Sonntag, 30. Mai 2010

ESC - Das Finale

Der Morgen danach... Noch immer kann ich es nicht recht fassen, dass sie gewonnen hat. LENA. Wie konnte das passieren? Wie konnte Deutschland beim Eurovision Song Contest gewinnen? Jahrelang über den ESC, die Bewertungen, über die Balkan- und die Ostblock-Connection gemotzt, ständig einen der letzten Plätze erhalten... Und jetzt das? Sicherlich liegt es einerseits an der neuen Regelung, die allerdings nach wie vor nicht verhindern kann, dass Zypern den Griechen 12 Punkte gibt und umgekehrt, dass Moldawien und Rumänien 12 Punkte miteinander tauschen, oder Weißrussland sich niemals getrauen würde, den Russen nicht ihre Höchstpunktzahl zu geben. Aber dass nicht alles nur an diesen "Freundschafts-Bekundungen" liegt, zeigt doch auch, dass so ein Rotz-Lied des zugegeben süßen Jungen aus Großbritannien vor allem deswegen Letzter wurde, weil die Qualität so gering war. Andererseits haben die Türken, die jetzt nicht gerade von sich behaupten können, die meisten Freunde in Europa zu haben, locker auf Platz 2 kamen: mit einem wirklich guten, niveauvollen Lied, während Weißrussland den Briten bitterer Konkurrent um den letzten Platz waren: wirklich ein grottiges Lied.
Ich war überrascht: Ein paar recht gute Lieder landeten überraschend weit hinten: Island nur auf Platz 19? Wenn man die Stimmung bedenkt, die im Pulse herrschte, der Schwulen-Disco Frankfurts, dann hätte sie mindestens in die Top 5 gehört, auch das Publikum in Oslo schwang begeistert mit bei dem Lied. Doch wahrscheinlich war die Sängerin gehandicapt durch die vergangenen Monate: die Asche-Wolke war wohl keine gute Publicity für Island - das könnte sich auch in den Punkten ausgeworkt haben, könnte man ketzerisch behaupten. Wieso die Albanerin so schlecht abschnitt? Das ist mir schleierhaft angesichts der Tatsache, dass Albanien jahrelang ohne viele Freunde gut abschnitt. Bei Aserbaidschan wundert mich nichts mehr, genausowenig wie Armenien. Die haben halt diesen Euro-Trash-Faktor. Genauso wie Rumänien, dass oft viel zu weit oben liegt. Was sich die Leute bei Dänemark gedacht haben, verstehe ich weißgottnicht. Ich meine, dieses Lied gab es schon 1980 und da war es auch schon hassenswert. Wieso Belgien so gut dasteht, ist auch so etwas, was nicht zu verstehen ist. Zypern hatte das gleiche Lied und landete weit hinten. Dafür kam Serbien auf keinen grünen Zweig, trotz starkem Lied und charismatischen Sänger (hihi). Und was war mit Griechenland? Der hat doch die ersten 10 Teilnehmer/innen des ESC weggefegt mit seinem Auftritt. Nun ja, der Geschmack der Leute bleibt weiterhin zweifelhaft. Schade auch, dass der Spanier mit seinem witzigen Lied so weit hinten landete. Witzig aber dieser Typ, der sich auf die Bühen stahl: es gibt schon "strange" Leute. Aber freuen wir uns für Lena, Stefan Raab und die Deutschen: Wir sind Eurovision Song Contest. Und warum? Weil sich Germany die "12 points" aufgrund der Stärke des Liedes und natürlich auch des Auftritts verdiente - denn das war immer schon so die letzten Jahre: die stärksten Lieder haben sich durchgesetzt, egal aus welchem Land. Norwegen (Alexander Rybak) ist ja auch nicht auf dem Balkan oder aus dem Ostblock, genausowenig wie damals Lordi aus Finnland, die Türkei hat genauso gewonnen und ständig gute Platzierungen mit wenig Freunden. Hier das endgültige Ergebnis.

1. Deutschland (246)

2. Türkei: (170)

3. Rumänien (162)

4. Dänemark (149)

5. Aserbaidschan (145)

6. Belgien (143)

7. Armenien (141)

8. Griechenland (140)

9. Georgien (136)

10. Ukraine (108)

11. Russland (98)

12. Frankreich (98)

13. Serbien (82)

14. Israel (71)

15. Spanien (68)

16. Albanien (62)

17. Bosnien-Herzegowina (51)

18. Portugal (43)

19. Island (41)

20. Norwegen (35)

21. Zypern (27)

22. Moldau (27)

23. Irland (25)

24. Weissrussland (18)

25. Großbritannien (10)

Freitag, 28. Mai 2010

Eurovision Song Contest Semifinale 2

Da bleibe ich extra lange wach, kämpfe verzweifelt gegen den Schlaf an, um Litauen die Daumen zu drücken, und nicht etwa, weil die Jungs am Ende des Auftritts silberne glitzernde Hotpants tragen, sondern weil ich das Lied wirklich kultig finde, und es mir gute Laune macht... und dann: wählt man die schon wieder, genauso wie Estland, raus. Frechheit! Unverschämtheit! Skandal! Nun habe ich dem schönsten Mann der Welt den Schlaf geraubt, dabei hatte er heute morgen Frühschicht. Wofür? Damit verrückt auf einem durchsichtigen Doppelklavier klopfende Rumänen die nächste Runde erreichen? Oder damit wir die langweilige Georgierin im Finale nochmals ertragen müssen? Peter Urban sagte, dass das zweite Semifinale stärker als das erste sei - er hat auf jeden Fall Unrecht. Im Grunde genommen konnte ich nur ein gutes Lied sichten - Litauen - und das flog ja raus. Mit dem Israeli kann ich mich anfreunden, weil er einfach schön ist. Die Türken hören sich ein bisschen nach Muse an, also freue ich mich auch über ihren Einzug ins Finale. Azerbaidschan und Armenien haben immer einen Symapthie-Bonus bei mir, auch wenn die Lieder nicht wirklich gefallen. Aber wenn schon Folklore-Trash, dann hätte ich mir eher Slowenien weitergewünscht. Oder Holland, deren Lied Vadder Abraham geschrieben hat. Lustig, lustig! Schauen wir mal, wie das Finale wird. Ohne Estland und Litauen auf jeden Fall sehr viel nieveauloser!

Dienstag, 25. Mai 2010

Eurovision Song Contest Semifinale 1

Wasn Scheiß! Wer waren denn die Leute, die für diese beschissene Wertung verantwortlich sind??? Estland raus? Hat hier jemand noch Ahnung von Musik? Ach nee, ist ja ESC. Nun ja. Wenigstens ist Griechenland weiter, wenn auch in dem Fall musikalisch nicht gerade wertvoller, aber ich mag den Sänger. Ich mochte auch Island - diese Dicke, die da so süß rumgehüpft ist. Und Serbien natürlich- Goran Bregovic sei Dank! Aber wie schade, dass Finnlands Elfen schon raus sind. Warum nur? Dafür Belgien, Weißrussland, Russland und Portugal weiter? Völlig unverständlich, geradezu ärgerlich! Moldawien war lustig. So trashig, so eighties, so eastern-lustig... Und ich freu mich für Albanien. Ich frage mich, wieso die immer so weit kommen - wer sind ihre Verbündeten? Mmmmhhh...

Nix tun...

Zum Nixtun verurtelt... ;-) Drei Tage kein Internet... Ich durfte nur raus in die Sonne, chillen, gammeln mit dem schönsten Mann der Welt. Und jetzt schäle ich mich... Zu viel Sonne - nein, das geht natürlich nicht, zu viel Sonne, Sonne ist ja toll, und brauchte ich endlich mal wieder, von allen Seiten hörte ich das. Und deswegen Nixtun, nur Gammeln in der Sonne, Trinken auf dem Wäldchestag, Tanzen beim Pimmel-Karate-Club, haha, witziger Name, witzige Veranstaltung, zumindest bis Peter Fox zum dritten Mal lief, ätz, würg, mag ich nicht, und vor allem: warum beim Pimmel-Karate-Club? Nun ja, egal. Im Grüneburgpark kennen wir auch ganz neue Stellen jetzt, und am Main bleiben wir ja dem Maincafe treu, ach ja, hört sich nach Urlaub an, war es auch. Nix tun eben. Und jetzt geht es los mit dem Stress... Aber immer schön langsam, nicht wahr?! :-)

Freitag, 21. Mai 2010

Auf die eine oder andere Weise - Teil 3

„Es war mein erstes Mal“, begann er ganz aufgeregt, und ich schaute ihn verwirrt an. Seine Geschichte ging so: „Eigentlich wollte ich ja nur ein Bier oder zwei mit einem Freund trinken. Er hatte noch Lust, ein bisschen auszugehen, mal andere Leute sehen, bevor er sich müde ins Bett legte. Wir gingen also in eine Bar mit Karaoke. Dort traf ich einen Freund, der gerade aus Wien zu Besuch ist. Er wollte mich dazu überreden, mit ihm nach dem Karaoke noch weiter um die Häuser zu ziehen, schließlich hätten wir zwei nicht oft die Möglichkeit, zusammen feiern zu gehen. Ich gab ihm Recht, sagte ihm allerdings, dass ich nicht fit genug sei. Dann sagte der Freund, dass er in diesem Falle etwas für mich habe. Ich solle ihm folgen. In Ordnung, wieso denn nicht, dachte ich mir, ich kann ihm ja vertrauen. Wir hingen zusammen auf Toilette und er packte ein kleines Päckchen aus seiner Hosentasche aus. Verwundert beobachtete ich ihn und hätte nicht überraschter sein können, als plötzlich ein weißes Pülverchen zum Vorschein kam. Mir fiel die Kinnlade herunter. Was sollte das denn? Ich hatte dreißig Jahre meines Lebens hinter mir, ohne jemals mit Koks in Berührung zu kommen. Ich hatte schon die Türklinke in der Hand, als er mich festhielt und mir versicherte auf mich aufzupassen. Nur eine kleine Portion, sagte er. Unsicher schaute ich ihn an, bat ihn darum, mir zu zeigen, wie ich es machen müsse. Mit einer seiner Karten fertigte er auf dem Toilettendeckel zwei kleine Lines für uns und rollte dann einen Geldschein zusammen. Er schniefte zuerst und ich schaute ihm fasziniert dabei zu. Ich tat es ihm gleich. Im Grunde genommen weiß ich bis jetzt noch nicht, wieso ich das gemacht habe. Aber es begann der schrägste Abend meines Lebens. Wir zogen bald weiter in andere Etablissements, in Spelunken, die ich vorher noch nie von innen gesehen hatte. Wir tranken mit Menschen Bier, die ich sonst nur aus dem Fernsehen kenne, abgewrackte Nachtgestalten, völlig kaputt. Und immer wieder ging es weiter mit dem weißen Zeug. Um neun Uhr morgens gingen wir noch mit zu irgendwelchen Leuten, ein Typ mit neun Jahren Bewährung und seine Schläger-Tussi-Freundin, weil sie noch etwas zuhause hatten, was wir konsumieren konnten. Unter normalen Umständen wäre ich nie mit. Aber ich tat es. Obwohl es wie bei Messies bei ihnen aussah, obwohl sie vier Hunde und mehrere Katzen und Vögel hatten. Wir verbrachten den ganzen Tag und den ganzen Abend da. Bis ich zu diesem Club kam. Ich habe nicht geschlafen, ich hatte die ganze Zeit nichts gegessen. Und jetzt… jetzt sitze ich mit dir hier.“ - „Nachdem du eine Bäckerei überfallen hast!“ – „Nachdem ich mehr aus Versehen einen Korb mit Brezeln, der da im Weg rumstand, habe mitgehen lassen.“ Er zwinkerte mir zu. „Auch das war mein erstes Mal“, sagte er.
Es war eine dieser Situationen, in denen man weiß, dass der andere absoluten und untolerierbaren Blödsinn redet, man aber nichts findet, um ihn davon zu überzeugen. Auf die eine oder andere Weise.
Ich schaute ihn an. Wie reagiert man auf so etwas? Mit Alkohol hatte ich kein Problem, auch mit dem Kiffen nicht, aber etwas Härteres als das? Wohin führte das? Dass man Brezeln klaute und wildfremde Männer mit hineinzog. Aber… er gefiel mir. Ja, er war ein schöner Mann. Ja, irgendetwas fühlte sich zu ihm hingezogen, irgendetwas ließ mich innerlich lächeln. Der Hunger nach etwas Liebe? Sehnsucht? Begehren? Das Schicksal?
„Was wird nun dein nächstes erstes Mal?“ fragte ich ihn belustigt, ohne zu wissen, wo das herkommt. Und er sagte: „Jemanden zu heiraten, den ich erst ein paar Minuten kenne. Willst du?“ Ich musste laut lachen, aber im nächsten Moment erschien es mir folgerichtig. Und ich sagte: Ja. Es passte zu diesem Abend. Es war richtig. Auf die eine oder andere Weise.

