Sonntag, 28. Februar 2010

Sonntag...

Sonntag. Das Wetter mau. Windig. Regnerisch, duster. Wieso so duster? Im Fernsehen Sendungen über Leute, die auswandern. In Länder, die viel wärmer sind. Fernweh. Nach Sonne, Strand und Meer. Sehnsucht nach Hitze, gute Laune, Unbeschwertheit. Nach Urlaub. Urlaub mit dem schönsten Mann der Welt... Nach nicht arbeiten gehen müssen. Nach Entspannen, nach Essen mit Genuss. Normalem Essen und Trinken ohne Schluckbeschwerden und mit Geschmack. Bin gerade alleine und fühle mich etwas leer. Ungewohnt ohne ihn. Dann bleibt mir Zeit zum Lesen. Lesen. Habe die letzten Wochen weniger gelesen als sonst. Es fehlt mir. Merkwürdig. Wieso fehlt mir das Lesen? War schon immer so. War noch krasser früher! Ein Tag ohne zu lesen ist schlimmer als ein Tag ohne zu reden, schrieb ich früher mal. Mit Recht. Das Wetter mau. Morgen ist Frühlings Anfang. Hoffentlich mal wärmer, trockener, weniger windig. Schön. Und ohne Schmerzen. Der Rachen, die Nase, das Schlucken, das Schmecken. Nun ja, es wird besser. Ich bewege mich auf die Ziellinie zu. Ein wenig Schmusen nachher. Dann wird alles besser! Schön. Sonntag. Und Morgen noch nicht arbeiten. Wenigstens etwas. Erst wieder Dienstag. Nasenduschen jetzt. Dann besser. Hoffe ich. Nachher schmusen. Der schönste Mann der Welt. Was ist Glück? Das? Ja, vermutlich. Das Wetter mau. Egal. Es regnet. Und windet. Wen interessiert der Wind und der Regen, wenn man im Bett liegt und kuschelt?

Donnerstag, 25. Februar 2010

Lektorieren Text R.O.T. - Teil 2

Morgens wache ich irritiert auf. Ich hatte einen Alptraum: Ich befinde mich in einer Sporthalle. Sportunterricht. Ein Junge, der sich steif bewegt, kommt herein, als wir gerade Ball spielen. Er kann nur mit einer Hand fangen. Er muss aufpassen, dass aus dem anderen bandagierten Arm keine rote Flüssigkeit fließt. Es ist eigenartig, eklig sogar. Im nächsten Bild liegt er auf einem Krankenbett und wird behandelt. Der linke Arm ist voller Schläuche, die zum rechten Arm führen. Am linken Arm wird er abgestöpselt, am rechten wird der Verband abgemacht. So sieht man, dass da kein Arm ist. „Aber das hast du sicherlich selbst schon gesehen“, sagt die Krankenschwester.

Ich melde mich krank, gehe nicht zur Arbeit. Mache einen Termin bei meinem Hausarzt aus. Er gibt mir, ohne mich zu untersuchen, eine Überweisung zum Psychologen. Ich lasse mich zwei Tage krankschreiben. Ich packe meine Sachen und fahre zu meiner Mutter. Die wundert sich, als ich zur Tür hereinkomme. „Ist etwas passiert?“ fragt sie. Nichts. Ich sage, dass ich mich etwas kränklich fühle und Suppe möchte.


SMS: „Ich wusste das. Du meldest dich nicht. Ich kann nichts für mein Erröten! “ – „Tut mir Leid, bin bei meiner Mutter. Melde mich, wenn ich zurückkomme.“

Es tut gut, sich bekochen und bemuttern lassen. Niemand kann mich erreichen. Kein Chat, Mobiltelefon aus. Mein altes Zimmer ist wie damals. Meine Mutter klopft an. Fragt, ob ich nicht ein paar Dinge ausmisten möchte. Stofftiere, CDs, Videokassetten. Brauchst du das alles noch? Weiß ich nicht. Schaue mir alles an. Lege die Videokassetten in den Rekorder. Eine hat den Aufdruck Freiburg. Ich wusste nicht, dass ich die noch habe. 10 Jahre ist es her. Lange habe ich nicht mehr daran gedacht.

Ich sehe mich. Ohne Haare. Weder auf dem Kopf noch am Körper. Kann kaum hingucken. Todkrank. Blass. Krankenschwestern laufen ins Bild. Andere Patienten. Ich laufe mit meinem Infusionsständer durch die Station. Filme jeden und alles. Leute rufen mir etwas zu. Tränen. Ich hatte die Bilder aus meinem Leben verbannt. Tagelang war mir während der Chemotherapie schlecht. Ich habe gekotzt, geweint. Gelitten. Und dann sehe ich mich im Bett liegen. Der Infusionsständer neben mir. Er piept. Die Krankenschwester stöpselt eine neue Flasche daran. In dem Schlauch, das über einen Infusionsport zu meiner Herzkammer führt, fließt rote Flüssigkeit. Langsam. Gemächlich. Rot. Und ich erinnere mich:

An die Nacht, in der ich sterben wollte. Die rote Flüssigkeit. Dieses teuflische Zytostatikum. Es läuft das erste Mal durch meinen Körper. Schummrig. Was ist nur los? Heiß. Ich lege mich hin. Kann nicht schlafen. Den Tag über habe ich ein Anti-Übelkeitsmittel erhalten. THC. Es macht mich müde, schläfrig. Jetzt am Abend kann ich nicht mehr einschlafen. Tagträume und Visionen. Schlaflosigkeit. Plötzlich Schmerzen. Bauchschmerzen. Sie zerreißen mich innerlich. Ich kriege Schmerzmittel. Oft. Bis es nicht mehr geht. Schmerzen. Nicht einschlafen können, leiden. Fragen: Wieso ich? Warum muss mir das zustoßen? Was habe ich getan? Wie lange soll das noch so gehen? Wann hat das Leiden ein Ende? Wie soll ich das alles nur aushalten? Und: Wäre es nicht besser zu sterben?

Ich weine. Spule immer wieder vor und zurück. Schaue mir die rote Flüssigkeit an. Die „Red Bitch“. Diese grausligrote Wandfarbe in der Küche. Diese Nacht. Sterben. Schmerzen. Unbeschreibliche. Innerlich zersetzende. Aufplatzende. Verstörende. Verzweifelt machende.
Alles hatte ich verdrängt. Ich weine. Schaue die Videokassette mehrmals an. Spreche die Dialoge mit. Lache über die Scherze. So wie wir oft gelacht haben in der Klinik. Lachen und Weinen.

Ich schalte mein Mobiltelefon ein. Es erwarten mich einige Nachrichten.

