Donnerstag, 11. Februar 2010

"Alles wahr" von Boris von Brauchitsch

In diesem Roman beginnt alles mit einem geschickt inszenierten Kunstraub. Ein dreister Betrüger haut fünf Galeristen übers Ohr, die allesamt bei der gleichen Versicherung namens Concil Klienten sind. Concil wiederum möchte verhindern, dass die Versicherungssummen bezahlt werden und beauftragt Robert Landau damit, Nachforschungen anzustellen. Gleichzeitig lässt er sich allerdings auch auf einen Extra-Deal mit seinem ehemaligen Kommilitonen Reinhold Berentz über zehn Tausend Euro ein, der ein Geschädigter ist und ein besonderes Interesse daran hat, den Betrüger aufzufinden. Robert Landau verfolgt Spuren in Venedig und Bangkok, fährt wieder zurück nach Frankfurt, um erneut in Venedig zu ermitteln. Er stellt fest, dass dies ein Ort aus seiner Vergangenheit ist und lernt seinen leiblichen Vater kennen, der eine wichtige Rolle in der Geschichte spielt. Außerdem trifft er in Bangkok auf einen jungen Mann namens Phil, der in ab diesem Zeitpunkt nicht mehr von der Seite weicht. Jeder Tag bringt neue Verstrickungen. Roberts Leben wird immer mehr der Ort von Täuschungen, Selbstzweifeln und verworrenen Gedanken.
Boris von Brauchitsch wurde 1963 in Aachen geboren, studierte Kunstgeschichte, lebt in Berlin und Ingenio (Gran Canaria) und arbeitet als Fotograf und Autor, überwiegend im Bereich der Kunst- und Fotografiegeschichte. Ihm ist mit diesem Werk ein Debüt-Roman gelungen, der in dieser Szene seinesgleichen sucht. Ab dem ersten Satz kann er mit seinem ironisch-klugen Tonfall den Leser auf seine Seite ziehen und lässt ihn mit seinem „Anti“-Helden mitfühlen und mitdenken.
Muss man Romane in einzelne Sparten kategorisieren? Ist dies ein Kriminalroman? Ist es ein Roman über Kunst und Kunstgeschichte? Ist es nicht vielleicht eine Geschichte über eine Selbstfindung? Worum geht es in diesem Werk?
Das Hauptmotiv dieses Werkes scheint der Unterschied zwischen Fälschung und Wahrheit zu sein. Dies passiert auf verschiedenen Ebenen. In mehr oder weniger kunstwissenschaftlichen und fast philosophischen Gedankengängen wird die Frage aufgeworfen, ob Kunst nicht per se eine Fälschung ist und ob nicht Fälschungen von Kunstwerken genauso Kunst sind. Auf einer anderen Ebene geht es um diesen Kunstraub, in dem nicht klar ist, wer wen betrügt und auf welche Weise, wer davon profitiert und wer nicht. Aber auch im Leben Roberts ist dies ein Motiv, das eine ungeheure Tragweite hat, stellt er doch fest, dass seine Mutter ihn jahrelang belogen hat. Erst in Venedig werden Erinnerungen wach und er beginnt, sich selbst mit neuen Augen zu sehen. Robert Landau ist ein Erzähler und am Ende stellt sich gar die Frage, ob er tatsächlich der Mittelpunkt der Geschichte ist, ob die Geschichte, die er erzählt wahr ist. Was ist denn Wahrheit? Phil, seine neue Bekanntschaft, schreibt ein ausführliches Tagebuch. Dies inspiriert Robert Landau seine Geschichte zu erzählen. Oder doch nicht?
In Murakamis Roman „Der Aufziehvogel“ sitzt der Held in einem Brunnen und denkt über sein Leben nach, stundenlang. Oder er schaut sich tage-, ja wochenlang Menschen in der City an und wartet auf eine Inspiration. In vielen Krimis gibt es Ermittler, die eher als Anti-Helden genannt werden können, die dann per Zufall oder mit beherzter Intuition ihre Fälle lösen. Die beiden Klischees vereint Brauchitsch hier in seinem Robert Landau, mit dem man mitfiebert und mit dem man sich in seinem Gefühls- und Gedankenlabyrinth verirrt.

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