Auf die eine oder andere Weise - Teil 2

Natürlich stand ich plötzlich wie paralysiert da, schließlich hatte ich ihn nie vergessen können und sehnte mich noch immer nach ihm. Er hingegen schien ganz Herr der Lage, strahlte mich sofort an, küsste mich unverhofft auf den Mund. Ich wähnte mich im Siebten Himmel.
Schicksal, dachte ich. Auf die eine oder andere Weise. Das Leben spielt seltsame Streiche, sagt man.
Wenn mich jemand fragt, wieso ausgerechnet mir ständig solche Dinge passieren, kann ich keine Antwort geben. Vermutlich gibt es ein paar wenige Menschen wie mich, die noch nicht einmal die Straße überqueren können, ohne dass ihnen etwas Wunderliches zustößt. Tatsächlich ist es so, dass mir jeden Tag so vieles passiert, dass ich mit dem Erzählen nicht nachkomme. Und entgegen der logischen Schlussfolgerung, dass daher gar nichts eine Bedeutung für mich haben dürfte, ist genau das Gegenteil der Fall: Ich messe jedem Erlebnis eine große Bedeutung bei.
Das macht mich etwas überreizt, so wie bei Nichtstillen eines Hungers, aber vor allem komme ich auch mit der Reflektion nicht mehr nach, weswegen viele Dinge einfach aus meinem Blickfeld verschwinden.
Er schaute mich an, endlich satt gegessen und jetzt wieder ein schöner Anblick. „Tut mir Leid, dass ich dich da so reingezogen habe. Du weißt nicht, was ich alles erlebt habe.“ Das stimmte. Ich kannte ihn nicht und ich konnte mir auch nichts darunter vorstellen. Keine Vermutung. Nur Neugier. „Ich bin seit mehr als dreißig Stunden unterwegs jetzt. Du glaubst gar nicht, was in dieser Zeit alles passiert ist, oder auch nicht.“ Meine Antwort war etwas eindimensional und vorhersehbar, doch er ließ sich davon nicht beirren. Als ich ihn so anschaute, dachte ich, dass er aufgeregt wie ein kleines Kind redete, dabei süß die Nase kräuselte und leicht mit den Augen blinzelte. Das machte ihn sehr liebenswert und entsprach so gar nicht meinem ersten Eindruck. Ein bisschen fror ich, aber andererseits fand ich es schön, hier in München neben diesem Typen zu sitzen.
Der Abend mit meinem Ex-Freund, der mir im ersten Moment wie vom Himmel geschenkt vorkam, war selbstverständlich genauso enttäuschend wie das Ende unserer Beziehung. Er stahl sich erneut davon, nicht der Rede wert, ein Typ wie ein Schrank, so wie der Mann, für den er mich verlassen hatte. Ich hatte mich schon immer gefragt, was er an mir schmächtigem sensiblen Jungen gefunden hatte. Immerhin war ich seine längste Beziehung, und das mit Abstand. Doch diesmal habe ich nicht wie sonst reagiert, ich wurde nicht traurig und gab mir mit Alkohol den Rest, nein, ich ging auf einen Typen zu, sagte ihm, dass meine Begleitung fort sei und ich eine neue suche, und er, bass erstaunt, sagte: na, okay, dann bin ich deine neue Begleitung.
„Der Typ war übrigens mein Ex-Freund“, sagte er, und ich verstand ihn nicht. Ich wusste nicht, was er meinte, dieser gut aussehende Dieb. „Nun, mit dem du vorhin getanzt hast, eng umschlungen, mit strahlenden Augen. Und der dich dann nicht mit nach Hause nahm. Was übrigens nicht an dir liegt, sondern daran, dass ich noch nicht aus unserer gemeinsamen Wohnung ausgezogen bin.“
So verwirrt kann niemand auf der Welt jemals gewesen sein, dachte ich. Auf die eine oder andere Weise. Aber nicht auf diese krasse.
Noch immer verdutzt schaute ich ihn an. „Du hast mich nicht wahrgenommen. Ich habe euch kurz beobachtet vorhin. Nachdem ich kurz auf der Toilette war, fand ich euch nirgends mehr. Erst als ich dich beinahe umgerannt hatte, sah ich dich wieder. Ohne meinen Ex-Freund, der niemals jemanden mitnimmt. Wer weiß warum. Mir würde es nichts ausmachen.“
In der Großstadt passieren merkwürdige Dinge. Es ist anders als in kleinen Dörfern. Gerade weil man so viel Angst davor hat, dass jeder von allem erfährt, strengt man sich an und lässt es nicht dazu kommen, jeden Schabernack zu treiben. In der Großstadt fühlt man sich sicher, anonym, aber aus einem Grunde, der einer inneren Logik entspricht, mir sich aber nicht erschließt, passiert dann der Effekt, den man im Dorf erwartet, aber nicht in so einer großen Stadt: Jeder weiß alles und kriegt noch mehr mit.
Er übernahm das Gespräch, was mir nichts ausmachte, denn ich dachte über den Verlauf des Abends nach und fragte mich, was ich anders hätte machen können oder wollen. Als ich wohl zu sehr in Gedanken abdriftete, schubste er mich. „Ich habe dich gerade etwas gefragt“, sagte er. Er lächelte mich an. „Nein“, war meine Antwort, als er nochmals neu ansetzte. Nein, sein Ex-Freund interessierte mich nicht. Ich hatte einfach keine Lust, alleine zu tanzen, alleine mein Bier zu trinken, alleine in der Disco zu stehen.
Es gibt Städte, in denen man den ganzen Abend alleine in einem Club stehen kann, in München, in Frankfurt, in … Aber in anderen Städten wird man angesprochen, in Köln, in Berlin manchmal…

Auf die eine oder andere Weise - Teil 1

Der Hunger führte uns zusammen! Das antworteten wir gleichzeitig und spontan, als uns meine beste Freundin nach unserem Kennenlernen befragte. Ob wir es noch in zwanzig Jahren so betrachten werden? Ist das nicht genauso eine Konstruktion wie alles, was erzählt wird? Jedes Erzählen, egal ob alltägliches oder fiktives? Hätten wir nicht etwas anderes antworten können? Werden wir bald etwas anderes sagen, wenn jemand es wissen möchte? Oder wird nur der Eine Hunger als Grund angeben, der Andere Begehren? Oder romantischer: Schicksal?
Hunger. Auf die eine oder andere Weise.
Er saß da und sagte: „Entschuldige, ich muss erst einmal etwas essen. Ganz dringend. Dann reden wir. Ich bin gerade total gereizt, weil ich solchen Hunger habe.“ Ich kannte das Gefühl, und in Wahrheit ging es mir ähnlich, nur dass ich niemals solche Maßnahmen erwogen hätte, um meinen bedauernswerten Zustand zu ändern.
Plötzlich musste ich lachen, während ich ihn beim Brezeln Essen beobachtete. Wir saßen in der Nähe vom Karlstor bei einer Kirche, ich weiß nicht mehr, wie sie heißt, und aßen etwas, was ich als typisch bayerisch empfand. So Klischee. Ich, der Frankfurter, der zu Besuch in der Landesmetropole Bayerns war, der gerade versuchte herauszufinden, in welcher der beiden Städte die unhöflicheren und versnobteren Menschen lebten. Er, der… Zu diesem Zeitpunkt konnte ich keine Einschätzung geben. Nachdem, wie er sich diese Brezeln in den Mund stopfte, musste er sehr ausgehungert gewesen sein. Doch er sah nicht wie ein Obdachloser oder so etwas aus. Im Gegenteil. Er hatte dieses Auftreten, das gutaussehenden Männern eigen ist, dieses „Ich weiß, dass ich Stil und ein hübsches Äußeres habe, also kann ich alles auf der Welt bekommen“. Diese Art von Typ trifft man vermutlich vor allem in diesen zwei Städten. Aber vielleicht gibt es sie auch überall. Ich weiß so etwas nicht. Im Herzen bin ich kein Großstädter. Ich bin nicht weltgewandt und viel zu naiv, aber das tut nicht zur Sache. Wird es wohl auch nie zwischen uns. Ich bin neugierig und erlebnishungrig. Und das tut zur Sache.
Wollüstig sah es aus, animalisch, wie er die Brezeln in den Mund steckte. Die blauen Augen waren dabei leicht geschlossen, seine Stirn in Falten gelegt und sein Mund ganz groß. Anders als andere Menschen schien er nicht wahrzunehmen, dass er beobachtet wurde. Oder: es war ihm gleichgültig. Ja, ganz sicher war es ihm gleichgültig, so wie es ihm gleichgültig war, diese Brezeln zu klauen.
Unschlüssig hatte ich am Karlsplatz gestanden, ich wusste einfach nicht, in welche Richtung ich laufen musste, um zu meiner besten Freundin, die ich gerade besuchte, zu gelangen. Ich drehte und wendete mich, schaute mir verwirrt alles an, um herauszufinden, aus welcher Richtung ich Stunden vorher gekommen war, doch mir wollte so recht keine Eingebung kommen.
Orientierungslosigkeit war eines meiner hervorstechendsten Merkmale. Auf die eine oder andere Weise.
Er rannte mich fast um, mit seinem Brezelkorb in den Händen, schrie mich an, ich solle ihm folgen, schnell. Ich war viel zu verwirrt, um zu realisieren, was gemeint war. Eine einzige Sache stand plötzlich groß in meinem Gehirn geschrieben: Renn dem Typen hinterher. Wieso? War es der Hunger? Diese Brezeln, die noch warm und frisch rochen, gerade aus dem Ofen geholt? War es der Typ, der mich umhaute, dem ich überall hin folgen wollte? Der einfach ein schöner Mann war?
Er blieb bei dieser Kirche stehen. Ich war außer Atem und konnte nicht sprechen. Rasch setzte er sich auf die Treppenstufen vor dem Kirchportal und begann das Schlingen. Nach und nach kam ich zu Bewusstsein und begriff, dass ich mich zum Mittäter bei einer Straftat machte. Doch dieser Gedanke verlor sich schnell, wurde vom Wunsch nach Sättigung ersetzt.
Dieses Erlebnis passte zu meinem Abend, der sehr merkwürdig verlaufen war. Ich hatte mit meiner besten Freundin getrunken, Vorglühen, wie man das nennt. Als wir gerade letztes Mal Hand an uns legten, um stylish und dem Münchner Schick entsprechend auszusehen, klingelte plötzlich ihr Telefon. Ihr Ex-Freund rief an und beschwatzte sie so lange, bis sie ihm versprach, sich mit ihm zu verabreden, allerdings ohne mich. Was letztendlich bedeutete, dass wir gemeinsam an den Karlsplatz liefen, wo sie ihn treffen wollte, und sie mir Anweisungen gab, wie ich laufen musste, um zu dieser Kneipe zu kommen, in der unsere gemeinsamen Freunde aus Schulzeiten auf uns warteten. Doch dahin gelangte ich nie. Nicht weil ich mich verirrt hätte, was durchaus im Bereich des Möglichen gewesen wäre, sondern, weil zwei Minuten, nachdem ich mich von ihr verabschiedet hatte, mein Ex-Freund vor mir auftauchte. Ich hatte ihn seit einem Jahr nicht gesehen. Mir war weder bekannt, dass er mittlerweile in München wohnte, noch dass er sich wieder von seinem Neuen getrennt hatte.

