Freitag, 31. August 2012

„Rosa Winkel“ von Dufranne/ Vicanović/ Lerolle oder: Auch Deutsche kamen ins KZ


„Sie werden verstehen, dass die Entschädigung für die echten Opfer vorgesehen ist und nicht für Leute, die nach dem Strafgesetzbuch Kriminelle sind.“ Das kriegt Andreas, die Hauptfigur der Graphic Novel „Rosa Winkel“, nach dem Zweiten Weltkrieg zu hören, als er um Entschädigung für seine Qualen in den beiden Konzentrationslagern Sachsenhausen (ab 1937) und Neuengamme (ab 1941) bittet. So erging es allen homosexuellen Überlebenden nach dem Dritten Reich. „Für die Homosexuellen ist das Dritte Reich noch nicht zu Ende“, schrieb Hans-Joachim Schoeps im Jahr 1962 in einem Aufsatz. Dass die Überlebenden der Konzentrationslager in Deutschland nicht mit offenen Armen aufgenommen wurden, ist bekannt, und das betrifft alle Gruppen, „die Juden“ genauso wie „die Politischen“ oder „die Sinthi und Roma“. Das Besondere an der Situation der Homosexuellen war, dass ein Gesetz aus dem Jahr 1794, das homosexuelle Handlungen unter Männern mit ein- bis mehrjährigen Zuchthausstrafen belegte, im Dritten Reich verschärft wurde, und dass dieser so genannte Homosexuellen-Paragraph 175 nach 1945 weder entfernt noch wenigstens entschärft wurde. Die Zeit der Denunziationen war in Bezug auf die Homosexuellen längst nicht vorbei, sie konnten jederzeit von Hauswirtinnen, Hauswirten, Kolleginnen und Kollegen an die Polizei verraten werden, die „Rosa Listen“ führte. Razzien in entsprechenden Treffpunkten waren an der Tagesordnung. Erst 1969 gab es die erste Entschärfung des Paragraphen, 1973 wurde er weiter aufgelockert und 1994 endgültig abgeschafft. Dass die damaligen Verfolgungen und Ermordungen an Homosexuellen weiterhin ein schwieriges Thema blieben, konnte man an den Problemen sehen, die mit der Errichtung des „Frankfurter Engel“, einem Mahnmal, das an die Verfolgung und Ermordung homosexueller Männer und Frauen im Nationalsozialismus erinnern sollte, verbunden waren. Nach vielen Hindernissen durfte die Skulptur von Rosemarie Trockel aufgrund des Kampfes von Ulrich Gooß, Herbert Gschwind, Hans-Peter Hoogen, Andreas Maul, Andreas Meyer-Hanno und Dieter Schiefelbein Ende 1994 endlich nach langem Hin und Her in Frankfurt am Karl-Mann-Platz aufgestellt werden. Und wenn man heute junge Frankfurter nach diesem Mahnmal befragt, dann herrscht betretenes, unwissendes Schweigen...



Noch unbedarfter sind die jungen Leute in der Graphic Novel „Rosa Winkel“ aus Paris, die den Ur-Großvater eines Jungen in der Gruppe für eine Schularbeit nach dessen Vergangenheit im Zweiten Weltkrieg befragen wollen. Sie reagieren überrascht, als der alte Mann erzählt, dass er deutscher Staatsbürger war. „Ein Deutscher? Und du bist trotzdem ins KZ gekommen?“ rutscht es Alexandre heraus. Sein Ahne reagiert nicht nur mit Tränen, sondern auch sehr erbost auf die Unwissenheit der Jungen und empfiehlt ihnen gute Bücher über diese Zeit zu lesen, bevor sie mit ihm reden, das sei ja das Mindeste an Höflichkeit... „Die Deutschen waren die Ersten in den Lagern...“ 
Der Urgroßvater Andreas ist in den 30er Jahren vor der Machtergreifung Adolf Hitlers Anfang 20, Werbezeichner und homosexuell. Er ist ein fröhlicher und romantischer Typ, der gerne mit seinen vielen Freunden um die Häuser zieht und auch der körperlichen Liebe mit Männern altersentsprechend sehr zugeneigt ist. Genauso wie die meisten anderen seiner Freunde wähnt er sich auch nach 1933 noch in Sicherheit, hört nicht auf die warnenden Worte seines Freundes Stefan, der ihn nach Amerika mitnehmen möchte. Die Freunde in der Clique glauben lange Zeit, dass sie wegen Ernst Röhm, der offen seine Homosexualität auslebte und im Dritten Reich sehr ranghoch war, geschützt sind und dass ihre Veranlagung akzeptiert wäre. Spätestens am 30.6.1934, als Röhm und seine Handlanger, ermordet werden, ändert sich langsam dieser Glauben. Ab 1935 verstärkt sich die Repression, da Homosexuelle als eine Gefahr für die „Rasse“ betrachtet werden, weil sie sich „weigern fortzupflanzen“. Sie werden systematisch verfolgt und gehören tatsächlich zu den Ersten, die in Konzentrationslager deportiert werden. Viele der Homosexuellen verglichen lange Zeit ihr Schicksal im Dritten Reich mit dem der Juden: Da diese Thematik in den 50er und 60er tabuisiert wurde, gab es keine Texte (schon gar nicht von Wissenschaftlern, die diese Schicksale schlicht ignorierten), hatte man keine Zahlen und viele gingen davon aus, dass Homosexuelle genauso wie Juden vollständig ausgerottet werden sollten. 
Adorno hatte die Erkenntnis, dass das Vorherrschen von autoritären Persönlichkeiten (wie im Faschismus und Nationalsozialismus) für eine kollektive Tendenz zur Intoleranz gegenüber andersartigem Verhalten jeglicher Art verantwortlich sein könne. Überall da, wo sich autoritäre Strukturen besonders ausgeprägt zeigen, wird die Situation von Homosexuellen schwierig, ihre Lebensmöglichkeiten werden eingeschränkt. Das ist nicht zuletzt in vielen muslimischen Staaten zu beobachten, aber insbesondere in „Putins Russland“ dieser Tage, in dem sich Homosexuelle nicht versammeln dürfen.
Der „Rosa Winkel“ war das Zeichen der Homosexuellen, das Pendant des gelben „Juden“- bzw. „Davidsterns“. Es war größer und damit sichtbarer als alle anderen Zeichen im KZ, vermutlich damit die Homosexuellen schon von Weitem erkannt wurden. 



Die Graphic Novel „Rosa Winkel“ begleitet Andreas in seinen härtesten Zeiten: Michel Dufranne schafft es ein Szenario zu erschaffen, das die wichtigsten Eckpunkte in wenige Worte fasst, Milorad Vicanović (MAZA) illustriert die Geschichte mit feinen, präzisen und vor allem sehr detailreichen Zeichnungen. Gemeinsam mit Christian Lerolle ist er in der Lage die Koloration so zu gestalten, dass sie perfekt die jeweilige Atmosphäre in den verschiedenen Zeiten einfängt. Dufranne vergisst nicht, den wichtigen Gegenwartsbezug miteinzubeziehen. Die Aufarbeitung der Geschichte vom Urgroßvater Andreas Müller gestaltet er sehr einfühlsam und ohne Effekthascherei.
Das Buch„Rosa Winkel“, welches im Jahr 2012 im Verlag Jacoby & Stuart in Berlin erschien, ist eine sehr wichtige Graphic Novel, die ein in der Vergangenheit viel zu oft tabuisiertes Thema behandelt. Man wünscht sich, dass dieses wunderbar und vor allem liebevoll gemachte Werk einem breiten Publikum bekannt wird.