SMS: „Meldest du dich sicher? Ich finde dich nett! Möchte dich gerne wiedersehen.“ – „Lass uns am Sonntagabend treffen. In meiner Küche. Sie ist weiß gestrichen. “

Lektorieren Text R.O.T. - Teil 1

Ich sitze in ihrer Küche. Mir wird mulmig. Wir haben bisher alles richtig gemacht. Das Blind-Date lief überraschend gut. Mich hat nicht gestört, dass sie dauernd rot wird. Als sie fragte: „Willst du noch zu mir rauf, einen Kaffee trinken?“, wurde ihr Gesicht fleckig und unansehnlich. Ich sitze in ihrer knallroten Küche. Während ich die Wände betrachte, wird mir schummrig. Heiß. Ich bekomme keine Luft. Hechele. Ich bitte um Wasser. Schütte es in mich hinein. Ich kann mich nicht mehr auf ihre Worte konzentrieren. Ich schwitze. Ich friere. Mich schüttelt es. Kurz gelingt es mir, sie anzusehen. Rot. Ein anderer Ton als die Wände. Sie lassen mich nicht klar denken. Schwindel. Ich muss raus. Sie bekommt einen leichten Anflug von Panik. Fragt mich, was mit mir los sei. Ich stütze mich auf den Tisch, der dabei fast umfällt, stolpere über ihre Beine. Stoße mir den Kopf an der Lampe. Auf den Herd stützen, am Türrahmen festhalten. An der Flur-Wand entlang zur Haustür. Sie läuft irritiert hinterher. Fleckiges Gesicht. Sagt nichts, weint. Ich reiße die Tür auf. Stürze die Treppe hinunter. Was ist mit mir los? Ein Taxi. Bin bald zuhause. Im Bett. Falle in einen traumlosen Schlaf.

SMS: „Tut mir Leid! Ich bin eine Erythrophobin. Wollte dich nicht erschrecken. Kriege ich noch eine Chance bei dir?“ – „Es lag nicht an dir. Tut mir Leid. Werden uns wiedersehen. Bis dann!“

Im Büro werde ich nach meinem Date gefragt. Gut, sage ich. Sie wollen mehr hören. Machen Gesten dabei. Hast du? Nein. Aber? Es war unser erstes Date. Die Frauen freuen sich. Die Männer lachen sich ins Fäustchen. Versager. Ja? Was war mit mir los?
Als mein Kollege alleine mit mir ist, will er mehr wissen. Na? Nichts, nichts. Wir sehen uns wieder. Ach. Er sieht mich merkwürdig an. Ja, bis zu der Küche war ich souverän. Nein, ich finde sie nicht hübsch. Aber dieses Rotwerden hatte etwas Liebenswertes an sich. Ihre Art. Dieses Alternative. Sie ist ein bisschen neben der Spur. Sie ist anders. Emotional. Erzählt viel. Lustiges. Ich höre gerne zu. Ich bin anders.
Heute Morgen war alles in Ordnung. Soll ich zum Arzt? Nein. Vielleicht lag es an ihr. Ganz sicher. Mir war alles zu viel. Bestimmt hat sie ihre Nervosität auf mich übertragen. Und dann dieses schreckliche Rot in ihrer Küche. Nein. Ich sollte mich mit einer Anderen treffen. Ja, das mache ich.

Chat: „Heute Abend also?“ – „Ja, gerne.“ – „Um acht in der Luna Bar?“ – „Ok.“ – „Ja, sehr gut, dann nehmen wir die Happy Hour noch mit! “

Dieses Date gefällt mir. Die Frau ist blond. Hat eine gute Figur. Sie redet auch auf Anhieb. Wieso bestellt sie eine „Red Bitch“? Sie erzählt gerade von ihrem Beruf. Dann kommt der Cocktail. Ich starre ihn an. Erneut dieser Schwindel. Ich schütte meinen „Long Island Iced Tea“ herunter. Heiß. Kalt. Was ist nur los? Sie schaut mich an. Hält kurz meine Hand. „Alles klar bei dir?“ Ja, sage ich zu ihr. Sie erzählt weiter. Trinkt. Viel. Mir wird nicht besser. Schummrig. Ich höre noch zu, kann folgen. Bald bemerkt sie es nicht mehr. Sie ist betrunken, wird lustiger. Emotionaler. Wieder eine „Red Bitch“. Die Farbe ist grässlich. Ich rufe ihr ein Taxi, denn sie kann kaum noch auf ihren Füßen stehen und lallt.

Chat: „Oh, tut mir Leid. Was denkst du jetzt von mir?! Eine Frau, die sich betrinkt?! Möchtest du mich überhaupt wiedersehen?“ – „Na klar, doch. Aber erst nächste Woche. Ich muss zu meiner Mutter fahren am Wochenende.“


(Fortsetzung folgt)

Werde mein Lektor!

So, gleich werde ich hier einen Text posten (vermutlich in zwei oder drei Teilen). Ihr seid nun aufgerufen, meine Lektoren zu werden. Was das heißt? Ich bitte euch darum, im Kommentar-Kästchen sinnvolle, konstruktive Kritik niederzuschreiben, die mir dabei helfen soll, den Text zu optimieren. In den nächsten Tagen folgen noch zwei weitere Texte. Die drei Texte ergeben eine Trilogie, gehören also zusammen.
Worauf ihr achten könnt:
- Füllwörter (ausmerzen)
- Satzbau (verquer, unverständlich zum Lesen, kürzen/umschreiben? zu kurz?)
- Sinn (passt alles zusammen? versteht man, was ich schreibe?)
- Beschreibungen (zu langatmig, zu kurz und damit unverständlich? mehr davon?)
- Stil (Wortwahl, Sprache der Figuren angemessen, auch auf die Verschiedenheit der Geschlechter bezogen)
- Leerstellen (bleibt genug Raum für die Leser/innen für eigene Assoziationen?)
- was noch fehlt für eine gute (funktionierende) Geschichte
- Orthographie (alles richtig geschrieben?)
usw.
Also, jetzt werde ich gleich mal den ersten Text posten. Ich freue mich bereits im Voraus sehr über eure Teilnahme/ Hilfestellung. :-)

Mittwoch, 24. Februar 2010

Alles easy oder was?