Wählen muss sexy werden...

Ja, viele machen da ja nicht mit, bei der Ausländerbeiratswahl: In Frankfurt haben sich 2005 ungefähr 5,7 % der 140.000 Wahlberechtigten dazu bequemt, ihre Stimme abzugeben. Dieser Wert liegt noch hinter dem Wert für das ganze Bundesland (7,8 %). Die agah (der Landesausländerbeirat) hat sich deswegen eine Kampagne überlegt, um mehr Kandidaten zu gewinnen, aber auch eine bessere Wahlbeteiligung zu erhalten. So mit allem Drum und Dran: Facebook, Twitter, Studivz, wer-kennt-wen usw.
In Frankfurt heißt das ja anders: Kommunale Ausländervertretung (KAV). 27 Listen hatten sich das letzte Mal aufstellen lassen. Dieses Mal möchte ich auch eine Liste gründen. Eine junge wilde Liste mit jungen wilden Leuten, die migriert sind oder Migrationshintergrund haben. Die soll dann einen witzigen, nicht so verschnarchten Namen haben. Die jungen wilden Kanacken so als Beispiel, naja, das wird wahrscheinlich zu arg sein. Oder? Ich bin für Vorschläge offen.
Junge Leute sollen auf jeden Fall meine Mitstreiter/-innen sein, jung, clever, kreativ, offen und tolerant. Es sollen Menschen sein, die (inter)kulturell sensibel sind, aber die den Menschen im Vordergrund sehen, und nicht die Nation, Ethnie, Hautfarbe oder Religion, und auch nicht die politische Ausrichtung (ob rot, blau, gelb, grün, schwarz interessiert nicht - nur rechts- oder linksextrem darf man nicht sein). Menschen, denen es um die Sache geht, um die Verbesserung der Situation benachteiligter Menschen, aber ohne dieses "Opfer"-Ding, nein, Leute, die erfolgreich neue Wege gehen, die harmonisch in einer Welt der Vielfalt leben können und wollen, die Frankfurts Motto: Vielfalt bewegt nicht nur propagieren, sondern leben.

Mittwoch, 19. Mai 2010

Phishing?

Mir sind ganz üble Dinge zugestoßen, die mich sehr nerven. Und das hat mit Internet zu tun und wird Wasser auf den Mühlen des ABK sein, der mich schon immer vor Social Networks gewarnt hat. Da haben sich Leute in meinen Rechner eingehackt und Scheiß-Emails an mein gesamtes Verzeichnis geschickt. 615 Leute immerhin, die sich sicher nicht an diesen Scheiß-Emails erfreut haben. Wie das funktioniert? Keine Ahnung. Dazu ein Artikel, den mir ein Freund geschickt hat:
http://www.heise.de/security/meldung/Facebook-das-neue-Phishing-Ziel-999745.html
Darin steht, dass in einer Studie von Kaspersky zum Spam-Aufkommen zwischen Januar und März herauskam, dass mit Facebook erstmals ein soziales Netz unter die Top-Ziele von Phishing-Attacken geschafft. Es belegt den vierten Platz mit 5,7 Prozent aller Phishing-Attacken.
Die Phisher, so Kaspersky, würden über gekaperte Facebook-Accounts Spam verschicken und spezifische Facebook-Mechanismen wie Einladungen nutzen.

Dienstag, 18. Mai 2010

Schuld

Selbstverständlich hat die aufmerksame Leserin bzw. der aufmerksame Leser dieses Blogs schon seit Langem bemerkt, dass der Verfasser desseleben ein sehr emotionaler Mensch ist, sehr sensibel, schnell von Himmelhochjauchzend zu Tode betrübt, wie man so schön sagt, oder prosaischer: launisch. Oder sehr sensibel, und natürlich einfühlsam. Daher kann auch die Lektüre eines Romans manchmal zu einer mittleren Sinn- und Lebenskrise bei mir führen. Naja, im Hinblick auf weiter unten: Selbst Fernsehsendungen können dazu führen.

So las ich das Jugendbuch "Rotkäppchen muss weinen" von Teresa Beate Hanika (im Fischer Verlag erschienen) und kam zu folgender Stelle auf Seite 103/104:

Der Krebs, sagte sie, ist schon ganz lange in mir drin. Jahrelang. Erst ist er nur ein Gedanke, ein Gefühl, ein unglückliches Gefühl, eine kleine Wunde, die dir jemand zufügt, und wenn du nicht zusiehst, dass du diese Wunde heilst, dann wächst daraus etwas, das größer und größer wird, und dann wird man von innen aufgefressen, weil man die ganzen Jahre nicht auf sich und die kleine Wunde achtgegeben hat. Weil man die ganzen Jahre unglücklich war.
Unter der Wange spürte ich den kratzigen Stoff ihrer Bluse und ihre magere Schulter. Der Spülschaum fiel knisternd in sich zusammen, leises Platzen von schillernden Bläschen; am liebsten wäre ich einfach aufgesprungen und hätte meine Arme bis zu den Ellbogen in diesen Schaum getaucht, als könnte ich damit das Gesagte wegwischen und den Krebs und alles, was sich so bedrohlich vor uns aufzutürmen schien.
Was tut man denn mit so einer Wunde?, fragte ich, weil ich mir darunter nichts vorstellen konnte, nichts Wirkliches, vielleicht etwas wie einen Schnitt in der Seele, etwas Winziges, Balsses, etwas, das man von außen nicht sehen kann, was man nur spürt, wenn man in der Nacht alleine in seinem Bett liegt und in sich hinein hört. Dann hört man vielleicht das Schlagen des Herzens, zuerst, und dann, hinter dem Schlagen, spürt man etwas anderes, diesen Schnitt, oder vielleicht ist es auch nur ein blauer Fleck, eine Schürfwunde, ein Kratzer.
Man muss ihr zuhören, sagte Oma, und man darf nicht aufhören damit, bis sie das letzte Wort gesprochen hat. Ich hab nie zugehört, Malvina, sagte sie.
Es machte mich wütend. Als wäre man selbst Schuld an der Krebserkrankung. Dazu habe ich nach der Sendung "Beckmann", als Christoph Schlingensief von seiner Erkrankung und seinem Buch erzählte, einen Text geschrieben. Hier:

Über Christoph Schlingensiefs Auftritt in Beckmanns Sendung
In Beckmanns Sendung vom 20.4.2009 machte Christoph Schlingensief seine Krebserkrankung auf offene und entwaffnende Weise zu einem öffentlichen Thema. Viele Menschen reagierten darauf betroffen und verstört. Die Frage, die sich dabei stellt, ist: Sind schwere Krankheiten und Tod Themen, die in einer Talkshow verhandelt werden sollen?
Blicken wir ein paar Jahre zurück: Am 28. Dezember 2004 starb die amerikanische Publizistin, Essayistin und Romanautorin Susan Sontag im Alter von 71 Jahren an ihrer zweiten Krebserkrankung. Bereits dreißig Jahre zuvor war sie an Krebs erkrankt und hatte aus diesem Anlass eines ihrer wichtigsten Bücher - „Krankheit als Metapher“ – geschrieben. 1988 beschäftigte sie sich erneut mit dieser Thematik und verfasste das Buch „AIDS und seine Metaphern“. Dabei stellte sie fest, dass es mittlerweile einen kollektiven Wandel der Einstellung und der öffentlichen Rede im Umgang mit Krebs gebe. Sie konstatierte, dass das Wort „unbefangener ausgesprochen“ werde. In Todesanzeigen spreche man nicht mehr euphemistisch über eine „lange, schwere Krankheit“, sondern von Krebs als Todesgrund.
Folgt also Schlingensief dieser Lesart und möchte mit seinem Buch und dem Auftritt aufklären? Oder möchte er auch hier nur provozieren, so wie er dies bereits sein ganzes künstlerisches Leben tat?
Womit beschäftigt sich Schlingensief? Mit den gleichen Fragen, die jeden umtreiben, der diese Diagnose gestellt bekommt. Warum ich? Wieso Krebs? Und recht bald ist man auch bei der Frage nach der vermeintlichen eigenen Schuld an der Krankheit. Davon spricht bereits Susan Sontag: Dass Patienten mit der Betonung auf psychologische Erklärungen der Ursache ihrer Erkrankung belastet werden. Krebserkrankte sollen durch Triebunterdrückung, durch Unterdrückung von Sexualität, von Wut oder Angst, die Krankheit selbst hervorgebracht haben. Und so argumentiert auch Schlingensief – wie die meisten Menschen in dieser Situation. Sie nehmen die „Schuld“ auf sich, oder bezichtigen andere, beispielsweise den depressiven Vater, wie in Schlingensiefs Fall. Susan Sontag kämpfte dagegen, aber an Schlingensief sieht man, dass diese „Schuldzuweisung“ an die Betroffenen in unserer Gesellschaft noch zu inhärent ist. Ihre Analysen hatten zum Ziel, dass diese Symbolik von Krankheiten als kulturelles Konstrukt entlarvt wird, das sehr fragwürdig ist.
Es gibt verschiedene Wege mit seiner Erkrankung umzugehen. So hat auch Schlingensief seine eigene Weise, die er gewohnt selbstbewusst als die beste und sinnvollste ausstellt. Natürlich gibt er zu, dass er seine Meinung über die Erkrankung ständig ändere, aber die Dinge, die ihm gerade gewiss sind, spricht er so aus, als wären sie die absolute Wahrheit, die natürlich niemand für sich beanspruchen kann. Ich greife ein paar Beispiele auf: Er spricht über die verbreitete Meinung, dass man mit seinem Tumor einen Vertrag abschließen, ihn als Teil von sich respektieren solle. „Da kriege ich zu viel“, sagt er dazu, und: „das ist ein mieses Teil“ und „alles Quatsch“. Mir hingegen hat genau das geholfen, ohne von dieser Theorie gewusst zu haben. Ich nannte meinen Tumor „Marco“ und schrieb ihm Briefe. Ich lernte mit ihm als Teil von mir umzugehen. Mir tat das gut. Schlingensief thematisiert immer wieder seinen Glauben, seine katholische Erziehung, seine Beziehung zu Gott. Andere Betroffene hadern mit Gott, verlieren den Glauben an ihn und stellen den Glauben an sich selbst und die Kraft, die Krankheit durchzustehen, in den Mittelpunkt ihres Lebens. Auch dieses ist ein Weg. Er beschwert sich darüber, dass Ärzte heutzutage ihren Patienten nach amerikanischem Prinzip jegliche Kleinigkeit ihrer Erkrankung erklären. Er hält nichts davon. Auch da möchte ich ihm widersprechen: Ich wollte alles über meinen Krebs wissen, über die Chemotherapie und über die Bestrahlungen. Ich kann mir nichts anderes vorstellen. Aber das muss jeder für sich wissen.
Ich halte den Diskurs über schwere Erkrankungen und Tod in den Medien für sehr wichtig. Krank sein und sterben gehört zum Leben. Wie Schlingensief betonte, kenne jeder von uns genug Fälle von Krebs in der Familie und im Freundeskreis. Etwas Weiteres beschäftigte mich bei der Sendung: Im Umgang mit Krebs und Krebserkrankten fallen immer wieder Standardfloskeln wie: „Genießen Sie jeden Tag, als wäre er Ihr letzter!“ oder: „Wenn man die Diagnose Krebs erhält, fängt man erst an, bestimmte Dinge zu schätzen – das hätte man viel früher tun sollen.“ Beim ersten Satz möchte ich sagen: Diese Menschen, die das sagen, sind selbst nicht von dieser Krankheit betroffen, wie können sie wagen, so etwas einem Erkrankten zu sagen? Ich wollte jedem Einzelnen, der so etwas zu mir sagte, verprügeln. Zum zweiten Satz: Vielleicht trifft diese These zu, ich weiß es nicht, mir fällt nur auf, dass dieser Satz von Sterbenskranken erwartet wird. Aber warum?
Das Thema, das Schlingensief ins Gespräch bringt, ist aktueller denn je: In Corpus Delicti entwirft Julie Zeh unlängst ein Szenario, in dem die Gesundheit zur höchsten Bürgerpflicht erhoben wird. Die so genannte „Methode“ (Gesundheitsbehörde) verlangt von ihren Bürgern ein festes Sportpensum ebenso wie die Abgabe von Schlaf- und Ernährungsberichten. Wer jetzt noch erkrankt, ist selbst Schuld. Depressionen sind genauso ausgemerzt wie Krebs.
Doch lebensbedrohende Krankheiten und Tod wird es immer geben. Und Schuld wird den Erkrankten schon immer aufgebürdet. Der Umgang mit dem Thema fällt allen Menschen schwer. Es wird Zeit das zu ändern. Schlingensief sagt, er möchte den Menschen helfen. Es wird sich zeigen, ob er mit seiner persönlichen Beschäftigung mit seiner Erkrankung auf dem richtigen Weg dazu ist. Zu wünschen wäre es ihm. Dabei ist nicht so wichtig, welche Meinung er vertritt, es geht um den notwendigen Diskurs.

Montag, 17. Mai 2010

Meine erste reale Begegnung...

... mit homosexuellen Jungs fand, und das ist nicht erfunden und nicht erlogen, an der Raucher-Ecke des Einstein-Gymnasiums in Kehl statt. Nicht in der Oberstufe, als wir alle dort standen, die sich cool fanden oder als cool gelten wollten, selbst wenn sie Nicht-Raucher waren, und Nicht-Raucher war ich definitiv, sondern viele Jahre zuvor. Wahrscheinlich war ich da etwa 14, vielleicht auch fünfzehn. Ich wollte vermutlich an den Roten Platz zum Kicken, vielleicht war ich aber auch gerade schwimmen, wer weiß?! Ist auch nicht so wichtig. Auf jeden Fall lief ich nachmittags an der Raucher-Ecke vorbei, da standen vier Jungs, etwa siebzehn oder achtzehn, in Zweier-Pärchen. Sie küssten sich. Es wunderte mich gar nicht so richtig, denn ich dachte so bei mir: Ah ja, die üben für ihre Freundinnen, damit sie nichts falsch machen. Und dann ging ich weiter und dachte an etwas anderes...

Sonntag, 16. Mai 2010

Kehler Messdi

Ach ja, Kehl hat doch etwas zu bieten, nun ja, die Bahnhofsgegend ist nicht schön, zugegeben, und Kritiker sagen, Kehl sei nur deswegen zu ertragen, weil es der Vorort von Straßburg ist. Nein, an alle, die sich nicht so auskennen, obwohl Kehl gelegentlich zu Frankreich und Strasbourg zu Deutschland gehörte, es ist da eine Staatsgrenze dazwischen, die aber keinen mehr interessiert. Kehl hat etwas zu bieten, und damit meine ich nicht mich, auch nicht die neue Brücke namens Passarelle, die sehr idyllisch ist, nein, ich meine natürlich den Messdi. Messdi ist "beste Leben", wie Jugendliche aus Darmstadt-Kranichstein gerne sagen. Messdi ist einfach die sechste Jahreszeit in Kehl, und noch viel lustiger als bereits die fünfte. Ich muss natürlich nicht extra betonen, dass dem ABK diese Feierlichkeiten rund um Christi Himmelfahrt ein Dorn im Auge sind. Genauso wenig wie sie Fasching mögen, mögen sie diese vier Tage Dauer-Besäufnis im Kern der Stadt. Einfach um 21 Uhr eine Bombe auf die City werfen, da triffste nicht nur sehr viele Menschen, sondern mit Sicherheit immer die Richtigen - das sagen sie jedes Jahr zu mir. Mich lässt das kalt, denn ich treffe am Messdi immer alte Bekannte, kriege sehr viele Drinks bezahlt und was am schönsten ist: an keinem Ort der Welt und zu keinem Zeitpunkt werde ich so oft von heterosexuellen Männern umarmt und geherzt. Das gefällt mir. Jedes Jahr freue ich mich aufs Neue darauf, witzige Abend mit den Leuten von früher zu verbringen, die sich genauso wie ich das Wochenende frei nehmen, um in ihre alte Heimat zu reisen. Und diejenigen, die in der Gegend geblieben sind, müssen sich noch nicht mal irgendwo hinbewegen, um einmal Pause vom Alltag zu machen. Das Geld, das sie sich für die Reise sparen, geben sie für alkoholische Getränke aus. Für "Agua die Valencia", wahrscheinlich sind da frischgepresster Orangensaft und Cremant im Glas (doch ich kann nichts beschwören) oder für "Sugar Hill", was einfach eklig orange ist, total eklig ist und nach ungefähr drei Glas dazu führt, das man dem Brechreiz schon sehr nahe ist. Mein Lieblingsstand war bei der Boutique Bonita beheimatet - da kriegte man harte Long Island Iced Tea Mischungen in Jumbo-Gläsern für wenig Geld. Was stört die ABK denn an diesem Event, außer die Tatsache, dass "Deutsche immer regelmentiert bekommen müssen, wann sie zu feiern haben?" Ich glaube, die ständige Lärmbelästigung auf dem Messdi, denn überall hört man wirklich schlechte Musik, ich sag nur Atzeeeeeeeeeeeeeen, man erträgt es kaum, naja, außer betrunken eben. Vielleicht stört sie allerdings auch, dass nirgends so viele Nonsense-Unterhaltungen geführt werden wie auf dem Messdi. Ich sage nur Alkohol: Besonders wirkt sich der dann aus, wenn man auf unliebsame Bekannte aus früheren Zeiten trifft, mit denen man eigentlich schon damals nichts gemein hatte, mit denen man gar nicht reden möchte und denen man gar nichts zu sagen hat. Aber mit Alkohol geht alles besser, plötzlich fallen einem dämliche Episoden ein, die man dank des Pegels sehr lustig findet, umarmt sich und verabredet sich für die nächsten Tage auf weitere Drinks. Naja, Messdi eben. Da werden ganz neue Grenzbereiche der Kommunikation ausgelotet. Jaja, der Kehler Messdi, jedes Jahr aufs Neue, jedes Jahr neue Eifersuchtsdramen, Männlichkeits-Initiationen von Jugendlichen (erste Besäufnisse), Prügeleien usw. Ich werde es wieder einmal ein Jahr lang vermissen, bis es dann wieder so weit ist. An Christi Himmelfahrt 2011.

Donnerstag, 13. Mai 2010

Neue Umfrage - bitte beachten

Nachdem Stromaes "Alors en danse" die Umfrage zum bisherigen Lied des Jahres gewonnen hat, möchte ich diesmal eine etwas politischere Frage stellen.
Dabei ist zu beachten, dass mehrere Nennungen möglich sind, mit mehreren meine ich allerdings nur maximal zwei, denn... Zunächst möge man eine Partei präferieren (oder Andere wählen), danach für eine Koalition stimmen, die man gerne hätte. Wenn die gewünschte Koalition nicht angegeben ist, möge man hier an dieser Stelle einen Kommentar mit einer Begründung schreiben. :-)
Danke fürs Mitmachen!!!

