Sonntag, 27. Juni 2010

Der Arzt (und weiter gehts...)

Sind Sie, lieber Leser, ebenfalls so entscheidungslos wie ich es bin? Falls ja, brauche ich Ihnen ja nicht zu erzählen, wie man sich das Leben schwer machen kann. Man verhält sich in dem Moment, in dem man sich entscheiden muss, gerade so, als ob es um Leben oder Tod ginge, oder als hätte die falsche Entscheidung in jedem Fall weitreichende Konsequenzen. Ich glaube, dass diese Entscheidungslosigkeit aus Lebensangst resultiert. Vielleicht nimmt man sich aber auch selbst zu wichtig und damit ebenso alles, was um einen herum ist.
Nachdem ich an der Haltestelle niemand Interessantes erblicke, dessen Schönheit mir die sieben Minuten Wartezeit versüßen könnte, laufe ich los. So einfach ist das. Ich sollte es immer so machen. Das ist der Vorteil in der Stadt, neben den vielen Millionen Idioten, die einem im Weg sind, sieht man auch ein paar hübsche Gesichter, manchmal auch Körper, die man eine kurze Zeit betrachten und sich ausmalen kann, wie es wäre, wenn ...
Ich laufe auf dem Gehsteig, schaue mich um, es wird schon dunkel, und kalt ist es auch, ungemütlich, doch ich habe es nicht weit, ich muss nur noch die große Hauptstraße mit den vielen Autos überqueren. Vielleicht hätte ich doch in die Bibliothek gehen sollen, dann hätte ich meine Aufgabe aufschieben können. Was weiß denn der?! Als hätte ich noch nie geschrieben, oder es zumindest versucht. Wie oft habe ich etwas über mein Leben auf Papier gebracht, wie oft versagte ich dabei. Wie oft war ich danach noch schlechter gelaunt, depressiver, völlig unzufrieden mit mir. Ja, es ist nicht so einfach, alles, was einem durch den Kopf und vor allem, was einem nicht nur den Kopf geht, sondern auch den Magen durchschüttelt, in Worte zu fassen, das noch einmal alles in stärkerer Dosis nachzuerleben, noch mehr in Bewegung zu versetzen. Ich fühle mich schlecht, wenn ich schreiben muss, ich leide, ich schiebe es hinaus, so lange es geht, ich bekomme Kopfschmerzen, werde müde, sage, jaja, morgen dann, morgen passt es mir besser! Morgen, oder übermorgen. Irgendwann. Was weiß der schon?! Meint er wirklich, ich schreibe ihm einen Roman oder sonst etwas über mein Leben und gebe es ihm zum Lesen? Was will er von mir? Tut so, als wüsste ich nicht, was Schreibtherapie bedeutet. Natürlich kenne ich die Poesietherapie. Ich interessiere mich schon längst dafür. Als wüsste ich nicht, dass die meisten Schriftsteller schreiben, um etwas zu verarbeiten, was in ihnen drin ist und hinaus muss. Was glaubt der eigentlich? Dass ich Analphabet und dumm bin?
Mittlerweile komme ich am Anti-Drogencafé vorbei, meine Nachbarn sind das. Naja, ich hoffe, dass sie dem Alkohol und dem Kokain und Heroin fernbleiben können, aber ich rege mich jeden Tag neu darüber auf, dass sie Kaffee trinken und Zigaretten rauchen in diesem Teil. Das sind genauso Drogen. Wenn schon Anti-Drogencafé, dann doch richtig, oder? Wenn ich in besserer Laune wäre, ginge ich endlich hinein, um ihnen das unter die Nase zu reiben. Die versuchen auch, ihre Klienten mit Büchern zu therapieren, wenn man nach der Ausschmückung dieses Treffpunktes geht. An der einen Glasscheibe entlang sind mehrere Bücherauslagen zu sehen. Wahrscheinlich liest sowieso niemand. Der Fernseher läuft meistens, vor allem, wenn Fußball gezeigt wird.
Wieder – wie hunderttausend Mal davor – muss ich durch unseren langen Gang, der nach irgendwelchen Gasen aus der Luftballonfabrik riecht, die unter unserer Wohnung ist. Kiffer fühlen sich hier wohl. Das „unserer“ muss ich wohl auch erklären, sonst fragt sich der aufmerksame Leser: Wie? Hatte der gute Mensch bereits erwähnt, wen dieses Personal-pronomen umschließt? Hat er selbstverständlich nicht, verschiebt es allerdings auf nachher, erwähnt an dieser Stelle lediglich, dass es sich nur um eine Person handelt.
Nicht, dass Sie nun denken, ich lebe in einer riesigen Wohnung, nur der Gang ist lang, die Wohnung ist klein, architektonisch betrachtet miserabel, wenn Sie, verehrter Leser, einmal einen Blick darauf werfen könnten, wüssten Sie, wovon ich spreche. Man hat selten so schräge Wände, schiefe Böden, unnütze Ecken und Kanten usw. gesehen. Und jeder, der uns im Winter besucht, friert, die Fenster sind winddurchlässig und die warme Luft dieser verdammten Gasheizung steigt nach oben, und da, wo wir sitzen und liegen, auf den Sofas zum Beispiel – und vom Boden wollen wir ja schon gar nicht reden – ist es saukalt und es zieht. Klinge ich irgendwie frustriert? Natürlich hat diese Wohnung auch Vorteile, wenn es auch nicht allzu viele sind. Im Moment fällt mir vor allem einer ein, man kann ohne Ende Partys feiern, da wir ja alleine sind. Die Luftballonfabrik macht um vier Schluss.

Samstag, 26. Juni 2010

Der Arzt (Part Four)