ROSA WINKEL von Michel Dufranne, Milorad Vicanovic und Christian Lerolle, 144 Seiten, broschiert, 17 x 24 cm, durchgehend farbig, Verlag Jacoby & Stuart, ISBN 978-3-941787-79-7 € [D] 18,00 | € [A] 18,50 | SFr 25,90

Donnerstag, 30. August 2012

sprich! im Schaufenster Karstadt

Oh, das wird furchtbar aufregend. AUFREGEND! Aufregend, wirklich, ich meine, in einem SCHAUFENSTER eines großen Kaufhauses sitzen und LESEN??? OH MY GOD! Was ´ne Idee! Was ´ne Gaudi! Und was braucht´s für die Gaudi? Viele liebe Leute, die schon vormittags vor diesem Schaufenster stehen und zusehen und vor allem ZUHÖREN! :-) Ich bin gleich nach PIRO ("Du bist Frankfurt"!) dran. Ich bin so gespannt, wie das alles wird, wie die Leute reagieren, die Künstler performen etc. Es ist die Auftaktveranstaltung der immer größer werdenden Frankfurter Sprachwoche. Diesmal geht sie vom 1.9. bis zum 9.9.! Nein, keine Wasserglaslesung. Nein, nicht irgendwo in einem Literatur- oder Schauspielhaus, sondern mitten auf der Zeil, mitten im Karstadt. Da, wo Tausende von Menschen vorbei laufen, zu ihrem Samstagsshopping, zu ihren Erledigungen, zu ihrem Coffee to go und Va Piano oder McDonalds-Besuch. Und wir werden da sein - und singen, lesen, zaubern, slammen. Es ist schon etwas Cooles, da dabei zu sein. Wer kann noch von sich behaupten, im Schaufenster eines Kaufhauses gelesen zu haben?!

Sehr schön ist auch, dass ich endlich Jutta Wilke, Guido Rohm und Monika Baitsch live beim Lesen hören werde. Guido Rohm, dessen Bücher ich hier auf dem Blog gerne bespreche - weil er einfach genial ist. Ich habe meinen eigenen Stil, den ich auch durchaus mag, aber was würde ich darum geben, so zu schreiben wie er?! Ob er auch genauso gut liest, wie er schreibt? 
Die DoubleDylans kenne ich ja bereits vom Poetry Song Slam und ich finde sie super! Die anderen Künstler werden hoffentlich alle eine Neuentdeckung für mich werden. Bei der Sprachwoche geht es um Sprache, um die Kommunikation - ich bin gespannt, ob das Publikum in Kontakt tritt mit den Künstlern, mit ihnen kommuniziert, ich bin gespannt, ob wir neue Netzwerke schaffen können...
Wie auch immer: Es wird ein Heiden-Spaß und ich würde mich sehr sehr sehr freuen, gaaaaaanz viele von euch da zu sehen. Denn: wann habt ihr das letzte Mal etwas Lebendes im Schaufenster gesehen? 
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sprichfrankfurt
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Mittwoch, 29. August 2012

Baden und Lesen

Gestern dachte ich: Jetzt bist du mal früh wach und das Wetter spielt mit, also kannst du ja mal ins beheizte Freibad nach Hausen (da hatte ich ja vor einem Jahr den Schirn Clip gedreht - siehe rechts). Schließlich muss ich jetzt mal konsequent das Sportprogramm starten, nachdem ich diesen Vorsatz an Neujahr getroffen hatte (ist ja noch nicht soooo lange her, man hat doch das ganze Jahr dafür, um die Vorsätze in die Tat umzusetzen). Vorher bin ich in die Uni-Bib, um mir Bücher auszuleihen...
Gar nicht notwendig, dachte ich dann im Freibad, denn... die haben jetzt da einen Bücherschrank! Eine wirklich tolle Sache, wie ich finde. Baden und Lesen. Wenn man sich da schön auf die Wiese legt und plötzlich denkt: da fehlt doch was - ach, ein Buch vielleicht - da kann man sich gleich eines aus dem Schrank holen. Oder mehrere. Ich brauchte keines, ich habe mich außer zum Fotografieren ferngehalten, denn... Ich habe einen Riesen-SUB mittlerweile, es ist martialisch. John Kennedy Tooles Buch "Die Verschwörung der Idioten" muss ich dabei als erstes lesen. Und dann hatte ich noch zwei Bücher von Helmut Krausser dabei und ein Buch, das ich für ein Schreib-Projekt lesen muss... Der Tag müsste 48 Stunden haben. Das Schwimmen war übrigens sehr schön, auch wenn manche Leute es schaffen, und ich weiß wirklich nicht wie, plötzlich waagerecht in der Bahn zu schwimmen... 

Montag, 27. August 2012

Fortsetzungsroman: Moody Blue 6

http://schmerzwach.blogspot.de/
2012/08/fortsetzungsroman-moody-blue-5.html 
Ein kleiner Seitenarm des Rheins floss still und langsam an uns vorbei, ein großer Stein, der sich als Sitzplatz eignete, lag am Ufer und ich setzte mich darauf. Es war schon seltsam, mitten in der Nacht im Wald zu sein, ich hatte ein wenig Angst, Tobias wohl ebenso, denn er folgte mir gleich und nahm neben mir Platz, lehnte sich an mich. Ich legte meinen Arm um ihn, ohne zu wissen, ob das in Ordnung für ihn war, vielleicht hasste er offenkundige Berührungen – eventuelle Annäherungsversuche – von anderen Jungs, man wusste das ja nie. Gera-de homosexuelle Jugendliche, die im Kampf mit ihrer Veranlagung und ihrer Identität stecken, reagieren besonders empfindlich in solchen Situationen. Er nicht. Die Luft roch angenehm nach Natur und Nacht, der Wind blies sanft und streichelte unsere Gesichter. Ich fühlte mich wohl. Die Zärtlichkeit Tobi gegenüber hatte so etwas Harmloses an sich – zumindest für mich –, so etwas angenehm Brüderliches. Wir schwiegen. War so eine Situation nicht dafür prädestiniert, ein Geheimnis zu offenbaren? Egal, wie gut man sich kannte, der Ort, die Zeit, die Gefühle, wie dafür geschaffen, Intimes von sich zu geben. Nun, ich fühlte zumindest den Drang dazu. Doch was sollte ich ihm erzählen? Außerdem interessierten mich seine Geheimnisse sehr viel mehr, meine wusste ich schließlich schon. Vielleicht sollten wir bei dieser Gelegenheit ein Geheimnis erschaffen. Uns küssen? Was für Gelüste und Gedanken ich an diesem Abend, in dieser Nacht, hegte?! Es war so wie wenn eins meiner Alter Egos aus meinen erfundenen Geschichten aus ihnen entkommen und mir in den Körper geschlüpft wäre. Gerade in diesem Moment schaute er mich liebreizend an. Süß. Glaubst du, dass sie es miteinander tun? fragte er mich auf eine drol-lig-naive Art. 
Levent hatte seine Freundin noch nie betrogen, aber heute sah es anders aus, in dieser Nacht traute ich ihm alles zu. Fändest du es schlimm? fragte ich ihn. Weiß nicht, meinte er, ist Sex etwas Schlimmes? Nun, ich glaube nicht, antwortete ich, jeder begreift es anders, es ist etwas sehr Schönes, sehr Intimes, das man mit einem Menschen teilt, dem man vertrauen kann, ich sehe allerdings nichts Heiliges daran, Sex nicht als Höhepunkt einer großen Liebe, als Krönung der Beziehung, die perfekt, innig und rigide ist. Du hältst wohl nichts von Treue? provozierte er mich. Ich war noch nie untreu, sagte ich. Und das stimmte. Gelegenheiten hätte es gegeben, aber ich wollte es nie, fand immer Gründe, warum es nicht ginge. Liebte ich meinen Freund Alejandro so sehr? Oder zogen mich diese Jungs sexuell nicht genügend an? 
Er löste sich von mir und stand auf, er bewegte sich auf den Pfad zu. Er blieb nun unschlüssig stehen, schaute mich mit einem verwirrten Blick an. Dann lief er los. Ich rannte ihm hinterher. Was ist los? fragte ich, er antwortete nicht. Vor Jahren machte ich ein Praktikum im Kindergarten, dort hatte ich ein Kind namens Julian in meiner Gruppe, ein süßer Knopf, sehr intelligent und liebenswert, erzählte ich, wir fragten uns abwechselnd: was ist los? nichts! was? nichts! was? nichts!... Nichts! schrie Tobias und lachte laut los. Was? fragte ich. Nichts! antwortete er. Wir mögen uns, dachte ich und freute mich. Wir liefen zurück durch diese dunkle Nacht, zum Glück gab es keine Abzweigungen, die uns verwirren konnten. Als wir näher kamen, waren unsere Freunde gerade voll bei der Sache, beide nackt, wild umschlungen, ekstatisch zuckend, daher schlichen wir davon. 
Der ist ja behaart wie ein Affe, prustete Tobi los, als wir uns ein bisschen von ihnen entfernt hatten, uargh, der hat ja eine animalische Behaarung! Er nahm mich an der Hand und rannte los; hey, was ist los? fragte ich. Nichts! antwortete er und blieb endlich stehen, ich bin in der Laune, etwas Verrücktes zu tun. Ich dachte natürlich wieder an das Eine, wollte er Sex machen? Was? fragte ich. Nichts! lachte er. Apostolis, sing ein Lied für mich, bat er mich. Ein Lied? fragte ich. Ja, sagte er, eines, das dir einfällt, wenn du an die beiden anderen denkst. Meine Stimme hatte ich viele Stunden lang trainiert, weil es mein Traum war, auf der Bühne stehen zu dürfen und griechische Volkslieder zum Besten zu geben. So trällerte ich:


Ανεβα στο τραπεζι, κουκλα μου γλυκεια,
Χορεψε και σπαστα ολα τουτη τη βραδυα,
Παρε το ντεϕι κι ηρθα στο κεϕι,
Μη μου χαλαs τα γουστα
Σπαστο κορμι σου, ελα κουνησου και τιναξε τη ϕουστα.

Φερτε να πιω να ξημερωθω,
Πω πω πω πω πω μια κοπελα π′αγαπω.

Αμαν κουζουμ αμαν γιαβρουμ.

Αγκαλιασε μεκαι ϕιλεσε με
και οτι θελει αs γινει
Μονο κακια και μοχθηρια
Μεs στη ζωη θα μεινει.

Φερτε...

Steig auf den Tisch, meine süße Puppe,
Tanze und mache heute Abend alles kaputt...
Nimm das Tamburin und spiele, ich bin betrunken,
Verderbe mir nicht den Spaß,
Schmeiß deinen Körper herum, beweg dich und zeig mir, was du unter deinem Rocke hast.

Gebt mir was zum Trinken, damit ich auf dieser Party alt werde,
eh, eh, eh, eh, eh, ein Mädchen, das ich liebe.

Aman kusum, aman jawrum.

Umarme und küsse mich,
Und danach kann passieren, was will,
Nur Bosheit und Boshaftigkeit
Werden im Leben bleiben.

Gebt mir...

So übersetzte ich ihm hinterher holprig den griechischen Text, der sich natürlich im Original sehr viel poetischer anhört und sich reimt. Ich könnte mir vornehmen, diesen Liedtext einmal in ein deutsches Gedicht zu verwandeln. Tobias hatte Gefallen an dem Lied gefunden. Sing es noch einmal! bat er mich. Ich tat es. Dann rannte er wieder los. Wie war das nochmal? fragte er, Anewa sto trapezi mu, sang er, rannte durch das Dickicht. Wo rennst du denn hin? fragte ich, wie willst du über den Rhein kommen? Da vorne ist ein Brückchen, rief er, kukla mu rlikja. Ich versuchte ihm nachzukommen. 

Sonntag, 26. August 2012

UFM MUF - Museumsuferfest 2012









Jedes Jahr aufs Neue: schmerzwach versucht auf dem Museumsuferfest Spaß zu haben. Jedes Jahr aufs Neue: schmerzwach ist etwas überfordert mit diesen vielen Menschen. Mit diesen Menschen, die grundsätzlich "falsch" reagieren, wenn es besonders eng wird, alle wollen durch das gleiche Nadelöhr, auch wenn ein paar Meter weit Platz ist. Dann bleiben Leute mitten im Weg stehen, laufen plötzlich nach rechts oder links, oder noch sehr viel besser: drehen sich unmittelbar um und laufen in die andere Richtung, egal, ob 1000 Leute ihnen gerade entgegen kommen. Achtung, mein EGO ist wichtiger als die anderen Egos. Und immer gehen alle Leute dorthin, wo schon die meisten Leute sind, getreu dem Motto: Nur, wo es voll ist, kann es auch gut sein, die Mehrheit hat immer recht! Ja, gefährlicher Gedanken, aber gut. ;-) Das Museumsuferfest: eine große Gaudi, für ganz Frankfurt - und "leider" auch aus dem Frankfurter Umland, leider weil: es einfach zu viele Menschen sind, und es werden immer mehr und mehr. Es gibt nicht viel Platz am Museumsufer, aber immer mehr Menschen drängen sich darauf... Und schmerzwach ist überfordert... wird leicht panisch - und Alkohol ist da auch keine Lösung. ;-) Frankfurt ist schön - und das Museumsuferfest auch. :-) Aber das Feuerwerk muss ich mir von woanders aus anschauen, diese vielen Menschen ertrage ich nicht noch einmal. ;-)

Freitag, 24. August 2012

Atomic Age von Helena Klotz

Das Mal Seh´ n Kino in der Adlerflychtstraße ist wohl das Kino in Frankfurt, das am häufigsten queere Filme zeigt, hier laufen Filme von Rosa von Praunheim, Xavier Dolan, von der Edition Salzgeber und Pro-Fun Media. In dieser Kinowoche ist es der Film Atomic Age von Helena Klotz, in dem zwei schöne, selbstverliebte junge Männer aus der Pariser Vorstadt eine vielleicht gewöhnliche Nacht miteinander verbringen. In der Art eines Road Movies sehen wir sie zunächst gemeinsam im Zug in die City Paris hineinfahren, in einen Club gehen, tanzen und Leute beobachten, über die berühmte Brücke Pont Neuf spazieren und diskutieren. Wir begleiten sie in einer Prügelei mit dem noch schöneren Niels Schneider, bekannt aus „Herzensbrecher“ von Wunderkind Xavier Dolan. Und sind hautnah dabei, wenn sie sich am Ende in einem Wald hinlegen, in den Himmel schauen und philosophieren.
Das war der Inhalt in grausamer Kürze. Dass es der Regisseurin Helena Klotz offensichtlich nicht um den Plot ging, merkt man in jeder Minute des Films. Die einzelnen Szenen wirken merkwürdig unstimmig. Das Positive daran, könnte man vermerken, ist, dass man nie weiß, was als nächstes passiert. Das Negative? Nun, besonders glaubwürdig erscheint das nicht. Wo kommt plötzlich Theo, von Niels Schneider gespielt, mit seinen zwei Klons her? Wieso hat er es auf die beiden jungen Männer Rainer und Victor abgesehen? Wieso wirkt der Dialog so unauthentisch? Wieso brechen sie plötzlich einen Streit „Arbeiterklasse versus bürgerliche Gesellschaft“ vom Zaun? Oder wieso wird Rainer von einem anderen wunderschönen Typen grob sexuelle angemacht und was reden die da für einen Unsinn miteinander? Reden so junge Leute? Eher unwahrscheinlich. Wollen wir das alles auf die Drogen schieben? Wieso taucht ein Mädchen als Geist auf und ist dann plötzlich ganz real?
Wenn es nicht um den Plot geht, wenn die Dialoge unglaubwürdig sind, was ist dann der Reiz des Films? Vielleicht die Musik des Films, die merkwürdig mysteriös ist, von Ullysse Klotz übrigens. Vielleicht die langen Aufnahmen der einzelnen Akteure: Victor, der von Dominik Woijik verkörpert, und Rainer, der von Elliott Paquet gespielt wird. Nicht nur die Jungs sind in sich selbst verliebt und vielleicht auch ineinander, sondern auch die Kamera liebt sie. Minutenlang werden sie von ihr studiert, viele Szenen wirken so, als wären sie nur zustande zu kommen, um ihre Vorzüge besser zur Geltung zu bringen. 


