Sonntag, 31. Oktober 2010

Technik Sein oder Haben?

Eines wird der geneigte Leser/ die geneigte Leserin bereits jetzt wissen: Schmerzwach hat es nicht so sehr mit der Technik, auch nicht mit der Elektrik, alle diese praktischen Bereiche des Lebens muss leider der schönste Mann der Welt übernehmen, und macht das wirklich gut! Ja, vielen Dank, schönster Mann der Welt, und tut mir Leid, dass ICH nur "zwei linke Hände" habe, und das als Rechtshänder. Nun gut, so sieht es aus, und dementsprechend stehe ich auch auf Kreigsfuß mit PCs, Laptops, Druckern und Kopierern, leider! Doch um diesen Blog zu optimieren, um besser zurechtzukommen mit dem ganzen Social Network Dingsbums bin ich gezwungen, mir Tools zu suchen, die mir das Leben erleichtern und eine neue Raffinesse in die ganze Sache bringen. Ich möchte mir doch von der NEON nicht sagen lassen, dass ich einen niedrigen Online-IQ besitze, Gott bewahre, DAS möchte ich nicht. Also, was habe ich gelernt, lieber Herr Christoph Koch (VIELEN DANK!): In den letzten Posts habt ihr ja bereits Polaroid-Fotos bewundern dürfen. Nein, ich habe keine Polaroid-Kamera, ich kann jetzt digitale Fotos den Polaroid-Look geben: Danke an http://poladroid.net/! Apropos Fotos: Dank http://twitpic.com kann ich dort Fotos ablegen, die meine Twitter-Follower anschauen und kommentieren können. Zum Beispiel: http://twitpic.com/30hlg6. Apropos ablegen: Lange Jahre hatte ich Schwierigkeiten, die ganzen Seiten, die ich im Internet lesen wollte, zu speichern, über Lesezeichen und so, was echt nicht wirklich funktioniert, selbst wenn man es mal nicht vergisst, da nachzuschauen. Jetzt mit http://www.instapaper.com funktioniert das bequem und einfach. Doch, ich kann noch mehr, liebe Follower: Endlich kann ich diese ewig langen URLs kürzen, und das geht über http://bit.ly/. Sehr schön sehr schön! Zum Beispiel kommt man auf diesen Post, der die URL http://schmerzwach.blogspot.com/2010/10/technik-sein-oder-haben.html hat, mit der kurzen URL hin: http://bit.ly/96HFz2. Und was ich auch noch kann: einen Blätterkatalog herstellen, ja, die zwei Posts vor diesem hier kann man auch als schönen Fließtext mit Umschlagen lesen. Und zwar mit diesem Link: http://www.youblisher.com/p/63575-Uber-Universen/. Einfach draufdrücken, yeah!So, was habe ich noch alles gelernt? Mh. Dass man andere Blogs lesen muss, dort Kommentare hinterlassen, um seine Bekanntheit zu vergrößern, weiß doch jede/r, ist also kein großer Trick, genauso wenig die Bekanntheit des Blogs über Facebook und Twitter zu erhöhen, deswegen twittere ich hauptsächlich. ;-) Aber kennt ihr schon www.epidu.de? Dort kann man Manuskripte einstellen lassen, die dann beurteilt werden, um hinterher evtl. verlegt zu werden. Die Leser/innen können mitentscheiden. Wenn ihr Tipps habt, her damit, ich muss jeden Tag etwas Neues lernen. :-)

Über Universen - Teil 2 -

Später, als ich selbst beginne zu schreiben, so einfach drauflos, mit einem kleinen Plan im Kopf, dass die Handlung so und so sein soll, die Figuren die und die Charaktereigenschaft haben und das und das sagen sollen, merke ich plötzlich, dass die Figuren ein Eigenleben besitzen. Wie oft haben sich in meinen Geschichten Figuren mehr Raum erkämpft, haben ihre Rolle in der Erzählung zu einem Maximum vergrößern können, wie oft sind andere groß gedachte Figuren zusammengeschrumpft. Die Personen in meinen Geschichten wachsen mir regelmäßig ans Herz, sie sind wie Freunde, das geht dann auch so weit, dass ich sie nicht sterben oder nicht unglücklich leben lassen möchte. In manche meiner Figuren habe ich mich gar „verliebt“, wenn das überhaupt möglich ist. In den Anfängen meiner „Schreibarbeiten“ habe ich auf dem Blatt Papier das ausgelebt, was ich in der Realität nicht schaffen konnte, die erste Liebe, der erste Kuss, der erste Sex – alles das hatte ich zuerst in meinen Erzählungen. Schreiben als Therapie ist in dem Fall das erste Stichwort, es ist mir bewusst, und es ist sicherlich eine Antwort auf die Frage, warum Autoren schreiben – sie schreiben sich den Frust von der Seele, verarbeiten Wunden, läutern sich, finden im Geschriebenen eine Lösung, wie sie mit bestimmten Situationen umgehen sollen. Doch dieser Punkt ist damit nicht abgeschlossen, nein, erstens funktioniert dieses als Therapie Geschriebene als wundervolles Tagebuch, in dem man noch Jahre danach gerne blättert und darüber schmunzeln kann, welche Probleme einen einmal beschäftigt haben, zweitens sind diese „erfundenen“ Figuren wie alte Freunde, irgendwo in seinem Kopf in irgendwelche Gehirnwindungen versteckt gehalten, die plötzlich ans Tageslicht treten, und mit ihnen diese „erfundenen“ Geschichten, die genauso „wahr“ sind wie alle anderen Erinnerungen an das vergangene Leben.
Ich lese mir alte Texte von mir durch und plötzlich tun sich ganze Welten auf, nicht nur die Geschichten selbst, sondern auch die Zeit, in der ich das geschrieben habe, der Ort, die Menschen, die damals um mich herum waren, mir fällt ein, was ich zu der Zeit alles getrieben habe, wen ich mochte, wen ich liebte, mit wem ich gerade nicht sprach, weil wir Streit hatten, mir fallen Partys ein, Getratsche, das ich auf diesen hörte, alles alles alles, eine ganze Welt das, und dieses Eintauchen darin erfüllt mich, macht mich glücklich.
Ich lese viele Bücher, quer durch die ganze Weltgeschichte durch, ich habe Bücherlisten, die ich abarbeite, einerseits sind das Bücher, die ich rezensieren soll, andererseits sind es Bücher, die ich irgendwo aufschnappe, in einem Feuilleton vielleicht, von Gleichgesinnten, aber auch aus den Büchern selbst. Ich mag es, wenn Autoren andere Autoren zitieren, wenn sie fremde Texte als Querverbindung benutzen. Querverbindungen, die bei Büchern automatisch entstehen. Es ist doch so, dass einem beim Lesen plötzlich Bilder in den Sinn kommen, Erinnerungen an das eigene Leben, an Situationen, die man erlebte, an Orte, die man besuchte, an Sätze, die man anderswo hörte. Mich fasziniert, dass in bestimmten Phasen mir hintereinander Bücher in die Hände fallen, die thematisch, emotional oder auf sonst eine Weise zusammengehören, zumindest in meinem Kopf. Und wenn ich schreibe, habe ich die Vorstellung, dass jemand anders mein Werk in der Hand halten könnte, sich ihm dabei ganze Universen von Geschichten, Büchern, Filmen, Gehörtem, Erlebtem auftun, und meine Erzählung ein kleiner Teil davon ist. Aber ich möchte noch mehr, so sehr mich viele Romane, die ich lese, noch mehrere Tage lang beschäftigen, beeindrucken, beeinflussen, möchte ich das mit meinen Texten genauso erreichen.
Seit einigen Monaten blogge ich und dabei habe ich zwei schöne Erfahrungen gemacht: Zum Einen, dass sich Freunde per Email oder am Telefon meldeten, von sich erzählten, und sich dabei auf meine Worte bezogen, auf meine Formulierungen, sie übernahmen oder paraphrasierten, sie in ihr Leben mitnahmen. Zum Anderen, dass wildfremde Menschen mir hilfreiche Kommentare oder mehr oder weniger nette Emails schrieben, um mir etwas über die gelesenen Texte mitzuteilen.
In einem Posting in diesem Blog schrieb ich über Gabi Kreslehner, einer Bekannten von mir, deren Bücher ich sehr wegen ihres Tons mag. Ihr Buch „In meinem Spanienland“ hatte ich in der Bahn gelesen, plötzlich kamen mir Tränen, weil mich die Erzählung so berührte – das schrieb ich genauso in meinen Blog. Als ich Gabi Kreslehner das letzte Mal traf, erzählte sie mir davon, wie sie kürzlich im österreichischen Rundfunk interviewt wurde und die Moderatorin ihr plötzlich sagte, dass ein junger Mann bei ihrem Buch geweint habe, wie sie im Internet nachlesen könnte. Gabi Kreslehner kicherte nur und behielt für sich, dass sie diesen jungen Mann kennt. Solche kleinen Anekdoten gefallen mir, sie machen mir Spaß, sie machen mir Mut, sie erfreuen mich deshalb, weil ich gelesen werde, weil mit dem, was ich geschrieben habe, etwas gemacht wird. Meine beste Freundin schreibt mir regelmäßig Sonntagabends über ihre „Sonntagabend-Gefühle“ und bezieht sich auf einen meiner Blog-Einträge. Das Wort „Integrationist“, das ich im Blog erschuf, ist ein stehender Begriff bei uns auf der Arbeit geworden. Etwas, das ich geschrieben habe, ist ein Teil eines Universums eines anderen Menschen geworden. Ja, ich glaube, das ist der Grund, warum ich schreibe, aber warum auch Filme, Fotos, Musik oder Tanz meine Medien sein können, in die Universen anderer Menschen zu gelangen…