„Warum sind Sie so unhöflich!“ entgegne ich ihm, „ich habe Ihnen weder das Du angeboten, noch bin ich ein kleines Kind; dass ich Sie angerempelt habe, tut mir Leid, ich war in Gedanken, aber es ist trotzdem kein Grund sich so zu benehmen.“
Nun flippt er vollkommen aus: „Du kleiner Bastard, du schwules Muttersöhnchen, verpiss dich von hier!“
Ich schaue die Umstehenden an, fordere sie auf, etwas dagegen zu sagen: „Haben Sie das gehört, wie der sich benimmt, das ist ja unerhört!“
Ich blicke auf eine ältere distinguierte Dame: „Sagen Sie ihm doch bitte einmal, dass man sich als erwachsener Mensch besser zu benehmen hat, vor allem, wenn Damen in der Nähe sitzen.“
Sie lächelt mich an, schaut dann zu dem grobschlächtigen, ungehobelten Mannsbild auf, weist ihn zurecht: „Der junge Mann hat Recht, Sie sollten sich schämen! Da schimpfen die Älteren immer, die Jungen wären unhöflich und benähmen sich wie Flegel, dabei sind sie es oft selbst!“ fährt sie fort. „Würden Sie sich bitte bei ihm entschuldigen!“
Mittlerweile hält die Straßenbahn. Der Idiot steigt fluchend aus, ich höre noch ein: dreckiges Saupack, dreckiges! Die ältere Frau sieht mich an.
„Machen Sie sich nichts daraus, die meisten Menschen haben kein Benimm, sind frustriert und unglücklich,“ sagt sie, „sehen Sie es ihm vor, und machen Sie es besser als er. Bleiben Sie der sensible, idealistische, höfliche Träumer, der Sie sind,“ fügt sie auch noch hinzu.
Ich erröte.
„Wie kommen Sie dazu, das zu glauben,“ frage ich sie.
„Ich bin achtzig Jahre alt geworden, habe vieles erlebt, jede Menge Menschen kennen gelernt, ich glaube von mir behaupten zu können, dass mich die Erfahrungen, die ich gemacht habe, gereift und vor allem meine Intuition gesteigert haben.“
Ich schaue sie an, etwas verdutzt, etwas bewundernd.
„Es ist keine Leistung alt zu werden,“ behauptet sie, „aber es ist eine Leistung, jeden Menschen, den man in seinem langen Leben geliebt und verloren hat, trotz allem in anderen Menschen zu suchen. Und solche Typen wie der gerade eben haben wahrscheinlich noch nie jemanden geliebt, noch nie in einem anderen Wesen Liebe gesucht.“
Sie steht auf: „Ich muss aussteigen,“ sagt sie.
„Warten Sie, ruf ich ihr nach, darf ich Sie einmal besuchen?“
„Natürlich,“ antwortet sie erfreut, „ich heiße Magdalena Szypiorska, meine Telefonnummer ist 3855789, Aufwiedersehen.“
„Aufwiedersehen, hat mich sehr gefreut, Sie kennen gelernt zu haben.“
Sie winkt mir noch einmal von der Haltestelle aus zu; ich fahre weiter.
So, und nun kann ich mich darüber freuen, diesen alten, unverschämten Grobian angerempelt zu haben! Man muss alles positiv sehen, nicht wahr?! Dank ihm habe ich eine nette Frau kennen gelernt. Während ich aus dem Fenster schaue, fällt mir ein, dass ich umsteigen muss, wenn ich noch einen Sprung in die Bücherei machen möchte. Die Straßenbahn, die ich brauche, fährt gerade auf der anderen Seite der Haltestelle ein. Ich muss schnell aus meiner Bahn hechten, wenn sie hält, damit ich auf die andere rennen kann. Wie immer, wenn man es eilig hat, sind da wieder solche Schnecken vor mir, nichts gegen alte und dicke Menschen, aber sie sind im Weg! Jetzt! „Ich will raus,“ schreie ich verzweifelt, „ich muss die S5 noch kriegen.“
Die Dicken und Alten schauen mich giftig an.
„Entschuldigung, ich habe es wirklich eilig!“ schreie ich und fliege davon. Das ist immer so in der Stadt, alle Menschen stören mich, ich halte es nicht aus, bin ungeduldig. Einerseits stresst mich schon allein ihre Anwesenheit, wenn sie dann noch vor mir her watscheln und ihren Arsch nicht von der Stelle kriegen, kriege ich Anfälle. Ach, so ein Mist! Nun bin ich der unhöfliche Flegel. Und natürlich erreiche ich die Bahn nicht rechtzeitig. Das war ja klar. Warte ich auf die nächste oder gehe ich nach Hause?

Freitag, 25. Juni 2010

Der Arzt (Part Three)

„Wie ein Psychotherapeut?“ möchte ich wissen.
„Ja, wie ein Psychotherapeut,“ antwortet er, „und am besten schicken Sie mir Ihre Aufzeichnungen per Email, und wenn ich glaube, dass Sie reif für ein Gespräch sind, machen wir elektronisch einen Termin miteinander aus, für Sie opfere ich gerne einmal meine Freizeit.“
„Oh,“ ertönt es aus meinem Mund, „wie komme ich zu dieser Ehre?“
„Sie interessieren mich, wie gesagt. Wenn Sie nicht mein Patient wären ...“
„War das eine Anmache?“ frage ich perplex.
„Jetzt tun Sie doch nicht so unschuldig, wir sind beide erwachsen,“ sagt er mit einem Lächeln, das recht zweideutig anmutet.
„Ja, und der eine von uns beiden ist sehr viel erwachsener als der andere,“ dringt lauter als ich es beabsichtigt hatte aus mir heraus.
„Sie haben es wirklich im Griff, wirklich jedem, der Sie mag, einen verbalen Fausthieb zu verpassen,“ meint er, „zum Glück mag ich Kratzbürsten.“
So ein Idiot! Der tut gerade so, als hätte er mich durchschaut. Und ich hasse nichts mehr als Leute, die so etwas glauben. Ich weiß genau, was er nun wieder behaupten würde: ja, genau deswegen mögen Sie auch keine Therapeuten!
Blablabla. Waren Sie, liebster Leser, schon einmal bei einem Seelenklempner (wie es umgangssprachlich so schön – oder auch nicht schön – heißt)? All denen, die das gleiche Pech hatten wie ich, muss ich nichts mehr von Lackaffen erzählen, die sich besonders schlau vorkommen, oder von intellektuellen Hausfrauen mit Helfer-Syndrom ... Und all denen, die schon einmal von einem Arzt angebaggert wurden, muss ich ebenfalls nichts darüber berichten, wie eigenartig man sich in so einer Situation fühlt. In der Regel habe ich ein Problem mit dieser wissenschaftlichen Objektivität und mit dem ich-bin-Ihr-Arzt-und-Sie-mein-Patient-und-wir-dürfen-uns-nicht-persönlich-kennen-Schmuh. Was soll das? Aber in diesem Fall bin ich doch ganz froh, dass er ein Anhänger dieser Theorie ist, und ich will im Moment auch nicht mehr von ihm wissen, als ich bereits weiß. Dass er wohl schwul und sehr offen ist, was Anmache angeht, reicht im Augenblick vollkommen aus. Ich möchte nur noch hinaus aus diesem Zimmer.
In Gedanken versunken stehe ich auf, sage mechanisch Aufwiedersehen.
„Halt, ruft er, wollen Sie meine Email-Adresse nicht erfahren?“
„Doch, doch,“ meine ich, nun wieder zurück im Geschehen. „Habe ich Ihnen gesagt, dass mich das Grün in diesem Zimmer ganz nervös macht,“ meine ich.
„Es sollte das Gegenteil der Fall sein,“ erwidert er, „so sagten es zumindest meine Kollegen.“ „Diese Psychotherapeuten, zu denen Sie mich geschickt haben?“ hakte ich gleich nach.
„Genau die!“ antwortet er.
„Ich sagte doch: Quacksalber. Und damit verabschiede ich mich.
„RBöhringer@hotmail.com,“ schreit er mir nach, und: „ich freue mich auf unser nächstes Beisammensein.“
Als ich aus der Praxis komme, schlage ich meine Hand auf die Stirn. Ich bin im falschen Film, ganz eindeutig. So etwas ist mir noch nie passiert. Macht mich mein Hausarzt an, ich fasse es nicht. Und ich soll noch quasi privat über mein Leben reden, über all das, was mir jemals Aufsehen erregendes zugestoßen ist, über meine Gefühle, Gedanken, Vorstellungen und Wünsche, über meine Wunden, Schmerzen, Niederlagen, Ängste, und-was-weiß-ich-noch-alles. Erneut werde ich versuchen, mich zu öffnen, alles aus mir herauszulassen, das ist nicht mein erster Versuch. Tagtäglich strenge ich mich in dieser Hinsicht an, doch oft ist das Ergebnis dürftig. Wie soll man sich denn anderen Menschen verständlich machen, wenn man sich selbst nicht versteht. Jeder denkt anders, in anderen Strukturen. Oder etwa nicht? Ich weiß es nicht. Während ich in die warme Tram steige, denke ich nach, frage mich, was die anderen Menschen denken; ich remple einen alten Sack an. Der brüllt mich an: „Kannsch net ufpasse, du Flegel!“

Donnerstag, 24. Juni 2010

Veranstaltung Bedingungsloses Grundeinkommen in Frankfurt

Quelle: www.archiv-grundeinkommen.de

Buch- und Medienpraxis Ein Fortbildungsprogramm der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
kündigt für Montag, 28. Juni 2010 um 19:30 Uhr, im Frankfurter Holzhausenschlößchen folgende Veranstaltung an:

Vom Freelancer zum Faulenzer?