http://www.critic.de/images/atomic-age-3-Atomi.jpg
Und doch! Und doch hat dieser kurze Film, 67 Minuten dauert er nur an, seinen Reiz, den man nicht in Worte fassen kann. Und doch sagt man sich: gut, ihn angeschaut zu haben. Vielleicht weil er sich trotz all der Schwächen von amerikanischen Filmen abhebt, die selten die Adoleszenten wirklich ernst nehmen, eher auf Klamauk oder Herzschmerz ausgerichtet sind. Vielleicht weil in den Dialogen ein paar starke Momente waren, vielleicht weil manchmal, fern der oberflächlichen Schönheit, starke schauspielerische Stärken zu sehen sind. Vielleicht weil der schmale Grat zwischen Frustration und Aggression sehr gut eingefangen wird, was wohl der Grund für den Namen des Films „Atomic Age“ verantwortlich ist. Das war nun eine Hypothese. Die Ratlosigkeit bleibt.
Wer sich selbst einen Eindruck von Atomic Age von Helena Klotz möge sich bis zum Mittwoch noch ab 22 Uhr ins Mal Seh´n Kino begeben und seine eigenen Eindrücke sammeln. Oder sich später bei Pro Fun die DVD besorgen. Wie gesagt: schöne Menschen gibt es zuhauf zu sehen.

Donnerstag, 23. August 2012

Lavendelblues von Petra van Cronenburg


Den Blog von Petra van Cronenburg lese ich ja regelmäßig, wirklich, ungelogen. Macht Spaß und ich bin immer neidisch, weil sie so viel Ahnung hat - hätte ich auch gerne. Aber das sind ein paar Jahre Erfahrung mehr - und ganz schön viel Klugheit. Einen literarischen Text hatte ich noch nie von ihr gelesen - und dann war da eine Gratis-Ebook-Aktion, von der sie immer im Blog erzählt hatte, und ich dachte: So, jetzt aber! Ich besorgte mir Lavendelblues und dachte zunächst: Na, das wirste wahrscheinlich niemals lesen! Ein "Frauenbuch"! 


Alle reden von Krise, aber die Freundinnen Dahlia und Estelle wagen trotzdem zu träumen. Dabei sind die Widerstände groß: Dahlia will ihren geliebten, aber unrentablen Romantikladen retten. Und Jazzsängerin Estelle möchte endlich wieder mit Seele singen statt auf zweifelhaften Firmen-Events. Die beiden brauchen eine Auszeit. Als sie ihre Freundin Bruni in Südfrankreich überraschen, sind sie allerdings enttäuscht. Das Paradies, von dem ihnen die Aussteigerin stets vorgeschwärmt hat, ist Klischee, die Wirklichkeit ernüchternd.
Einen Abend lang wollen sich die Freundinnen in einem französischen Restaurant in Verzweiflung üben. Aber sie werden angesteckt von der sprühenden Lebensfreude und dem Savoir Vivre der Menschen dort und erleben ihr blaues Wunder: den Aufstand eines verlorenen Dorfes, das um sein Überleben kämpft. Es ist eine ansteckende Rebellion der sanften Art, die die Frauen in ihr kleines Europa im Grenzland zwischen Frankreich und Deutschland exportieren. 

Gähn! Und dann auch noch auf meinem kleinen iPhone-Display lesen. Auf der Fahrt nach Berlin... Doch was passierte da? Ich fing an zu lesen... und... und... hatte Spaß daran und hörte nicht mehr damit auf. Viel interessanter als mein Hera Lind-Selbstversuch vor vielen Jahren. Viel interessanter, als es sich für mich angehört hatte. Ich mochte das Buch, den Ton, ja, der Stil von PvC gefällt mir auch in literarischen Texten, ja, die Geschichte von Dahlia nahm mich mit, passte in meine eigene Umbruchphase zurzeit. Ich möchte nicht sagen, dass dieses Werk jedermanns Geschmack ist, nein, sicher nicht, aber es ist gut geschrieben, es ist eine angenehme Bahnlektüre - oder auch für den Strand -, es ist herzlich und warm - und es macht Mut! Und ist nicht Mut das, was wir gerade am meisten brauchen?

http://www.amazon.de/Lavendelblues-ebook/dp/B007H9DUFE

Dienstag, 21. August 2012

Fortsetzungsroman: Moody Blue 5

http://schmerzwach.blogspot.de/2012/08/
fortsetzungsroman-moody-blue-4.html 
Wenn das alles nach seinen Wünschen läuft, schafft er es bestimmt, eine Lernstrategie zu finden und wird endlich erfolgreich in seinem Studium, dann wird er sich auch wieder für das Theaterspielen Zeit nehmen können. Vielleicht klappt es. Ich schlug nun vor, eine kleine Rast zu machen, wir waren am Rheindamm angelangt und zehn Meter von uns entfernt stand eine Bank. Auf diese setzten wir uns, schweigend. Er schaute nun um sich, betrachtete die Bäume, die majestätisch vor dem Rhein ragten. Nach wie vor gingen mir diese Gedanken durch den Kopf: Dieses verdammte Sex-Angebot. Es verwirrte mich, da ich lange Zeit nicht mehr an so etwas gedacht hatte, so etwas überhaupt nicht erwartet hätte. Levent schwieg. 
In der Dunkelheit konnte man ein kleines Leuchten erkennen, da hatten welche Kerzen aufgestellt. Wer ist das? fragte er. Wahrscheinlich ein paar Jugendliche, die kiffen wollen, sagte ich. Lass uns hingehen, forderte er mich auf. Wir liefen durch das Gestrüpp, machten zwei Gestalten aus, einen Jungen und ein Mädchen. Sie drehten ihre Köpfe zu uns, hauchten scheu ein Hallo. Stören wir euch? fragte Levent. Nein, nein, setzt euch zu uns, entgegnete das Mädchen, das nun nicht mehr so scheu wirkte. Es ist sogar sehr schön, dass ihr gekommen seid, setzte sie fort, vielleicht hätten wir uns zu zweit gelangweilt. Dabei schaute sie ihren Begleiter lächelnd an. Ist sie immer so charmant? fragte ich ihn. Meistens, antwortete er mit süßer Stimme. Er erinnerte mich ein wenig an den Eisverkäufer bei Lino´s, unserem Italiener an der Ecke, der sich schminkt und jünger aussieht, als er vermutlich ist. Sie war sehr hübsch, hatte wohlgeformte Brüste, lange Beine, schöne wallende Haare, ein makelloses Gesicht. Eine Frau, mit der sich jeder Junge, der „normal“ veranlagt war, gerne schliefe. Wahrscheinlich auch Levent, dachte ich sofort bei ihrem Anblick. Während wir es uns auf den Decken gemütlich machten, fragte ich die beiden, was sie eigentlich vorhatten. Wir wollten uns besaufen, sagte das Mädchen. Wir stellten uns gegenseitig vor, tranken Brüderschaft. Das Mädchen hieß Stefanie und war 18 Jahre alt, der Junge hieß Tobias und war im gleichen Alter. 
Irgendwie sah er mit seinen zarten Gesichtszügen sehr sanft aus, so als könnte er kein Wässerchen trüben und ließe sich vor allem nicht mit einer Sexbombe ein, mit der er sich dann einsam im Rheinwald besoff. Und mit der Zeit bestätigte sich mein Eindruck. Während sie anfing mit Levent zu flirten, zweideutige Anspielungen in dessen Richtung warf, verfinsterte sich der Blick von Tobias, doch ich konnte nicht glauben, dass es Eifersucht oder Neid sein sollte, eher Ärger darüber, dass sie sich notgeilerweise auf einen Jungen stürzte und sich nicht daran störte, dass er sich jetzt vielleicht langweilen könnte. Ich kümmerte mich um ihn, begann eine Unterhaltung, fragte ihn, ob er noch Schüler sei und auf welcher Schule, was er sonst noch so treibe und dergleichen Dinge, die man klärt, wenn man sich gerade kennenlernt. Währenddessen ging es bei den beiden anderen immer heißer zu, Tobias konnte es nicht mehr  mitansehen, seine Gesichtszüge veränderten sich zwischen irritiertem Zucken, finsterem Starren und enttäuschtem Funkeln, so fragte ich ihn, ob er ein wenig mit mir spazieren gehen wolle. Wir liefen den Waldpfad entlang, auf dem ich sonst joggte, wenn ich das Gefühl hatte, etwas für meine Figur und meine Fitness machen zu müssen. 
Tobias war gepflegt und gut gekleidet, fand ich – er trug eine schwarze, samtene Schlaghose, ein bequemes blaues Hemd aus Nikki-Stoff und schwarze Skater-Schuhe von der Firma Etnies –, schlank und nicht besonders hübsch. Seine zarten Gesichtszüge waren zu zart, zu konturlos, seine Haut zu blass, seine Ohren zu unförmig, seine Frisur zu brav, nur seine Augen stachen heraus, seine kalten grünen Augen, in denen ein warmer Stich brauner Farbe eine Insel bildete. Er war ein bisschen größer als ich. Daher standen ihm die Schlaghosen so gut. Trotzdem hatte er etwas Anziehendes an sich, eine Sensibilität, eine Verletzlichkeit, die vielleicht meinen Beschützer-Instinkt anstachelte. Was ist los? fragte ich ihn. Nichts, entgegnete er mir, was sollte denn los sein? Bist du eifersüchtig auf Levent? fragte ich ihn. Ich glaubte das natürlich nicht, denn ich hatte das Gefühl, dass er Mädchen nicht unbedingt begehrte. Nein, ich bin nicht eifersüchtig, sagte er, ich stehe nicht auf sie, wir sind eher wie Bruder und Schwester zueinander. Ja, als Bruder kann man doch eifersüchtig sein, meinte ich. Das stimmt, erwiderte er, allerdings bin ich nicht so kindisch, nein, ich verstehe den Unterschied: Ich bin der Bruder und andere Jungs können Liebha-ber sein, das ist nicht das Problem, nein, mich stört nur, dass es immer das Gleiche ist, sie trinkt zuviel und verführt einen x-beliebigen Jungen, der gerade auftaucht. Ich meine, nichts gegen deinen Freund, er mag ja ganz nett sein, aber ich habe ein schlechtes Gefühl bei ihm, er könnte böse oder gemein sein, man weiß ja nie. Nun, das könnte er, erwiderte ich, aber das wäre ja dann ihr Problem, sie wäre selbst daran schuld, nicht du. Findest du? Ich als Bruder könnte sie doch zu beschützen versuchen. Naja, Tobi, ich habe den Eindruck, dass sie sich selbst wehren kann. Und die Frage ist, wer wem wehtun wird. So sprach ich und kam mir sehr klug und erwachsen vor. 