Eine gute Woche ist es bereits her... Die OP ging gut. Doch es gibt Gründe, wieso man noch eine Weile krank geschrieben wird. Die Schmerzen. Ja, die Schmerzen hören erst viel später auf, rauben einem die Nächte, machen einen müde. Aber ich möchte nicht jammern. Alles ist gut. Der schönste Mann der Welt wohnt fast schon bei mir. Und ich wundere mich. Alles, was im letzten Jahr noch so schwierig mit demjenigen war, den ich nie wieder erwähnen darf, ist plötzlich ganz einfach. Es gibt keine Konflikte, keine Reibereien. Das erste Mal in meinem Leben freue ich mich, nachts neben einem Mann zu liegen. Kam es bei C., ehemals große Liebe immerhin, noch dazu, dass wir uns nachts oder am frühsten Morgen verwünscht haben, bin ich bald soweit, dass ich nicht mehr ohne den schönsten Mann der Welt einschlafen kann. Kam es bei demjenigen ohne Namen und mit Erwähnungsverbot ständig zu Streitigkeiten wegen Kleinigkeiten, kann ich mir das bei dem schönsten Mann der Welt gar nicht vorstellen, wahre Kommunikationskünstler sind wir im Gegensatz dazu. Auch körperlich ist das eine ganz andere Kommunikation. Wofür der nicht zu Erwähnende mehrere Monate gebraucht hatte, nämlich meine Bedürfnisse zu erkennen, das wusste der schönste Mann der Welt instinktiv schon nach wenigen Tagen. Eine neue Liebe ist wie ein neues Leben, so heißt es in einem Schlager. Und so fühle ich mich ganz anders, verhalte mich ganz anders. Das erste Mal, das mir jemand sagt, ich sei so unkompliziert. Unkompliziert sein als herausstechendes Merkmal, das als erstes genannt wird, wenn mich der schönste Mann vor seinen Freunden charakterisiert. Alles easy also? Ja, muss ich wohl sagen. Das erste Mal, dass ich positiv in die Zukunft blicke. Das erste Mal, dass ich das Gefühl habe: Ja, ich bin auf dem richtigen Weg. Alles wird jetzt so, wie ich mir das wünsche. Mit dem schönsten Mann der Welt an meiner Seite. Mit spannenden Seminaren und Fortbildungen, die meinen Horizont erweitern werden, mit coolen sozialen Kontakten, die mir gute Laune bringen. Mit einem Job, der vielleicht doch nicht die Sackgasse ist, die ich noch vor kurzer Zeit erwartete. Aber am wichtigsten: der schönste Mann der Welt, der an meiner Seite ist, und mit dem ich so viele schöne Dinge unternehmen kann.

Dienstag, 23. Februar 2010

Das künftige Leben von E. M. Forster

DAS KÜNFTIGE LEBEN von E. M. Forster ist die Neuentdeckung eines Klassikers: In seinen Romanen HOWARDS END und ZIMMER MIT AUSSICHT, die beide prominent verfilmt wurden, war Forster der bildmächtige Chronist einer "guten alten Zeit". Doch leider gab es in dieser Welt für Homosexuelle wie ihn keinen Platz. So verstummte er auf dem Höhepunkt seines Ruhms: Im Alter von 45 Jahren beendete er das Schreiben, weil die Geschichten der "gewöhnlichen Menschen" ihn nicht mehr interessierten. Seine eigene jedoch wagte er nicht zu erzählen.


In seinem Nachlass wurden dann neben seinem Roman MAURICE noch einige Erzählungen gefunden, die in Deutschland noch zu entdecken sind. Doch zunächst zu MAURICE, der 1987 von James Ivory verfilmt wurde und bei den damaligen Filmfestspielen in Venedig dreifach ausgezeichnet wurde. Darin erzählt E. M. Forster die Geschichte einer unmöglichen Liebe. Die außergewöhnliche Romanze ist bis in die Nebenrollen prominent besetzt: An der Seite Hugh Grants und James Wilby sind Sir Ben Kingsley und Helena Bonham Carter zu sehen. Die Geschichte: Maurice Hall und Clive Durham studieren an der altehrwürdigen Universität in Cambridge. Gegen alle gesellschaftlichen Normen verlieben sich die beiden Männer ineinander. Doch um seine Karriere als angehender Anwalt nicht zu gefährden, löst Clive die Verbindung und stürzt Maurice in eine Sinn- und Lebenskrise.

In DAS KÜNFTIGE LEBEN werden Geschichten über heimliche Seitensprünge und über verhängnisvolle Kontakte zu "unzivilisierten" Kulturen erzählt. Sie sind der gelegentlich fröhliche, manchmal aber auch bissige Kommentar zur scheinbaren Idylle der englischen Gesellschaft zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Die Erzählung „Arthur Snatchfold“ erinnert an Erzählungen von Oscar Wilde: Der distinguierte Sir Richard Conway sitzt im Garten bei seinen reichen Gastgebern und langweilt sich. Doch plötzlich kommt ein wunderschöner Milchmann in selbstbewusstem Schritt daher. Der ältere Mann ist sogleich hin und weg. Da sein Landaufenthalt bei langweiligen Bekannten sonst wenig zu bieten hat, steht er am nächsten Tag früher auf und begegnet dem Milchmann ganz zufällig im Grünen. Der Verlauf dieser Begegnung ist für beide erfreulich, doch leider hat von weitem der Bobby zugeschaut. Nachdem Sir Richard verschwunden ist, wird der Milchmann verhaftet, und er zeigt wahre Freundschaft, indem er trotz übler Konsequenzen den Namen Conways nicht verrät.


Noch tragischer ist die Titel-Geschichte DAS KÜNFTIGE LEBEN, in dem ein Indianer sich in den ehrgeizigen Missionar verliebt. Einst galt das Volk des mächtigen Herrschers als unchristianisierbar, doch der Missionar unterwirft es. Doch was kriegt der Indianer als Lohn? Er wird auf das künftige Leben, das Jenseits vertröstet. Doch wird sich der ehemals mächtige und jetzt schwächliche Herrscher nicht doch noch rächen?


Die erste Geschichte „Das andere Schiff“ ist ebenso tragisch und melodramatisch. Hier findet sich Rassismus in ungewöhnlicher Wendung. Der indische Mischling Cocoanut verguckt sich schon als Kind in den schönen Engländer Lion. Als die beiden sich als Erwachsene wieder begegnen, angelt sich der inzwischen sehr wohlhabende Cocoa seinen "nordischen Krieger", aber ihre sehr verschiedenen Mentalitäten führen zur Katastrophe.


Die Erzählungen von E. M. Forster bestechen durch eine wunderschöne, eloquente Sprache. Manches Mal ist es für den heutigen Leser ungewohnt, wie verschachtelt manche Sätze sind oder auch wie gewählt manche Ausdrücke, doch macht es großen Spaß, sich da einzulesen. Man muss dem Männerschwarm Verlag danken, dass er diese Erzählungen neu aufgelegt hat.


Der Erzählband DAS KÜNFTIGE LEBEN von E. M. Forster ist 2009 im Männerschwarm Verlag erschienen. Es umfasst gebundene 209 Seiten und ist Fachhandel für 18 Euro erhältlich.

Abschied von Bob - ein Jugendbuch

Mir gefällt das Lesen von Jugendbüchern. Es ist ähnlich wie bei Krimis. Sie sind eher leicht zu lesen, also eine sehr geeignete S-Bahn-Lektüre, immer spannend gestaltet, damit die Zielgruppe nicht die Lust verliert. Und oft behandeln die Autoren schwer verdauliche Themen auf ansprechende und einfache, aber nicht zu vereinfachende Weise. Das ist auch in diesem Jugendbuch des Autoren Lutz van Dijk der Fall.

