die Malediven dienten doch nur dazu, die Mädels im Bikini und die Jungs nur in Shorts bekleidet zu sehen. Oder? Und das, obwohl die Jungs und Mädels so jung wie nie zuvor sind. DSDS 2012 wirkt eher wie eine Studienfahrt mit 11.Klässlern als eine ernstzunehmende Sendung im TV. Dazu passt dann, dass die Teilnehmer_innen teilweise einer Gesamtschule, einer Hauptschule oder einer BVB-Maßnahme entsprungen sein könnten, ich sage nur: "England liegt doch auch in Amerika, oder?" ;-) Heute war die erste Sendung und die guten Kinder mussten sich in bunte Outfits zwängen, 80er Jahre? Trash? Dass dann der einzige, der dann wirklich witzig und kreativ war, am Ende rausgewählt wurde, passt dazu. Vermutlich lag es aber auch an seinem Alter: Herr Schöne war zu alt. Dafür sind alle besonders benachteiligten Jugendlichen weiter gekommen. Ich gebe es ja zu: meine Liebe gehört diesen Jugendlichen ja, das sieht man auch an Plattenbaugefühle. Die Show heute, ja, die war ja ganz nett. Überraschend gut waren die einzelnen Sänger_innen, nie und nimmer könnten sie mit einer Ivy Quainoo von The Voice mithalten, oder mit einem Roman Lob, dazu sind sie dann doch zu schwach und zu kindlich, aber als Talent-Show im wahrsten Sinn des Wortes doch ganz niedlich und okay. Wie gesagt, schade, dass Herr Schöne raus ist, schade auch um Ursula. Aber so grundsätzlich war ja schon klar, wer da weiterkommt und die Entscheidung okay. Die Jungs sind dieses Mal wieder sehr viel charismatischer und da die Sendung sowieso eine Mädchen-werden-den-Sieger-küren-Sache ist... wird Luca vermutlich der attraktive Favorit sein... Ich glaube nicht, dass die süßen Chaoten Joey und Daniele es ganz nach oben schaffen, dazu müssten sie mehr Ladykiller sein. Gegen Luca spricht vielleicht, dass er Schweizer ist, aber das würde auch gegen Jesse sprechen, der ebenfalls gut dabei ist... Na, sind wir gespannt auf die nächsten Folgen, die ich genauso nebenher anschauen werde wie diese hier... So richtig aufmerksam muss man ja bei DSDS nicht sein. ;-)

Freitag, 24. Februar 2012

Österreich rockt den Song Contest



Ich bin ein großer Eurovision Song Contest (ESC) - Fan, das ist ja allen bekannt. Ich bin auch ein Österreich-Fan, vor allem natürlich mag ich Wien, aber... so generell Österreich ist einfach trashig. So wie der ESC. Eine gute Kombination eigentlich, umso ungewöhnlicher also, dass die Österreicher die letzten Jahre, wenn sie denn überhaupt teilnahmen (sie pausierten mal zwischendurch), eher langweilige Interpreten an den Start brachten, mal abgesehen von den Global Kryner, die mit ihrem "Y Asi" zu Unrecht auf den hinteren Plätzen landeten. Aber dieses Jahr rocken sie den Song Contest, wirklich! Roman Lob ist ein fabelhafter Sänger und sieht wunderschön aus, der wird trotz etwas langweiligem Lied in die Top Ten kommen, aber die Österreicher können für den Spaßfaktor sorgen. Nehmen wir nur einmal Conchita Wurst. Völlig unsexy der Name, schon klar, man denkt gleich an die Pornofilm-Produktion Wurstfilm, aber gut. Schaut man sich die Dame mal an, denkt man erst einmal: Hat dieser Designer Hans Glöckler an Karneval auf Verona Pooth machen wollen? Keine Ahnung. Sie scheint die Favoritin zu sein, fünf Jahre nach dem wundervollen ukrainischen Transvestiten Verka Serduchka, der mit einer wunderbaren Disco-Nummer, humorvoll und glamourös, den Sieg beim ESC knapp verpasst hatte. Schade nur, dass das Lied zum Gähnen langweilig ist und wahrscheinlich auch nur schwulen Typen gefällt, die nach wie vor "I will Survive" von Gloria Gaynor ertragen. Die anderen, die Conchita Wurst wählen, werden Leute sein, die Trash mögen, die es lustig finden, dass so eine Persönlichkeit für das tolerante Österreich an den Start geht. So nach dem Motto: Österreich fliegt so oder so im Halbfinale schon heraus. 