Freitag, 17. August 2012

Der Frankfurter Engel

http://evangelischesfrankfurt.de/ entnommen
Mit dem "Frankfurter Engel" bin nicht ich gemeint, obwohl ich ja ein Engel bin. ;-) Und gerne von Engeln schreibe (siehe Moody Blue - natürlich auch von Teufeln). Der Frankfurter Engel ist die Statue links, ein Kunstwerk von Rosemarie Trockel (aus Köln) - das Mahnmal an die Verfolgung und Ermordung homosexueller Männer und Frauen im Nationalsozialismus. Wieso ich darüber schreibe? Nun, einerseits stelle ich die These auf, dass viele Menschen in Frankfurt sich gar nicht darüber bewusst sind, dass sich da am kleinen Klaus-Mann-Platz in der Nähe der Konstablerwache (vor dem Kino Eldorado, gegenüber von Döner/ Thai/ und Inder-Imbissbuden) ein Mahnmal befindet. Ich habe oft den Eindruck, dass man über Dinge, die 5000 Kilometer oder mehr von einem entfernt sind, mehr Ahnung hat als über Dinge, an denen man tagtäglich vorbei läuft. Auch ich hatte mir noch nie Gedanken über das Mahnmal gemacht...


Andererseits werde ich immer gefragt, was ich so tue. Viel, könnte meine Antwort lauten. Ich meine, ich poste doch alleweil, was ich so treibe - trotzdem scheint es einigen Leuten nicht ganz so klar zu sein. Das ist übrigens so beabsichtigt. :-))) Doch ein wenig Licht ins Dunkle kann ich bringen, wenn... wenn ich erzähle, dass ich in die Geschichte Frankfurts eindringe. In einen ganz bestimmten Teil der Geschichte natürlich. Die Rote Zelle Schwul wird mein Thema in der nächsten Zeit sein (Buchprojekt). Deswegen war ich in Berlin (Verlagsgespräch und Recherche im Archiv des Berliner Schwulenmuseums), deswegen lese ich dieses Buch "Der Frankfurter Engel" - das Bindeglied ist Hans-Peter Hoogen, der sowohl bei der zweiten Schwulenbewegung innerhalb der Roten Zelle Schwul (etwa zwischen 1971 und 1975) mitgewirkt hat als auch bei der Initiativgruppe Mahnmal Homosexuellenverfolgung gemeinsam mit fünf anderen Männern mitgestritten und organisiert hat (die anderen waren Andreas Maul, Andreas Meyer-Hanno, Herbert Gschwind, Dieter Schiefelbein und Ulrich Gooß). Hans-Peter Hoogen hat auch mit seinem Partner Heine 1978 die Gaststätte „Café Größenwahn“ gegründet, aus der viel später auch der Größenwahn-Verlag entstand (bei dem ich Plattenbaugefühle und demnächst mehr veröffentliche). Die Rotzschwul wie diese Linke Zelle ebenfalls genannt wird, ist eine sehr spannende Gruppe gewesen, über 600 Seiten habe ich dazu im Archiv kopiert. Mehr dazu gibt es im nächsten Jahr, da möchte ich dann auch eine Internet-Präsenz entwickeln. Zum Frankfurter Engel zurück: auch das ein spannendes und langwieriges Thema. Es gab einst den Paragraphen 175, den "Homosexuellen-Paragraphen", der erst in den Neunziger Jahren (!!!) ganz abgeschafft wurde, er stammt aus dem 19.Jahrhundert und verbot ohne Ausnahme und unter schwerer Strafandrohung gleichgeschlechtliche Sexualhandlungen. Im Nationalsozialismus wurde dieser noch verschärft und so als eines der wenigen Gesetze auch nach 1945 weiter in die neue Gesetzgebung übernommen. In den 50er und 60er Jahren waren daher weiterhin Denunziationen gang und gäbe. Kein Mann durfte in den Verdacht geraten, schwul zu sein, gar einen Mann mit nach Hause nehmen. Die Hauswirte und Hauswirtinnen verrieten diese Männer und die bekamen bald Besuch von der Polizei und kamen auf eine rosa Liste. Auch die wenigen Etablissements waren eher versteckt und Razzien waren an der Tagesordnung, manchmal mit dem einfachen Hintergedanken, die Homosexuellen zu diskriminieren und zu diffamieren (dazu wird es im Buch über die Rote Zelle Schwul leider Erzählungen geben). Nun, 1969 wurde das Gesetz entschärft und damit veränderte sich einiges im Leben der Homosexuellen, 1973 gab es nochmals eine Entschärfung. Doch neben diesen Diskriminierungen in den 50er und 60ern war vor allem eines ein Tabu und ein großer Kloß im Hals der meisten Homosexuellen: das Wort KZ. Und der Fakt, dass neben den Schwulen und den Politischen, den Sinthi und Roma etc. auch Homosexuelle dort landeten und Schlimmes durchmachen mussten. Dazu gab es lange keine Quellen, lange wollte sich kein Überlebender dazu äußern, kein Wissenschaftler nannte diese Gruppe, was Spekulationen Tür und Tor öffnete. Auch die Homosexuellen selbst schienen sich nicht sonderlich darum zu kümmern (was sich erst in der Mitte der Siebziger änderte, warum wird dann auch ein Thema im Buch-Projekt sein). Und das Thema Entschädigung? "Sie machen wohl Witze, Sie Krimineller!" So lautete wohl öfter die Antwort auf die berechtigte Frage... Erst 2004 wurden die damaligen Opfer rehabilitiert... Diese Thematik wird in dem Buch aus dem Eichborn Verlag ebenso behandelt, wie die Geschichte, wie es nach langen Jahren des Ringens um das Mahnmal endlich dazu kam, dass man es aufstellen konnte und durfte. Politik. Geld. Machtverhältnisse. Das eine kurze Zusammenfassung. Das mache ich also unter anderem im Moment...