In ABSCHIED VON BOB geht es um die Freundschaft eines ungewöhnlichen Paares: Die etwas mollige Yvonne, die oft von ihren Mitschülern verspottet wird, und Bob, der schwarzhäutige, gut aussehende, schwule Junge.

Als Yvonne von zu Hause wegläuft, vertraut sie nur ihm. Sie erlebt mit ihm, dass Liebe ganz unterschiedliche Gesichter haben kann. Bob aber hat große Sorgen. Nachdem sein Ex-Freund ihm erzählt, dass er HIV-infiziert ist, fürchtet er sich vor Aids und zögert den Test lange hinaus. Als sich herausstellt, dass er tatsächlich infiziert ist, weist sein Blut bereits eine enorm hohe Viruslast auf. Yvonne zögert keinen Moment, an Bobs Seite zu bleiben. Sie ist bei ihm, als er eine quälende Zeit lang auf die Medikamente eingestellt wird. Doch Bob hält dieses strikte neue Leben nicht lange aus. Er flüchtet – und kehrt erst zurück, als es zu spät ist.

Denn Bob verwirklicht sich seinen Lebenstraum, bevor er dann endgültig im Krankenhaus landet: Er reist nach San Francisco, dem Ort, an dem er so sein kann, wie er ist. Und lebt dann eine Weile da, ohne sich bei seiner Familie und seinen Freunden zu melden.

Lutz van Dijk ist 1955 geboren, arbeitete viele Jahre bei der Anne- Frank-Stiftung in Amsterdam. Seit 2001 lebt er in Kapstadt als Co-Direktor der von ihm mitbegründeten Stiftung HOKISA (Homes for Kids in South Africa), die Aids-Waisen und HIV-infizierten Kindern ein Zuhause gibt. Für seine Jugend- und Sachbücher wurde er mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet.

Natürlich merkt man diesem Jugendbuch dieses Engagement und die Ziele des Autoren an, doch es wirkt nie moralisierend und aufgesetzt. Dafür ist es viel zu emotional und viel zu tragisch. Man freut sich zunächst mit Yvonne über die neu aufkeimende Freundschaft, die sich wie eine Verliebtheit gestaltet. Später leidet man mit, wenn Bob seine letzten Lebens-Wochen und Lebens-Tage verlebt. Man kann gut nachvollziehen, dass alle beteiligten Personen mit der Situation überfordert sind.


ABSCHIED VON BOB ist im Sauerländer Verlag in der Reihe Sauerländer Reality im Juni 2007 erschienen. Es umfasst 144 Seiten und ist für 9,90 Euro im Fachhandel erhältlich.

Montag, 22. Februar 2010

"Das war´s dann wohl". Abschiedsbriefe von Männern - Sibylle Berg (Hrsg.)

Sibylle Berg ist vor allem durch ihre durch und durch obszöne und böse Literatur wie zum Beispiel in SEX² bekannt. Manche lieben ihre zynische Art, manche finden ihre Schreibe nur pervers. Sie polarisiert sehr.

2006 legte sie den erfolgreichen Band „UND ICH DACHTE, ES SEI LIEBE“. ABSCHIEDSBRIEFE VON FRAUEN vor, der daraufhin auch als Hörbuch mit Sophie Rois und Hannelore Hoger herauskam. 2008 folgte dann das Pendant dazu: „DAS WAR´S DANN WOHL“. ABSCHIEDSBRIEFE VON MÄNNERN. Darin bietet Sibylle Berg nun unverblümte und intime Einsichten in die Gefühlswelten von Männern.

Die von ihr gesammelten Briefe sind anrührende Zeugnisse männlichen Ausdrucksvermögens. Denn: Natürlich haben Männer Gefühle, oft sogar sehr viel verzweifeltere als Frauen, denn sie wissen gemeinhin nicht, wie sie ihnen Ausdruck verleihen sollen. So lautet zumindest das Klischee. Sibylle Berg hat Abschiedsbriefe gesammelt und kommentiert, Briefe von berühmten und weniger berühmten Männern, von lebenden und toten. Und eines hat sie dabei festgestellt: Egal ob sich der Mann von einer Liebe, einer Katze oder seinem Auto trennt - erst handelt er, dann denkt er nach. Und gelegentlich versucht er, für seine Gedanken die richtigen Worte zu finden. In dem Band finden sich Briefe von Leo Tolstoi, Edgar Allan Poe, Fernando Pessoa, Charles Baudelaire, Alain Delon, Wiglaf Droste, Tom Kummer, Moritz Rinke, Friedrich Dürrenmatt, Oskar Lafontaine und vielen anderen mehr.


Interessant ist dieser Band so oder so, alleine schon das amüsante Kapitel Abschied von Zeug, in dem sich bekannte und unbekanntere Herren mit Schwung von Dingen trennen. Im Kapitel Das große Finale – Abschied vom Leben, in dem eher nicht mehr lebende, aber berühmte Herren von ihrem Abschied vom Leben schreiben. Im dritten Kapitel Goodbye my love – Abschied von der Liebe trennen sich dann berühmte und weniger berühmte Herren von ihren Liebesgeschichten. Und da wird es dann interessant für uns:

Jens K. schreibt einen Abschiedsbrief an seine vergangene Liebe, den Nicht-mehr-Freund-Olli.

„Na ja, so wirklich lange zusammen waren wir nicht, es waren bloß vier Monate, aber gepasst hat es trotzdem, zumindest bis zu meinem Urlaub.“


Das erklärt er zunächst, um uns dann mitzuteilen, dass er vor allem Schwierigkeiten hatte, es Olli zu gestehen, dass er eben so fühle. Typisch Mann, ein Feigling, möchte man spontan ausrufen.

„20:53 Uhr – gerade geht es mir so, als hätte ich den größten Fehler meines Lebens gemacht, und mir geht dein Schweigen nicht aus dem Kopf. Ich fühle mich so dermaßen unwohl in dieser Position, dass ich wünschte, ich könnte es ungeschehen machen oder ändern, aber das kann ich nicht, denn es würde bedeuten, dass ich dir etwas vorspiele oder dich belüge, und das hast du nicht verdient.“

Wer kennt diese Situation nicht, in der einen Position oder in der anderen. Es ist keine große Literatur, die man liest, und keine großen Reflexionen. Jedem ist das schon passiert. Aber genau das ist die Stärke dieser Texte. Erfahrungen, die man selbst gemacht hat, oder die jemand anderer gemacht und uns erzählt hat. Dinge, die uns in diesen Erzählungen bekannt vorkommen. Jens K. war nicht verliebt in Olli. Es war schön, er fühlte sich wohl. Doch da war kein Kawumm! Da war keine große Leidenschaft. Und das merkte Jens im Urlaub. Kein Gewitter spürbar, kein überwältigendes Gefühl, sofort abreisen zu müssen, um ihn zu sehen, kein Zwang, sofort den Hörer nehmen zu müssen, um ihn anzurufen. Eine elementare Frage: Verzichte ich auf Leidenschaft, um etwas Sicheres zu bewahren, etwas, womit ich mich wohl fühle, aber nicht wofür ich sterben möchte? Oder warte ich auf die Leidenschaft, auf DIE GROSSE LIEBE. Jeder kennt diese Frage.