Eine Podiumsdiskussion Der heutige Arbeitsmarkt verlangt Flexibilität und Selbstmanagement. Im Gegenzug bietet er befristete Verträge, Existenzängste und Burn-Out. Einen Ausweg aus dieser Misere verheißt das Konzept des „bedingungslosen Grundeinkommens“, das dem modernen Arbeitnehmer neue Freiheiten verspricht. Ein finanzielles Grundbudget in existenzsichernder Höhe könnte jedem Einzelnen ermöglichen, sich kreativ und selbstbestimmt in die Gesellschaft einzubringen. Würde ein solches System tatsächlich die produktive Teilnahme fördern oder würde es vielmehr einer passiven Konsumhaltung Vorschub leisten? Wieviel Freiheit verträgt der Mensch?

Es diskutieren:

Manuel Franzmann, Sozialwissenschaftler, Mitarbeiter im Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) Nordrhein-Westfalen, Dozent und Doktorand am Fachbereich Gesellschaftswissenschaften der Goethe-Universität

Heike Göbel, Wirtschaftsredakteurin der Frankfurter Allgemeinen Zeitung

Enno Schmidt, Künstler und Mitbegründer der Basler Initiative Grundeinkommen (Film: „Kulturimpuls Grundeinkommen“. Ein Film-Essay von Daniel Häni und Enno Schmidt)

Moderation: Klaus Walter, Autor, DJ, Rundfunk-Moderator

28. Juni 2010, 19:30 Uhr Holzhausenschlößchen Justinianstraße 5 60233 Frankfurt am Main Eintritt frei

Eine Veranstaltung des Fortbildungsprogramms Buch- und Medienpraxis der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main, in Zusammenarbeit mit der Frankfurter Bürgerstiftung im Holzhausenschlößchen

Der Arzt (Part Two)

„Letztendlich können auch sie nichts gegen ihre unbewussten Abwehrmechanismen tun, sie sind einfach da, und flugs kann man einen Patienten nicht leiden und behandelt ihn dementsprechend.“
„Was soll denn das heißen?“ frage ich entrüstet. „Jeder Mensch sollte gleich vor Gericht und beim Arzt sein! Was sind denn das für Sitten?!“ Es drängen sich mir Gedanken auf, diesen Quacksalber endlich zu verlassen und einen neuen Arzt zu suchen.
„Sie sind ja herzig! Ein wahrer Idealist! Aber ich sage Ihnen etwas! Ein Arzt muss jeden gleich behandeln, jeden Patienten muss er nach bestem Wissen und Gewissen therapieren, ihn als gleichwertigen Menschen betrachten. Doch wir sind keine Maschinen und keine Halbgötter in Weiß, was wir angeblich von uns glauben; wir haben Gefühle, Vorurteile, Verdrängungsapparate, Ängste, negative Wellen usw. wie andere Menschen auch. So kann es durchaus passieren, dass man jemanden halbherzig behandelt, den man nicht mag, es allerdings überhaupt nicht merkt, und man glaubt fest daran, dass man das notwendige tut, doch man unterlässt es in Wahrheit. Sie werden in Ihrem Praktikum das gleiche bemerkt haben, Sie gehen mit Sicherheit nicht mit jedem Schüler gleich um, den Rabauken in der letzten Reihe würden Sie am liebsten zum Mond schießen, das süße Mädchen in der ersten Reihe, das sich ständig am Unterricht beteiligt, würden Sie am liebsten klonen...“
„Nun ja,“ sage ich, „ganz so einfach ist es nicht, zum Beispiel mag ich den Rabauken in der letzten Reihe oft am meisten, aber ich verstehe, was Sie mir sagen möchten, mir ist das auch schon aufgefallen.“
„Was ich Sie allerdings noch fragen wollte,“ setzt er an, „warum mögen Sie den Rabauken so gerne? Was assoziieren Sie mit ihm?“
„Genau das stört mich an den Psychologen!“ erwidere ich. „Genauso dämliche Fragen haben die mir auch gestellt.“
„Ich beginne mich über Sie zu wundern,“ meint er, „ich habe Sie als einen Menschen kennen gelernt, der sich viele Gedanken macht, manchmal sogar zu viele, Sie stellen alles und jeden in Frage, und wenn es um Sie selbst geht, begehen Sie wahrscheinlich den typischen Fehler, Sie weichen aus, suchen keine Antworten auf die offenkundigen Fragen. Haben Sie deswegen diese Probleme mit den Psychotherapeuten?“
Ich wehre mich: „Nein, so ist das überhaupt nicht! Ich mache mir genügend Gedanken über mich selbst, suche Antworten auf meine Stimmungen, auf meine Gefühlswankungen; warum sind sie da? Warum verschwinden sie nie? Warum muss ich so leiden? Aber manche Fragen führen einfach weg vom Thema.“
„Lügner!“ schreit er nun heraus: „Das ist nicht wahr, das glauben Sie nicht wirklich! Sie wissen es besser.“
„Hallo,“ sage ich, „flippen Sie nun aus?“
„Nein,“ erwidert er, „nein, überhaupt nicht. Sie interessieren mich, aber leider habe ich zu viele Patienten, die ich heute noch behandeln muss.“
„Wollen Sie mich etwa rausschmeißen?“ frage ich.
„Ich möchte nicht, doch ich werde es gleich tun. Allerdings nicht, ohne eine Abmachung mit Ihnen zu treffen: mir ist nämlich gerade die Idee gekommen, dass ich eine Art Schreibtherapie mit Ihnen versuchen könnte. Sie schreiben mir, woran ihre Depressionen, schlechten Phasen, Gefühlswankungen, oder wie Sie auch immer diese Beschwerden benennen möchten, Ihrer Meinung nach liegen könnten, was Ihnen in der Vergangenheit passiert ist, was Sie eventuell nicht verarbeitet haben, welche Krankheiten, Misserfolge, negativen Familienerlebnisse usw. Sie hatten. In welcher Form Sie das aufschreiben, ist mir völlig egal, machen Sie daraus Briefe an sich selbst, ein Tagebuch, Kurzgeschichten, einen Roman, machen Sie es chronologisch, durcheinander, nach Themen, wie Sie wollen.“
„Und dann?“ frage ich sofort nach. „Wollen Sie diese Ergüsse danach lesen?“
„Das ist der Sinn der Sache,“ sagt er in friedlichem Ton, „ich werde sie lesen und mit Ihnen darüber sprechen.“

Dienstag, 22. Juni 2010

Der Arzt (Part One)