Donnerstag, 16. August 2012

Sprich! Zweite Frankfurter Sprachwoche

Bild: sprich-frankfurt.de
Seit der ersten "Frankfurter Sprachwoche" im letzten Jahr ist sehr vieles passiert... Damals hat der Verein Sprich!, der sich gerade neu gegründet hatte, trotz aller Unkenrufe und Ratschlägen, so eine große Veranstaltung doch nicht so kurzfristig zu organisieren, vier Tage lang Programm gerockt (26.9. - 30.9.20122). Klar, nicht alles lief optimal, nicht alles war ein Erfolg - und doch: Wir haben etwas erreicht. Wir haben es geschafft, beim "Lesemarathon" auf der Konstablerwache (gegenüber von Apollo Optik) bis zu 300 Leute zu aktivieren, die sich mit dem Medium Buch auseinandersetzten. Das einfache Rezept: 1 Buch aus dem Bücherwühltisch mitnehmen, dafür aber 1 Minute daraus vorlesen. Es gab eine Bühne mit einem Mikrofon und die unterschiedlichsten Bücher. Mittlerweile gibt es zusätzliche Projekte, wir haben einen Preis für ehrenamtliches Engagement von der Stadt Frankfurt erhalten und sehr viel mehr finanzielle Unterstützung als im letzten Jahr (da waren es 700 Euro!!!). Nun findet die zweite "Frankfurter Sprachwoche" statt. Vom 1.9. bis zum 9.9. werden in Frankfurt wieder ganz viele Aktionen nach dem Motto: „Geht der Mitbürger nicht zur Literatur, geht die Literatur zum Mitbürger“ gestartet. Und der neue Oberbürgermeister Peter Feldmann ist der Schirmherr! Der Lesemarathon wird auch dieses Jahr wieder ein Highlight werden: am 7.9. zwischen 11 und 14 Uhr an der Konstablerwache. Danach wird es ein wunderbares Karaoke von World of Karaoke am gleichen Ort geben, ab 15 Uhr bis mindestens 18 Uhr, Joanna Cimring wird durch das Programm führen.
Die Auftaktveranstaltung wird am Samstag, den 1.9., zwischen 11 und 19 Uhr, im Karstadt Schaufenster in der Zeil stattfinden. Wie das? Lesen, Poetry Slam, Singen und Performances im Schaufenster mit einem Verstärker vor dem Schaufenster. Guido Rohm, Jutta Wilke, The Doubledylans, Tsoik und der Magier Harry Keaton sind die ersten tollen Acts, die dafür zugesagt haben (natürlich werde auch ich auftreten). Man darf gespannt sein!
Die Lesebühne des Glücks wird natürlich auch ein Kooperationspartner sein, am Freitag, den 7.9., ab 20 Uhr, wird es im Glück ist jetzt! wieder einen Autoren-Abend geben: mit Antonia von Trotha, Jan-Erik Grebe, Andreas Lehmann und mir. Wir lesen aus ganz unterschiedlichen Texten - meist unveröffentlicht und damit exklusiv. Am 8.9. wird es noch witziger: die Lesebühne des Glücks on Tour mit dem Glücksbus. Yes! Die Dichterin Safiye Can, der Poetry Slammer Carsten Nagels und der vielseitige Levend Seyhan werden mit Janni aus dem Glücksladen und mir durch die Gegend fahren, und um 18 Uhr am Günthersburgpark halten - und LESEN, dann weiterfahren zur Hauptwache - und dort etwa um 19 Uhr LESEN. Guerilla! :-)
Sprich! kooperiert aber auch mit dem kinder museum frankfurt beim Fest "Power am Tower" in Bornheim am 7.9. Zwischen 14 und 18 Uhr haben wir da unseren Stand, ab 15 Uhr liest die Autorin Phyllis Kiehl aus verschiedenen Büchern des Kindermuseums vor. Mit den Buchkindern wird am 8.9. im Kindermuseum organisiert, dass man seine eigenen Geschichten erstellen kann.
Es wird außerdem Flashmobs mit Schülern aus Höchst und aus dem Nordend geben, eine Kooperation mit den "BücherPicknickern" in der Stadtbibliothek Rödelheim, in der ich am Montag, den 3.9., ab 17 Uhr aus verschiedenen Texten lese. Ich bin sehr gespannt, was mich da erwartet.
Bereits am Sonntag, den 2.9., wird es ab 15 Uhr einen Schreibworkshop für junge Leute in der Kriegkstr12 geben, dort kann man unter anderem mit Levend Seyhan an seinen Texten für den JuLiP arbeiten. 
Im KiZ Gallus e.V. im Mehrgenerationenhaus wird es eine Projektwoche zur Sprache und zum Lesen geben, die öffentliche Abschlussveranstaltung in der Idsteiner Straße 91: Freitag, 7.9., 15.00 - 17.30 Uhr. Apropos Abschlussveranstaltung: die wird am 9.9. in der Zentralbibliothek der Stadtbücherei von 15.00 - 18.00 Uhr gerockt. 5 Worte, 1 Situation und 3 Minuten. Das ist alles, was die Mitspieler erhalten, um ihre Geschichte zu spinnen und zu erzählen. Das ist einer der Programmpunkte. Man darf überrascht sein, was es noch so gibt.
Am Mittwoch, den 5.9., zwischen 14.30 und 15.30 Uhr, wird in Kooperation mit der Fahrbibliothek der Stadtbücherei Dr. Helmut Scharf aus seiner Geschichte Raul und Ramon lesen. Haltestelle Eschersheim II. Und am Donnerstag, den 6.9., zwischen 14.30 und 16.00 Uhr werden die Teilnehmer der Gesprächsgruppe "Grüner Salon" der Christuskirche lesend ihr Unwesen am Bücherschrank am Merianplatz und in der Bergerstraße treiben. 
Also, wir haben viel vor. 
Bald werde ich den Flyer posten. Und mehr Infos zu diesen spannenden Events gibt es hier:
http://www.sprich-frankfurt.de/
https://www.facebook.com/sprichfrankfurt

