Sonntag, 24. Oktober 2010

Tour de Nordend - Teil 4 -

Es wird noch schlimmer. Neben mir sind ein paar Blumentöpfe. Gusseisen. Ich weiß nicht, welcher Teufel diese Dame reitet. Sie sieht schon leicht wahnsinnig aus. In ihren kaputten Strumpfhosen. In ihren löchrigen Schuhen. Mit ihrem verdreckten Mantel. Ihrem Stirnband. Ihren vielen Pullovern, die sie übereinander trägt. Ihrem Stock in der Hand. Der zielgenau auf die Blumentöpfe saust. Laute Geräusche. Meine Nerven! Kann die nicht weiterziehen?! Ich habe Angst um mich. Haut sie als nächstes mich? Wird sie mich kaputtschlagen? Mich treten? Hauen? Stechen?

Ich bin so glücklich, als sie weitergeht. Doch ich werde noch glücklicher. Denn zwei junge Männer bleiben stehen. Berühren mich. Die beiden sind stilvoll angezogen. Der eine trägt einen beigen Cord-Anzug. Mit einem hellblauen T-Shirt. Der andere trägt ein sehr schönes Hemd. Wie man es früher trug. Enge Hosen dazu. Beide Lederschuhe. Braun. Edel.

„Cool. Oder?“ sagt der eine von beiden, der andere bejaht. „Nehmen wir mit?“ – „Für das Wohnzimmer?“ – „Klar.“ – „Ja, super.“
Sie schleppen mich durch die Straßen. Nicht weit von meinem letzten Standort entfernt. Zum Glück nur ein Stockwerk nach oben. Sie stellen mich in das schön eingerichtete Zimmer. Hier stehen nur Oldies. Alte Lampen. Eine schöne Vitrine, nicht ganz so groß wie die bei der alten Frau. Ein Sofa, das alt aussieht, jedoch neu ist. Ein schöner Ledersessel. Flokati-Teppiche. Weiß. Ich fühle mich sofort wohl.

Und es bleibt so. Die beiden jungen Männer kümmern sich um mich. Kratzen das ganze Wachs weg. Behandeln mich mit Möbelpolitur. Lassen den Plattenspieler reparieren. Ich hatte die Hoffnung gar nicht mehr, dass das funktioniert. Als sie das erste Mal eine Platte spielen, Al Jarreau, bin ich überrascht. Und erfreut. Ihre ersten Gäste kommen. Staunen über mich. Fragen interessiert nach. Der Cord-Anzug-Mann lacht.


„Ja, ich hatte sie vor ein paar Monaten aus dem Auto heraus gesehen, diese wundervolle Musiktruhe. Aber wir hatten es eilig. Später, als wir wieder zurück kamen, war sie leider schon weg. Offensichtlich haben sie Nachbarn von uns mitgenommen. Doch letzte Woche haben diese sie herausgestellt und wir haben sie uns gleich geschnappt. Grandios. Diese Nordmende Isabella macht eine Runde durch das Nordend. Finde ich sehr lustig. Jeder im Frankfurter Nordend sollte sie mal für ein paar Monate haben.“

Die Gäste lachen. Und wenden sich anderen Themen zu. Ich mag sie. Sie reden über Bücher, trinken Rotwein aus wunderschönen Gläsern. Sie schreien nicht, sie lachen viel. Und sie spielen den ganzen Abend Musik auf mir.
Jeden Tag werde ich benutzt. Immer sitzt mindestens einer der beiden Männer im Wohnzimmer. Sie hören mal Radio, mal Platte. Sie hören gute Platten. Jazz. Motown. Klassik. Die alten Lampen schwärmen von ihren Besitzern. Ebenso das Sofa. Die Vasen. Die Tapete sagt immer, dass sie nur hier die Möglichkeit hat, zur Geltung zu kommen. Alle sind voll des Lobs und glücklich. 




Manchmal ist es mir aber unangenehm, wenn sie sich nackt ausziehen. Auf dem Sofa. Und dann wieder diese wilden Geräusche zu hören sind. Doch es ist in Ordnung. Sie schätzen mich. Also schätze ich sie.
Ich bin gespannt, wann ich wieder auf der Straße stehe. Und in welchen Raum ich dann gestellt werde. Auf meiner Tour durch das Nordend.

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