Eine weitaus tragischere Geschichte erzählt Michael M.:

„Berlin war die Stadt, in der wir uns trafen, I. und ich. Er war süße 19, ich 21 Jahre alt. Für ihn gab es bisher nur die Liebe zu Gott (Allah), traditionell geformt von seiner Familie. Immer im Kampf mit sich selber und der Religion im Nacken hat er sich Hals über Kopf in mich verliebt. Schwul? Wie geht das?“

Man kann es sich vorstellen, was da alles passieren kann und tatsächlich auch passiert. Doch ich möchte nicht zu viel verraten. Denn dieses Buch ist so lesenswert, dass es jeder und jede selbst tun sollte.

„DAS WAR´S DANN WOHL“. ABSCHIEDSBRIEFE VON MÄNNERN herausgegeben von Sibylle Berg ist 2008 in der DVA (Deutschen Verlags-Anstalt) erschienen. Es umfasst gebundene 206 Seiten und ist im Fachhandel für knapp 18 Euro zu beziehen.

Sonntag, 21. Februar 2010

Ein Boot - Reloaded

Es ist spannend, wenn man talentierten Menschen seine Texte zeigt. Manchmal geben sie einem Tipps, wie man sie verbessern kann, geben Tausend Ratschläge, so dass man sich noch einmal motiviert dransetzen kann, um sie zu verändern. Das führt zum Beispiel dazu, dass hinterher weniger Worte übrig bleiben, weil ich zu einer verquasten und umständlichen Sprache neige, manchmal gerne quatsche. Das ist mein Stil. Und manchmal ist das gut so! Manchmal aber auch nicht. Danilo Pockrandt, dem sehr talentierten Dichter aus Halle, habe ich nun folgende Version von "Ein Boot" zu verdanken, die mir sehr viel besser gefällt als die ursprüngliche! Wen es interessiert, kann sich ja mal das Original im Januar dagegen anschauen und berichten, wie es ihm/ ihr bei der neuerlichen Lektüre ergangen ist.

Ein Boot

Ein Boot möchte ich sein,
das ziellos vor sich hintreibt,
die Wellen schaukeln es
in ruhigen, niedrigen Wogen,
sprechen mit ihm
in ihrer eigenen schönen Sprache.

Ein Boot möchte ich sein,
das davon träumt,
eine Welle zu sein, eine Welle,
die mit ihrem Rauschen
so vieles
zu sagen hat.

Kränk - Take Three

Die Hölle in meinen Augen? Schlimmer als diese dammischen Fundamentalisten aus allen monotheistischen Religionen sich das Jenseits für die Sünder/innen ausdenken? Ärzten und Krankenschwestern in Krankenhäusern ausgeliefert zu sein. Wie vorwurfsvoll man angeschnauzt wird für Dinge, für die man nichts kann: Schweinchen Dick wurde zum Beispiel ausgeschimpft, weil die Infusion noch nicht bei ihm durchlief. Als könnte er etwas dafür, dass die Ärzte etwas anderes zu tun hatten. "Und wieso wollen sie wieder eine Tamponade?" - "Vielleicht blute ich mal wieder aus der Nase?" - "Den Teufel tun sie! Das ist Nasenschleim!" - "Ach, und der ist rot?" Ja, gut, ich sage ja nichts mehr. Nichts auch gegen meinen Arzt, der offensichtlich ein Frühaufsteher ist. Schon VOR DEM Frühstück tauchte er plötzlich auf, und kurz und schmerzlos zog er mir die Tamponaden und Fäden aus der Nase. Nee, tut ja auch nicht weh. Und danach fließt ja nicht NOCH MEHR Blut UND Nasenschleim aus der selbigen. Nein, nein, überhaupt nicht.
Drei Tage später kann ich wieder schlafen. Der schönste Mann der Welt auch, allerdings muss er sich einige Geräusche anhören, ein Pfeifen und Quietschen. Denn zwar sind mittlerweile die Silikon-Schienen (und was für Oschis DAS waren!) aus meiner Nase heraus und ich kann atmen, aber so richtig habe ich mich nicht dran gewöhnt. Ich atme nachts aus dem Mund und aus der Nase. Beides problematisch. Aus der Nase läuft ständig was. Erstrecht, nachdem ich mir regelmäßig drei verschiedene Nasenpflege-Produkte in die Nase sprühen muss, aber nicht schneuzen. Nie wieder schneuzen, nein, aber zumindest noch 4-5 Tage. Ich werde wahnsinnig. Meine Rachenschmerzen nicht zu vergessen. Nach wie vor kann ich nix schlucken, was mich wahnsinnig macht. Es schmeckt nichts. Und wenn es was Schmackhaftes gäbe, dann darf ich es nicht zu mir nehmen, weil Fruchtsäure, Milchsäure, zu heiß oder zu scharf oder alles.
Müde bin ich und mein Kopf schmerzt gelegentlich. Aber die Diva übertreibt! Denn realistisch betrachtet: ich sitze am Laptop und schreibe. Ich kann Musik hören, Filme schauen, essen (wieso kann ich IMMER essen, selbst wenn ich todkrank bin?) und vor allem kuscheln. Kuscheln mit dem schönsten Mann der Welt, der auch der geduldigste Mann der Welt ist. Gestern waren wir sogar im Museum zusammen. Anderen Leuten geht es wirklich schlecht nach diesen Eingriffen. Und ich beschwere mich wegen dieser kleinen Beschwerden. Oh no! Habe ICH das gerade geschrieben? Die kleine Diva scheint nicht nur krank, sondern auch verliebt zu sein. Was ist da nur los? So viel positives Lebensgefühl trotz OP und Schmerzen? Im Ernst: Ich habe diese Rachen-Schmerzen satt, die laufende Nase, das nicht richtig atmen können, die Kopfschmerzen. Aber ich weiß noch etwas anderes: Das geht bald vorbei. Was aber dann bleibt: Der schönste Mann der Welt, der sich die ganze Zeit liebevoll um mich kümmert. Und der hoffentlich lange in meinem Leben bleibt. Schauen wir mal. Schön wäre es! Sehr schön! Weil er eben nicht nur schön ist. Sondern auch alles andere...