Mittwoch, 15. August 2012

Unnützes Sprachwissen - Erstaunliches über unsere Sprache

Deutsch ist weder meine Mutter- noch meine Vatersprache. Deutsch habe ich zunächst auf der Straße, später in der Schule gelernt. Nach kurzer Zeit habe ich meine Eltern zuhause berichtigt und nicht viel später studierte ich Deutsch - mit Schwerpunkt Deutsch als Fremd-/Zweitsprache. Vielleicht liegt es daran, dass ich mir immer schon sehr viele Gedanken über Sprache machte. Zum Beispiel konnte ich nie Dialekt sprechen, weder den badischen (in Kehl geboren) noch den hessischen, der in meiner Wahlheimat Frankfurt gesprochen wird. Hast Du gewusst, dass Bairisch der beliebteste Dialekt ist? Gleichzeitig ist er allerdings auch der zweite Platz bei der Frage nach dem unbeliebtesten. Das Berlinerische ist jeweils auf dem dritten Platz, der unbeliebteste Dialekt ist das Sächsische, aber bei der Beliebtheitsskala wiederum auf Platz 5. Das sind die Dinge, die man in diesem kleinen Büchlein "Unnützes Sprachwissen" lernt. Wusstest Du, dass es in Italien folgende deutsche Wörter gibt: föhn, hinterland, jodler, kirsch, kitsch, kaputt, kindergarten, krapfen, kursaal, leitmotiv, poltergeist, realpolitik und besonders lustig "schadenfreude" - als wäre dies eine typisch deutsche Eigenschaft. Haben Sie gewusst, dass es im Deutschen 50 verschiedene Bezeichnungen für den abgeknabberten Rest des Apfels gibt? In Baden sagt man zum Beispiel: Appelgrutze und Butze (ersteren Begriff habe ich noch nie gehört), in Hessen wiederum heißt es Abbelkrotze und Grütz (kenne ich beides nicht), man aber schwerlich ein Synonym für "Brotkanten" findet? Im Studium spielten wir immer das "Plural-Spiel": Das waren Wörter, bei denen man nachdenken musste, wie der Plural richtig lautete. Ist nicht immer einfach: gerade grammatikalische Begriffe, die aus dem Lateinischen stammen. Weißt Du, was der Plural von "das Genus" ist? Genera! Der Modus? Modusse. Der Passus? Passus. Kommen wir zum Genus zurück: DAS Genus also. Die größten Schwierigkeiten haben Kinder, die nicht-deutscher Herkunft sind, mit den Artikel im Deutschen. In manchen Sprachen gibt es keinen, wie im Türkischen z.B., in anderen Sprachen gibt es nur einen, im Englischen als Exempel. Aber im Deutschen wird es besonders speziell. Da muss man dann mit Tricks arbeiten, eine gelbe Karteikarte und ein Löwe drauf für "der", eine rote Karte mit einer Blume darauf für "die" und eine blaue Karte mit einem Auto darauf für "das". Dabei gibt es Regeln, wann welcher Artikel benutzt werden muss. Zum Beispiel sind Blumen meist weiblich, allerdings gibt es ja im Deutschen immer Ausnahmen: Es heißt DER Krokus. Aber wenn einem gar nichts einfällt, sollte man einfach den Artikel "die" raten, denn... 46 % der Substantive sind feminin, ist ja fast fifty-fifty. Übrigens die häufigsten Wörter im Duden-Korpus sind Substantive, in allgemeinen Texten sind es "Jahr", "Uhr", "Prozent", "Million" und in Romanen sind das "Mann", "Frau", "Hand" und "Auge". Da könnte man nun einige Rückschlüsse daraus ziehen. 
Dieses kleine Duden-Büchlein ist total kurzweilig und ich werde es eine Zeit lang stets dabei haben, um die längsten deutschen Wörter, die witzigsten Palindrome und Akronyme von mir zu geben - oder auch um SMS-Kürzel nachzuschlagen.

Duden
Unnützes Sprachwissen
Erstaunliches über unsere Sprache
80 Seiten. Broschur
10 cm × 16 cm
5,00 € (D) / 5,20 € (A)
ISBN 978-3-411-71692-0

Dienstag, 14. August 2012

Elf Fragen von Schmerzwach an die Autorin Anja Ollmert

Anja Ollmert, geb. 1966 schreibt seit einigen Jahren überwiegend Kurzgeschichten, Prosagedichte und spirituelle Texte. Sie lebt mit ihrem Mann im Herzen des Ruhrgebietes und hat drei erwachsene Kinder. Die Autorin arbeitet ehrenamtlich als geistliche Leiterin des katholischen Frauenverbandes kfd und ist Leiterin eines Kinderchores. In ihrem vorliegenden Debütroman „Aoife“ verknüpft sie das persönliche Interesse an keltischer Mythologie und christlicher Tradition zu einer Fantasyromanze. Den Schauplatz ihres Buches hat sie mehrfach selbst bereist.

1.Wer bist du?
Mein Name ist Anja Ollmert. Ich wurde vor 46 Jahren in Recklinghausen geboren und wohne seither in Herten, der einst größten Bergbaustadt Europas. Ich bin Mutter von drei erwachsenen Kindern und verheiratet. 
2.Was machst du?
Ich arbeite fast ausschließlich ehrenamtlich. Seit 15 Jahren leite ich einen Kinderchor in meiner katholischen Heimatgemeinde. Darüber hinaus bin ich – ebenfalls ehrenamtlich – als geistliche Leiterin für die kfd, den größten katholischen Frauenverband in Deutschland, tätig. Das heißt, ich bin verantwortlich für die spirituelle Orientierung der Frauen in unserer Ortsgemeinde.
3.Woher kommst du und wohin möchtest du?
Dass mir der Glaube im Leben wichtig ist, das erklärt sich schon aus meinem Tätigkeitfeld. Doch auch für das Schreiben hatte ich von Kindheit an einiges übrig. Kleine Verse erheiterten meine liebe Verwandtschaft, als Teenager wurden daraus düstere Prosagedichte.  Heute schreibe ich Kurzgeschichten und habe gerade meinen ersten Roman „Aoife“ veröffentlicht. Mit dem möchte ich mir gerne einen Leserkreis erarbeiten, der Geschichten mag, in denen mystische und spirituelle Inhalte sich treffen.
4.Warum bist du Künstler_in geworden?
Ich würde mich derzeit nicht wirklich als Künstlerin bezeichnen wollen. Nicht zuletzt, weil das Schreiben an sich erst einmal hartes Handwerk ist. Erst die Fantasie macht Kunst daraus. Dabei die richtige Kombination zu erwischen, das ist es, was mich reizt, obwohl ich nicht weiß, ob mir das auch gelingt.
5.Welche Ziele hast du?
Hätte man mich das vor einem halben Jahr gefragt, hätte ich geantwortet: „Einmal meinen Namen auf einem Buchdeckel gedruckt lesen.“  Dieses Ziel habe ich erreicht und nun gilt es, sich neue Ziele zu erarbeiten. Dazu gehört neben dem guten familiären Miteinander auch, dass „Aoife“ vielleicht eines Tages nicht das einzige eigene Buch in meinem Regal bleibt. Aber das Schreiben sollte dabei nicht Selbstzweck sein. Ich möchte andere Menschen mit auf meine Gedankenreisen nehmen.
6.Wer oder was inspiriert dich?
Das ist ganz unterschiedlich. Manchmal ein plötzlicher Gedanke oder ein Alltagsgeschehen, dann wieder ein gestelltes Thema, dem ich mich unterwerfe. Es fällt mir nicht schwer, etwas Vorgegebenes umzusetzen, an eigenen Ideen muss ich länger feilen. Da ich auch für ein Internetportal schreibe, gibt es Vorgaben genug, die erfüllt werden wollen.  Als Redakteurin eines Gemeindemagazins geht es mir ähnlich, da halte ich mich an die Infos und forme daraus Texte. Und die Texte, die ich zu spirituellen Zwecken verfasse, brauchen selten zusätzliche Inspiration. Doch hin und wieder begegnet mir eine eigene Idee, bei der es mich drängt, sie zu einer Geschichte zu machen.
7.Wann bist du glücklich?
Wenn alles rund läuft und mir nichts Ungeplantes dazwischen kommt.
8.Wie sieht dein perfektes Leben aus?
Na ja, wer wäre nicht gerne reich und berühmt? Ok, reich muss nicht, berühmt darf aber… In meinem perfekten Leben hätte ich jemanden, der meine Hausarbeit erledigt, denn die steht häufig zwischen mir und dem Schreiben.
9.Was würdest du tun, wenn du einen Tag lang König_in von Deutschland wärst?
Ich würde mir einen Fiat 500 C kaufen und damit durch meine Stadt fahren. Dann säße ich eine Weile in einem Straßencafe in der Sonne und würde mir die Leute ansehen, die vorbeigehen. Danach würde ich mein nagelneues i-Pad aus der Tasche ziehen und mir Notizen für die nächste Geschichte machen. 
Du siehst, das alles ist gar nicht so abgehoben, als dass man es nicht eines Tages tun könnte, ohne Königin zu sein. Herrschen liegt mir nicht.
10. Wovon hast du als Kind geträumt?
Da das Singen immer zu meinen Hobbies gehörte, wollte ich gerne einmal eine große und berühmte Sängerin werden. Das hat nicht ganz geklappt…
Als Kind verfolgte ich unseren Pastor nach dem Religionsunterricht auf dem Schulhof, lauthals ein Kirchenlied singend. Ich dachte, er dürfe bestimmen, wer im Kirchenchor singt. Heute singe ich seit 34 Jahren in diesem Chor, so ist wenigstens ein Teil meines Traums in Erfüllung gegangen.
11.Worauf könntest du verzichten und worauf überhaupt nicht?
Auf meinen Computer zu verzichten, würde mir sehr schwer fallen, doch als ich „Aoife“ schrieb, hatte ich gar keinen Rechner. Es würde also – schweren Herzens – auch ohne gehen. Auf meine Familie und meine Freunde könnte ich nicht verzichten. Ich bin ein Mensch, der die enge Beziehung zu anderen braucht. Auch auf die Gesellschaft meiner Labradorhündin kann ich nicht verzichten. 