Samstag, 30. Oktober 2010

Über Universen - Teil 1 -

In meiner eigenen Passivität gefangen starrte ich gebannt auf diesen flimmernden Bildschirm, eine dämliche amerikanische Sitcom mit gewollt komischen Dialogen und künstlichem Gelächter im Hintergrund, lief, bildete eine Welt ab, mit der ich nichts zu tun hatte. Wir schrieben das Jahr 1988 oder 1989, wir hatten den ersten Kabelanschluss in unserer Straße, in unserem Friedhofsstraßen-Ghetto, einer merkwürdigen Variante von einem Ghetto: auf der einen Straßenseite die Mehrfamilienhäuser bewohnt von vielen Menschen mit Migrationshintergrund oder Deutschen aus der Unterschicht, auf der gegenüberliegenden Straßenseite Einfamilienhäuser mit Bewohnern aus der deutschen Mittelschicht. Stundenlang setzte ich mich vor den Fernseher, nachdem ich meine Hausaufgaben gemacht und auf der Straße mit meinen türkischen, armenischen und griechischen Freunden gespielt hatte, Fußball auf der Straße, ja, und die Warnung vor Autos, die unsere Straße passieren wollten, in verschiedenen Sprachen und Dialekten gerufen. Meine Eltern lasen in meiner Kindheit und Jugend keine Bücher, sie hatten mir auch niemals vorgelesen, nicht einmal Hörkassetten kannte ich. Mein Vater war ein Mann der Tat: nach seiner beschwerlichen Arbeit im Stahlwerk, verschwand er im Garten. Abends schaute er dann Fern, vielleicht trank er auch irgendwo ein Bier oder zwei. Meine Mutter blieb die Arbeit mit ihren vier Kindern und ebenso wenig Nerv, sich hinzusetzen und Buchstabenfolgen zu entziffern, beide hatten nur die Volksschule besucht. Ich weiß nicht, wieso ich diese Sendung mit der Familie mit afro-amerikanischem Hintergrund, er Frauenarzt, sie Anwältin, emanzipiert, und ungefähr fünf eigenen Kindern und später Kindeskindern und Adoptierten, überhaupt angeschaut habe. Im Nachhinein betrachtet reichlich spießig für mich, für den, der, zumindest von den deutschen Kindern in der Schule, mit Pippi Langstrumpf verglichen wurde, weil es meine Eltern nicht störte, wenn ich zwei Stunden zu spät nach Hause kam, irgendwo anders zum Essen war, der niemals Hausarrest oder Taschengeldentzug als Strafe zu erleiden hatte. In dieser Folge war eines der Kinder auf einer Party und hat dort über die Stränge geschlagen, zu viel Alkohol getrunken, plötzlich war dieses „Saufen“ Trend geworden, was den Eltern missfiel. Daraufhin spielten sie mit dem Kind, ich glaube, es war eines der Mädchen, Wetttrinken, bis es ihm schlecht wurde. Zu viel Alkohol – Übelkeit – schlechte Erinnerung daran, ergo kein Missbrauch desselben mehr, so die einfache Logik der Eltern. Schon fast ein Allgemeinplatz in amerikanischen Serien, in einer anderen amerikanischen Sitcom mit Unterschichts-Weißen, er LKW-Fahrer, sie Hausfrau, auch viele Kinder, sah ich den gleichen Plot nochmals.
2010. Buchmesse in Frankfurt. Ich laufe einen dieser überfüllten Gänge in Halle 3.1 oder 4.1 entlang, so viele Menschen sind da, so viele Bücher, ich muss aufpassen, dass ich nicht mit anderen Besuchern zusammenstoße, dass ich nicht die von jedem mitgeschleiften ZVAB-Taschen ans Bein geschmettert bekomme. Als ich aufschaue, sehe ich dieses orangene Drömer Knaur – Bücherregal, das vom Boden bis zur hohen Decke reicht, mit vielen bunten Taschenbuchausgaben darin, Belletristik, billige Kriminal- und „Frauen“-Romane, was, frage ich mich, würde passieren, wenn das Ding umkippt und auf mich drauf fällt? So viele Bücher, denke ich mir schlecht gelaunt, so viele verdammte Bücher, wer braucht die denn alle? Meine Laune verschlechtert sich zusehends, ja, auf den Nullpunkt fällt sie sogar, auf den Nullpunkt, den man von der Temperatur her nicht fühlen kann, ist es doch so schwül und drückend in diesen Hallen mit den Publikumsverlagen. So viele Bücher, ja, so viele Bücher! Wieso willst du auch noch deine Texte als Buch auf dieser Buchmesse sehen können? Wieso schreibst du denn Bücher? Es gibt doch genug davon, mehr als genug, so viele, dass dir davon schlecht werden kann – schlechte Erinnerung, negative Verbindungen im Kopf – kein Wunsch mehr, neue Bücher zu schreiben, so könnte man weiterdenken. Tu ich das?
Meinen Deutschlehrer Herrn H. fand ich doof, ich kann argumentieren und „beweisen“, dass er kein guter Deutschlehrer, überhaupt kein guter Pädagoge war. Letzteres dokumentierte sich beispielsweise darin, dass er immer die gleichen Jungs aus der Siebten zum Nachsitzen ausgerechnet zu den Zwölfern in Darstellende Geometrie bestellte, was dann zu einem Event wurde und den Strafcharakter gänzlich verlor. Jeden Donnerstagvormittag machten die Jungs nun Blödsinn, um Donnerstagnachmittags in Geometrie gemeinsames Spiel mit den Zwölfern beim Ärgern ihres Lehrers zu machen, was nicht nur daran lag, dass die Jüngeren den Älteren Chips und Süßigkeiten zum Knabbern mitbrachten. Ersteres zeigte sich mir darin, dass er merkwürdige Kommentare bei meinen Interpretationen anbrachte, nach dem Motto „Ich glaube nicht, dass der Autor das gemeint hatte“, als wüsste Herr H. was der Autor oder der Text an sich gemeint hatte, als hätte Herr H. die Rechte der Deutungshoheit, und als müsste er nicht vor allem meine Argumentation und wie ich formuliert habe korrigieren. Doch eine Sache nahm ich aus diesen Schuljahren bei ihm mit: das Lesen! Wobei ich im Nachhinein überlege, ob ich ihm diesen Erfolg, mich zum Lesen gebracht zu haben, anrechnen kann, oder nicht doch eher den Büchern oder den Autoren selbst. Schließlich war es die Kraft des Romans „Das Feuerschiff“ von Siegfried Lenz, das mich zuerst noch langweilte, dann immer mehr in den Bann zog, so dass ich es nicht mehr weglegen konnte. Doch nach dem Lesen war dieser Zauber nicht vorbei, nein, er wurde verlängert durch die stetige Beschäftigung mit dem Buch im Deutschunterricht. Plötzlich überkam mich das Gefühl, wie großartig Sprache ist, was sie alles kann, ohne dass es einem oft bewusst wird. Und dass der Autor oder die Autorin eine große Macht hat, die Macht nämlich, uns in eine Geschichte hineinzuziehen, sich einen spannenden Plot zu überlegen, Figuren Worte in den Mund zu legen, ihren Charakter zu zeichnen, ja, sie sogar leben zu lassen.