Mittwoch, 17. Februar 2010

Kränk - Take Two

Wo fange ich nur mit dem Erzählen an? Mit welchen widerlichen Details belästige ich euch zuerst? Letzter Stand: Blut läuft aus der Nase. Ist eben so. Regen Sie sich ja nicht darüber auf, Herr Schmerzwach, ist eben so, wenn die Tamponade rauskommt. Ja, vielen Dank, Herr Doktor! Gefühlte eine Million Medikamente, die ich nun einsetzen muss, aber nicht schneuzen, bitteschön! Schon am Montag fing es mit der Fließbandabfertigung beim Anästhesisten an, was Neues habe ich da nicht erfahren, außer dass meine Hausärztin, die Quick (Blutgerinnung) vergessen hat zu überprüfen. Also, morgen vor der OP nochmal. Ahja, alles klar. Was ist QUICK fragt mich dann die Krankenschwester. Die Kompetenz schreit aus ihr heraus. Ich fühle mich in kompetenten Händen. Hoffentlich kriege ich einen anderen Anästhesisten als den, der sich nicht einmal die Mühe gibt, meinen Namen richtig auszusprechen.
Ich bin ja wirklich nicht für Krankenhäuser geboren. Kann keine Tabletten schlucken, ein Trauma, kann nicht schlafen, diesmal liegt es nicht nur daran, dass ich eben meine normale Schlafstellung nicht einnehmen kann (wegen der Nasen-OP), sondern auch wegen Schweinchen Dick im Bett nebenan, er schnarcht laut und unerquicklich. Die Geräusche sind unheimlich, genauso wie seine Lache und sein Blick. Der schönste Mann der Welt hat Angst vor ihm, als er ihn sieht. Zwei Nächte also nicht geschlafen. Meine Nerven sind völlig unten. Mein Kopf schmerzt... Aber dank der Schlaflosigkeit habe ich alle Medaillen Deutschlands live mitgekriegt bei dieser dammischen Winterolympiade.

Montag, 15. Februar 2010

Kränk - Take One

Ich werde sterben. Das ist schon ganz sicher. Und es tut mir Leid für alle. Ich werde sterben und es wird jeder mitkriegen. Ja, ich ziehe alle da mit runter. Alle. Ausnahmslos. So ist die kleine Diva. Melodramatisch, niemals still leidend, immer ganz groß bei dramatischen Gesten. Es tut mir Leid! Vor allem um den schönsten Mann der Welt, der wohl der genervteste Mann der Welt sein wird diese Woche. Sorry, wirklich, ich möchte das nicht. Aber es wird so sein! Schon die Gespräche beim OP-Arzt und dem Anästhesisten heute waren nicht nur nervenaufreibend. Sondern haben mich fix und fertig gemacht. Was mit meiner Nase passiert, mit der Nasenscheidewand, den Nasenmuscheln. Und mit dem Gaumensegel. Den nicht zu vergessen, da kommen dann die Schmerzen her, danach! Oh nein! Ich hasse Krankenhäuser, Schmerzen, Weiß, Krankenschwestern, Schmerzen, Krankenhäuser, diese Betten da, die anderen Patienten, überhaupt alles. Und die Schmerzen. Die Schmerzen. Und ich hasse Krankenhäuser. JA, ICH WEISS! ICH WIEDERHOLE MICH! Ist gut, ist ja gut. Aber ist doch verlogen, wenn man sagt: Ach, wird schon vorbeigehen, ist ja nicht so schlimm, wir sind ja erwachsen! EINEN SCHEISS BIN ICH, WENN ICH SCHMERZEN HABE, INS KRANKENHAUS MUSS! Einen Scheiß bin ich und alle anderen auch. Nur weil sie gerade selbst nicht dran glauben müssen. Es wird der Horror! Und dann geht der Horror vorbei. Es wird eine Zeit lang alles gut sein. Schon alleine, weil der schönste Mann der Welt an meiner Seite sein wird. Naja, wenn er die leidende Diva diese Woche erträgt. Aber vielleicht bringt es schon mal was, wenn ich hier jammere, bevor ich mich bei ihm ausheule? Der arme schönste Mann der Welt... Und ich erst. ALLES werde ich hier dokumentieren, während ich sterbe. STERBE. Heul!

Donnerstag, 11. Februar 2010

Sehnsucht...

Natürlich gebe ich gerne Bücher weiter, die mir gefallen. Insbesondere Mitglieder des ABK beglücke ich gerne mit schöner Literatur. Wir unterhalten uns dann auch stundenlang darüber. Meist sind es Texte, die einen Inhalt haben, die eher einen sozialkritischen Hintergrund besitzen, die uns dann zu langen politischen Diskussionen führen. Dabei haben es uns naturgemäß vor allem lateinamerikanische und russische Romane angetan, daneben auch die Literatur der ehemaligen DDR, zumindest um mehr Hintergrund zu erhalten, mehr hinterfragen zu können. Gedichte waren bisher nicht unser Diskussionsthema, aus bekannten Gründen. Doch man kann sich vorstellen, dass ich meine Freunde vom ABK nicht nur mit Faldbakken, den sie mittlerweile heiß und innig lieben und zitieren, erfreuen wollte, sondern ebenso mit Alberto Caiero, der ja bekanntlich das Alter Ego Fernando Pessoas ist.

Schiff, das du in die Ferne fährst,
Warum verspüre ich, anders als andere,
Kaum bist du entschwunden, keine Sehnsucht nach dir?
Weil du aufhörst zu existieren, sobald ich dich nicht mehr sehe.
Und wer sich nach etwas sehnt, das nicht existiert,
Fühlt sich zu nichts gehörig;
Nicht nach dem Schiff, nach uns empfinden wir Sehnsucht.Mein lieber Freund vom ABK schrieb mir ein paar Zeilen dazu:

Ich weiß nicht, ob ich das Gedicht so verstehe, wie es der Dichter meint, im Grunde genommen ist das ja auch egal, weil es darauf ankommt, was ich hineinlese... aber: für mich ist das eine Legitimation Menschen mit Migrationshintergrund zu entgegnen, dass ihre Sehnsucht nach dem vermeintlichen Heimatland, oder dem Herkunftsland, wenn man so möchte, unbegründet ist. Es existiert quasi nicht mehr, es ist entschwunden. Und jetzt ist man woanders, hat eine neue "Heimat". Die Sehnsucht nach dem Herkunftsland ist die Sehnsucht nach sich selbst, nach einer Identität, die für jeden sehr schwer ist zu finden. Egal, ob mit Migrationshintergrund oder deutscher Herkunft. Es ist schwierig sich zu finden, schwierig, der zu werden, der man sein soll. Und viele benutzen diesen Heimatbegriff, dieses "Zwischen den Stühlen sitzen" als Ausrede, als Ausflucht. Viele benutzen diese Nationalitäten, diese Konstruktionen von Grenzen als Ausschlusskriterium, als Abgrenzungsmerkmal. Nur in Wahrheit bräuchten sie es nicht, könnten sich von solchen Dingen befreien, wenn sie merkten, dass es um sie und ihre eigene Verworfenheit geht. Dass es darum geht, sich nach sich selbst und dem perfekten Seins-Zustand zu sehnen. Dass es darum geht, sich zu irgendetwas dazugehörig zu fühlen, was wiederum nur funktionieren kann, wenn man sich selbst gefunden hat, sich selbst etwas besser verstehen kann. So lese ich dieses Gedicht. Caiero ist ein wahrhaft genialer Dichter, dessen Texte sehr oft die Wahrheit sagen, zumindest die Wahrheit, die nach meinem Befinden diejenige welche ist. Die natürlich für andere nicht gelten muss, jeder konstruiert sich schließlich die eigene Wahrheit.