Von der Musik her sind aber andere sehr viel trashiger, aber ganz im Ernst auf sehr positive Weise. Bei der Formation Trackshittaz scheint die österreichische Version von Laserkraft 3 D versucht zu haben, deren Musik mit österreichischer Folklore zu mischen. Finde ich SUPER! "Oida Taunz" macht so Spaß! Ich habe es die letzten Stunden schon mehrmals angehört. Ich mag die "Quätschen" so gerne, und dieses lustige nicht nachahmenswerte Oida Dääääääääääaauntssss. Dafür lieben wir doch den ESC. :-) Die werden eine wundervolle Show hinlegen. Ich drücke ihnen ganz fest die Daumen!!! Und ich meine: "Woki mit deim Popo" ist doch repräsentabel für den ESC. Ganz im Sinne von Verduchka. ;-)
!DelaDap machten im Vorfeld von sich reden, weil ihr eingereichter Titel schon einmal in der Öffentlichkeit gespielt worden war, was ja nicht erlaubt ist, daher wurde er disqualifiziert. Nun swingen sie einen anderen Titel, der mir ebenfalls sehr sympathisch ist. Coole Mucke, aber vielleicht nicht wirklich ein Song Contest Lied. Aufregend ist auch 3Punkt5. Wieso? Sido, unsSido, hat sie gecastet und lässt sie mit einem Rap/R´n´B - Lied in deutscher Sprache an den Start. Wäre ein ungewöhnliches Genre beim ESC, nicht das erste Mal, aber Ostblock-Rapper, die eher unfreiwillig komisch vor sich hin gerappt haben, zählen ja auch nicht so richtig. 3Punkt5 ist ein "bunter" Haufen, heißt, dass da ganz viel "Migrationshintergrund" auf der Bühne zu sehen wird, und da rappt sogar einer auf russisch - wenn das nicht sogar Punkte aus dem Ostblock bringen könnte? ich bin gespannt. Mit dem öden James Cottrial oder den anderen Teilnehmer/innen wäre ich etwas traurig, die sind doch etwas zu langweilig... Also, Trackshittaz, ich drücke euch die Daumen!!! :-) Und wenn nicht: Conchita Wurst als Teilnehmerin sähe wenigstens witzig in der Einblendung aus. :-)))