„Was haben Sie nur gegen Psychotherapeuten?“ fragt er mich. „Ich führe diese Praxis bereits seit zwei Jahrzehnten, noch nie hat mir ein Patient nach der dritten Überweisung zu einem Kollegen an den Kopf geworfen, dass ich kein Fingerspitzengefühl habe und unnütze Empfehlungen mache!“
„Fangen Sie bloß nicht an zu weinen,“ erwidere ich ihm kühl.
„Sie sind doch ein witziger, intelligenter Mensch, warum können Sie sich nicht mit diesen Spezialisten einigen? Was stellen die denn so Schlimmes an, dass Sie immer wieder abbrechen?“
Ich denke über diese Fragen nach, während ich mich in seinem Zimmer umschaue, diesmal zum hundertachtundzwanzigsten Mal, erneut – wie hundertsiebenundzwanzig Mal davor – bleibt mein Blick am Diplom meines Hausarztes haften. Warum habe ich ihn noch nie gefragt, wie es kommt, dass es in Kyoto ausgestellt worden ist? Eine interessante Frage deswegen, weil auch meine Augenärztin ein in Kyoto ausgestelltes Diplom in ihrer Praxis hängen hat. Kann man dort Diplome kaufen? Und was bedeutet das für mich? Am Ende brauche ich eine schwächere Brille und meine seelischen Beschwerden haben in Wirklichkeit einen physischen Grund, irgend etwas in meinem Körper stimmt nicht, irgend eine Drüse oder irgend ein Organ funktioniert nicht mehr, und deswegen leide ich schon so lange an Depressionen oder anderen psychischen Störungen (ich war noch nie lange genug bei einem Therapeuten, um eine genaue Diagnose erhalten zu haben!).
Er schaut mich eindringlich an, dieser alte Sack, nun, in Ordnung, mit seinen fünfzig Lenzen ist er nicht so alt wie mein vorheriger Arzt, der mindestens siebzig war, aus Siebenbürgen kam und dessen Akzent ich total mochte. Der musste auch viel mit mir durchstehen, ich kann es Ihnen sagen, meine Krebserkrankung beschäftigte ihn mehr als ihm wahrscheinlich lieb war. Mein neuer Arzt erscheint mir nicht halb so kompetent und sensibel wie mein alter, naja, aber vielleicht liegt es an meinen Vorbehalten, oder weil ich so wenig von ihm weiß.
Ich bin es gewohnt, mit meinen Ärzten Schwätzchen zu halten und dabei auch ein wenig von ihnen zu erfahren, aber dieser Kerl macht es mir schwer. Nun gebe ich mir einen Ruck: „Sagen Sie mal,“ beginne ich, „gibt es in Kyoto Arzt-Diplome zu kaufen?“ Er schaut mich verdutzt an, überlegt, wirft dann einen Blick auf sein Diplom und fängt an zu lachen.
„Vielleicht,“ meint er, „vielleicht sind Psychotherapeuten etwas sensibler, beziehen solche Kommentare auf sich und fühlen sich dann ihrerseits betroffen.“
Nun bekommt er ein verdutztes Gesicht von mir zu sehen.
„Auch sie sind nur Menschen und verkriechen sich in ihre eigenen Panzer, um nicht verletzt zu werden.“
„Das verstehe ich nicht,“ antworte ich, „die hat man doch dafür ausgebildet, dass sie so etwas wegstecken und nicht sofort beleidigt sind, oder etwa nicht? Außerdem habe ich kein Diplom aus Kyoto bei ihnen gesehen,“ sage ich, denn mittlerweile hat sich mein Verdacht in meinem Kopf verfestigt, sonst hätte er doch gar nicht so geschickt abgelenkt. Er lacht, dann entgegnet er – und macht dabei ein schlaues Gesicht:

Samstag, 19. Juni 2010

"Water Lilies - Naissance des pieuvres" von Céline Sciamma

In diesem Film ist die 15-jährige Marie (Pauline Acquart) die Hauptperson, die an sich selbst und an ihrer Identitätsfindung leidet. Wir beobachten sie, wie sie zu Beginn des Films die Auftritte der Synchronschwimmerinnen verfolgt. Sie bewundert die reifer wirkende, hübsche Floriane (Adèle Haenel), die diese Gruppe führt. Zugleich ist die Außenseiterin Marie mit der leicht übergewichtigen Anne (Louise Blachère) befreundet: eine kindlich-verschworene Freundschaft, die sakrosankte Züge trägt und die zunehmend überschattet wird von der Rivalität zwischen Floriane und Anne, die um den gleichen Jungen buhlen. Doch die sich entwickelnde Distanz hat noch einen anderen Grund: Marie ist in Floriane verliebt und möchte alles tun, um ihr zu gefallen. Zum Beispiel deckt Marie sie, damit Floriane den von ihr angehimmelten Francois treffen kann. Aus dieser Vertrautheit entsteht eine intime Nähe, die in eine ungeahnte Richtung geht.
Ursprünglich hatte Céline Sciamma das Drehbuch als Abschlussarbeit an der Filmhochschule "La Fémis" verfasst, doch der Dozent Xavier Beauvois überredete die Autorin dazu, ihren eigenen Stoff auch selbst als Regisseurin zu verfilmen. Der Film feierte schließlich seine Premiere im Jahre 2007 beim Filmfestival von Cannes, wo er in der Reihe "Un certain regard" gezeigt wurde.
Sciamma inszenierte einen sehr ruhigen, verhaltenen Film, in dem es weniger um viel Handlung oder lange Dialoge geht, sondern mehr um die Emotionen, die die fabelhaften Jungschauspielerinnen darstellen sollen. Nähe und Distanz zwischen den Figuren werden nicht durch Worte dargestellt, sondern durch Gesten und Blicke. Die Nöte der Pubertät, die damit verbundenen Sehnsüchte, die Identitätssuche und die Enttäuschungen sieht man in den Gesichtern und den Körperhaltungen.
Eines der Themen dieses Films ist der Schein und das Sein: in verschiedenen Einstellungen wird dies in den Aufführungen der Synchronschwimmerinnen gezeigt. Über dem Wasser lächeln die schön geschminkten, dünnen Mädchen und bewegen sich anmutig, während sie unter der Wasseroberfläche strampeln und zappeln. Dies wird dann in der Kapitänin Floriane auch auf eine andere Ebene gespiegelt: die Umgebung glaubt, dass sie eine "Schlampe" ist und schon mit vielen Männern geschlafen hat, z.B. mit Francois, aber auch mit einem der Trainer. Diese scheinbare Abgeklärtheit ist allerdings nur Schein und in Wirklichkeit ein Selbstschutz. Sie hat genauso wie die anderen Mädchen Angst vor dem ersten Mal.
Dieser Film ist atmosphärisch dicht und wirkt deswegen so eigenartig, weil kaum Erwachsene auftreten. Die Eltern von Marie und Anne zum Beispiel tauchen im gesamten Film nicht auf. Es gibt nur eine begrenzte Anzahl von Handlungsorten: meist sind die Figuren im Schwimmbad, einem Ort, den Sciamma folgendermaßen beschreibt:
"Für mich ist es ein schwüler Ort, wo Begierden geboren und Dinge offenbart werden."
Die Regisseurin möchte ebenso die angesichts Olympia aktuelle Frage von strenger Kontrolle und Disziplin beim Sport thematisieren. Die Mädchen werden genau überprüft, ob sie sich enthaart haben, ob ihre Frisuren und ihr Makeup sitzen, ob sie genug Muskeltraining gemacht und Diät eingehalten haben. Der sterile, kalte Raum der Schwimmhalle scheint diese militärisch anmutende Zurichtung noch zu unterstützen. Und doch ist dies zugleich der Ort, an dem die Konzentration auf den Körper verborgene Blicke und sexuelle Phantasien weckt. Dieses veranschaulicht sie durch die verstohlenen Blicke Maries, aber auch der Jungen um Francois bzw. dem jugendlichen Trainer, der Floriane verehrt und nachstellt.
Es gibt Filme, deren Inhaltsangabe man liest und denkt: oh je, das ist doch nichts, was mich interessiert! Was will ich mit einem Coming-of-Age-Film, der von kleinen Mädchen handelt, die zu allem Überfluss Synchronschwimmerinnen sind? Und dann stellt man fest: Der Film ist ja wirklich gut, ja, man wundert sich, wie gut man sich unterhalten oder inspiriert fühlte. Dies geschieht hier!