"Alles wahr" von Boris von Brauchitsch

In diesem Roman beginnt alles mit einem geschickt inszenierten Kunstraub. Ein dreister Betrüger haut fünf Galeristen übers Ohr, die allesamt bei der gleichen Versicherung namens Concil Klienten sind. Concil wiederum möchte verhindern, dass die Versicherungssummen bezahlt werden und beauftragt Robert Landau damit, Nachforschungen anzustellen. Gleichzeitig lässt er sich allerdings auch auf einen Extra-Deal mit seinem ehemaligen Kommilitonen Reinhold Berentz über zehn Tausend Euro ein, der ein Geschädigter ist und ein besonderes Interesse daran hat, den Betrüger aufzufinden. Robert Landau verfolgt Spuren in Venedig und Bangkok, fährt wieder zurück nach Frankfurt, um erneut in Venedig zu ermitteln. Er stellt fest, dass dies ein Ort aus seiner Vergangenheit ist und lernt seinen leiblichen Vater kennen, der eine wichtige Rolle in der Geschichte spielt. Außerdem trifft er in Bangkok auf einen jungen Mann namens Phil, der in ab diesem Zeitpunkt nicht mehr von der Seite weicht. Jeder Tag bringt neue Verstrickungen. Roberts Leben wird immer mehr der Ort von Täuschungen, Selbstzweifeln und verworrenen Gedanken.
Boris von Brauchitsch wurde 1963 in Aachen geboren, studierte Kunstgeschichte, lebt in Berlin und Ingenio (Gran Canaria) und arbeitet als Fotograf und Autor, überwiegend im Bereich der Kunst- und Fotografiegeschichte. Ihm ist mit diesem Werk ein Debüt-Roman gelungen, der in dieser Szene seinesgleichen sucht. Ab dem ersten Satz kann er mit seinem ironisch-klugen Tonfall den Leser auf seine Seite ziehen und lässt ihn mit seinem „Anti“-Helden mitfühlen und mitdenken.
Muss man Romane in einzelne Sparten kategorisieren? Ist dies ein Kriminalroman? Ist es ein Roman über Kunst und Kunstgeschichte? Ist es nicht vielleicht eine Geschichte über eine Selbstfindung? Worum geht es in diesem Werk?
Das Hauptmotiv dieses Werkes scheint der Unterschied zwischen Fälschung und Wahrheit zu sein. Dies passiert auf verschiedenen Ebenen. In mehr oder weniger kunstwissenschaftlichen und fast philosophischen Gedankengängen wird die Frage aufgeworfen, ob Kunst nicht per se eine Fälschung ist und ob nicht Fälschungen von Kunstwerken genauso Kunst sind. Auf einer anderen Ebene geht es um diesen Kunstraub, in dem nicht klar ist, wer wen betrügt und auf welche Weise, wer davon profitiert und wer nicht. Aber auch im Leben Roberts ist dies ein Motiv, das eine ungeheure Tragweite hat, stellt er doch fest, dass seine Mutter ihn jahrelang belogen hat. Erst in Venedig werden Erinnerungen wach und er beginnt, sich selbst mit neuen Augen zu sehen. Robert Landau ist ein Erzähler und am Ende stellt sich gar die Frage, ob er tatsächlich der Mittelpunkt der Geschichte ist, ob die Geschichte, die er erzählt wahr ist. Was ist denn Wahrheit? Phil, seine neue Bekanntschaft, schreibt ein ausführliches Tagebuch. Dies inspiriert Robert Landau seine Geschichte zu erzählen. Oder doch nicht?
In Murakamis Roman „Der Aufziehvogel“ sitzt der Held in einem Brunnen und denkt über sein Leben nach, stundenlang. Oder er schaut sich tage-, ja wochenlang Menschen in der City an und wartet auf eine Inspiration. In vielen Krimis gibt es Ermittler, die eher als Anti-Helden genannt werden können, die dann per Zufall oder mit beherzter Intuition ihre Fälle lösen. Die beiden Klischees vereint Brauchitsch hier in seinem Robert Landau, mit dem man mitfiebert und mit dem man sich in seinem Gefühls- und Gedankenlabyrinth verirrt.

Sonntag, 7. Februar 2010

Der ABK und Fasching

"Typisch Deutsch", schreit er ins Telefon, mir fallen fast die Ohren ab und ich frage mich, was er jetzt schon wieder zu beanstanden hat. Es ist nie gut, wenn er diese Formulierung benutzt. Schon gar nicht, wenn dann noch ein: "Ich werde sie in die Luft sprengen, aber alle miteinander!"
Halt, halt, halt, möchte ich sagen, einen Schritt zurück: Um wen geht es denn? Und um was? Das letzte Mal, dass ich das gehört hatte, musste ich einen Besuch im Kehler Krankenhaus einplanen. Aber das ist eine andere Geschichte!
"Ich hasse Fastnacht!" Okay. Bin ich einverstanden mit. "Wieso brauchen die Leute immer einen Grund, um zu feiern? Können die nicht einfach, weil das Leben schön und sowieso viel zu kurz ist, feiern, wenn sie lustig sind? Muss man hier in diesem Land auch das noch verordnen/vorschreiben?" Mh, denke ich mir, ich mag ja Fasching auch nicht, aber gleich so darüber aufregen? "Na, lass sie doch machen, wozu sie Spaß haben. Die Leute, die Spaß am Karneval haben, sind doch zu beneiden." Das sage ich einem der Vorstände des ABK, nicht damit rechnend, dass das noch ganz böse enden kann. "Was? Du hast wohl nen Knall? Das ist doch alles Kommerz! Amerikanisierung der Gesellschaft! Spaß-Gesellschaft! Kapitalistische Scheiße! Ich höre wohl nicht recht!!!"
Ich versuche ihm noch einmal in Erinnerung zu rufen, was der Sinn von Fasching ist: Stichworte . Aschermittwoch, Fastenzeit, Winteraustreibung... Doch schon während des zweiten Satzes kommt das laute Veto: "Ha, dir gehts wohl zu gut. Das ist verpisste Christianisierung eines heidnischen Ritus. Noch dazu kommt, dass es um Lokalpatriotismus geht, um nationalistische Tendenzen, um Verlogenheit. Und überhaupt: Wenn ich nur darüber nachdenke, dass dieses Fastnacht genau da vor allem blüht, wo diese unnützen Katholiken ihr Unwesen treiben." Ich versuche so ein bisschen sozialpädagogisch tätig zu sein und ihn ein bisschen runterzubringen. Alles umsonst. Er wütet nun weiter: "Und dieser Müll! Und diese Lärmbelästigung.Ich wollte nur durch diese beschissene Hauptstraße kommen. Und was ist? Dieser lächerliche Fastnachtsumzug geht durch. Was die an Müll produzieren! So ein Schwachsinn! So ein niederes Gebaren. Alles Geldmacherei. Wem gefällt denn der Scheiß! Im nächsten Jahr lasse ich den ganzen Umzug in die Luft sprengen. Warte es nur ab!" - "Ja, aber... Also... Ich schaue mir diese Umzüge im Fernsehen gerne an..." Da dreht er ganz durch: "Ha! Du verarschst mich gerade! Ich sag dir was: Wenn du den Fernseher eingeschaltet hast und plötzlich siehst, wie ich alle zerbombe, dann wirst du mit noch mehr Freude vor dem Fernseher kleben. Das sag ich dir!"
Mh. Die Diskussion geht noch ein paar Minuten weiter. Was heißt Diskussion? Ist ja eher so ein wütender Monolog. Und ich muss zustimmen. Was ich nach einiger Zeit tue. Aber nur weil ich ja Fastnacht im Grunde auch hasse. Aber erst einmal, wie so oft, dagegen halten wollte, wenn auch diesmal nicht ganz so engagiert. Ich finde nämlich Fastnacht genauso beknackt wie Halloween, wie den Valentinstag, Weihnachten und Ostern mag ich auch nicht. Und wozu es Pfingsten gibt? Die Hauptsache ist, dass ich nicht arbeiten gehen muss, weil es Feiertage sind. Alles andere zählt da nicht. Ja, ich mag Verkleiden nicht. Nicht wenn ich muss. Nicht wenn Leute sich nur an solchen Veranstaltungen trauen, das Geschlecht zu wechseln, ansonsten aber "Transen" hassen. Nicht wenn die ganzen Verhaltensnormen nur unter Alkohol und zu verordneten Zeiten stattfinden darf. Ich finde viel mutiger, viel schöner, wenn man sich auch außerhalb dieser Zeit traut, sich zu verkleiden, sich anders zu geben als die Masse, andere Klamotten trägt, andere Gedanken äußert. Und wenn die Ausgelassenheit Programm sein kann in unserer Welt, und nicht nur zur Narrenzeit!