Kitchen Stories TWENTYFOUR

Nach dem Buch ist vor dem Buch - ich war im letzten Teil schon dabei, von der Fortsetzung meines ersten Romans, Plattenbaugefühle, zu erzählen. Oder vielmehr von der Recherche dazu. Ein Gefühl für Handlungsorte bekommen, darum ging es am letzten Wochenende in München. Paul muss ja auch irgendwo wohnen. Wieso nicht in einer Studentenbutze in der Nähe vom Goethe-Platz? Von wo aus man bequem in die City laufen könnte. Oder zur Isar. Mit einer alten Treppe, einem Geländer, das vielleicht nicht das Vertrauenswürdigste ist? Und einer blanken Unordnung mit meterweise Geschirr  auf dem Waschbecken?
Wie sieht es aus in diesem Viertel? Lassen wir ihn, den Paul, in der Kapuzinerstraße wohnen. Was gibt es in der Nähe für Straßen? Welche Cafes und Kneipen, welche Places to be? Ein PAULaner Brauhaus zum Beispiel? :-)
Welche Geschichten gibt es zu erzählen? Zum Beispiel von diesem Jugendzentrum hier, in dem vor allem junge Menschen, die eher "alternativ", "links" sind, verkehren: Wie kommt die rote Farbe an die Außenwände und Fenster des JUZ? War es womöglich ein Anschlag von Nazis? Und was denkt Jonas über diesen "Anschlag"?
Den "Schlachthof" kennt man auch aus dem Fernsehen, Konzerte, Diskussionen, früher eine wöchentliche Talkshow für junge Leute...
Und mit einem schicken Biergarten, in dem man schön sitzen könnte, wieso nicht auch Paul und Jonas?
In der Nähe steht ein alter VW-Bus (ist es überhaupt einer?), bei dem vorne die Kühler-Figur entfernt wurde und nun ein hängender Jesus, allerdings ohne Kreuz, befestigt wurde? In diesem rostigen Braun, absolut kultig und originell? Was steckt für eine Geschichte hinter diesem Bus?
Nicht weit von der Kapuzinerstraße die Isar. Wunderschön im Winter, aber genauso im Sommer. Viele spazierende Menschen, mit Hunden und Kindern. Man kann sich da auch hinfläzen. Und weiter von der Stadt weg auch sonnen und chillen...
Die Liebesschlösser gibt es nicht nur in Köln und Frankfurt, nicht nur in Hong Kong und New York, sondern auch hier mit Blick auf die Isar an der Wittelsbacher Brücke, an der auch ein Denkmal von Otto von Wittelsbach steht. Ob Paul und Jonas sich ein gemeinsames Liebesschloss leisten werden? es ist fraglich...
Von der Brücke oben geht eine "geheime Treppe" nach unten an die Isar, die natürlich abgesperrt ist. Wenn man einen Blick darauf wirft, kommt einem eine laue Sommernacht in den Sinn - und Liebespaare, die versteckt da sitzen, mit einer Weinflasche und einem kleinen Picknick, Liebesschwüre säuselnd - unweit der Liebesschlösser...
Vielleicht ist eines dieser Liebespaare die Kombination Jonas/Paul? Wer weiß das schon?
Und vielleicht sehen die beiden auch einen wunderschön gestalteten Eis-Elefanten oder bauen einen selbst - anstatt eines Schneemanns. Das sind so kleine Beobachtungen und Ideen, die auch in ein Buch gehören, um die Leser_innen emotional einzubinden, eine Atmosphäre herzustellen...