Buchcamp 2010

Naja, ihr kennt mich ja, auf allen Hochzeiten tanzen wollen, aber keine Zeit dafür haben, doch dafür schaffe ich dann recht viele Feiern, ohne angeben zu wollen, scheinbar habe ich richtig viel Energie. Die Liebe zu Büchern lässt mich nicht los, am liebsten wäre ich Schriftsteller, das ist ja kein Geheimnis, und Autor bin ich ja gewissermaßen bereits, aber zum Geld verdienen muss ich leider trotzdem mit Autisten und Chaoten zusammenarbeiten, aber das interessiert nicht, so lange ich meine Wohnung und reichlich Essen und Getränke bezahlen kann, aber nun gut. Die Liebe zu Büchern treibt mich jedenfalls an, und deswegen darf ich natürlich nicht bei einem Barcamp mit dem Schwerpunkt "Die Zukunft des Buches" fehlen, also, ta taaaaah, nahm ich also den weiten Weg nach Seckbach, nahe des Lohrbergs auf mich, fuhr mit einem der ungeliebten Busse der RMV, ach, ich habe es überlebt, aber kurz vor dem Erbrechen, wie immer, ich hasse Busfahren wirklich!
Was hatte ich vorher erwartet? Was sollte denn ein Barcamp sein? Was konnte ich mir unter diesem Buchcamp 2010 denn vorstellen. Ich stellte mir Chaos vor, schließlich wollte das alles ja eine (Un)Konferenz sein, alles quasi mehr oder weniger unvorbereitet. Die Teilnehmer/-innen sollten selbst die so genannten Sessions moderieren. Die Ideen für die Sessions wurden morgens in einer Auftaktveranstaltung vorgestellt, ja, beworben, mal interessanter, mal öder, insgesamt wusste man aber, was einen so erwartet. Es gab immer drei Sessions zur gleichen Zeit, in verschiedenen Räumen des Mediacampus Frankfurt. Selbstverständlich waren die einzelnen Vorträge/Diskussionen unterschiedlicher Qualität. Meiner Ansicht nach hat vor allem Anne Eckert (und Kollegin) von der Buchmesse Frankfurt mit ihrer Prezi, ihrer Kuhglocke und des dazugehörigen "Speed-Datings" am meisten beeindruckt. Teilweise kamen sehr gute Redebeiträge zustande, auch von wirklich beeindruckenden Menschen, die vermutlich etwas zu sagen haben, in der Branche, doch ich wusste nicht, wer sie sind. Macht ja nichts. Vielleicht ist das ja gerade das Sympathische an solchen Events, das so Leute wie ich darunter sind, die sich neben den Leiter der Marketing- und PR-Abteilung des Börsenvereins setzen und sie doof von der Seite anquatschen. Dieser muss übrigens den Film schneiden, den ich auf dem Mediacampus gedreht habe. Ich bin ja gespannt, was dabei herauskommt. Ich bleibe an diesem Herrn dran, schließlich möchte ich euch die Ergebnisse nicht vorenthalten.
Zu den Leuten: Da mischten sich ein paar "ältere" "Traditionalisten" unter die sehr technik- und neue Medien-affinen Menschen, die mehrheitlich an der Veranstaltung teilnahmen. So kam es zu der einen oder anderen lustigen Diskussion, z.B. als Johannes Haupt den iPad als durchaus "sexy" bezeichnete, was eine Frau auf den Plan rief, die lauthals verkündete, dass er dies wohl nicht wirklich im Ernst sage, und die sich darüber echauffierte, dass die anderen Teilnehmer/-innen das gerade von ihm Gesagte brav abnickten. Später im Bus debattierte ich weiter mit ihr, vielleicht hat sie meinen Punkt verstanden, der insgesamt zwischen den beiden Standpunkten der Kontrahenten liegt. Ja, zum traditionellen Buch, auf jeden Fall, ja aber auch zu neuen Medienkonvergenzen, wie sie Anne Eckert in ihrer Prezi vorgestellt hat.
Selbstverständlich hat es keine neuen Erkenntnisse auf diesem Buchcamp gegeben, vielleicht ein paar Denkanstöße, ein paar Inputs, viel eher wahrscheinlich neue Kontakte, die für die weitere Arbeit eventuell wichtig werden könnten. Oder die einem Spaß bringen. Denn interessante Leute kann man überall treffen. Daher möchte ich ja auch immer auf so vielen Hochzeiten tanzen.

Bakchos und Sergios

Dank ihr habe ich schon sehr viel gelernt, ja, ich meine meine Düsseldorfer Freundin M., und nein, ich meine nicht nur über den Islam viel gelernt, sondern auch sehr viele andere Dinge. Besonders interessiert hat mich nun der Link, den sie mir augenzwinkernd geschickt hat: ein Wikipedia-Eintrag über Bakchos und Sergios oder auch Bacchus und Sergius, die frühchristliche Märtyrer waren, die als Heilige verehrt wurden. Ihr Gedanktag ist der 7.Oktober. Doch was macht sie so interessant für mich? Dazu zitiere ich am besten den Wikipedia-Eintrag:

Der Legende nach waren sie Offiziere einer römischen Grenztruppe. Wegen seines Glaubens wurde Bakchos zu Tode gepeitscht. Sergios überlebte die Folterungen und soll enthauptet worden sein.
Der Historiker John Boswell hat deren Beziehung zueinander in seinem kontrovers diskutierten zweiten Hauptwerk The Marriage of Likeness als Beleg dafür gedeutet, dass die katholische Kirche gleichgeschlechtlichen Beziehungen nicht immer feindselig gegenübergestanden hätte. Der auch ins Lateinische übersetzte Ritus der Adelphopoiesis (griech. "Brüdermachen"), mit dem die orthodoxe Kirche die Liebe zweier Männer segnete und sie für immer aneinanderband, sei nach dem Vorbild männlicher Heiligenpaare wie Sergius und Bacchus angelehnt. Boswell verstand diese Institution als eine Art christlichen Vorläufer der gleichgeschlechtlichen Ehe, wie sie heute von fast allen Konfessionen mit großer Vehemenz bekämpft wird.

Spannend, finde ich zumindest, ihr etwa nicht? Neue Argumente für die gleichgeschlechtliche Ehe! ;-)

Montag, 10. Mai 2010

John Jasperse

Am Samstag schaute ich mir im Bockenheimer Depot die Frankfurtpremiere von John Jasperses Stück Truth, Revised Histories, Wishful Thinking, And Flat Out Lies, eine Auftragsarbeit der Forsythe Company in Koproduktion mit der John Jasperse Company, an, und ich war hinterher genauso schlau wie vorher.
Ich sage es frei heraus: Ich bin am Samstag zu dieser Veranstaltung hin, ohne mich vorzubereiten, wie ich das sonst tue. Die Erklärung dafür ist ganz einfach. Bei den anderen Tanztheatern hatte ich mich im Internet informiert, habe das Programm nach Informationen über das Stück und über die Tänzer durchforstet und mir Gedanken über all das gemacht. Als ich das Stück dann anschaute, verstand ich, worum es ging, konnte das Eine oder Andere deuten, bestimmte Dinge hineininterpretieren. Doch was passiert, wenn ich gar nichts weiß, fragte ich mich. Nichts über den Choreografen, nichts über die Tänzer, nichts über das Stück?
Ich sitze also sehr weit hinten im Bockenheimer Depot – übrigens ein sehr schöner Veranstaltungsort mit tollem Flair – und schaue auf die Bühne. Sie ist sehr dunkel. Auf der von mir aus linken Seite, von der Bühne her rechts, ist eine bunte, blumigeTapete an die Wand gepinnt, ebenso am Boden entlang geklebt. Wieso dies so ist, erfahre ich erst später. Oder eben nicht. Zwei Tänzerinnen und zwei Tänzer betreten die Bühne, tanzen ein bisschen wirr durch die Gegend. Wieso sehen ihre Bewegungen so stümperhaft aus? Das sind doch professionelle Tänzer, denke ich mir. Irgendetwas möchten sie damit zum Ausdruck bringen. Doch was? Erste Interpretation: Es geht um das Thema Körperlichkeit – die Frage nach der Fragilität von Körper, Bewegung und Sein. Nun ja, keine Ahnung, ob das stimmt. Dann kommt John Jasperse, der Choreograf, zusätzlich auf die Bühne. Mit einem Mikrofon. Er redet Englisch. Erklärt, was er tut. Welche Schwierigkeiten er mit verschiedenen Tanzfiguren hat. Kommentiert seine Bewegungen. Eine Frau, die wohl Mitglied der Forsythe Company ist, sitzt im Publikum und schreit ihm etwas zu. Wie er die Bewegungen besser machen könnte. Was soll das? Frage ich mich. Gehört das dazu? Oder denke ich nur, dass sie dazu gehört? Ich meine, das muss ja geplant gewesen sein, ich würde mich ja als Zuschauer auch nicht dabei einmischen. So stelle ich mir vor, dass es vielleicht tatsächlich um das Tanzen an sich geht, an die Unmöglichkeit Dinge darzustellen, um die Unmöglichkeit mancher Figuren.
Doch später ziehen sich die zwei Tänzerinnen und Tänzer aus, zumindest bis auf den Slip, bei den Männern übrigens einen Jock-Strap. Und ich frage mich zuerst: Wieso ziehen die sich jedes Mal beim Tanztheater nackt aus, wenn ich dabei bin. Oder ziehen sich grundsätzlich alle Tänzer bei allen Tanztheatern aus, und ich weiß das nicht, weil ich zu wenige anschaue?
Geht es also um Sex? Geht es um die Beziehung von Mann und Frau in diesem Stück? Da aber die zwei Männer sich eher mit sich beschäftigen, an sich rumschnüffeln, sich aneinander lehnen, und auch die Frauen eher beieinander als bei den Männern stehen, könnte es auch etwas mit Homosexualität zu tun haben. Oder auch nicht.
Jetzt halte ich es nicht mehr aus und schaue auf das Programm, um herauszufinden, um was es gehen soll.

„Das Stück erkundet die oftmals fließenden Grenzen zwischen Fantasie und Realität“, kann ich da lesen.

„Eine Collage aus unterschiedlichen Tanz-, Performance- und Musikstilen oszilliert zwischen Ernst und Ironie. So fordert das Werk uns auf, zu überprüfen, was wir glauben und was nicht – und warum.“

So geht es weiter im Text und endet auch. Mehr nicht. Sehr allgemein. Stimmt: das Lied „Pony“ von Ginowine zu benutzen, ist entweder platt oder möchte ironisieren. Zum Beispiel das Macho-Verhalten von Männern? Ist eine Frage. Der Refrain lautet:

“If youre horny lets do it, Ride it my pony, My saddles waiting, Come and jump on it”

Und weiter geht es:

“If were gonna get nasty baby, First well show and tell, Till I reach your pony tail, oh, Lurk all over and through you baby, Until we reach the stream, Youll be on my jockey team, oh…”

In der nächsten Sequenz haben die Frauen Bikinis passend zu der Tapete an, eine der beiden Tänzerinnen betritt zuerst die Szene, mit einem Regenschirm, auch der in diesem Stoff, und bewegt sich lasziv. Später räkeln sich beide Tänzerinnen auf dem Boden, stellen einen lustigen Sommertag am Strand dar. Währenddessen tanzen die männlichen Tänzer daneben auf der Bühne in sehr luftigen Outfits. Der Zusammenhang? Nun, der fehlt mir. Der Versuch, irgendetwas zu deuten, mit nur wenigen Informationen zu haben, scheitert nun immer mehr. Liegt es an mir? Liegt es am Stück?

Nach der Pause kann ich dem Geschehen immer weniger folgen. Was nicht passiert: Dass mich das Stück auffordert, zwischen Glauben und Nicht-Glauben zu schweben. Ich wüsste nicht, an was ich glauben sollte, während ich das anschaue, oder eben nicht. Doch den schmalen Grat zwischen Fantasie und Realität kann ich wahrnehmen. Das liegt einerseits an der Tatsache, dass die ganze Zeit dieser Disko-Rauch über der Bühne schwebt und so ein bisschen eine traumhafte Atmosphäre bietet, andererseits die Kostüme gut gemacht sind. Vor der Pause sind sie dunkel gehalten, nach der Pause hell, ein bisschen erscheint es wie Teufelchen und Engelchen. Viel Raum zum Interpretieren. Viel Raum für Fantasie.

Die Musik in dem Stück, die von Hahn Rowe stammt, gefällt, weil sie verschiedene Stimmungen spiegelt. Die Tänzerinnen und Tänzer (Neal Beasley, Erin Cornell, Eleanor Hullihan, Kayvon Pourazar)) machen einen guten Job, auch wenn man nicht immer weiß, was sie darstellen wollen bzw. sollen. Tanztheater ist nicht nur Verstehen, Tanztheater ist auch Ästhetik, schöne Bewegungen und viel Gefühl. Und dieses können alle vier bzw. fünf sehr gut rüberbringen, wobei John Jasperse regelmäßig nur für die Ironie zuständig zu sein scheint.
Wie immer bei der Forsythe Company, auch wenn es hier eine Auftragsarbeit an John Jasperse und seinen Tänzern ist, hat man einen interessanten und spannenden Abend. Und trotzdem bleiben am Ende alle Fragen offen. Aber vielleicht muss das so sein und es hat keinen Zweck für den normalen Zuschauer, sich zu viel zu informieren? Frage.