Freitag, 18. Juni 2010

Wieder eine Odyssee

Vielleicht sieht es nun so aus, als führe ich permanent mit dem Zug durch ganz Deutschland, ein bisschen ist das auch so, diesmal versuche ich von Berlin wieder zurück zu meinem geliebten schönsten Mann der Welt zu gelangen. Nein, ich bleibe nicht in Berlin, um auf den CSD zu gehen, ich bleibe nicht in Berlin, um noch ein paar Tage mit meiner lieben Freundin S. zu verbringen, ich treffe auch nicht meine anderen Freunde, die morgen und übermorgen sicherlich mehr Zeit hätten als unter der Woche, nein, ich möchte zu ihm zurück. Doch wie sollte es anders sein, wenn ich Zug fahre? Absolutes Chaos! Die Deutsche Bahn ist das nervigste Unternehmen Deutschlands, noch schlimmer als Jamba und andere Klingelton-Download-Firmen, denn ich glaube alle Fernzüge, die in Berlin losfahren sollten, hatten 60 - 120 Minuten Verspätung. Meiner hat gerade genau 90 Minuten Verspätung. Ursprünglich sollte er pünktlich los, dann hieß es eine Viertelstunde, weil zuerst ein anderer Zug in Gleis 13 einfahren sollte, bei dem auf der Anzeige stand, dass er 60 Minuten Verspätung hätte, aber nach meiner Rechnung schon genau 100. Dann sagten sie, es könnten auch 20-25 Minuten bei meinem werden, doch dann kam zwischenzeitlich ein Zug an Gleis 13 an, der angeblich 90 Minuten Verspätung haben sollte, in Wirklichkeit allerdings 115. Nun, mein Zug musste umgeleitet werden und fuhr über Magdeburg, was - Achtung, ich bin in Geographie eine Null - , ein arger Umweg sein muss, quasi Zickzack gefahren oder so. Ich bin genervt, schreibe dem schönsten Mann schon genervte SMS, in denen ich ihn anraunze. Nun ja, morgen ist ein neuer Tag. Nur dass ich morgen sehr früh aufstehen wollte, um zu einer Veranstaltung zu gehen, aber jetzt werde ich völlig abgenervt, völlig verspätet, mit bösen Worten im Mund einschlafen, und sicherlich schlecht gelaunt morgen aufwachen und mich erst einmal mit dem schönsten Mann der Welt versöhnen müssen. Ich hasse diese Deutsche Bahn, ich hasse hasse hasse sie! Und das schönste ist, jetzt soll ich auch noch einen Bogen ausfüllen, um einen Gutschein zu erhalten. Und der ist einfach nur nervig auszufüllen. Ich hasse sich Deutsche Bahn, ich hasse hasse hasse dich!

In Berlin

Ja, ich bin gerade in Berlin. Es ist schön in Berlin und ich freue mich wie immer, hier zu sein, nur diesmal fühle ich mich gar nicht mehr so heimatlich in Big B wie früher. Ständig denke ich an den schönsten Mann der Welt, der zuhause in Frankfurt geblieben ist, in unserer gemeinsamen Wohnung, den ich total vermisse, hier haben oder mit ihm in Frankfurt sein möchte. Im Sommer will ich noch einmal hierher kommen, mit ihm, mit dem schönsten Mann der Welt, mit dem tollsten Mann der Welt. Mit ihm in der Wülischstraße shoppen gehen, in die kleinen Lädchen, Second-Hand und Design, ein Bio-Eis schlecken, im Cup Cake Kuchen essen, in das Kino INTIMES gehen, bulgarisch essen bei pliMARIA. Oder durch die Bergmannstraße laufen, im KNOFI sitzen und orientalische Antipasti futtern, coole Klamotten kaufen, abends auf der Admiralsbrücke sitzen und Bier trinken, wie gestern abend dort FUNKY Music aus Recordern hören, oder einmal in die Möbel Olfe gehen, ins SO 36... Oder im Volkspark sitzen oder in der Hasenheide, in den teuren Läden an den Hackeschen Märkten vorbeischauen, im Alexa oder sonst einem Riesen-Einkauszentrum bummeln, eine Fahrt durch Berlin mit dem 100er oder 200er Bus, auf die Museumsinsel usw.
Oder wie heute ins Haus der Kulturen der Welt gehen und Fußball schauen. Er fehlt mir. Trotzdem kann ich Berlin genießen, bei diesem wundervollen Wetter und mit dieser wunderbaren Gastgeberin, mit den Freunden, die ich hier treffe, aber schöner wäre alles mit ihm! Ich will nicht jammern, das Leben ist schön und gleich gehen wir irgendwo gechillt frühstücken und beim nächsten Berlin-Besuch ist der wundervollste Mann der Welt auch dabei!

Mittwoch, 16. Juni 2010

"Hallo! Macht es Sinn, sich mit dem Gedanken zu beschäftigen, Dich nachher besuchen zu kommen?"
Diesen Anfangs-Satz hörte ich letztens im Zug, als ich von Darmstadt nach Frankfurt gefahren bin. Ich weiß gar nicht, was mich daran besonders erschreckt hat. What the Fuck, dachte ich, what the Fuck! Es war der Typ Informatiker-Nerd, leicht adipös, mit hässlicher Brille, unschönem Rucksack, schwarz gekleidet, besonders abartige Schuhe - das ist ja verboten für Informatiker, also, schöne Schuhe zu kaufen. Und das Gespräch ging in einem so fort. Was war das denn? Allein der erste Satz! Die Ausdrucksweise. What the Fuck! Ich kriege mich seit zwei Wochen nicht mehr ein deswegen.

Samstag, 12. Juni 2010

Goldene Leslie 2010

Gestern abend war ich dann bei der Jurysitzung zur Goldenen Leslie 2010 in Mainz, ja, das zum Thema: "Was der Mann so alles treibt", ja, ja, vergleicht mich ruhig mit Doris Day in diesem Film. ;-) Mitglied dieser Jury zu sein, bedeutet, dass ich im März und April sechs oder sieben Jugendbücher lesen muss, ein bis zwei davon für die nächste Runde vorzuschlagen habe, um dann in dieser zweiten Runde sechs bis zehn Bücher im Mai und Juni zu lesen, je nachdem wie viele Bücher von den anderen Juroren vorgeschlagen wurden. In der Jurysitzung versucht man dann aus dieser Auswahl welche auszusortieren, damit die Jugendlichen-Jury (zwischen 12 und 17 Jahre alt) nur noch vier oder fünf Bücher lesen muss. Es geht in diesem Jugendbuchpreis um Leselust und Leseförderung (in Rheinland-Pfalz). Mehr dazu kann man hier erfahren: http://www.leselust-rlp.de/goldene-leslie.php. Ich finde, dass das eine tolle Sache ist. Ich bin nun das dritte Jahr dabei und freue mich immer wieder, dabei zu sein, denn es macht richtig Spaß. Also, nicht immer das Lesen, gerade in der ersten Runde ist sehr oft großer Schrott dabei, und auch in der zweiten Runde gibt es gelegentlich Bücher, die ich nicht zu Ende lesen kann, weil ich sie grauselig finde, aber das eine oder andere finde ich so richtig gut. Nein, vielmehr gefällt mir, dass man bei der Preisverleihung neben der Autorin/ dem Autoren auch einige der Jugendlichen aus der Jury kennenlernt. Vor zwei Jahren haben mich diese vor allem deswegen überrascht, weil sie nicht nur ein echt schwieriges, literarisch anspruchsvolles Buch ausgewählt haben, sondern vor allem, dass sie die Fragen der Moderatorin der Veranstaltung so clever beantwortet haben. Dieses Jahr ist wieder etwas Witziges passiert, was mit Gabi Kreslehner zu tun hat. Denn, ihr ahnt es schon, wer bekam ein Buch von ihr in der ersten Runde? Ich! ;-) Gut an der Sache ist, dass ich bei der zweiten Runde nicht viel dazu sagen musste, weil es als erstes Buch für das "Finale" nominiert wurde. Ich möchte gar nicht zu viel verraten, weil schlaue Jugendliche die fünf Bücher, die wir ihnen vorgeschlagen haben, ja googlen und dann auch meinen Blog finden können, von dem sie beeinflusst werden könnten. Deswegen nenne ich nur die Bücher, ab September kann ich dann hier an dieser Stelle meine Meinung äußern. Es ist so: bis zum 15.6. können die Jugendlichen sich noch für die Jury bewerben, bis September entscheiden. Und im November erzähle ich dann hier von der Preisverleihung. Die Bücher in der Endrunde:
1. Gabi Kreslehner: Charlottes Traum
2. Mirjam Pressler: Nathan und seine Kinder
3. Beate Teresa Hanika: Rotkäppchen muss weinen
4. Daniel Höra: Gedisst
5. Tanya A. Wegberg: Memory Error

Mittwoch, 9. Juni 2010

Autorenschaft...