Freitag, 29. Oktober 2010

Wahrheit oder Ironie

Im Studium besuchte ich das Seminar "Alltägliches Erzählen", meine Professorin behauptete, das jeder Mensch 15 - 20 Geschichten auf Lager hat, die er für interessant befindet, und die er bei jedem Kennenlernen (vielleicht in unterschiedlicher Reihenfolge) erzählt. Eine meiner Geschichten könnte sein:

In der Schulzeit hatte ich mit Andrea immer Donnerstag in der fünften Stunde eine gemeinsame Freistunde. Eines Tages sagte ich zu ihr: "Hey, Andrea, alle Jungs aus der Stufe stehen auf dich." Sie lachte ungläubig und erwiderte: "Ach, als ob ich dir glauben könnte. Du erzählst doch die ganze Zeit nur ironische Sachen und so." Ich war tief getroffen, weil ich immer alles ernst meinte, was ich dachte. Zumindest kam es mir vor. Auch hatte ich nie von dieser Theorie gehört, dass jeder Mensch 200 Mal am Tag lügen soll. Da! Da ist die Fallgrube der Sprache: um einer Person nicht vor den Kopf zu stoßen, muss man entweder die Wahrheit geschickt verschleiern oder gleich ganz - aber trotzdem subtil - lügen. Lüge, Heuchelei, Schmeichelei, Ironie, Zynismus, Sarkasmus und dergleichen sind so nahe beisammen, dass man sehr aufmerksam sein muß, wenn man sie auseinanderhalten will. Nach dem Gespräch mit Andrea K. hatte ich eine Idee: Am nächsten Tag kam ich mit einem Schild in die Schule. Auf der einen Seite stand IRONIE, auf der anderen Seite WAHRHEIT. Ein nettes Experiment, das ich bald abbrechen musste, weil ich die Sinnlosigkeit dessen zu deutlich empfand. Wie oft laviert man sich mit Ironie und nicht ernstgemeinter Schmeichelei durch den Tag, um Krisen und Streitigkeiten zu vermeiden, bei der Empfindlichkeit der meisten Menschen kommt man da gar nicht drum herum, so ehrlich und wahrhaftig man sein möchte. Ich ertappte mich also ständig dabei, wie ich die anderen aber auch mich selbst belog. 

Nun, in diesem Seminar "Alltägliches Erzählen" machte ich meine Abschlussprüfung in Interkultureller Erziehung - Bereich Sprachwissenschaft. Dazu musste ich zuerst ein Interview in einer "fremden" Sprache mit dem Thema: Erzähl mir eine "alltägliche" Geschichte führen. Ich fragte die Schwester eines griechisch-stämmigen Freundes. Das Transkribieren war ein Drama: Sie hatte so schnell Griechisch geredet, dass ich kaum mitkam, dann musste ich es eins zu eins übersetzen und dann sinngemäß. Ich glaube, das Fünfminuten-Interview brauchte 30 Seiten Platz...

Donnerstag, 28. Oktober 2010

Brauche ich immer eine Überschrift...

... und muss ich immer ein Thema haben? Ach, sonst bin ich ja so strukturiert und überlege mir etwas, heute aber, heute aber ist alles anders, buntisch und innovativisch, heute ist alles anders, weil heute... Warum eigentlich heute? Vielleicht weil ich mich ausgepowert fühle? Und warum das? An der wunderbaren Milla Jovovich liegt es nicht. Frage: Gibt es bereits einen Milla Jovovich-Fanklub in Frankfurt? Würden der schönste Mann und ich gerne gründen, denn gestern, ach nein, vorgestern Abend, ihr wisst ja: Dienstag ist Kinotag (und zahlt für 3D trotzdem fast so viel wie für ein Konzert), ja, 3D lieben wir, vor allem solche Action-Reißer wie "Resident Evil", ai, da kommen einem Messer entgegengeflogen, Schwerter, Panzer, merkwürdige Monster mit Beilen... Grandios! Vielleicht liegt es eher an zwei Tagungen diese Woche mit Integrationisten, die mich immer wieder wahnsinnig machen können, mit ihrem dummen Gelaber und ihrem Gut-Mensch-Sein. Interessantes Phänomen übrigens: Die Menschen, die Entscheidungsträger sind, auch in diesem Bereich, sind Urdeutsche, was noch nicht so schlimm ist, bedauerlicher ist, dass sie dumm und hässlich sind, man könnte fast bezweifeln, dass sie, inkompetent wie sie erscheinen, das Abitur geschafft haben (müssen sie wohl, oder?) - und dann reden sie von "diesen Menschen mit Migrationshintergrund, die manchmal sogar Abitur gemacht und studiert haben, jaja, das gibts auch!" (?) Vielleicht bin ich auch kaputt, weil ich auf einem Grünen-Stammtisch versucht habe, ins Gespräch zu kommen, aber nur mit strangen Menschen in Kontakt treten konnte, die Fotos von Lebkuchen-Packungen in Supermärkten machen, wie pervers, sagen sie, wo doch die Menschen in Afrika an Hunger sterben, so what? frage ich mich, ja, meint der Typ, das müsse man verbieten, da müsse die Regierung was machen... Oder vielleicht liegt es an Menschen, die mir damit das Leben "versüßen", Vorbesprechungen zu Vorbesprechungen zu veranstalten, dabei auch nur vier Punkte ansprechen möchten, aber nicht erwähnen, dass jeder dieser Punkte noch 17 Unterpunkte hat? Vielleicht liegt es daran, dass ich die Worte "Integration", "Migrationshintergrund", NIP und NAP usw. nicht mehr hören kann? Vielleicht liegt es auch daran, dass es mich so viel Kraft kostet, Verlage für meine Manuskripte zu finden, obwohl ich schon auf einem guten Wege bin? blablablablabla... dies und vieles mehr stand diese Woche auf der Programm - so, that is the end!