Freitag, 7. Mai 2010

Ein langer traumatischer Tag

(6.5.) 22:02 Völlig aus der Puste gekommen, kann ich nur zuschauen, wie der Zug nach Frankfurt am Main vor meiner Nase wegfährt, 45 Sekunden früher und ich hätte vielleicht noch in den Zug springen können.
(7.5.) 03:47 Ich liege glücklich und zufrieden in meinem Bett, neben mir der schönste Mann der Welt, der auch der liebenswerteste Mann der Welt ist.
(6.5.) 22:04 Wütend überlege ich mir, womit ich diesen Arsch am Service-Point kaltmache, er verdient einen qualvollen Tod, mit viel Schmerz und Leid, am besten filme ich ihn dabei und schicke diesen "Horror-Film" allen Deutsche Bahn Schaltern Deutschlands, selbstverständlich mit der Drohung, gerne weitere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu malträtieren, wenn die Service-Leistungen und vor allem die empathischen Fähigkeiten sich nicht "optimieren".
(7.5.) 01:57 Der Zug, ein Euro-Night Richtung Wien, kommt zu früh in Würzburg an, und bestätigt Murphys Law: Züge kommen nur dann zu früh bzw. rechtzeitig, wenn man es gar nicht gebrauchen kann.
(6.5.) 21:18 Bibbernd vor Kälte, diese unangenehme Nass-Kälte, mit der ich schon den ganzen Tag zu kämpfen habe, stehe ich nun in Eichenberg, vier weitere Personen stehen da, genauso verwirrt wie ich. Der Bahnhof scheint verweist, im Häuschen ist niemand mehr, es gibt aber auch keine Anzeige, keine Durchsage, einfach nichts. Wir vertrauen darauf, dass uns diese dämliche Cantus-Gesellschaft abholt, der Deutschen Bahn scheint das egal zu sein.
(6.5.) 22:08 Nachdem mir der Vollhorst am Bahnschalter nicht geholfen hat, suche ich Verbindungen von Göttingen nach Frankfurt. Ich werde zunächst nicht fündig, Donnerstag Abend fährt der letzte ICE von Göttingen nach Frankfurt um 22:02, danach erst wieder am frühen Morgen des nächsten Tages. Doch ich kenne niemanden in Göttingen. Habe keine Lust, mir ein Hotel zu suchen, dass ich selbst zahlen müsste, obwohl ich ohne Not in diese Situation geraten bin.
(6.5.) 21:31 Ich sitze im CAN, doch der Zug setzt sich nicht in Bewegung. Das alte Ehepaar in meiner Nähe ist aufgeregt, es muss ebenso wie ich in Göttingen umsteigen, um nach Frankfurt zu fahren, zum Flughafen, ein paar Stunden geht der Flieger in die Vereinigten Staaten.
(6.5.) 22:10 Völlig aufgelöst telefoniere ich mit dem schönsten Mann der Welt, der ebenso aufgeregt ist. Ich erzähle ihm, dass ich mittlerweile einen Zuge gefunden habe, der um 02:05 in Würzburg ankommt, und dass ich dann um 4:25 Uhr in Richtung Frankfurt weiterfahren könne. Ein Aufenthalt von fast 2,5 Stunden? ruft er aus, und außerdem möchte ich neben dir einsclafen diese Nacht...
(6.5.) 17:06 Ganz entspannt sitze ich bei Frau Schneutzer, der Beauftragten für Migration und Integration in Halle (Saale), die mir sehr spannende Informationen über das Integrationsnetzwerk der Stadt und dem Bündnis der Migrantenselbstorganisationen gibt.
(6.5.) 14:15 Es ist nasskalt, ich friere, weil ich nicht auf so eine Kälte eingestellt war, als ich am frühen Morgen des 5.5. für die Reise in den Osten Deutschlands gepackt hatte. Ich bin missmutig und unmotiviert, weil ich gerade die Regionalbahn von Jena-Paradies nach Halle über Naumburg verpasst habe, nur um 45 Sekunden. Das Wetter ist nicht paradiesisch, und die Deutsche Bahn auch nicht, denn...
(6.5.) 14:45 Verfroren stehe ich am Gleis, es schüttet, die Leute sind im wahrsten Sinne des Wortes angepisst, der ICE hat einen Triebwerkschaden, verspätet sich deswegen um mindestens 20 Minuten. Das kann doch nicht sein, denke ich mir. Aber Murphys Law bestätigt sich: Wenn man Züge dringend braucht, um Termine wahrzunehmen, dann kommen sie garantiert zu spät.
(6.5.) 20:17 Uhr Das Mobiltelefon ist ausgegangen, ohne Grund, wie es mir scheint. Ich versuche es wieder anzukriegen, tippe aber den falschen Pin ein, das Telefon ist neu, ebenso die SIM-Karte. Mist!
(6.5.) 21:45 Der CAN fährt gerade ab, mit 18 Minuten Verspätung. Ich bleibe ruhig, denn ich denke, dass ja noch vier Minuten (four minutes...) vom Puffer übrige geblieben sind und ich es locker schaffe, den Anschluss-Zug zu erreichen. Der schönste Mann der Welt ist gerade im Gegensatz zu mir der aufgeregteste Mann der Welt.
(6.5.) 22:18 Ich laufe gerade hinter dem Bahnhof in Göttingen herum, auf der Suche nach einem Automaten einer bestimmten Bank, finde aber keine. Erst einmal blöd, denn ich habe nur noch 40 Cent in der Hosentasche.
(6.5.) 22:03 Das geht mich nichts an, sagt er, da müssen sich bei Cantus beschweren, nicht bei der Deutschen Bahn. Ganz gleichgültig sagt er das, desinteressiert. Er gibt mir auch keinen Tipp, wie ich jetzt weiterfahren soll. Hat dieser Mann vom Infopoint jemals etwas von Dienstleistung gehört? Weiß er, wieso er da angestellt ist, was er machen soll? Oder hat er jemals etwas von Empathie gehört? War er jemals auf seinen eigenen Arbeitgeber angewiesen?
(6.5.) 22:45 Ich sitze gerade im Burger King, mir ist schlecht, Mobiltelefon Nummer 2 hat einen leeren Akku, weswegen es ausgeht, während ich mit dem schönsten Mann, der der unruhigste Mann der Welt ist, telefoniere. Ich wechsele gerade die SIM-Karten aus, denn die zweite PIN kenne ich zufällig.
(6.5.) 15:12 Gerade werde ich von einer Psychotherapeutin in ein Gespräch verwickelt. Ich sitze im ICE nach Naumburg, endlich, und lese ein Jugendbuch, das ich für den Jugendbuchpreis Goldene Leslie bewerten muss. Eine Lesung dazu hatte die Psychotherapeutin besucht, jedoch nicht das Buch gelesen, deswegen wollte sie gerne wissen, wie es mir gefalle. Wir waren beide der Meinung, dass sich ein Mädchen, das offensichtlich missbraucht wurde, so optimistisch und positiv verhalten würde, eher unglaubwürdig erscheine.
(6.5.) 16:25 In der Tram stehen fahre ich Richtung Halle Marktplatz. Ist ja alles ganz nett, aber wieso muss dieses Teil im Berufsverkehr vor sich hin dümpeln. Ich bin jetzt schon zu spät dran und ich hasse Zuspätkommen.
(6.5.) 11:45 Ein Eklat bei der Tagung in Jena, absolutes Kindergarten-Verhalten meiner Meinung nach, Befindlichkeiten, Empfindlichkeiten, Feigheiten. Bei der Gruppenarbeit gibt es eine Verweigerungshaltung, ein Projektleiter steht sauer auf und geht, die Projektmitarbeiter sehen keinen Sinn in der Übung, genervt schreiben sie auf die ewigen Moderationskarten Begriffe, während sie sich fragen, ob sie die unklare Aufgabensetllung überhaupt verstanden haben.
(6.5.) 14:03 Ein Taxi vor der Noll, die Insassen möchten nach Jena West, außer mir, ich muss nach Jena Paradies. Der Fahrer beeilt sich, lässt mich heraus, ich renne über die Straße, ziehe mir im Automaten ein Ticket, er zickt herum, nimmt zuerst meine BahnCard nicht an, später auch nicht meine Bankkarte. Letztendlich geht es, ich verpasse aber den Zug.
(6.5.) 23:35 Auch der Euro-Night hat zunächst Verspätung. Ich setze mich in ein Abteil, freue mich, dass es Steckdosen gibt, mache es mir gemütlich, möchte mein Mobiltelefon und den Laptop anstöpseln. Dann kommt die unhöfliche Schaffnerin, schneißt mich aus dem Waggon, weil dieser reservierungspflichtig sei, schickt mich zwei Wagen weiter. Hätte ich diesen anderen Typen nur kaltblütig und mit viel Folter umgebracht, und hätte ich doch hier bei dieser Tussi nur weitergemacht! Viel zu müde, um zu diskutieren, bin ich einfach in den anderen Wagen, habe Bücher gelesen, weil der Akku meines Laptops ja kaputt ist und ich Strim gebraucht hätte. Doch den kann ich nur in reservierungspflichtigen Waggons erhalten.
(6.5.) 15:25 In den Augenwinkeln nehme ich wahr, dass wir gerade in Naumburg halten. Mit der Psychotherapeutin ins Gespräch vertieft, hätte ich es fast nicht bemerkt und vergessen auszusteigen. Ich packe schnell meine Sachen, stehe auf und rennend werfe ihr meine Abschiedsfloskeln zu.
(6.5.) 12:05 Ich habe Hunger und möchte zur Mittagspause, doch wir müssen unsere Ergebnisse präsentieren, ich warte darauf, dass der Projektleiter seinen Unmut äußert und mal wirklich Tacheles redet, damit es zur wirklichen Eskalatin kommt, doch er zieht den Schwanz ein. Wie immer. Wir Projektmitarbeiter schweigen, warten auf mehr. Wir möchten uns verweigern und nicht präsentieren, die Übung war sowieso für´n Arsch! Letztendlich trage ich die Ergebnisse vor. Genervt! Aber irgendwie, ja, irgendwie souverän.
(6.5.) 18:46 Ich bin spät dran, noch am Marktplatz, mein letzter Zug, der mich nach Hause bringt, fährt um 19:04, wie meine Schwester mir gerade berichtet. Die Bahn lässt auf sich warten. Nimm doch ein Taxi, mein Gott! Sonst schaffst du es doch nicht mehr! Die paar Euro. Nur habe ich eben nur noch 9 Euro in der Tasche!
(6.5.) 11:48 Meine Motivation ist auf dem Nullpunkt, ich sage zu meiner Lieblingskollegin nur: Just two Words - für´n Arsch! Das sage ich auch jedem und jeder anderen, die es wissen oder auch nicht wissen möchte.
(6.5.) 18:40 Überrascht registriere ich, dass mein Mobiltelefon diese Uhrzeit anzeigt. Ich hatte gedacht, es sei vielleicht 17:50 fünf Minuten plus oder minus, dann hätte ich den anvisierten Zug um 18:23 Uhr noch erhalten, knapp zwar, aber ich hätte locker die Tram nehmen können, ein Ticket lösen usw. Ich überlege kurz, was ich machen soll. Meine Freunde in Halle besuchen, dort schlafen? Aber ich möchte diese Nacht wieder neben dem schönsten Mann der Welt schlafen, den ich so sehr vermisse, von dem ich nicht länger als eine Nacht getrennt sein möchte.
(6.5.) 12:25 Die Stimmung ist gedrückt, als wir am Mittagstisch setzen, und wird es nicht besser dadurch, dass der Service etwas lahm ist. Letztendlich kriegen wir unser Essen zu spät, müssen unsere Pause verlängern. Doch Essen ist wichtiger, die Tagung ist eh für´n Arsch.
(6.5.) 08:58 Mit meiner Lieblingskollegin, der weltbesten Mutter der Erde, sozusagen Mother Earth, sitze ich am Frühstückstisch, ich liebe Büfett, könnte mir stundenlang den Magen vollschlagen. Die Tagung Teil 2 beginnt um 9:00, doch Essen ist wichtiger, ich verputze noch schnell das leckere Müsli mit dem Naturjoghurt.
(6.5.) 15:40 Der Anschluss-ICE wartet nicht, ich muss als den RE nehmen, der vor sich hintuckert. Oh Mann, wie anstrengend das alles!
(7.5.) 02:10 Wieder einmal friere ich, vor Müdigekeit fallen meine Augen fast schon zu. Wo bleibt er nur? frage ich mich, wo bleibt der schönste Mann der Welt?
(6.5.) 18:52 Der Taxifahrer fährt über Rot, baut beim Einordnen fast einen Überfall, ich schwitze Blut und Wasser, stehe Todesängste aus. Letztendlich erreiche ich es noch rechtzeitig, kann allerdings keine Quittung mehr bekommen, habe es zu eilig, löse schnell ein Ticket, im Vorbeirennen kaufe ich noch schnell ein Getränk, und bin damit dank der Taxifahrt so gut wie pleite.
(6.5.) 16:38 Verschwitzt und außer Puste komme ich bei der wichtigen Frau im Büro an, mir ist es unangenehm, weil ich nur ein kleines Licht bin, und sie so respektabel und so eine supernette und angenehme Person ist. Aber sie beruhigt mich.
(7.5.) 02:15 Endlich erblicke ich den schönsten Mann der Welt. Er steht am eingeschränkten Halteverbot und die Polizei schaut schon. Müde und abgekämpft setze ich mich ins Auto. Endlich nach Hause kommen nach diesem langen stressigen Tag! Doch erst liegt eine Fahrt vor uns, etwa 70 Minuten.
(6.5.) 21:56 Göttingen wurde schon längst angesagt, aber der Zug kullert vor sich hin und kullert und kullert. Die Minuten verrinnen im Höchsttempo: 21:57, 21:58, 21:59, vielleicht geht die Uhr im CAN ja vor? Nein! 22:00, 22:01. Das Ding hält, ich nehme noch gerade mit, dass das alte Ehepaar sagt: Der schafft es noch, wir nicht! Ich renne, ich schwebe, ich fliege. Mit Sack und Pack. Aber ich schaffe es nicht. Scheiße! Wieso, frage ich mich, hat der Zug auf der Strecke noch weitere Minuten verloren? Und wieso können sich Cantus und die Deutsche Bahn nicht absprechen und den ICE warten lassen?
(6.5.) 21:35 Keine Durchsage in Eichenberg, nichts, doch wir sehen einen Zettel, auf dem angekündigt wird, dass wegen Bauarbeiten an den Gleisen zehn Minuten Verspätung normal sind. Noch denken wir, dass wir den Anschluss trotzdem erreichen können.
(6.5.) 08:07 Wenn der schönste Mann der Welt morgens nach dem Aufwachen nicht neben mir liegt, bin ich muffelig. Kein guter Tagesanfang! Keine Motivation zur Tagung zu gehen. Einziger Lichtblick: Das Frühstücksbüffet.
(6.5.) 13:47 Gleich ist die Tagung in Jena zu Ende. Die Erkenntnis ist, dass alles ein großer Kindergarten ist. Dass das alles nichts mehr wird. Und dass wir einfach nur unser Ding machen werden, wir zwei Entertainer, Mother Earth und ich. Aber der Rest? Sinnlos.
(7.5.) 04:02 Ich schlummere vor mich hin. Träume davon, mit dem schönsten Mann der Welt, der glücklicherweise mein Mann ist, am Strand zu liegen. Doch das Ankommen dorthin blende ich natürlich aus. Auch die Rückkehr...