Welttag der Poesie

Welttage... Es gibt so einige davon. Ob sie sinnvoll und notwendig sind, darüber kann man sich gerne streiten. Wieso braucht man einen Welt-AIDS-Tag am 1. Dezember? Sollte man nicht jeden Tag was gegen die epidemische Ausbreitung dieser Krankheit zum Beispiel in Afrika machen? Ist der European Buy Nothing Day am 27. November notwendig? Und könnte er nicht etwas noch zeitnaher an Weihnachten liegen? Ein Welt-Toiletten-Tag am 19.November hört sich erst einmal lustig an. Nach Al Bundy oder Leuten, die gerne über Toiletten-Philosophie sprechen oder stundenlang auf dem stillen Örtchen lesen. Doch er hat einen ernsteren Hintergrund: Er wurde 2001 von der World-Toilet-Organization (WTO) in Singapur ausgerufen und soll zu einer Verbesserung der hygienischen Situation in den Entwicklungsländern aufgerufen werden.
Der Welttag der Poesie findet immer am 21. März statt und wurde das erste Mal im Jahre 2000 von der UNESCO ausgerufen. Dieser Welttag soll an den Stellenwert der Poesie, an die Vielfalt des Kulturguts Sprache und an die Bedeutung mündlicher Traditionen erinnern. Und das auch angesichts der neuen Informationstechnologien. Sie soll weiterhin einen wichtigen Platz im kulturellen und gesellschaftlichen Leben einnehmen. Verlage sollen ermutigt werden, poetische Werke von jungen Dichtern zu unterstützen. Außerdem soll auch der kulturelle Austausch zwischen den Völkern intensiviert werden. In Deutschland richtet die literaturWERKstatt Berlin die zentrale Veranstaltung zum Welttag der Poesie in Deutschland aus. Sie hat auch die Internetplattform lyrikline.org gegründet.
Ja, wir haben noch nicht den 21. März., trotzdem gedenke ich den Gedichten. Hahaha. Ausgerechnet ich habe mich in diesem Blog zu einem eifrigen Gedichteliebhaber entwickelt. Der Mensch, der sich jahrelang Gedichten verweigert hat. Sie zu interpretieren, sie zu lesen, Gedichtbände zu kaufen oder gar Gedichte zu schreiben. Letzteres ist sowieso keine Kompetenz von mir, obwohl ich euch hier schon Gedichte zugemutet habe. Sie sind absolut grottig. Die Gedichte von Fernando Pessoa und seinen Alter Egos dagegen sind sehr viel spannender. Und zur Feier des Tages, nicht dem 21. März, sondern dem Sonntag, den 7. Februar zitiere ich euch noch ein paar Verse.

Die Materie ins reine schreiben
Die Dinge wieder richtig stellen, die von den Menschen verrückt wurden,
Weil sie nicht wahrnahmen, wozu sie da waren,
Wie eine gute Hausfrau der Wirklichkeit
Die Vorhänge an den Fenstern der Empfindung richten
Und die Fußmatten vor den Türen der Wahrnehmung,
Die Zimmer der Betrachtung auskehren
Und schlichte Gedanken vom Staub befreien...
Das ist mein Leben, Vers um Vers.

Dienstag, 2. Februar 2010

das leben ist schön...

heute morgen neben dem schönsten mann der welt aufgewacht
aus dem fenster geschaut, den schnee verzweifelt betrachtet
die kälte durch das fenster gespürt
an krankmelden gedacht, aber nicht gemacht – das schlechte gewissen
noch einmal angekuschelt
mich gefragt, wieso er neben mir liegt, neben mir?!
die odyssee zur arbeit, im schnee, mit umsteigen in bus und bahn hinter mich gebracht
das erste mal pünktlich gewesen
von der sekretärin erfahren, dass sich beide kolleginnen krank gemeldet haben
mir in den arsch gebissen – und an den selbigen des schönsten mannes gedacht
furchtbar gelangweilt den ganzen tag, fast eingeschlafen
immer neue dinge ausgedacht, womit ich mir die zeit vertreiben könnte
in der mittagspause fish and chips gegessen
neue musik im media-markt angehört
viel zu lange gebraucht
auch für den rückweg – mal wieder verirrt
im schneesturm
ich hasse dieses wetter
und: arbeit nervt!
mit schokolade geht es dann wieder besser
doch immer noch nichts zu tun
an den schönsten mann denken
sich fragen: wieso willst du MICH?!
glücklich sein, weil ich nicht weiß, was stress heißt
glücklich sein, weil das leben schön ist
weil alles so einfach ist, weil sich alles ergibt – irgendwie
merkwürdig das alles, merkwürdig schön...
heute abend möchte ich wieder neben dem schönsten mann der welt einschlafen...