Sonntag, 24. Oktober 2010

Tour de Nordend - Teil 4 -

Es wird noch schlimmer. Neben mir sind ein paar Blumentöpfe. Gusseisen. Ich weiß nicht, welcher Teufel diese Dame reitet. Sie sieht schon leicht wahnsinnig aus. In ihren kaputten Strumpfhosen. In ihren löchrigen Schuhen. Mit ihrem verdreckten Mantel. Ihrem Stirnband. Ihren vielen Pullovern, die sie übereinander trägt. Ihrem Stock in der Hand. Der zielgenau auf die Blumentöpfe saust. Laute Geräusche. Meine Nerven! Kann die nicht weiterziehen?! Ich habe Angst um mich. Haut sie als nächstes mich? Wird sie mich kaputtschlagen? Mich treten? Hauen? Stechen?

Ich bin so glücklich, als sie weitergeht. Doch ich werde noch glücklicher. Denn zwei junge Männer bleiben stehen. Berühren mich. Die beiden sind stilvoll angezogen. Der eine trägt einen beigen Cord-Anzug. Mit einem hellblauen T-Shirt. Der andere trägt ein sehr schönes Hemd. Wie man es früher trug. Enge Hosen dazu. Beide Lederschuhe. Braun. Edel.

„Cool. Oder?“ sagt der eine von beiden, der andere bejaht. „Nehmen wir mit?“ – „Für das Wohnzimmer?“ – „Klar.“ – „Ja, super.“
Sie schleppen mich durch die Straßen. Nicht weit von meinem letzten Standort entfernt. Zum Glück nur ein Stockwerk nach oben. Sie stellen mich in das schön eingerichtete Zimmer. Hier stehen nur Oldies. Alte Lampen. Eine schöne Vitrine, nicht ganz so groß wie die bei der alten Frau. Ein Sofa, das alt aussieht, jedoch neu ist. Ein schöner Ledersessel. Flokati-Teppiche. Weiß. Ich fühle mich sofort wohl.

Und es bleibt so. Die beiden jungen Männer kümmern sich um mich. Kratzen das ganze Wachs weg. Behandeln mich mit Möbelpolitur. Lassen den Plattenspieler reparieren. Ich hatte die Hoffnung gar nicht mehr, dass das funktioniert. Als sie das erste Mal eine Platte spielen, Al Jarreau, bin ich überrascht. Und erfreut. Ihre ersten Gäste kommen. Staunen über mich. Fragen interessiert nach. Der Cord-Anzug-Mann lacht.


„Ja, ich hatte sie vor ein paar Monaten aus dem Auto heraus gesehen, diese wundervolle Musiktruhe. Aber wir hatten es eilig. Später, als wir wieder zurück kamen, war sie leider schon weg. Offensichtlich haben sie Nachbarn von uns mitgenommen. Doch letzte Woche haben diese sie herausgestellt und wir haben sie uns gleich geschnappt. Grandios. Diese Nordmende Isabella macht eine Runde durch das Nordend. Finde ich sehr lustig. Jeder im Frankfurter Nordend sollte sie mal für ein paar Monate haben.“

Die Gäste lachen. Und wenden sich anderen Themen zu. Ich mag sie. Sie reden über Bücher, trinken Rotwein aus wunderschönen Gläsern. Sie schreien nicht, sie lachen viel. Und sie spielen den ganzen Abend Musik auf mir.
Jeden Tag werde ich benutzt. Immer sitzt mindestens einer der beiden Männer im Wohnzimmer. Sie hören mal Radio, mal Platte. Sie hören gute Platten. Jazz. Motown. Klassik. Die alten Lampen schwärmen von ihren Besitzern. Ebenso das Sofa. Die Vasen. Die Tapete sagt immer, dass sie nur hier die Möglichkeit hat, zur Geltung zu kommen. Alle sind voll des Lobs und glücklich. 




Manchmal ist es mir aber unangenehm, wenn sie sich nackt ausziehen. Auf dem Sofa. Und dann wieder diese wilden Geräusche zu hören sind. Doch es ist in Ordnung. Sie schätzen mich. Also schätze ich sie.
Ich bin gespannt, wann ich wieder auf der Straße stehe. Und in welchen Raum ich dann gestellt werde. Auf meiner Tour durch das Nordend.

Tour de Nordend - Teil 3 -

Der Raum, in dem ich jetzt stehe, ist anders. Nicht so wie der davor. Er ist bunt. Die Wände sind rot und blau angemalt. Nicht wie diese feinen Tapeten mit gräulichem Muster. Das Zimmer ist vollgestellt. Mit Möbeln, die alle nicht zusammenpassen. Es ist nicht schön. Eine unsympathische grün schimmernde Kommode steht da. Ein weißes Regal, das nicht zu leben scheint. Ein gelber hässlicher Schrank. Drei Tische, in grün, rot und blau. Alle klein und unschön. Überall liegt Krimskrams herum. Aschenbecher. Zigaretten. Chips-Packungen. Schokolade. Lampen. Die Lampen sind so hässlich. Da ist so eine Flüssigkeit drin. Alles leuchtend. Bunt. Wirklich hässlich. Geschirr liegt herum. Nicht edel. Billig, wie alles in dieser Wohnung. Mich stößt das ab. Kein Stil. Ich bin wohl der einzig schöne Gegenstand in dem Zimmer. Das macht mich traurig.
Es passiert viel hier. Viele Menschen betreten den Raum. Viele verlassen ihn wieder. Man raucht. Man trinkt. Es stinkt. Man lacht. Man schreit. Man freut sich. Es ödet mich an. Man säuft. Man übergibt sich. Man versucht alles wieder sauber zu machen. Es stinkt.
Die beiden jungen Leute, das Paar, das mich mitnahm. Sie haben sich. Sie haben viele Freunde. Wenn die Freunde nicht da sind. Und sie trotzdem rauchen und saufen… Dann kann es schnell passieren, dass sie nackt sind. Sie liegen dann aufeinander. Die Kleider durch das ganze Zimmer geworfen. Sie schmatzen. Sie stöhnen. Sie schreien auf. Sie mehr als er. Das kann sehr lange so gehen. Je länger es geht, desto lauter wird es. So könnte man das sagen.
Ich mag diese Leute nicht. Sie beachten mich kaum. Sie reden immer wieder von mir. Wenn andere Leute da sind. Sie loben sich selbst. Dass sie das Auge haben. Dass sie wissen, was cool ist. Dass sie Stil haben.
Haben sie nicht. Ich bin ein Glückstreffer. Und was ich ihnen übel nehme: Dass sie mich nicht zu schätzen wissen. Diese jungen Leute. Sie wissen vieles nicht zu schätzen. Frische Luft zum Beispiel. Ruhe. Stil. Sie sind grob. Laut. Und ständig stellen sie hässliche Dinge auf mich drauf. Kaugummis. Kerzen. Das Wachs tropft heiß auf mich. Wird fest und eklig. Keiner macht ihn ab. Bald bin ich überall zugewachst. Ein ekelhaftes Gefühl. Pflanzen stellen sie auf mich drauf. Dann wieder auf einen der Tische. Dann wieder auf mich. Ein Hin und Her.


Dieser Rauch ist so schlimm. Ich habe Angst um mich. Und was das Schlimmste ist: Sie haben kein einziges Mal mein Radio gespielt. Sie haben sich nicht um den Plattenspieler gekümmert. Ich stehe in diesem Raum rum. Keiner pflegt mich. Verstaubt bin ich. Vollgewachst bin ich. Vollgeraucht. Vollgeekelt.


Die Tage vergehen wie Wochen, die Wochen wie Monate. Und die Monate wie Jahre. Als die beiden immer öfter von Umziehen reden, wittere ich meine Chance. Und genau. Bald schon werde ich erneut auf die Straße gestellt. Auf den Bürgersteig.

