Sonntag, 24. Oktober 2010

Tour de Nordend - Teil 3 -

Der Raum, in dem ich jetzt stehe, ist anders. Nicht so wie der davor. Er ist bunt. Die Wände sind rot und blau angemalt. Nicht wie diese feinen Tapeten mit gräulichem Muster. Das Zimmer ist vollgestellt. Mit Möbeln, die alle nicht zusammenpassen. Es ist nicht schön. Eine unsympathische grün schimmernde Kommode steht da. Ein weißes Regal, das nicht zu leben scheint. Ein gelber hässlicher Schrank. Drei Tische, in grün, rot und blau. Alle klein und unschön. Überall liegt Krimskrams herum. Aschenbecher. Zigaretten. Chips-Packungen. Schokolade. Lampen. Die Lampen sind so hässlich. Da ist so eine Flüssigkeit drin. Alles leuchtend. Bunt. Wirklich hässlich. Geschirr liegt herum. Nicht edel. Billig, wie alles in dieser Wohnung. Mich stößt das ab. Kein Stil. Ich bin wohl der einzig schöne Gegenstand in dem Zimmer. Das macht mich traurig.
Es passiert viel hier. Viele Menschen betreten den Raum. Viele verlassen ihn wieder. Man raucht. Man trinkt. Es stinkt. Man lacht. Man schreit. Man freut sich. Es ödet mich an. Man säuft. Man übergibt sich. Man versucht alles wieder sauber zu machen. Es stinkt.
Die beiden jungen Leute, das Paar, das mich mitnahm. Sie haben sich. Sie haben viele Freunde. Wenn die Freunde nicht da sind. Und sie trotzdem rauchen und saufen… Dann kann es schnell passieren, dass sie nackt sind. Sie liegen dann aufeinander. Die Kleider durch das ganze Zimmer geworfen. Sie schmatzen. Sie stöhnen. Sie schreien auf. Sie mehr als er. Das kann sehr lange so gehen. Je länger es geht, desto lauter wird es. So könnte man das sagen.
Ich mag diese Leute nicht. Sie beachten mich kaum. Sie reden immer wieder von mir. Wenn andere Leute da sind. Sie loben sich selbst. Dass sie das Auge haben. Dass sie wissen, was cool ist. Dass sie Stil haben.
Haben sie nicht. Ich bin ein Glückstreffer. Und was ich ihnen übel nehme: Dass sie mich nicht zu schätzen wissen. Diese jungen Leute. Sie wissen vieles nicht zu schätzen. Frische Luft zum Beispiel. Ruhe. Stil. Sie sind grob. Laut. Und ständig stellen sie hässliche Dinge auf mich drauf. Kaugummis. Kerzen. Das Wachs tropft heiß auf mich. Wird fest und eklig. Keiner macht ihn ab. Bald bin ich überall zugewachst. Ein ekelhaftes Gefühl. Pflanzen stellen sie auf mich drauf. Dann wieder auf einen der Tische. Dann wieder auf mich. Ein Hin und Her.


Dieser Rauch ist so schlimm. Ich habe Angst um mich. Und was das Schlimmste ist: Sie haben kein einziges Mal mein Radio gespielt. Sie haben sich nicht um den Plattenspieler gekümmert. Ich stehe in diesem Raum rum. Keiner pflegt mich. Verstaubt bin ich. Vollgewachst bin ich. Vollgeraucht. Vollgeekelt.


Die Tage vergehen wie Wochen, die Wochen wie Monate. Und die Monate wie Jahre. Als die beiden immer öfter von Umziehen reden, wittere ich meine Chance. Und genau. Bald schon werde ich erneut auf die Straße gestellt. Auf den Bürgersteig.

Ein paar Monate zuvor befand ich mich wenige Meter entfernt von hier und wartete. Wieder liefen einige merkwürdige Gestalten an mir vorbei. Begutachteten mich. Lachten mich an. Lachten mich aus. Wägten ab, diskutierten. Menschen stritten sich. Menschen liefen Händchenhaltend.
Plötzlich drängt sich ein Mann an mich. Ich spüre Feuchte. Was ist das denn? Aus seinem Körper läuft Flüssigkeit. Hier? Neben mir? An die Wand? Was ist denn da los? Kann das normal sein? Das ist nicht normal. Was ist das für ein Wesen? Ich bin eine edle Musiktruhe! Ich bin eine Nordmende Isabella 58 3D. Baujahr 1958. Mein Radiogerät ist super. Und wenn man den Plattenspieler endlich repariert, ist der erstrecht super. Der hat einen Plattenwechsler. In was für einer Welt leben wir denn?

Fortsetzung folgt... gleich...

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