Donnerstag, 6. Mai 2010

JENA

Ich bin gerade in Jena, interessant, nicht wahr?! Zur Noll, ja, so heißt das hier, wo ich nächtige, den Tag über verbringe, dienstlich, gut esse, und leider ganz alleine (ohne den schönsten Mann der Welt schlafen muss), und ich weiß noch nicht, ob ich nicht Angst haben muss (seht euch das Bild oben an und dann wisst ihr Bescheid!). Die Zimmer sehen übrigens ungefähr so aus:



Naja, ein Doppelbett weniger, aber sonst ganz so in der Art. Schön ist auch, dass man im Bad ein großes Fenster hat, durch das man schön sichtbar für die Nachbarn duschen kann, ja, das scheint die Exhibitionisten-Suite zu sein, nur warum kriege ich diese? Ach ja, auch egal. Weil der schönste Mann der Welt nicht dabei ist, musste ich das gerade mit etwas kompensieren: EIS, ja, denn Eis essen in Jena macht riesigen Spaß! Für 2,10 Euro habe ich ungefähr dreimal so viel Eis in den Riesenbecher bekommen wie bei Eiscafe Christina, die sowieso von mir ungeliebte, weil die so unfreundlich garstig sind. Naja, dafür hatte ich schon fast zu viel Aufmerksamkeit und Liebenswürdigkeit in der Eisdiele um die Ecke. Gut, hier ist alles um die Ecke. Sympathisch. Bald schlafe ich ein und dann ist es nicht mehr so lange und ich kann nach Halle an der Saale weiter, yes! Ja, warum nicht! Alles gemütliche Städte, irgendwie...

Dienstag, 4. Mai 2010

Bücher sind nichts wert

Och, nein, das Buch, das ich damals so heldenhaft klaute (siehe der Post "Der Büchernarr"), möchte er nicht ankaufen. Überhaupt legt er die meisten Bücher weg, dieser Mann im Antiquariat, leider, doch auch wieder nicht so schlimm, weil er verspricht, die restlichen Bücher Paul zu geben, der ja bekanntlich an der Uni steht und gebrauchte Bücher verkauft und damit ein paar Kröten verdient, um nicht zu verhungern. Es ist also fair, und trotzdem wundere ich mich darüber, wie wenig Geld Bücher wert sind, wenn sie nicht aus einer teuren Buchhandlung kommen, aus dem Hugendubel, aus dem Thalia, aus dem BuchHabel. Ich finde es schade, sehr schade, ich meine, da haben Leute ihr Herzblut reingesteckt und am Ende muss man froh seon, wenn man 50 Cent für das Buch bekommt. Als wäre ein Buch weniger wert, nachdem man es eine Person gelesen hat. Im Gegenteil: ein Buch wird doch nach jedem Leser, nach jeder Leserin doch immer nur sinn- und vor allem wertvoller. Jeder Mensch, der mit einem Buch erreicht wird, ist ein Gewinn, es ist wundervoll. Jedes Kunstwerk, das rezipiert wird, ist mehr als ein paar Euro wert, aber na gut, wir leben in schwierigen Zeiten, in denen viele Werte ad absurdum geführt werden.

Cup ohne Grenzen die Zweite


Angeführt von #9 Faris (4 Pkt in der ersten Halbzeit) kann sich Randstad Deutschland über eine 11:8 Halbzeitführung freuen. Die anderen Punkte steuert #13 Evgenij und der Gegner mit fünf Fouls bei (automatisch jeweils ein Punkt). Aber auch das Team Integra-net kann im Angriff überzeugen und hat in #7 Alessandro den erfolgreichsten Punktesammler. Nur die Verteidigung muss mit weniger Fouls auskommen, was allerdings für beide Mannschaften gilt. Mit Foulpunkten und einem Korbleger von #5 Jannis geht erstmals das Team Integra-net 13:12 in Führung. Aber in den letzten Minuten punktet nur noch Randstad Deutschland und dreht so das Spiel zu einem 16:13 Erfolg.

Mehr dazu hier:
http://www.deutsche-bank-skyliners.de/10254.html

Sonntag, 2. Mai 2010

Cup ohne Grenzen

Dominik Bahiense de Mello, ein Name wie in einem Buch von Gabriel Garcia Marquez, ein junger Mann mit Herz, viel Charme und vor allem Verstand, dieser Dominik Bahiense de Mello, mit brasilianischem Vater und in Deutschland geboren, hat uns am Dienstag gut trainiert, einen ersten Schliff gegeben. Er konnte allerdings nicht verhindern, dass wir das erste Spiel gestern beim Cup ohne Grenzen der Deutsche Bank Skyliners verpennen, Strafpunkte wegen Fouls erhalten, keine Unterschiede zwischen Mann und Frau machen, andererseits zu gut dafür sind, kleine Jugendliche böse abzuwatschen wie die restlichen Mannschaften. Wir besiegten die Besten, die jungen talentierten Stipendiaten der Start-Stiftung, und wurden trotzdem nur, was heißt hier nur?, Zweiter, hatten dabei riesengroßen Spaß. Unser Team bestand aus Taiwanesen, Peruanern, Ecuadorianern, Italienern, Kolumbianern, Griechen, Türken, Philippinnen, Tunesier, Eritreer. Ein bunter, lustiger Haufen. Und immer die Öffentlichkeitsarbeit im Nacken und damit den Fotoapparat vor Augen. Wieso kann Arbeiten nicht immer so schön und so sinnvoll sein. Und wieso merkt denn keiner, dass Integration, auch die in den Arbeitsmarkt, nur über solche gemeinsamen Unternehmungen, über ein lustiges Zusammenkommen, über Respekt und Miteinander, über Beziehungsaufbau gelingen kann? Jetzt plane ich ein Fußball-Spiel: Migrantenvereine gegen die Arbeitsagentur! Hat jemand Kontakte? Bitte melden. :-)