In der Literaturwissenschaft heißt es stets, dass man den Erzähler (die Hauptfigur) in einem Roman nicht mit dem Autoren verwechseln darf. Ersterer äußert eventuell extreme Ansichten, die vielleicht nicht zu billigen sind, die Letzterer in dieser Form vielleicht nicht einmal im Ansatz denkt, doch sie sind für das Konstrukt "Hauptfigur" wichtig bzw. für die Erzählung. So ähnlich ist das mit "Schmerzwach" auch. Natürlich ist diese Figur "Schmerzwach" nicht mit Jannis identisch. Manchmal nimmt sie Anleihen, ja, natürlich gibt es "den schönsten Mann der Welt" tatsächlich, und er ist wahrlich der schönste Mann der Welt, aber viele Dinge sind dazuerfunden, von anderen erzählt worden, oder manchmal sind sie eins zu eins so geschehen, doch in ganz fernen Zeiten, die nicht mehr relevant sind, weil sie vorbei sind. Manchmal verschwimmen Realität und Fiktion so ineinander, dass nicht mal enge Freunde wissen, ob die Geschichte wahr oder falsch ist, nicht mal der Autor selbst ist sich so ganz sicher. Aber das ist nicht so wichtig. Es hätte so passieren können, und sowieso ist dieses Spiel "Realität - Fiktion" das spannende an diesem Blog. Von Anfang an war das die Vision - alles verschwimmen zu lassen, auch einmal aufzuschneiden, Lügen zu erzählen, Dinge aufzubauschen, zu träumen, zu spinnen. Ich übertreibe gerne - das merkt man diesem Blog gelegentlich an. Ich motze gerne - auch das. Ich netzwerke viel - ohja! :-) Ich bin gläsern - naja, vielleicht manchmal nicht ganz so, wie ihr denkt. ;-)

Der ABK und die Integrationisten

Natürlich bin ich auch deswegen ein beliebter Diskussionspartner des ABK, weil ich in einem speziellen Bereich arbeite... Genauer möchte ich es ja auch nicht äußern, weil es ja jetzt nicht um mich geht, sondern um den ABK und dessen Ansichten. Nur zur Erklärung, warum sie sich so gerne bei mir auskotzen, wenn die Mitglieder vom ABK abends nach der Arbeit noch telefonieren wollen. Wie man leicht erraten kann, arbeiten die Leute vom ABK im sozialen Bereich und möchten dementsprechend die Welt verändern. Allesamt arbeiten vor allem mit Menschen, die eine Migrationsbiographie bzw. einen Migrationshinweis haben, wie es ganz modern heißt. Mit Sozialarbeitern zu tun zu haben, sagen sie, ist schon scheißanstrengend an sich. Problem: es muss Vorbesprechungen zu Vorbesprechungen geben. Bevor ein Flyer gestaltet werden kann, muss man fünf Vorbereitungstreffen einberufen, um zu überlegen, was drauf soll, welche Zielgruppe, welcher Termin, welcher Ort etc... Das an sich ist ja schon schlimm genug, aber dann auch noch die Ausdrucksweise. Das Wort "Bedarf" kann der ABK genauso wenig hören, wie dies und das zu eruieren, evaluieren, Maßnahmen durchführen. Sie hassen die Wörter: Integration, Migranten, Arbeitsverwaltung, Wirkungsanalyse, Projektmanagement, Planungstreffen. Sie möchten nicht ständig über unnützes Zeug reflektieren, über "Begrifflichkeiten" debattieren, Konzepte erstellen. Ja, sie reden gerne, aber nur wenn es einen konkreten Zweck hat. Das alles ist schon schlimm genug, aber dann kommen noch diese ganzen Integrationisten in diesem Bereich, diese Weltverbesser, diese Träumer, die sich kaputt-diskutieren, die am liebsten Ringelpietz mit Anfassen machen wollen, die wahrscheinlich alle keine Frau bzw. keinen Mann haben, und sonst auch keine Hobbies. Mit denen verplembert man dann unnütze Stunden auf irgendwelchen Netzwerktreffen, plant dies und das, diskutiert sich den Mund fusselig und am Ende hat man keinem einzigen Menschen aus seiner Zielgruppe geholfen. Was soll das alles? beschwert sich der Vorstand des ABK. Da sitzen dann irgendwelche Pseudo-Experten drin, diskutieren darüber, ob man die Wärter "Mischlingskind", "Schwarzer", "Mulatte", "Schlitzi" oder "Ausländer" benutzen darf, und die "Betroffenen" selbst interessiert es einen Scheiß, manchmal nennen sie sich selbst genau so wie sie nicht von anderen genannt werden sollen. So what? Wichtiges Thema. Yes. Aber die Diskutanten sind so dämliche Sozis, sagt er, die lebensfern sind, und noch schlimmer Klugscheißer - das macht sie dann betroffen und dann müssen sie jedem erzählen, wie wichtig Toleranz ist. Und wieviele Leute haben sie durch dieses Geschwätz einen Job besorgt? Wie viele Leute wurden durch diese dumme Gelaber weniger diskriminiert? Und nach den Gesprächen muss man noch mal mit seinen Kollegen darüber reflektieren, "ich brauch das!" sagen die, sagt der ABK voll genervt. Wozu? Vielleicht sollten diese Leute weniger in sich investieren, sondern mehr in diese Leute, denen sie helfen wollen. Was den ABK belastet: dass diese Leute spaßbefreit zu sein scheinen. Man darf keine Witze machen, niemals flapsig sein, niemals etwas auflockern, denn das Thema "Benachteiligung" ist ja ein ernsthaftes Thema. Aber die "Migranten" würden sich kaputtlachen, wenn sie mit drin sitzen würden, sie würden gar nicht wissen, worüber diese Sozialarbeiter reden. Übrigens habe ich vergessen zu "genderisieren" - ich muss wohl ein Frauenfeind sein! Der ABK lacht sich bestimmt scheckig, wenn er diesen Satz liest.

Dienstag, 8. Juni 2010

Für John...


Kann, darf nicht schlafen


Eine Stimmung - zum Gedichte verfassen
das Gefühl, daß alles um einen herum zusammenbricht
dreht sich die Welt noch richtig?
Es ist Nacht, und genauso dunkel in meiner Seele
Ich kann jetzt nicht schlafen, ich darf nicht
im Schlaf kommen furchtbare Nachtschimären auf
Eine Angst, die einen überwältigt
Du findest deinen Frieden nicht
Das Leben liebt dich nicht mehr
Unverstanden
Frustrationen, Depressionen - warum?
An einem Abend- alles geht kaputt
Du freutest dich über dein Leben- wann?
Alles ist so traurig, so schwarz und grau
Bin so allein, will jetzt reden- mit wem?
Wo bist Du? Ich brauche Dich- ja
Warum?