Donnerstag, 23. Februar 2012

TOGGLE von Florian Felix Weyh

Bei einem Gespräch vor kurzer Zeit wurde ich völlig verblüfft angeschaut, als ich gestand: "Ich bin absolut überfordert mit diesem ganzen Computer- und Internetzeug, ich bin so etwas von überhaupt kein Technik-Nerd...". Ich, der den ganzen Tag auf Twitter, Google+ und Facebook online ist, ständig per Email erreichbar, Tag und Nacht antwortet, ich, der eine elektronische Visitenkarte besitzt, der bei XING, WKW, bei bloggers und bloglovin usw. ist, der eine Dropbox benutzt, der ein personalisiertes Profil bei Youtube, Putpat.tv und Last.fm hat, Skype und MSN sowieso, und der bei Bloggdeinbuch uvm. mitmischt? Das konnte das Gegenüber nicht glauben. Aber es ist so, ich kapiere das alles nicht. Die Technik-Nerds, die hinter diesen ganzen Sachen stecken, haben alles so einfach und leicht gestaltet, dass selbst ich es schaffe, damit umzugehen. Nur wie das alles funktioniert, wie das auch alles zusammenhängt, das erschließt sich mir nicht. Und warum es so schlecht sein sollte, dass wir alle gläsern sind... Nun, dann wissen Google und Facebook mehr von mir als ich selbst. Na und??? Dieser Thematik nimmt sich nun der Journalist Florian Felix Weyh in seinem ersten Roman an. Toggle mit den bunten Buchstaben erinnert nicht zufällig an das große böse Unternehmen Google. 
Also, nun zur Geschichte: Der Ausgangspunkt ist, dass Toggle heimlich Bücher in abgelegenen Lagerhallen einscannt. Darunter auch eine vergessene Schrift des neapolitanischen Ökonomen Ferdinando Galiani über die Ungleichheit des Menschen. Dieser Text hat sehr viel Konfliktpotenzial und kann die Welt sehr verändern. Darum geht es in diesem Roman: Dieses Manifest aus dem 18. Jahrhundert wird nämlich zum Trojaner für ein Toggle-Programm namens TOD. Von dem allerdings nur Eingeweihte wissen, der neue Deutschland-Chef von Toggle zum Beispiel nicht. Diese hohe Funktion darf er sowieso nur einnehmen, weil seine Vorgängerin umgebracht wird, während die beiden im Luxushotel Mellau bei Garmisch-Partenkirchen den Ruf der Firma mit einem Kongress von Spitzenwissenschaftlern und kritischen Journalisten zu retten versuchen. In diesem Hotel ist auch ein russischer Oligarch, der zuerst das soziale Netzwerk Myface übernehmen möchte, um dann mit Toggle zu fusionieren und quasi die Weltherrschaft an sich zu reißen. Hört sich kompliziert an, ist es auch. Und noch viel komplizierter! Es gibt so viele Handlungsstränge mit komplexen Sinnzusammenhängen, dass der/die ungeübte Leser/in schnell ins Straucheln gerät. Weyh erleichtert einem zwar das ganze, indem er die Namen so platt und durchsichtig wählt, dass man nicht lange überlegen muss, wen er karikieren möchte. Trotzdem verliert er sich zu häufig in diesen Nebensträngen, die nur ihm deutlich erscheinen. Zugegeben: der Roman ist spannend. Trotzdem fragt man sich, wieso er irgendwo in der Mitte stehen bleibt. Das Skandalon ist, dass man durch dieses TOD die Punktzahl, die Wertigkeit, einzelner Menschen bei Wahlen errechnen kann. Das heißt, dass von jedem Menschen ein Wert ausgerechnet wird, der von den anderen differiert, so dass jemandes Stimme 5, 10 oder 20 Mal mehr wert sein kann als die seines Nachbarn. Es hat mit Alter und Gesundheit zu tun, mit Status und Bildung. Doch die Geschichte bleibt dabei stehen, dass diese Utopie skizziert wird, doch was passierte tatsächlich, wenn so ein TOD zustande käme? Nein, das ist nicht das Thema einer Fortsetzung, sondern wäre das Thema dieser Erzählung gewesen. Andere Punkte hätten durchaus ausgespart werden können, um genau diesen Aspekt näher zu beleuchten. Der Autor Weyh bringt sicherlich viel Sachverstand mit, bedient sich aber einer doch zu sehr konstruierten Storyline. Selbst das wäre nicht allzu schlimm, da er ein Meister der Cliffhanger und der Spannungsbögen ist, aber Dialoge und Figurencharakterisierung sind nicht seine Stärke, die scheinen ihn nicht wirklich zu interessieren, daher werden die Personen allzu blutleer dargestellt und man möchte sich mit keiner so wirklich identifizieren. Ich muss ganz ehrlich gestehen, dass ich bei manchen Punkten einfach ausgestiegen bin. Okay, dass Google und Facebook viele Daten haben und im Endeffekt so viel Macht anhäufen könnten, dass man als normaler Bürger_in aufgeschmissen ist, kapitulieren muss, okay. Andererseits ist das ja gar nicht das Ziel von Facebook. Glaube ich. Ich habe keine Ahnung. Aber dieser Zuckerberg möchte doch etwas ganz anderes. Er hatte eine Idee. Und diese Idee ist nachvollziehbar. Die Idee funktioniert. Menschen möchten wissen, was ihre Kollegen und Freunde machen, wollen wissen, was ihnen gefällt und was nicht, möchten teilhaben, möchten lästern, aber auch goutieren, möchten Spaß haben, aber auch hassen können. Das ist menschlich. Und nur das hatte Zuckerberg vor. Er wollte teilhaben. Und er wollte lieb gehabt werden... Das möchte jede_r. So auch der Autor Weyh, nein, er hat das gut gemacht. So ein komplexes Thema lässt sich nicht in unter 500 Seiten bearbeiten, nicht mal unter 1000 Seiten, es ist eine Geschichte für drei Mal 1000 Seiten. Von daher hatte er sein Thema gut im Griff, mehr als seine Figuren, mehr als seine Dialoge. Es war keine verschwendete Zeit, dieses Buch zu lesen, aber es erreichte auch nicht meine hohen Erwartungen, die ich daran knüpfte. Schade. Aber wahrscheinlich ist die Wahrheit nicht zu finden. Vielleicht irgendwann. Egal. Ich mochte das Buch trotz allem. Und würde es weiter empfehlen. Aber zu viel Erkenntnis sollte man nicht erwarten, vor allem nicht, wenn man sich sehr viel mit Internet und Google/ Facebook/ Privatsphäre-Scheiße beschäftigt... Toggle ist bei Galiani Berlin erschienen: http://www.galiani.de/. Vielleicht geht es Menschen, die nicht so viel über diese Thematik reflektieren, anders als mir, vielleicht finden sie die Methode, nach dem TOD verfahren möchte, menschenverachtend und fühlen sich emotional aufgewühlt danach (im Gegensatz zu mir, der diesem Galiani durchaus zustimmen möchte); herausfinden kann man es, wenn man sich das Buch hier kauft: http://www.amazon.de/Toggle-Florian-Felix-Weyh/dp/3869710411/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1321615367&sr=8-1