Montag, 13. August 2012

Fortsetzungsroman: Moody Blue 4

http://schmerzwach.blogspot.de/2012/08/
fortsetzungsroman-moody-blue-3.html
Levent hingegen möchte Schauspieler werden. Mittlerweile, begann er, mittlerweile möchte ich Regisseur werden, das mit dem Schauspielern klappt sowieso nicht mehr, ich bin zu alt um einzusteigen. Regisseur, das wäre es, da müsste ich aber auch das Leben kennen, alles schon erlebt haben, in sehr vielen Situationen gewesen sein. Ich dachte: Wie in dieser vielleicht? Aber er sprach mir ein bisschen aus dem Herzen, auch ich glaube das, auch ich komme mir so vor, als kennte ich das Leben nicht gut genug, um es auf dem Papier darzustellen. Ich bin noch nicht weit herumgekommen, bin vielleicht zu ängstlich dafür. Auf der anderen Seite: Gab es nicht dieses französische Zwillingspaar, das Zeit seines Lebens in der Küche saß und trotzdem wild vor sich hin schriftstellerte? Die waren ja auch nirgends herumgekommen! So viele Ideen hätte ich, meinte er, die ich umsetzen könnte, aber ich muss zuerst zu Ende studieren, ich bin gefangen, Scheiß Jura, hätte ich nicht vor dem Studium so viel Zeit verpennt, könnte ich damit aufhören, mich mit halbwegs gutem Gewissen in München an der Filmhochschule bewerben oder so. Aber jetzt bin ich in diesem rechtswissenschaftlichen Dickicht gefangen, habe Schwierigkeiten mit dem Lernen und Konzentrieren, fühle mich leer und ausgelaugt. 
Der Kies knarzte unter unseren Füßen, wir liefen nun näher am Bächlein entlang, einer von uns beiden musste gleich eine Richtung einschlagen, denn hier ging es nicht mehr weiter, ein natürliches Dickicht stand uns im Weg. Ich sagte, gehen wir an den Rheindamm. Die Situation mit dem Sex hatte ich verstreichen lassen, wusste gar nicht mehr so genau wie, und jetzt waren wir an diesem Punkt angelangt. Er müsse lernen zu lernen, er hatte das noch nie gelernt, wisse nicht, wie es gehe. Zunächst brauche ich Zeit für mich, sagte er, damit ich meine Seele ruhig bekommen kann. Dabei ist mir meine Freundin hinderlich, sie mit ihren eigenen Problemen, die alltäglichen Nicklichkeiten und Verzichte, die im Zusammenleben so wichtig sind, die Streicheleinheiten, die der andere immer gerade dann braucht, wenn man selbst nicht in der Stimmung ist, die ständige Rücksichtnahme, die mich annervt. 
Er hörte abrupt auf, als er ein Geräusch hörte. Was war das? fragte er. Ein kleiner Hoppelhase huscht übers Feld, antwortete ich, ich sah dem Tier hinterher. Das ist absolute Pampa hier, wie kannst du nur so oft hiersein, Apostolis? Levent, es ist doch ganz schnuckelig hier, oder? Sind wir nicht aus diesem Alter heraus, in dem man glaubt, nur in einer Großstadt, mit ihren wundervollen Möglichkeiten, die sie einem bietet, glücklich sein zu können? Bin ich zu philosophisch, zu altklug oder zu vermessen, wenn ich sage, dass man überall glücklich sein kann und überall unglücklich? Nein, so wird es wohl sein, sagte er, ich bin zumindest unglücklich, aber wer weiß?! Vielleicht ändert sich das in kurzer Zeit, wenn ich alleine wohne und wenn ich das mit dem Geld geregelt habe. Das Geld, das leidige Problem, dachte ich. Jeder hat damit seine Schwierigkeiten. Vor allem aber Levent, denn er hat einige Ängste, Phobien existenzieller Art. Das Geld könnte ihm in dieser teuren Stadt München ausgehen, er könnte verhungern, ohne seine Freundin nicht zurechtkommen, sein Bafög-Geld könnte gestrichen werden, weil er nicht genügend Leistungsnachweise erbringt, seine Eltern haben nicht allzuviele Mittel, um ihm zu helfen... 
Warum hatte er niemals versucht, auf eine Schauspielschule zu kommen? Weil er nichts Brotloses machen wollte. Kein Geld verpulvern ohne sicheren Erfolg hinterher, ohne wissenschaftlichen Abschluss. Doch was ist heutzutage sicher? Nichts! Im Grunde genommen sprachen wir immer über die gleichen Dinge. Bei all unseren gemeinsamen, zahlreichen Spaziergängen hatten wir ähnliche Themen, hat nicht die gleiche Welt die gleichen Themen? Immer reden wir über seine Freundin, die ich nicht leiden kann. An diesem Tag meinte er tatsächlich, dass er vielleicht am besten gar nicht mit ihr zusammen gekommen wäre, dass er zwischen ihr und mir entscheiden musste und doch besser mich genommen hätte, dann wäre ihm viel Leid erspart geblieben. Auch das hatte mich verwirrt. Auf seine erste Freundin verzichten, um mich nicht zu verlieren? Denn zwischendurch hatte er mich verloren, in dieser Zeit, in der ich meine Liebe zu ihm zerstört hatte. Doch jetzt hatte er mich ja wieder, trotz Freundin. Ich war erwachsen geworden. 
Immer redeten wir von seinem seelischen Zustand, der stets zu wünschen übrig ließ. Über seine Probleme und wie er sie aus seinem Leben schmeißen sollte. Über seine Ängste und wie er sie vertreiben könnte. Über Geld und Träume. Über seine Lernschwierigkeiten in der Uni. Er ist ein verblüffender Mensch. Verwirrt und nicht verwirrt, nicht verrückt, er spricht normal, hat sich unter Kontrolle, lebt nicht irgendwo abgehoben in den Sternen. Aber er ist in dem Sinne verwirrt, dass er immer das Gefühl hat, nichts auf die Reihe zu kriegen und nicht zu wissen, wie man das ändern könnte. Er sucht seit Jahren eine Strategie, um endlich glücklich, zufrieden und erfolgreich zu werden. Doch das ist alles nicht so leicht. Im Moment ist er der Ansicht, dass alles gut laufen könnte, wenn er sich von seiner Freundin trennt, ins Wohnheim zieht, Bafög erhält und ein bisschen Unterstützung von seinem Vater. Endlich lässt er sich von dem helfen, nachdem er sich jahrelang fast mit Nebenjobs kaputtgemacht hatte, nur um nicht seine schon genug gebeutelte Familie noch mehr zu belasten. Ohne Hilfe ist das Studium aber viel zu schwer, die Gesetze und Para-graphen lernen sich nicht von selbst... 

Sonntag, 12. August 2012

Berlin Impressionen

Cafe Kotti ;-)

Cafe Kotti ;-)

Kreuzberg ;-)
Revaler Straße 99, Südliches Friedrichshain, Astra Kulturhaus und Co.

Revaler Straße 99, Südliches Friedrichshain, Astra Kulturhaus und Co.

Revaler Straße 99, Südliches Friedrichshain, Astra Kulturhaus und Co. Kino cassiopeia

Revaler Straße 99, Südliches Friedrichshain, Astra Kulturhaus und Co.

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