Keine Ruhe um mich herum, obwohl so still
Freude? Vielleicht gibt es irgendwo ein Glück
Ich kenne es nicht und selbst wenn-
in so einer Nacht gibt es nichts mehr davon,
alles ist traurig, deprimierend, schlecht
Wann kommt eine schönere Zeit denn?
Langeweile- nein, das ist es nicht
Unmut- Wut- Mißtrauen- Unlust?
Das Wissen, daß es nicht so läuft, wie man will!
Und die anderen? Wo sind sie-
wo ist er, sie, es, wir, ihr, sie?
Bin doch so allein- nein, so darf ich nicht schlafen-
kann es auch nicht.
Sitze auf meinem Bett
Was soll ich tun? Vieles geht durch meinen Kopf-
nein, damit kann ich nicht allein sein

Verschwendung-
Gedanken, die sinnloserweise gedacht werden
Ansichten- verschiedene, sich entgegensetzende
Unverständnis, das auseinandertreibt
jeden und alles
negative Empfindungen, die einem durch den Körper schießen,
wie Pfeile, von einem Bogen verschossen
Wo-
Wo bist Du? Wo ist was? Wo ist die Rettung?
Wo ist alles? Und wo ist nichts? Und vorallem was?
Ich weiß es nicht-

in dieser Nacht, in der ich nicht schlafen kann, nicht schlafen darf
weil ich so allein bin und unglücklich
ein Zustand-
der vielleicht vergeht, nach dieser Nacht
Vielleicht, aber vielleicht auch nicht?
Ein glücklicher Streif am Horizont- wo?
viele Fragen- keine Antworten
Doch werden sie überhaupt jemals beantwortet werden- wie?
Verwirrt- und wieso? Das Leben ist so
kalt und unfair- unberechenbar- unglücklich?
Nein, es müßte aber nicht so sein
Und doch- für mich ist es so
Vor allem in dieser Nacht- nicht schlafen
weder können, noch dürfen, oder wollen

verstanden werden wollen
Illusionen- Täuschungen- warum nur?
Mache ich etwas falsch?
Unglück, und alles so monoton, oder falsch
Bin so negativ, passiv, unentschlossen
Viel Lärm um nichts- Nichts?
Müde- und doch so leer
Kein Widerspruch? Stimmt, müde und doch-
Kann nicht schlafen, jetzt nicht, darf nicht
Verschwendung meiner Kräfte
die Gedanken- meine- gehen in die falsche Richtung
ins nirgendwo- wohin? weiß nicht
sinnlose Fragen, wirklich
und ich sitze auf meinem Bett- unglücklich
es gibt nichts zu wissen, eigentlich
aber das einzusehen- zu Fühlen
Die Gefühle- meine- sind ja auch so negativ

Mein Selbstbewußtsein- suche es für mich

und gib es mir dann
Wo bist Du, der es mir sucht
Ich kann doch was! Aufmuntern?
Aber ich bin ja so allein, und kann, und darf,
und soll nicht schlafen
Meine Stimmung- auf dem Nullpunkt
die Liebe, die fehlt
Uninteressant- unbewußt
andere sind noch schlechter drauf- Selbstmord-
aber kann mich das aufmuntern?
in dieser Nacht, in dieser Laune,
in dieser Nacht, in der ich nicht schlafen kann
jetzt- zumindest nicht
Worte: können sie Gefühle widerspiegeln?
Eine Welt bricht vor mir zusammen
denn man wird im Stich gelassen
Andere sind glücklich! Ja? Andere nicht
Ich vorallem- ich nicht.

Depressionen- Überlegungen- Zweifel

Nein. wirklich: was sagen mir diese Worte?
Und was Dir? Was bringt das alles?
Das frage ich mich. Immer. Worthülsen?
Aber es ist viel mehr- sehr viel mehr!
Einsam sein, alleine
ich wiederhole mich: meine Gedanken drehen sich in einem
unaufhörlichen Kreislauf

Egal- so ist das in solchen Nächten!
Das Gehirn zerstückelt, deprimierend
Wo die Aufmunterung? Gibs auf
In so einer Nacht- man will sich gar nicht besser fühlen-
In Selbstmitleid zefließen- ja!
Und doch: ein Dialog wäre nicht schlecht
mit wem? Mit Dir? Wenn Du mich verstehst
Aber Du! Du bist ja nicht da! Wo bist Du denn?
Den Frieden zu finden- unmöglich
Du kennst das alles schon, vielleicht
Aber ich fühle es- in dieser Nacht
und ich kann nicht schlafen, darf es ja auch nicht.
Wollte es auch nicht, bis jetzt, bis alles nicht mehr ganz so grau,
ganz so schwarz und dunkel ist,
Ohne miese Laune, ohne deprimierende Analyse und Zerstückelung der Gedanken,
die sowieso nicht gedacht werden sollten, denn sie zermartern ja sowieso nur das Hirn und nicht nur das, sondern auch das Herz und Alles, wirklich alles, und man weiß ja nicht mehr weiter, nein, fühlt sich schlecht
das sind nicht nur Gedanken, sondern Empfindungen
Gefühle- unberechenbare, traurige
es könnte einfacher sein- aber ich weiß nicht wie
vorallem NICHT in dieser Nacht, in der ich alles so schwer nehme,
vielleicht schwer nehmen will
keine Freude fühle, leide, unglücklich bin, und depressiv, gefrustet, bedauernswert
Bedauernswert dies bedauernswert bedauernswerte Stimmung, die es verdient hat, bedauert zu werden
So ist das Leben?
Nach meiner Ansicht- subjektiv.

ja, in dieser Nacht auf jeden Fall

ein Gedicht zu verfassen in dieser Nacht,
weil ich nämlich nicht reden kann mit irgendjemand-
denn ich sitze allein auf dem Bett
und bemitleide mich selbst
Verdient- Unverdient- Fragezeichen
Einsamsein- nicht schon wieder?
Aber es ist so!
Immer der gleiche Frust, und keine Hilfe
Wein doch nicht- nein, nein
Ich will nur nicht schlafen, kann nicht, noch nicht
Viele nutzlose Worte? Nein
Mehr Kraft- bräuchte ich, habe ich nicht, nein heute, in dieser Nacht nicht.
Den Frust von der Seele schreiben
nützlich? für manchen, und für mich?
Das Gedicht nur nicht noch einmal durchlesen
Wurde im Stich gelassen, an diesem Abend
noch nicht erwähnt? Deswegen einsam!
Traurige Musik- in meinen Ohren, Kopf, Herz, Seele
und Gedanken, die umherschwirren
Die Zeit verrinnt- werde ich schlafen können?
Nachher, oder irgendwann- diese Nacht noch?
nie wieder schlafen? Schlafes Bruder
Nein, anderen geht es noch schlechter
und nur die, nur die bringen sich auch um
Ich nicht- ich kann nur noch nicht schlafen,
muß noch warten, bis ich soweit bin, und wirklich schlafen darf, und kann, will, soll.

Montag, 7. Juni 2010

Oh, Hamburg, eine Ode an dich, meine schöne Stadt!


Oh, mein liebes Hamburg, wieso lag ich noch nie in deinen Armen? Wieso durfte ich mich noch nicht an deiner schönen Elbe sonnen, im HBC im Sand liegen, leckere Cocktails oder ein bisschen Alsterwasser trinken? Wieso wusste ich nicht, dass ich solche Bilder wie diese in Hamburg sehen kann? Oh, liebes Hamburg, wie schön bist du!


Oh, Hamburg, wie liebe ich deine Elbe, wie liebe ich deine Boote und Schiffe! Wie sehr fühle ich mich wie im Urlaub, wenn ich da bin! Wie schön es ist, dich besuchen zu dürfen! Wie gerne wäre ich öfter bei dir, mein liebes Hamburg!


Klinkergebäude, oh, wie schön! Die Speicherstadt - ein Traum. Die Elbe - macht mich glücklich!
Oh, Hamburg, ich möchte nicht mehr weg von dir!


Elb-Florenz nennt man dich, oh liebes Hamburg. Völlig zurecht! Denn in dir finden sich noble Gebäude, wunderschöne Brunnen, viele hübsche Brücken, viele schöne Parks!

Oh, schönes Hamburg, in dem man so schön an der Alster sitzen kann, mitten in der City, in der man so schön einkaufen kann! Hier möchte ich sein, hier möchte ich immer wieder zurückkehren!

