Samstag, 30. Oktober 2010

Über Universen - Teil 1 -

In meiner eigenen Passivität gefangen starrte ich gebannt auf diesen flimmernden Bildschirm, eine dämliche amerikanische Sitcom mit gewollt komischen Dialogen und künstlichem Gelächter im Hintergrund, lief, bildete eine Welt ab, mit der ich nichts zu tun hatte. Wir schrieben das Jahr 1988 oder 1989, wir hatten den ersten Kabelanschluss in unserer Straße, in unserem Friedhofsstraßen-Ghetto, einer merkwürdigen Variante von einem Ghetto: auf der einen Straßenseite die Mehrfamilienhäuser bewohnt von vielen Menschen mit Migrationshintergrund oder Deutschen aus der Unterschicht, auf der gegenüberliegenden Straßenseite Einfamilienhäuser mit Bewohnern aus der deutschen Mittelschicht. Stundenlang setzte ich mich vor den Fernseher, nachdem ich meine Hausaufgaben gemacht und auf der Straße mit meinen türkischen, armenischen und griechischen Freunden gespielt hatte, Fußball auf der Straße, ja, und die Warnung vor Autos, die unsere Straße passieren wollten, in verschiedenen Sprachen und Dialekten gerufen. Meine Eltern lasen in meiner Kindheit und Jugend keine Bücher, sie hatten mir auch niemals vorgelesen, nicht einmal Hörkassetten kannte ich. Mein Vater war ein Mann der Tat: nach seiner beschwerlichen Arbeit im Stahlwerk, verschwand er im Garten. Abends schaute er dann Fern, vielleicht trank er auch irgendwo ein Bier oder zwei. Meine Mutter blieb die Arbeit mit ihren vier Kindern und ebenso wenig Nerv, sich hinzusetzen und Buchstabenfolgen zu entziffern, beide hatten nur die Volksschule besucht. Ich weiß nicht, wieso ich diese Sendung mit der Familie mit afro-amerikanischem Hintergrund, er Frauenarzt, sie Anwältin, emanzipiert, und ungefähr fünf eigenen Kindern und später Kindeskindern und Adoptierten, überhaupt angeschaut habe. Im Nachhinein betrachtet reichlich spießig für mich, für den, der, zumindest von den deutschen Kindern in der Schule, mit Pippi Langstrumpf verglichen wurde, weil es meine Eltern nicht störte, wenn ich zwei Stunden zu spät nach Hause kam, irgendwo anders zum Essen war, der niemals Hausarrest oder Taschengeldentzug als Strafe zu erleiden hatte. In dieser Folge war eines der Kinder auf einer Party und hat dort über die Stränge geschlagen, zu viel Alkohol getrunken, plötzlich war dieses „Saufen“ Trend geworden, was den Eltern missfiel. Daraufhin spielten sie mit dem Kind, ich glaube, es war eines der Mädchen, Wetttrinken, bis es ihm schlecht wurde. Zu viel Alkohol – Übelkeit – schlechte Erinnerung daran, ergo kein Missbrauch desselben mehr, so die einfache Logik der Eltern. Schon fast ein Allgemeinplatz in amerikanischen Serien, in einer anderen amerikanischen Sitcom mit Unterschichts-Weißen, er LKW-Fahrer, sie Hausfrau, auch viele Kinder, sah ich den gleichen Plot nochmals.
2010. Buchmesse in Frankfurt. Ich laufe einen dieser überfüllten Gänge in Halle 3.1 oder 4.1 entlang, so viele Menschen sind da, so viele Bücher, ich muss aufpassen, dass ich nicht mit anderen Besuchern zusammenstoße, dass ich nicht die von jedem mitgeschleiften ZVAB-Taschen ans Bein geschmettert bekomme. Als ich aufschaue, sehe ich dieses orangene Drömer Knaur – Bücherregal, das vom Boden bis zur hohen Decke reicht, mit vielen bunten Taschenbuchausgaben darin, Belletristik, billige