Ein paar Monate zuvor befand ich mich wenige Meter entfernt von hier und wartete. Wieder liefen einige merkwürdige Gestalten an mir vorbei. Begutachteten mich. Lachten mich an. Lachten mich aus. Wägten ab, diskutierten. Menschen stritten sich. Menschen liefen Händchenhaltend.
Plötzlich drängt sich ein Mann an mich. Ich spüre Feuchte. Was ist das denn? Aus seinem Körper läuft Flüssigkeit. Hier? Neben mir? An die Wand? Was ist denn da los? Kann das normal sein? Das ist nicht normal. Was ist das für ein Wesen? Ich bin eine edle Musiktruhe! Ich bin eine Nordmende Isabella 58 3D. Baujahr 1958. Mein Radiogerät ist super. Und wenn man den Plattenspieler endlich repariert, ist der erstrecht super. Der hat einen Plattenwechsler. In was für einer Welt leben wir denn?

Fortsetzung folgt... gleich...

Tour de Nordend - Teil 2 -


Jetzt stehe ich hier. Auf dem Bürgersteig. Ohne die alte Stehlampe. Mit ihrem weißen Schirm. Ohne den alten Nierentisch. Der schon immer in der Mitte des Raumes gestanden hatte. Ohne diesen grässlichen Schaukelstuhl. Der machte mich immer schwindelig, wenn jemand darauf saß. Und sich schaukeln ließ. Schwindelig. Auf der Straße ist es nicht überheizt. Ich befinde mich neben der Hauswand. Die Eingangstüre links. Es laufen Leute vorbei. Tätscheln mich. Öffnen die Schiebetüren. Schauen sich das Radio an. Was nichts bringt. Ich brauche Strom. Schauen sich den Plattenspieler an. Nicken anerkennend. Ein Mann mit Buckel: Früher war alles besser! Ein Mann mit Bierbauch antwortet: Ja, diese Musiktruhen sind toller als diese Stereo-Anlagen unserer Kinder. Und schöner als diese kleinen „Player“ unserer Enkel. Sie nehmen mich trotzdem nicht mit.
In den letzten Monaten sah ich nur wenige Menschen. Diese alte Frau. Und den Mann mit der Brille. Jetzt sehe ich viele Leute. Verschiedene Leute. Dicke und dünne, kleine und große, hübsche und hässliche. Die meisten laufen weiter. Ohne mich zu beachten. Mir bleibt nichts anderes als sie zu betrachten. Was soll ich sonst tun? Manche Menschen sind leise, manche laut. Gerade eben lief ein weibliches Wesen an mir vorbei. Sie schob etwas Merkwürdiges. Darin schrie etwas ganz schrecklich. Das fand ich unangenehm. Was das wohl war? Vorhin liefen kleine Menschen an mir vorbei. Die lärmten auch so sehr. Ich weiß nicht warum. Sie brüllten etwas. Es hörte sich ein wenig nach Musik an. Aber irgendwie auch nicht. Zuerst sagte der eine ganz laut so etwas wie „Sido“, was auch immer das sein soll. Danach verstand ich Gängsta. Auch das kenne ich nicht. „Ich bin kein Gängsta, kein Killa, ich bin kein Dieb, ich bin nur ein Junge von der Straße“. Auch Killa sagt mir nichts. Merkwürdig. Grölen da rum. Hauen sogar kurz auf mich ein, gleichzeitig.
Ja, diese Menschen sind merkwürdig. Ich schaue auf die andere Straßenseite. Da läuft ein Mensch mit einem Stock herum. Er benutzt ihn aber nicht zum Aufstützen. Er schlägt damit leicht auf den Boden. Immer zuerst nach links ziehend. Dann nach rechts. Immer wieder. Und wenn er ein Hindernis erkennt, schlägt er fester zu. Und läuft anders. Macht einen weiten Bogen um das Hindernis. Und schwankt leicht dabei. Verstehe ich nicht. Doch nach zehn Minuten kommt eine Frau. Die hat auch einen Stock. Und bewegt sich eigenartig voran. Auch sie benutzt den Stock auf wilde Weise.




Plötzlich setzt sich jemand auf mich drauf. Was soll das? frage ich mich. Und dann folgt schon der zweite Mensch, der mich offensichtlich als Stuhl benutzt. Ja, wissen die denn nicht… Sie schlecken beide ein Eis. Auf der anderen Straße ist ein Eiscafé. Es heißt Christina. Es ist seit Stunden stark frequentiert. Ich frage mich warum. „Schatz“, höre ich die eine Person sagen, „sollten wir nicht endlich zusammenziehen?“ Da erwidert die andere Person: „Fällt dir das ein, während du hier den Sperrmüll betrachtest?“ – „Ach, ja, glaubst du nicht auch, dass in unserer ersten gemeinsamen Wohnung so eine Musiktruhe stehen könnte?“ – „Du spinnst wohl! In unsere Wohnung kommt kein alter Kram!“ Die eine Person springt plötzlich von mir. Sagt offensichtlich hocherfreut: „Was? Wir ziehen also zusammen?“ – „Ja, irgendwann sicher.“ Auch sie springt auf, küsst ihn auf den Mund. Sie nimmt seine Hand und sie gehen weiter. Das muss Liebe sein, glaube ich. Ich kenne das nur von den Platten früher. Die Sängerinnen erzählten auch immer von Händchenhaltenden Menschenpärchen.
Ein anderes Pärchen läuft fünf Minuten später an mir vorbei. Das ist viel seltsamer. Sie bleiben stehen, neben mir. Der Mann schreit die Frau an: „Schlampe, dir geht es wohl zu gut!“ Sie antwortet: „Ey, Alter, machma halblang!“ Plötzlich klatscht es. Er hat sie geschlagen. Sie weint. Rennt davon, ganz schnell. Er hinterher. Das ist wohl das Gegenteil von Liebe? Ich weiß das nicht.
Das nächste Pärchen bleibt stehen. Aber nicht streitend. Sie schauen mich an, prüfen mich. In diesem Moment kommt der Mann mit der großen Brille heraus. „Ja“, sagt er, „das Radio geht einwandfrei, der Plattenspieler nicht mehr. Aber das könnte man leicht beheben. Sieht schön aus, das Teil, oder?“ – „Ja, sehr“, tönt es aus beiden Mündern. „Ob wir den geschleppt bekommen?“ fragt nun die Frau. Er antwortet ihr: „Na, klar, sind ja nur ein paar Häuser weiter.“ Nun mischt sich der Mann mit der Brille ein: „Ich kann euch helfen!“
Es ist wirklich nicht weit. Die drei Menschen schleppen mich an den beiden Häusern vorbei. Über die Straße. Dann noch einmal zwei Häuser. Der Dönerladen. Und gleich daneben ist der Hauseingang. Leider geht es einige Treppenstufen hoch. Auf der vierten Etage entgleite ich dem Mädchen aus ihren Händen. Doch die Männer verhindern, dass ich auf dem Boden aufkomme. Dann schaffen sie es endlich in die fünfte Etage. Puh! War ja für mich fast so anstrengend wie für die. Meine Nerven.

Fortsetzung folgt.... später...

