Montag, 13. August 2012

Fortsetzungsroman: Moody Blue 4

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Levent hingegen möchte Schauspieler werden. Mittlerweile, begann er, mittlerweile möchte ich Regisseur werden, das mit dem Schauspielern klappt sowieso nicht mehr, ich bin zu alt um einzusteigen. Regisseur, das wäre es, da müsste ich aber auch das Leben kennen, alles schon erlebt haben, in sehr vielen Situationen gewesen sein. Ich dachte: Wie in dieser vielleicht? Aber er sprach mir ein bisschen aus dem Herzen, auch ich glaube das, auch ich komme mir so vor, als kennte ich das Leben nicht gut genug, um es auf dem Papier darzustellen. Ich bin noch nicht weit herumgekommen, bin vielleicht zu ängstlich dafür. Auf der anderen Seite: Gab es nicht dieses französische Zwillingspaar, das Zeit seines Lebens in der Küche saß und trotzdem wild vor sich hin schriftstellerte? Die waren ja auch nirgends herumgekommen! So viele Ideen hätte ich, meinte er, die ich umsetzen könnte, aber ich muss zuerst zu Ende studieren, ich bin gefangen, Scheiß Jura, hätte ich nicht vor dem Studium so viel Zeit verpennt, könnte ich damit aufhören, mich mit halbwegs gutem Gewissen in München an der Filmhochschule bewerben oder so. Aber jetzt bin ich in diesem rechtswissenschaftlichen Dickicht gefangen, habe Schwierigkeiten mit dem Lernen und Konzentrieren, fühle mich leer und ausgelaugt. 
Der Kies knarzte unter unseren Füßen, wir liefen nun näher am Bächlein entlang, einer von uns beiden musste gleich eine Richtung einschlagen, denn hier ging es nicht mehr weiter, ein natürliches Dickicht stand uns im Weg. Ich sagte, gehen wir an den Rheindamm. Die Situation mit dem Sex hatte ich verstreichen lassen, wusste gar nicht mehr so genau wie, und jetzt waren wir an diesem Punkt angelangt. Er müsse lernen zu lernen, er hatte das noch nie gelernt, wisse nicht, wie es gehe. Zunächst brauche ich Zeit für mich, sagte er, damit ich meine Seele ruhig bekommen kann. Dabei ist mir meine Freundin hinderlich, sie mit ihren eigenen Problemen, die alltäglichen Nicklichkeiten und Verzichte, die im Zusammenleben so wichtig sind, die Streicheleinheiten, die der andere immer gerade dann braucht, wenn man selbst nicht in der Stimmung ist, die ständige Rücksichtnahme, die mich annervt. 
Er hörte abrupt auf, als er ein Geräusch hörte. Was war das? fragte er. Ein kleiner Hoppelhase huscht übers Feld, antwortete ich, ich sah dem Tier hinterher. Das ist absolute Pampa hier, wie kannst du nur so oft hiersein, Apostolis? Levent, es ist doch ganz schnuckelig hier, oder? Sind wir nicht aus diesem Alter heraus, in dem man glaubt, nur in einer Großstadt, mit ihren wundervollen Möglichkeiten, die sie einem bietet, glücklich sein zu können? Bin ich zu philosophisch, zu altklug oder zu vermessen, wenn ich sage, dass man überall glücklich sein kann und überall unglücklich? Nein, so wird es wohl sein, sagte er, ich bin zumindest unglücklich, aber wer weiß?! Vielleicht ändert sich das in kurzer Zeit, wenn ich alleine wohne und wenn ich das mit dem Geld geregelt habe. Das Geld, das leidige Problem, dachte ich. Jeder hat damit seine Schwierigkeiten. Vor allem aber Levent, denn er hat einige Ängste, Phobien existenzieller Art. Das Geld könnte ihm in dieser teuren Stadt München ausgehen, er könnte verhungern, ohne seine Freundin nicht zurechtkommen, sein Bafög-Geld könnte gestrichen werden, weil er nicht genügend Leistungsnachweise erbringt, seine Eltern haben nicht allzuviele Mittel, um ihm zu helfen... 
Warum hatte er niemals versucht, auf eine Schauspielschule zu kommen? Weil er nichts Brotloses machen wollte. Kein Geld verpulvern ohne sicheren Erfolg hinterher, ohne wissenschaftlichen Abschluss. Doch was ist heutzutage sicher? Nichts! Im Grunde genommen sprachen wir immer über die gleichen Dinge. Bei all unseren gemeinsamen, zahlreichen Spaziergängen hatten wir ähnliche Themen, hat nicht die gleiche Welt die gleichen Themen? Immer reden wir über seine Freundin, die ich nicht leiden kann. An diesem Tag meinte er tatsächlich, dass er vielleicht am besten gar nicht mit ihr zusammen gekommen wäre, dass er zwischen ihr und mir entscheiden musste und doch besser mich genommen hätte, dann wäre ihm viel Leid erspart geblieben. Auch das hatte mich verwirrt. Auf seine erste Freundin verzichten, um mich nicht zu verlieren? Denn zwischendurch hatte er mich verloren, in dieser Zeit, in der ich meine Liebe zu ihm zerstört hatte. Doch jetzt hatte er mich ja wieder, trotz Freundin. Ich war erwachsen geworden. 
Immer redeten wir von seinem seelischen Zustand, der stets zu wünschen übrig ließ. Über seine Probleme und wie er sie aus seinem Leben schmeißen sollte. Über seine Ängste und wie er sie vertreiben könnte. Über Geld und Träume. Über seine Lernschwierigkeiten in der Uni. Er ist ein verblüffender Mensch. Verwirrt und nicht verwirrt, nicht verrückt, er spricht normal, hat sich unter Kontrolle, lebt nicht irgendwo abgehoben in den Sternen. Aber er ist in dem Sinne verwirrt, dass er immer das Gefühl hat, nichts auf die Reihe zu kriegen und nicht zu wissen, wie man das ändern könnte. Er sucht seit Jahren eine Strategie, um endlich glücklich, zufrieden und erfolgreich zu werden. Doch das ist alles nicht so leicht. Im Moment ist er der Ansicht, dass alles gut laufen könnte, wenn er sich von seiner Freundin trennt, ins Wohnheim zieht, Bafög erhält und ein bisschen Unterstützung von seinem Vater. Endlich lässt er sich von dem helfen, nachdem er sich jahrelang fast mit Nebenjobs kaputtgemacht hatte, nur um nicht seine schon genug gebeutelte Familie noch mehr zu belasten. Ohne Hilfe ist das Studium aber viel zu schwer, die Gesetze und Para-graphen lernen sich nicht von selbst... 

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