Kriminal- und „Frauen“-Romane, was, frage ich mich, würde passieren, wenn das Ding umkippt und auf mich drauf fällt? So viele Bücher, denke ich mir schlecht gelaunt, so viele verdammte Bücher, wer braucht die denn alle? Meine Laune verschlechtert sich zusehends, ja, auf den Nullpunkt fällt sie sogar, auf den Nullpunkt, den man von der Temperatur her nicht fühlen kann, ist es doch so schwül und drückend in diesen Hallen mit den Publikumsverlagen. So viele Bücher, ja, so viele Bücher! Wieso willst du auch noch deine Texte als Buch auf dieser Buchmesse sehen können? Wieso schreibst du denn Bücher? Es gibt doch genug davon, mehr als genug, so viele, dass dir davon schlecht werden kann – schlechte Erinnerung, negative Verbindungen im Kopf – kein Wunsch mehr, neue Bücher zu schreiben, so könnte man weiterdenken. Tu ich das?
Meinen Deutschlehrer Herrn H. fand ich doof, ich kann argumentieren und „beweisen“, dass er kein guter Deutschlehrer, überhaupt kein guter Pädagoge war. Letzteres dokumentierte sich beispielsweise darin, dass er immer die gleichen Jungs aus der Siebten zum Nachsitzen ausgerechnet zu den Zwölfern in Darstellende Geometrie bestellte, was dann zu einem Event wurde und den Strafcharakter gänzlich verlor. Jeden Donnerstagvormittag machten die Jungs nun Blödsinn, um Donnerstagnachmittags in Geometrie gemeinsames Spiel mit den Zwölfern beim Ärgern ihres Lehrers zu machen, was nicht nur daran lag, dass die Jüngeren den Älteren Chips und Süßigkeiten zum Knabbern mitbrachten. Ersteres zeigte sich mir darin, dass er merkwürdige Kommentare bei meinen Interpretationen anbrachte, nach dem Motto „Ich glaube nicht, dass der Autor das gemeint hatte“, als wüsste Herr H. was der Autor oder der Text an sich gemeint hatte, als hätte Herr H. die Rechte der Deutungshoheit, und als müsste er nicht vor allem meine Argumentation und wie ich formuliert habe korrigieren. Doch eine Sache nahm ich aus diesen Schuljahren bei ihm mit: das Lesen! Wobei ich im Nachhinein überlege, ob ich ihm diesen Erfolg, mich zum Lesen gebracht zu haben, anrechnen kann, oder nicht doch eher den Büchern oder den Autoren selbst. Schließlich war es die Kraft des Romans „Das Feuerschiff“ von Siegfried Lenz, das mich zuerst noch langweilte, dann immer mehr in den Bann zog, so dass ich es nicht mehr weglegen konnte. Doch nach dem Lesen war dieser Zauber nicht vorbei, nein, er wurde verlängert durch die stetige Beschäftigung mit dem Buch im Deutschunterricht. Plötzlich überkam mich das Gefühl, wie großartig Sprache ist, was sie alles kann, ohne dass es einem oft bewusst wird. Und dass der Autor oder die Autorin eine große Macht hat, die Macht nämlich, uns in eine Geschichte hineinzuziehen, sich einen spannenden Plot zu überlegen, Figuren Worte in den Mund zu legen, ihren Charakter zu zeichnen, ja, sie sogar leben zu lassen.

Kommentare:

  1. Heyho,

    ja, irgendwie kommt mir diese Geschichte schon seltsam vertraut vor, da gibt´s wohl gewisse Parallelen, bis in die Gegenwart...
    Bin mal gesapannt auf den nächsten Teil.

    Peace

    Basti

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  2. hallo basti,
    morgen gibts mehr! :-)))
    schön, dass du vorbeigeschaut hast.
    freundschaft! :-)
    jannis

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