Samstag, 23. Oktober 2010

Tour de Nordend - Teil 1 -

Musiktruhen haben keine Augen. Sagen die Menschen. Musiktruhen haben keine Ohren. Sagen die Menschen. Musiktruhen sind keine Lebewesen. Sagen sie. Sie können nicht denken. Nicht fühlen. Nicht bewerten. Nicht lieben. Nicht hassen. Sagen sie. Doch wieso nehme ich dann so vieles wahr? Wieso bewerte, liebe, hasse ich so vieles?
Musiktruhen sind nicht groß. Es gibt größere Möbel, höhere. Welche, die mehr her machen. Welche, die imposanter sind. Luxuriöser. Schöner. Doch ich bin wie ich bin. Ich bin praktisch. Auf meine Weise hübsch. Quadratisch, praktisch, gut. Sagen die Menschen. Zu einer Schokolade. Habe ich im Radio gehört. Aber die ist auch kein Lebewesen. Glaube ich.
Man hat mich „ausgesetzt“. Ach, nein! Das machen Menschen mit Hunden. Man hat mich auf den Bürgersteig gestellt. Morgen soll ich abgeholt werden. Sperrmüll. Sagen sie. Ich weiß nicht, was das bedeutet. Jahrelang stand ich woanders. In einer überheizten Wohnung. Immer stand ich an dem einen gleichen Ort. Neben mir eine alte Ledercouch. Vielleicht war sie ockerfarben, vielleicht orange. Ich kann es nicht sagen. Sehr abgenutzt war sie. Sehr beredt. Sie knirschte und knarzte am Ende. Die Menschen, die sich auf sie setzten, wurden ihr zu schwer. Manche legten sich drauf. Danach fühlte sich die Couch noch mieser. Am nächsten Tag. Gegen Ende legte sich die eine Person immer öfter auf sie. Ein Mann mit großer Brille. Er gehörte wohl zu der alten Frau. Ich bekam sie die letzte Zeit immer weniger zu sehen. Daneben eine Vitrine. Ich fand sie sehr schön. Sie war majestätisch. Hoch. Breit. Stark. Mit vielen Schubladen und Türen. In der Mitte waren sie gläsern, diese Türen. Sie ließen den Blick frei auf viele Gegenstände. Edle Gegenstände. Gegenstände, die nicht so praktisch waren wie ich. Kaffee-Services mit Blümchen darauf. Hübsche Sekt-Gläser. Wundervolle Likör-Gläser. Ich hätte es schön gefunden, wenn sie einen anderen Platz gehabt hätten. Auf mir. Ich liebe Schönheit.




Auch ich bin auf meine Weise schön. Ich bin eine Nordmende Isabella 58 3D. Baujahr 1958. Mein Radio ist voll funktionsfähig. Der Plattenspieler nur eine Zier. Leider kaputt. Dabei gefielen mir die Platten besser als die Musik im Radio. Mein Lautstärkeregler knackst im Ton beim Laut-Leise machen. Sagte der Mann mit der Brille. Meine Schiebetüren knarzen allerdings noch immer nicht. Ich bin gut erhalten. Sagt man. In gutem Zustand. Was auch immer. Der Mann mit der Brille zählte meine technischen Daten auf. Er wollte mich einem Freund verkaufen. Das klappte wohl nicht.
Trotz Rundfunkempfänger. Radio oder Tuner. Trotz: 9 Röhren. Prinzip Superhet allgemein. Anzahl Kreise 10 Kreis(e) AM, 13 FM-Kreis(e). Wellenbereiche Langwelle, Mittelwelle, Kurzwelle und UKW. Spezialitäten Plattenwechsler. Wechselstromspeisung 220 Volt. Ausgangsleistung 4 Lautsprecher / 12 W. Standgerät mit Drucktasten. Abmessungen (BHT) 1075 x 850 x 455 mm. Klangregister mit 6 Tasten. Phono-Chassis Dual 1004. Nostalgie pur. Sagte er.

Fortsetzung folgt... (morgen)

Freitag, 22. Oktober 2010

Berlin einmal gruselig...

Unser Hotel war irgendwo in der Pampa, Richtung Pankow oder so, wer weiß es schon. Lansberger Allee, Richtung Höhenschönhausen, oder so... Keine schöne Gegend, wahrlich nicht. Aber was wir da sahen, war etwas gruselig, obwohl es leider gar nicht so sehr rüberkommt auf diesen drei folgenden Bildern. Man muss sich das so vorstellen: eine Imbissbude, die ich nicht fotografieren durfte (ohne Kunden, dafür standen aber vier Leute, die dazugehörten, dabei), ein Stand mit Trödel, dernicht fotografiert werden sollte (auch ohne Kunden, mit ebenfalls drei bis vier Mitarbeitern). Kein Besucher weit und breit, dafür ein Kinderkarussell, ein Teil, bei dem man Stofftiere rausholen kann - nur ein paar fragwürdige Gestalten, die uns beide böse anschauen. Es liegt nache an einen der diversen Horrorfilme zu denken, die wir beide so gerne schauen. Klassisches Szenario. Hihihihihi, höre ich unheimliches Lachen im Hintergrund, hihihihi, sind sie in unsere Falle gegangen, dieser wunderhübsche Jüngling und der Typ, der Woody Allen ähnelt. Ich spüre wie sie sich die Hände reiben. Zum Glück ist es noch hell und die Haltestelle in der Nähe, sich ja nicht in der Nacht hier verirren, denke ich....






Peter Lindbergh im c/o in Berlin



Unsere geliebte Milla Jovovich, wir lieben sie nicht nur wegen ihrer wundervollen Filmrollen (Resident Evil), wegen ihrer wundervollen Musik (The Divine Comedy - ein Wahnsinns-Album!), sondern vor allem wegen ihrer Fotogenität, ja, fotografiert werden ist eine Kunst. Doch auch das Fotografieren ist eine hohe Kunst, vor allem, wenn man es wie Peter Lindbergh hier auf dem Foto schafft, schöne Fotos so aussehen zu lassen, als wären sie Schnappschüsse, und sie trotzdem kunstvoll erscheinen. Nein, Peter Lindbergh ist nicht "nur ein Modefotograf", er ist ein großer Künstler, ein Geschichtenerzähler, denn mit seinen Fotos lichtet er nicht nur schöne Frauen in schönen Gewändern ab, nein, er erzählt Geschichten in diesen Bildern.



Diesen wundervollen Fotografen würdigt nun das c/o in Berlin eine große Ausstellung, die wirklich spannend aufgebaut und zusammengesetzt ist.





Zur Ausstellung:

Peter Lindbergh . On Street
Photographs and Films . 1980 – 2010

25. September 2010 bis 09. Januar 2011

„What's so striking about black and white photography is how it really helps a sense of reality to come through.“ – Peter Lindbergh

Kraftvoll und fragil, gradlinig und verspielt, emanzipiert und sinnlich – Peter Lindberghs Fotografien sind weit mehr als künstliche, unterkühlte Modeaufnahmen. Hinter artifziellem Styling und Make-up
wird in seinen melancholischen, ungeschönten Bildern die Intimität und das Wesen der meist weiblichen Porträtierten sichtbar. Ob Sharon Stone, Madonna, Linda Evangelista, Tatjana Patitz, Naomi Campbell, Jeanne Moreau, Penélope Cruz, Catherine Deneuve oder Uma Thurman – einfühlsam und reduziert spürt Peter Lindbergh das Individuum hinter dem Starkult in all seiner Stärke und zugleich Zerbrechlichkeit auf.

C/O Berlin präsentiert mehr als 200 Bilder und Filme aus dem Gesamtwerk von Peter Lindbergh – von seinen Klassikern und Ikonen
der Modefotografie bis hin zu den Invasion-Bildern und der Berlin-Serie aus der Vogue von 2009. Die Ausstellung gibt zudem anhand bislang nie veröffentlichten Archiv-Polaroids sowie Filmdokumentationen Einblicke in die Arbeitsweise des Starfotografen.