Freitag, 4. Juni 2010

Mal wieder im Zug...

Ja nun, ich sitze wieder im Zug, es ist immer so ein bisschen wie eine Odyssee, wenn man so lange fährt, vor allem vom Süden in den Norden, von Frankfurt nach Hamburg. Gespräche, die man mit Fremden führt, interessant hier die Konstellation, dass mein Nebensitzer und ich uns Wortgefechte mit den Frauen uns gegenüber geführt haben, eine davon meine Kollegin, über dieses Mann-Frau-Ding. Achja, darüber werden wir noch in zwanzig Jahren diskutieren und werden keinen Schritt weiter sein. Ich bin ja dagegen! Diese dämlichen Klischees und so. Völlig unnütz! Bin doch nicht Mario Barth! Außerdem machen wir nebenher Home Office, schicken Emails nach ganz Deutschland, facebooken, twittern, telefonieren mit Kolleginnen und Kollegen, alles ganz spannend. Globalisierung? Ach ja, ach ja. Ihr wisst ja, wie es ist. Und was mache ich in Hamburg? Arbeiten. Auch schön... Hier im Abteil hören wir sämtliche Dialekte Deutschlands, alle Bevölkerungsschichten sieht man hier. Fußball-Mannschaften unterwegs, Hartzv IV-Empfänger, eine Frauengruppe auf Wanderschaft, Senioren, Kinder, Geschäftsfrauen, Touris... Alles ganz spannend. Und alles hautnah. Und diesmal ohne Verspätung... obwohl man das ja bei mir vermutlich erwartet (siehe Eintrag im Mai). Die Sonne scheint - in Frankfurt. 25 Grad. Und in Hamburg? Scheiß drauf. Da wird es auch schön sein, hoffentlich. :-)

Donnerstag, 3. Juni 2010

Gentrifizierung?

Ich staunte nicht schlecht gestern Abend, der schönste Mann der Welt schaute genauso verwirrt. Es war in der Wielandstraße. Da, wo das Eiscafe Christina an der Ecke sein ach, so tolles Eis verkauft. Von Weitem sahen wir die Teelichter brennen, es waren acht Kerzen, ein Kreuz sahen wir auch. Wer wurde umgebracht, fragten wir uns spontan. Was ist da passiert? Näher gekommen, stellten wir fest, dass neben dem Kreuz ganz fett "Nordend" stand. Wie? wollten wir wissen. Das Nordend wurde umgebracht? Von wem? Und wieso haben wir das nicht mitgekriegt? Wir wohnen doch im Herzen des Nordends. Das Nordend ist also Opfer der Gentrifizierung geworden. Gentrifizierung? Ich schlage nach:
Die Gentrifizierung, so steht es im Internet, kommt von "Gentry" aus dem Englischen und heißt niederer Adel, umgangssprachlich auch "Yuppisierung" genannt. Im Nordend? Wie bitte? Im Nordend? Nun, zumindest soll Gentrifizierung einen sozialen Umstrukturierungsprozess eines Stadtteils beschreiben. Diejenigen, die die Kerzen aufgestellt haben, meinen nämlich, dass die Mieten angehoben werden, der Stadtteil unsinnig saniert wird, das Bild des Stadtteils sich total ändert usw. Keine Ahnung, was sie meinen. Ich weiß auch nicht, welche Menschen da vertrieben wurden. Das wäre ja dann Gentrifizierung. Im Nordend. Lustiger Stadtteil. Oh Nordend, dort, wo die Gräser wachsen und die Blumen blühen, wo man die Grünen wählt, oh Nordend, dass Jutta Ebeling, die Bürgermeisterin groß gemacht hat, oh Nordend, mit all deinen Hippies, deiner lustigen Gesamtschule mit den anstrengenden Eltern, mit dem Holzhausenschlösschen, dem Holzhausenpark, in dem sich keine jungen Mütter schämen, sich völlig zu entblöden. Nordend, was wird nur aus dir? Du wirst Opfer einer Gentrifizierung. Oder?

Dienstag, 1. Juni 2010

Seltsame Bekanntschaften

Wer häufig meinen Blog liest, hat ja schon die eine oder andere Geschichte gelesen, wie ich Leute kennenlerne, oder wie ich in absurde Situationen mit seltsamen Gestalten gerate. Ich ziehe solche Dinge magisch an...
Vor Jahren chattete ich mit einem jungen Mann, keine Ahnung mehr, wie der heißt, wo er herkommt, tut auch nichts zur Sache. Er flirtete mit mir und ich legte es wahrlich nicht darauf an, ihn kennenzulernen, ich fand einfach seine Geschichten so obszön und gleichzeitig faszinierend. Eines Abends chatten wir also, es geht hin und her, dann sagt er: "Warte mal ein paar Minuten, ich habe da jemanden auf dem Balkon liegen, ich habe ihn gefesselt und ein bisschen getreten. Jetzt muss ich ihn kurz noch einmal beschimpfen und kurz schlagen, dann komme ich wieder zurück zu dir."
Ich lernte ihn tatsächlich nie in der Realität kennen. Anders als F., der damals der beste Freund von N. war. Schon bei unserem Kennenlernen flirtete er wohl mit mir, ich merkte es jedoch nicht. Einen Tag später überlegte ich gerade ins Kino zu gehen, es war Harry Potter, irgendein Teil, da rief ich mich N. an, um mir zu sagen, dass F. gerne die Nummer von mir hätte. Mh, okay, sagte ich, aber versuche ihm mal schonend beizubringen, dass ich nicht an mehr interessiert bin. Jaja, erwiderte er. Ja, okay, ich hätte ihn nicht treffen sollen. Aber es ging ja glimpflich aus. Vorerst. Also, wir trafen uns zur Spätvorstellung von Harry Potter. Er ging wohl im Geiste eine Liste durch, die er abhakte. Ach, mag keine NicNacs, Minuspunkt, er mag Michelle Pfeiffer nicht, okay, wieder Minus, ach, er liest gerne Romane, ohje, er ist intellektuelle, oh Gott, er trägt gerne bunte Klamotten etc. Ich fand es amüsant. Wir trafen uns nie wieder alleine. Aber nach dem Kino überraschte uns N., der noch etwas mit uns trinken gehen wollte. Aber wohin? Nachts um halb zwei in Frankfurt. In den Stall, schlug N. vor. Ich schaute ihn erschüttert an. Da laufen Pornos, die man sich reinziehen kann, während man an seinem Bier nuckelt. Außerdem gibt es einen fiesen Darkroom, den ich am ersten Abend nicht näher beschauen wollte.
Doch das kam irgendwann einmal später. Mittlerweile hatten N., F. und ich mehrere Abende und sogar Wochenenden in Großstädten verbracht, waren Freunde. Als wir jedoch einmal neugierig in den Darkroom gingen, ganz vorsichtig, immer ganz nah beieinander, F. und ich, immer noch am Rand des Geschehens, fast am Türrahmen, kam er näher, schubberte sich an mich. Zuerst dachte ich, er mache das, um sich zu schützen, weil ihn nackte Haut anderer Männer und vor allem steife Penisse entgegen kamen. Was ja durchaus nachvollziehbar schien, mich ekelte es auch schon. Ich wollte raus. Aber in diesem Moment spürte ich seinen Mund zunächst an meinem Hals, er hauchte etwas, dann kam er meinem Mund näher, an diesem vorbei, Richtung Ohr, er flüsterte mir zu: Ich stehe auf dich! Ich stieß ihn empört ab, ging aus dem Darkroom raus. Als er wieder zu N. und mir kam, flüsterte ich ihm ins Ohr: Wir sind Freunde, das geht nicht!
Später kam eine SMS von ihm, dass ich ja Recht habe usw.
Ich bin nicht mehr mit ihm befreundet.