Dies war eine Rezension für http://www.bloggdeinbuch.de/ und ich gebe dem Buch TOGGLE von Florian Felix Weyh unentschiedene 3,6666 von 5 Sternen, weil ich letztendlich doch unterhalten wurde, wenn auch nicht auf hohem Niveau...

Dienstag, 21. Februar 2012

Kitchen Stories TWENTYTHREE

Nach dem Buch ist vor dem Buch. Sonst wäre man ja kein Schriftsteller. Und dieses Credo, frei nach Sepp Herberger (übrigens kenne ich auch einen Seb Herberger ;-)), gilt nicht nur für Reihen (Harry Potter und Warrior Cats und so), aber gerade da. Nun ist Plattenbaugefühle keine Reihe, aber eine Trilogie wird es schon sein. Und nach dem Band 1 geht es nun an die Vorbereitung vom zweiten Band...
Wer Plattenbaugefühle gelesen hat, weiß ja, dass ein Teil in München gespielt hat, im Englischen Garten, unter anderem kommt eine Figur da her. Paul. Paul wohnt in München. Was es mit dem auf sich hat, muss nachgelesen werden, wer es noch nicht weiß. Ich möchte auch nicht unbedingt schon alles verraten. ;-) Nur: München wird wieder eine Rolle spielen. 
Daher war es bei meinem Besuch am letzten Wochenende sehr wichtig, schon einmal ein bisschen zu recherchieren. Damit dieses Mal nicht gleich ein Fauxpas wie zu Beginn von Plattenbaugefühle passiert. Alles hatte ich recherchiert, lange Zeit versucht mir zu durchdenken - und dann baue ich eine Tram am Nollendorfplatz ein. Und die gibt es dort definitiv nicht! :-)
Die Fortsetzung spielt also teilweise in München, da verrate ich nicht zu viel - und ihr erfahrt hier auf dem Blog ein bisschen, wie die Produktion eines Romans von sich geht. Neben dem Plot, also der Ideen, was überhaupt alles passieren soll, muss man ein Gefühl für die Orte, die im Roman vorkommen, bekommen. Daher lief ich ein bisschen durch das Glockenbach-Viertel in München.
Wie ist die Stimmung, welche Luft atmet man da ein, welche Leute laufen da herum, was tragen sie, wie reden sie, in welche Läden gehen sie? Welche Cafes, Kneipen, Restaurants und Bistros gibt es da? Wie benehmen sie sich an diesen Orten? Wie sind die Preise, was isst man da, was trinkt man da?
Was ist typisch für die Leute in München, was typisch für das Glockenbach-Viertel? Was ist ungewöhnlich? Was gibt es, was erzählenswert erscheint? Und da es ja um schwul-lesbische Subkultur gehen soll - Jonas hat gerade seine Identität gefunden und möchte sie nun ausleben: Was gibt es für Einrichtungen in München? Womit hat sich Paul beschäftigt in seiner Coming-Out-Phase?
Womit beschäftigt er sich vielleicht sogar zurzeit? Im lesbischwulen Jugendzentrum, das von den Jugendlichen selbstverwaltet wird, wird es Ende Juni eine Plattenbaugefühle-Lesung geben. Bei dieser Gelegenheit lernte ich einen Paul kennen, der Vorsitzender im Vorstand ist. Ein Zufall? Werde ich dieses Jugendzentrum in der Fortsetzung erwähnen? Gar eine Rolle spielen lassen?