(Quelle: http://www.co-berlin.info/programm/exhibitions/2010/peter-lindbergh.html)

Besonders spannend an dieser Ausstellung ist, dass sie aus drei Teilen besteht. Im ersten sind viele Berlin-Bilder zu finden, eine Stadt, die der Künstler seit zwanzig Jahren eingehend studiert und in all ihren Divergenzen und Verwerfungen einfängt. Außerdem werden zwei Serien erstmal ins Beziehung zueinander gesetzt: "On Street" and "Looking Art", in denen das Motto ist, dass Peter Lindbergh jeden Ort zum Studio werden lässt. Er greift dabei auch sehr auf die Ursprünge der Fotografie zurück. Im dritten Teil lässt man den berühmten Ausstellungsmacher Klaus Honnef eine Auswahl von fotografischen Ikonen treffen, mit denen Peter Lindbergh berühmt geworden ist. Klaus Honnef versuch auch den nicht so bekannten Fotos Raum zu geben. Sehr gelungen, wie ich finde.


Besonderns angetan war ich immer dann, wenn die wundervolle Veruschka von Peter Lindbergh abgelichtet wurde. (siehe oberes Bild) Veruschka - das erste Model aus Deutschland, und einfach eine coole Sau, wenn man das über eine Frau in den Siebzigern sagen darf.

Eine sehr gelungen Ausstellung, unbedingt sehenswert, wenn man die Chance erhält, nach Berlin zu kommen vor dem 9.1.11.

In mich gegangen

Dienstag, 19. Oktober 2010

In Berlin... Sightseeing und so...


Das sind alles Sehenswürdigkeiten in Berlin, ich weiß nicht, ob man es erkennen kann. Wir waren eine Woche in Berlin, der Herr Woody, also ich, und der schönste Mann der Welt, und wir haben DAS alles... NICHT gesehen. Denn... Sightseeing ist etwas für Touristen... Touristen sind wir aber NICHT. Was wir sind, weiß ich nicht, aber niemals Touristen, das entspricht nicht unserem Wesen... Wesen... Weserstraße...




Seit wann ist denn Neukölln plöt
zlich Trend, frage ich mich. Egal, wir probierten an einem Abend einen süßen kleinen Club aus, klein, habe ich gesagt, nur hätten sich das die 10000000 gefühlten anderen Gäste auch mal denken sollen und mindestens zur Hälfte gehen können, denn man konnte im Club "Fuchs und Elster" kaum stehen, geschweige denn tanzen (am Freitag Abend zu Bukovina Clubbing und Co.). Neukölln also. Gleich am nächsten Abend zog es uns erneut dorthin. Zu einem 30.Geburtstag.



Das sah dann herzhaft herzlich schön so aus! :-) Lustige Party, lustige Leute, alles lustig, wieso nur?

Meistens haben wir gegessen, sowieso, eine Woche lang,
richtig viel, richtig gut, richtig günstig nicht zu vergessen, und am liebsten Falafelschawarmahalloumi.



Nun, nicht sehr ansehnlich, aber na gut, man kennt mich ja, ESSENFASSENYEAH, yeah yeah yeah. Und der schönste Mann der Welt isst auch gerne, aber shoppen, ja, shoppen doch auch.



Der schönste Mann der Welt stellt gerade im YACKFOU sein neues Lieblings-T-Shirt her, da sind ganz viele Zähne drauf, und es ist weich, und grau, wie man sieht, und sehr schön.




Ich hingegen liebe den DUSSMANN, ja, ja, ständig Schleichwerbung hier, aber ich liebe dieses Kultur-Kaufhaus, ich kenne keinen Laden mit größerer Auswahl an CDs in verschiedenen Sparten (ja, auch Jazz und WELTMUSIK, yeah yeah yeah), DVDs, Bücher... Und ich liebe das rechte Album auf diesem Bild, auch wenn ich mich Dienstag nachmittags verliebt habe und nicht an einem Donnerstag Nachmittags. ;-) War wohl ein Insider. :-)



Natürlich haben wir auch liebe Freunde besucht, die aus allen Herren Länder oder Städte (?) nach Berlin geflüchtet sind, tze, aber Berlin ist toll, und irgendwie auch ganz nah mit dem ICE, DIE kriegen uns NICHT los! :-)

Fortsetzung folgt...

Polaroids aus Berlin



Montag, 18. Oktober 2010

Näher dran!

Es ist schon eine Weile her, dass ich euch von den Dreharbeiten zu unserem Film erzählt habe. Damals habe ich euch versprochen, den Film zu posten, sobald er online ist. Und tataaaaaa! Es ist soweit! Nun kann man mich in voller Blüte bei der Arbeit bestaunen. ;-) Es war schön, mal mit der wundervollen Jet, einen Film zu drehen. Könnten wir ruhig öfter machen! :-)
Hier der Link:
http://www.integra-net.org/Aktuell.html
Einfach auf den Film "Näher dran..." klicken und anschauen. Dort findet ihr auch mehr Informationen zu der Methode Arbeitsmarktgespräch.

Sonntag, 10. Oktober 2010

Buchmesse - die letzte... die Letzten

Wir waren noch bis zum Schluss da... Haben einigen Verlagen noch die Bücher abgenommen, die nicht mehr in ihre Kartons passten. ;-)



Und soffen noch ein bisschen Nuss-Schnaps - dafür gehen wir ja da hin!



Was? Kein überteuertes Messe-Eis von Mövenpick mehr? Frechheit!



Jaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa..........



Was geht länger: das Aufbauen oder das Abbauen? Ach, Scheiß drauf, so lange ich nicht mitmachen muss. ;-)



Was ist das Pinke? Die Reste des Stands vom Milena-Verlag... :-)


Und was bleibt? Viel Papiermüll... und viele Gedanken, wie das mit dem Schreiben und Lesen weitergehen könnte...

Buchmessen-Sonntag - dieerste


Am Anfang war das Ende - oder ein Eis... Auf dem Weg zum letzten Mal Buchmesse... Konsti... umsteigen und so... mit Mucke und so...



Um dann sooooooooooooo viele Menschen auf einmal zu sehen... viel zu viele... ätzend viele... Publikumstag-viele... würg, kotz, nerv....



Und diese vielen Animexxler und so... ätz... wieviel Mühe die sich mit ihrem Outfit machen. Boah. Ey. Mir gefällt es ja nicht. Ist auch egal. Der Markt und vor allem die Buchmesse haben sich auf diese Klientel eingestellt...



Naja, wenn es ihnen Spaß macht... Dieser Kampf um Anerkennung... ;-)



Die haben sich sehr viel Mühe mit den Kindern gemacht. In Halle 3.0 gab es ganz viel für Kinder....



Kassen gab es früher noch nicht! Jetzt schon! Aber auch nur die großen Verlage... Die Unabhängigen haben zwar auch verkauft, aber nicht professionell... Es war ja auch der erste Tag auf der Buchmesse, an dem regulärer Verkauf (vor allem mit Kassen) erlaubt war.



Um dieses Bild, diese Karte anzuschauen, muss man sich ziemlich verhässlichen. Das tu ich doch gerne! :-)



Ich liebe 3D. :-)




Elke Heidenreich hat eine eigene Reihe... Wussten wir das? Voll die interessanten Bücher, wirklich! Es geht um Musik...



Der letzte Tag ist auch dafür da, Kontakte weiter zu pflegen, Freunde an Ständen zu besuchen, zu Lesungen von Freunden zu gehen. Hier die wundervolle Frau "wieauchimmer" und dort (also unten) der wundervolle Robert Erhardt, der jüngste Verleger der Buchmesse (Wolff Verlag R. Eberhardt - http://www.wolffverlag.de/), der auf der Leseinsel sein Buch von Seume vorstellt.


Sehnsucht nach Sonne von Roland Gramling

Donnerstag Nachmittag, Buchmesse, 17 Uhr, Sektempfang, Querverlag, wie immer, jeden verdammten Buchmesse-Donnerstag in Frankfurt. Alle freuen sich schon seit Wochen darauf, vom charmanten und supernetten Jim Baker verwöhnt zu werden und interessante Leute aus der schwullesbischen Verlags-"Szene" kennenzulernen. Diesmal stellt er mit den sympathischen Autoren Roland Gramling, dessen Roman "Sehnsucht nach Sonne" (siehe ein paar Posts zuvor) gerade gelesen habe.
Zwei Jahre zuvor: Roland Gramling hatte gerade den Roman "30 Grad" geschrieben und mein Kollege hatte ihn für Radiosub interviewt. Ich fand "30 Grad" in meiner Rezension wohl etwas überambitioniert, weil ich den Verdacht hatte, dass Roland Gramling der Armistead Maupin Frankfurts werden möchte... Ich habe den Verdacht immer noch. Aber zunächst der Plot von 30 Grad, bevor es mit der Fortsetzung weitergeht:

Der Fixpunkt des Romans Frankfurt 30 Grad ist Tina Sternheims Wohnhaus in der Ackerpflaumenallee 33. Hier ist der Dreh- und Angelpunkt ganz verschiedener Großstadt-Persönlichkeiten. Roland Gramling lenkt den Blick auf ihr Suchen und Finden, auf Hoffen und Harren und ihre Träume und Triebe. Alles beginnt und endet mit Luke, einem jungen Schwulen, der von der Lüneburger Heide nach Frankfurt zieht. Ihn hat die Liebe zu seinem Jugendschwarm Samuel in diese Großstadt gezogen. Die dunkelhäutige Sarah wird in der Ackerpflaumenallee seine Mitbewohnerin. Sie ist eine Polizistin und legt gerade ihre Kommissarinnen-Prüfung ab. Sie ist Lesbe und gerade von ihrer Freundin Melanie verlassen worden. Die Wohnhaus-Besitzerin Tina Sternheim ist eine Tochter aus gutem jüdischen Hause. Sie schreibt Kinderbücher und hat zwei Kinder. Ihr Bruder Meiko ist schwul und bedient gerne jedes Klischee. Er ist ein so genannter „Universalschwuler“. Tom ist ein früherer WG-Mitbewohner. Er ist ein Banker und Schlipsträger. Ausgezogen ist er, um mit seinem ebenso vernünftigen wie langweiligen Freund Sven zusammenzuwohnen. Wichtig sind neben diversen anderen Figuren auch Marco und Jörg, die beide im schwullesbischen Altenwohnheim arbeiten und auch zusammenwohnen. Marco ist HIV-positiv, was uns zu unserem Hauptthema der ersten Stunde heute führt… (aus meiner Rezension, die ihr auf www.radiosub.de - Kulturecke - finden könnt)

So, in "Sehnsucht nach Sonne" geht die Geschichte weiter, der zweite Teil der "Frankfurter Geschichten", der sicherlich nicht der letzte Teil ist, und darüber freue ich mich. Zwar hatte ich geschrieben, dass er nicht an Armistead Maupin nicht heranreicht, aber für die Frankfurter Szene (und da nicht nur die Schwulen und Lesben) ist dieser Roland Gramling sehr wichtig.

Marco und Thomas sind nun ein Paar und es läuft sehr gut bei ihnen, bis... ja bis... die verhasste Mutter von Marco stirbt und ihm Geld und vor allem ein Haus im Rheingau hinterlässt. Das möchte er zunächst - trotz der unpraktischen Klausel im Testament - verkaufen, doch dann... passiert etwas mit ihm, er entdeckt, dass dies auch eine Chance, eine neue Herausforderung werden kann, und beschließt, das Haus mit seiner spektakulären Transenfreundin Marge zu renovieren, was Thomas nicht gerade begeistert. Marcos Arbeitskollege Jörg ist jetzt seit Jahren mit Tina Sternheim zusammen, doch auch das wird auf eine Probe gestellt, als er von ihr wissen möchte, wann sie zusammen ziehen. Sie macht einen Rückzieher, aus Angst vor zu viel Nähe. Er wiederum kriegt ein Angebot, einen lukrativen Job in Miami anzutreten, bei seiner Ex übrigens. Wird Tina ihn zurückhalten? Nicht weniger beziehungsfeindlich ist Tinas Bruder Meiko, der beschlossen hat, auf ewig ein Single zu bleiben, Spaß und reichlich Sex mit verschiedenen Partnern ist wichtiger. Doch dann lernt er den bulgarischen Stricher Dejan kennen. Meiko und Luke, die in "30 Grad" so gute Freunde waren, und es ja noch sind, haben die meiste Zeit über Streit im zweiten Teil. Der entbrennt durch die Verliebtheit Lukes in Cem, dem Deutsch-Türken, der quasi einen Kulturkonflikt mit dem Deutschen erlebt. Auch Sarah und Basimah, die beiden Lesben, haben nicht mehr Glück. Seit Wochen beschäftigt sich Sarah mehr mit ihrem neuesten Fall als mit ihrer Freundin...

Als Schwuler, als Lesbe, aber selbst auch als Heterosexueller in Frankfurt findet man sich hier in dem Roman wieder. Roland Gramling merkt man an, dass er sich in der Frankfurter Partyszene, vor allem im "Bermuda-Dreieck" sehr gut auskennt, aber nicht nur dort. So erzählt er vom Markt auf dem Friedberger Platz am Freitag (und ich bin da Anrainer!), der wahrscheinlich ursprünglich auch eine schwule Domäne war, er erzählt von den ganzen Spelunken und Clubs in der Alten Gasse und in der Schäfergasse. Meiko lässt er den Besitzer des "Blue" sein, wahrscheinlich ist da das "Blue Angel" gemeint, das in der Realität aber zu hat, dafür ist ja da das "Travolta" drin. Auch andere Kaschemmen erkennt man wieder, vor allem die, in denen auch gerne einmal Stricher verkehren.

Es ist ein interessantes Buch und lesenswert, vor allem für Frankfurter, oder für Menschen, und die gibts es viele (durch die Messen), die gelegentlich in Frankfurt unterwegs sind. Es ist etwas für Gayromeo-Nutzer und auch ein bisschen ein Kriminalroman, es ist ein Brevier, das hilft, Beziehungen zu führen (;-)) und es ist auch ein Schwulen- und Lesbenratgeber. Manchmal ist es allerdings auch zu redselig, zu ambitioniert, wie auch der erste Teil "30 Grad" bereits.

Wenn ich ihn interviewen sollte, würde ich fragen, wie die Recherche vonstatten ging, wo er überall war, was er erlebt hat, was er davon in seinem Roman verarbeitet hat. Welche Geschichten wurden ihm erzählt, von wem überhaupt, hat er mit bulgarischen Strichern persönlich geredet, oder mit den Leuten von der Aids-Hilfe, die diese betreuen? Ich habe den Verdacht, dass er immer wieder zu den Figuren zurückkehren möchte, sie leben - daher würde ich ihn fragen, wie die Figuren mit ihm reden, welche Eigengeschichte sie haben, ob er zum Beispiel im ersten Teil ursprünglich bestimmte Figuren in den Hintergrund treten lassen wollte, sie sich aber im zweiten aufgedrängt haben. Wieviele Frankfurt-Romane schreibst du noch, würde ich ihn fragen, und ich würde ihn nach den pikantesten Geschichten fragen, die er aus der Szene kennt, und er wird einige kennen, da bin ich mir sicher. :-)

10.10.10