Punkrock Heartland von Andi Lirium

Die fremde Welt, in die ich dank dieser Graphic Novel namens „Punkrock Heartland“ des Autoren Andi Lirium eintauche, ist wie der Name schon sagt, in die Welt der Punks. Genauer gesagt: in die Welt der Hamburger Punkszene der 90er Jahre und Anfang des 21.Jahrhunderts. Doch bevor ich mehr darüber berichte, vielleicht ein paar Worte zur Gattung Graphic Novel, denn es ist die erste, die ich bespreche.
Zunächst einmal ist der Begriff Graphic Novel sehr vage und wird unterschiedlich benutzt. In der Regel bezeichnen Graphic Novels eine Art von Comic, die eher für erwachsene Leser gedacht sind. Meist werden damit Bände gemeint, in denen die Geschichte eher länger, komplexer, ja, epischer als in normalen Comics ausfallen. Ursprünglich führte der große Will Eisner diesen Begriff ein, und zwar bereits in den Siebzigern, als er vier seiner Kurzgeschichten illustrierte und in einem Buch namens „A contract with God“ herausbrachte. Im Vorwort nannte er sein Werk „Graphic Novel“. Übrigens konnte man die Originalzeichnungen in 2009 im Jüdischen Museum in der Ausstellung „Superhelden des Alltags” betrachten, in der es um die Geschichte des Comics aus jüdischer Perspektive ging.
Seine erste Graphic Novel hat nun Andi Lirium im Männerschwarm Verlag herausgebracht. Andi Lirium wurde 1981 in Hamburg geboren und war seitdem er ein Heft durchblättern konnte von Comics fasziniert. Bereits mit dreizehn Jahren begann er selbst Geschichten zu zeichnen. Im Herbst 2009 schloss er sein Studium an der Hochschule für angewandte Wissenschaften in Hamburg erfolgreich ab. Und erfolgreich meint hier auch, dass er technisch betrachtet sehr gute Arbeit geleistet hat. In Punkrock Heartland zeigt er sein zeichnerisches Können, sein Auge für Details. Er kann mit seiner Farbwahl und mit seinem Strich überzeugen, die Atmosphäre des ruppigen Lebens als militanter Punker gut rüberbringen. Damit kann er über die Schwächen der Geschichte hinwegtäuschen.
Doch um was geht es in dieser Graphic Novel? Die Hauptperson ist Bastian, genannt Bass, der in seinen besten Freund Zottel verliebt. Letzterer ist für ihn der schönste Mann der Welt. Zu dem Zeitpunkt sind sie fünfzehn – Bass, und neunzehn – Zottel. Gemeinsam mit Heike, der Freundin von Zottel, möchten sie nach Skandinavien fahren. Doch das Mädchen zickt herum, möchte ihr Auto nicht bereitstellen, möchte alleine mit Zottel fahren. Letztendlich führt das allerdings dazu, dass die beiden Jungs ohne sie fahren, mit dem Motorrad. Sie verbringen eine sehr schöne gemeinsame Zeit miteinander, und auch das Kuscheln und vor allem Sex gehören dazu. Doch als sie nach Hamburg zurückkehren, möchte Zottel nichts mehr davon wissen und kehrt zu seiner Freundin zurück. Daraufhin rastet Bass aus und lässt seinen Frust an Neonazis aus. Leider übertreibt er ein bisschen dabei und landet für 5 Jahre im Strafvollzug. Dort lernt er den Spätaussiedler Jannik kennen und lieben. Als er wieder in Freiheit ist, trifft er im Supermarkt sofort auf Zottel, der mittlerweile mit Heike verheiratet ist, und gerade Vater des zweiten Kindes wird. Er hat gerade Krach mit seiner Frau und muss sich um die Tochter kümmern. Die beiden Männer landen im Bett und natürlich platzt nicht nur das Kind dabei herein, sondern auch Heike, die natürlich ausflippt. Bei Zottel gibt es nun wieder ein Hin und Her, und dementsprechend auch bei Bass. Möchte er nach wie vor mit dem schönsten Mann der Welt zusammen sein? Oder lieber mit dem süßesten Mann der Welt, seinem Knastgefährten Jannik, sein Leben verbringen?
Die Geschichte ist ein bisschen zu Klischee, zu viele bekannte Bilder werden aneinandergereiht, keine Überraschung kommt auf. Selbst die gut eingesetzten Rückblenden retten die Geschichte nicht wirklich. Aber, um es erneut zu erwähnen: Die Zeichnungen sind so gut, so spannend, machen so viel Spaß, dass sich das Lesen trotzdem mehr als lohnt. Und die Zuordnung zu den Sprechblasen zu finden, ist manchmal auch nicht gerade einfach, eher wie ein Rätsel, eine Logik-Übung.
Punkrock Heartland von Andi Lirium umfasst 176 Seiten in Klappenbroschur im Format 24 x 17 cm, kostet 18 Euro und ist im Männerschwarm Verlag erschienen.

Samstag, 1. Mai 2010

Teil 3: Gefährliche Liebschaften: Formwandler und Homosexualität in „Star Trek: Deep Space Nine“ aus einer queeren Perspektive

Im Hintergrund sieht man, dass sich zwei Klingonen sehr durch diesen Nebel und Laas gestört fühlen. Einer der beiden tritt auf ihn zu und beschwert sich darüber, woraufhin Laas entgegnet, dass er formwandle, wo und wann er wolle. Der Klingone wirft ihm nun vor, einer der Gründer zu sein und dass dementsprechend das Blut unschuldiger Klingonen an seinen Händen klebe. Der Klingone zieht mit Kampfgeschrei ein Messer, im Gegenzug erschafft der Formwandler ein Kurzschwert und sagt amüsiert: „Mine´ s bigger!“ Der Klingone zielt auf die vermeintliche Magengegend des Gegners, doch das Messer versinkt in der verflüssigten Masse, die eben noch humanoider Körper war. Laas´ Schwert hingegen wird immer länger und trifft den Klingonen tödlich.
Zu dieser Sequenz schreibt die Wissenschaftlerin Scheer, müsse man neben den Kategorien „Geschlecht“ und „sexuelle Orientierung“ auch noch eine dritte hinzuziehen: die der „race“. Denn Klingonen werden in der Fachliteratur als science-fictionalisierte Verkörperungen von Stereotypen nicht-weißer Menschen afrikanischer Abstammung gelesen. Dementsprechend werden sie als gewalttätig dargestellt, die in dieser Sequenz nicht kontrolliert vorgehen, sondern wütend und aggressiv werden. Ihre Körper sind durch stabilisierende Verknöcherungen und übermenschliche Kraft hypermaskuliniert, ihre Sexualität ist brutal und animalisch, ihre Hautfarbe dunkel.
Zum Täter: da ihm der Angriff des Klingonen nichts anhaben konnte, war es keine Notwehr, sondern er wollte seine Überlegenheit verdeutlichen, was ihn klar als Mörder qualifiziert. Obwohl homosexuelle Männer in westlichen Diskursen stark feminisiert werden, werden sie auch als gewalttätige und höchst gefährliche Menschen konstruiert. In der Populärkultur tauchen viele homosexuelle Mörder und Serienkiller auf; in der klassischen homophoben Filmtradition werden Schwule oft als (Serien)Mörder präsentiert. Mit dem Mord an einen Klingonen, lies Afro-Amerikaner, und dem fehlenden Mitgefühl Laas´, erscheint dieser Mord sich in die Reihe des „hate crime“ einordnen zu lassen. Und dies ist sehr perfide, bedenkt man, dass seit den 90ern eine neue Welle dieser „hate crimes“ in Nordamerika zu beobachten ist, die sich gegen Schwule, Lesben, Transsexuelle und Bisexuelle richtet – der bekannteste Fall ist Brandon Teena, ein wahrer Fall, der im Kino in „Boys don´ t cry“ beschrieben wird.
Im weiteren Verlauf muss Odo nun vor den Kommandeuren Rede und Antwort stehen über das Verhalten seines Schützlings. Es entsteht eine Diskussion, die im Sinne der soziobiologischen und evolutionspsychologischen Diskurse steht: letztendlich lehrt uns diese Deep Space Nine-Folge auch, dass Gene immer recht haben, und dass die Formwandler-Phobie (lies Homophobie) zu unserem genetischen Rüstzeug gehört, das unser Verhalten bestimmt, die Furcht vor dem Anderen also berechtigt ist.
Quark sagt auch: „Watch your Step, Odo. We´re at war with your people. This is no time for a changeling pride demonstration on the promenade.” Dies ist der deutlichste textuelle Beleg für die science-fictionalisierte Repräsentation von Homosexualität in dieser Folge. Unter „gay pride“ bzw. „pride parade“ verbirgt sich das, was wir in Deutschland Christopher Street Day nennen. Die oft sexuell impliziten und körperbetonten Performanzen im Rahmen der pride-Umzüge stellen eine der Hauptthematiken des Public Sex/ Gay Sex-Diskurses dar und werden in ihm oft als pars pro toto für die „grenzüberschreitende“ Propagierung von Homosexualität im öffentlichen Raum betrachtet.
Odo besucht Laas in dessen Arrestzelle und kehrt danach verwirrt zu seiner Frau Kira zurück, er hat Angst um Laas, weil er glaubt, dass dieser an die Klingonen ausgeliefert und nach einem unfairen Prozess zum Tode verurteilt wird. Er überlegt, ob er mit seinem neuen Kumpel zu den anderen Formwandlern fliehen soll. Kira hört ihm traurig zu. In der nächsten Sequenz verhilft sie Laas zur Flucht, was der nicht verstehen kann; sie sagt: „I love him!“. Odo und Laas treffen sich am vereinbarten Ort und Odo teilt ihm mit, dass er bei Kira bleibe. Laas sagt, dass sogar Kira eingesehen habe, dass die beiden Formwandler zusammen leben müssten, das beweise auch ihre Fluchthilfe. Odo hingegen erwidert, dass dies ein anderer Beweis sei: dass sie ihn nämlich liebe. Diesen Hinweis versteht Laas und er bemerkt verächtlich: „Love conquers all.“ Hier findet sich ein weiterer allzu bekannter Stereotyp: Als „schlechter“ Homosexueller ist Laas zwar in der Lage, sich jederzeit und überall sexuell zu betätigen, aber zu einer „erwachsenen“, „verantwortungsvollen“ und „echten“ Beziehung ist er nicht bereit. Die Selbstlosigkeit Kiras kann er nicht verstehen. Er ist der „typische“ selbstbezogene und egozentrische Schwule – ein Vorurteil, das teils auf der psychoanalytischen Tradition, homosexuelle Männer als narzisstisch einzuordnen, beruht, und teils auf der populären Imagination, dass Homosexuelle als (meistens) kinderlose Männer noch nicht einmal bereit sind, ihre Gene an andere weiterzugeben.
Als letzte Szene sehen wir die einzige Sexszene zwischen Odo und Kira als Happy End, in die nun auch das Formwandeln integriert wird. Die homosexuelle Praxis dient also in dieser Folge der Verbesserung des heterosexuellen Lebensstils – und zwar im Privaten –, während ihr Verfechter, der „schlechte“ Homosexuelle, der sich nicht in der Öffentlichkeit „unsichtbar“ machen wollte, verschwinden muss.
Somit ist als Fazit festzustellen, dass sich die Repräsentation homosexueller Sexualitäten und Identitäten in dieser Deep Space Nine-Folge auf mehreren Ebenen aus einer queeren Perspektive als sehr problematisch erwiesen hat.

Nachzulesen ist dies im Artikel: Gefährliche Liebschaften: Formwandler und Homosexualität in „Star Trek: Deep Space Nine“ aus einer queeren Perspektive von Uta Scheer in dem Buch: Identitätsräume, herausgegeben von Brigitte Hipfl. Elisabeth Klaus und Uta Scheer, erschienen beim transcript Verlag und für 26,80 Euro im Fachhandel zu beziehen.

Teil 2: Gefährliche Liebschaften: Formwandler und Homosexualität in „Star Trek: Deep Space Nine“ aus einer

Zur Folge „Chimera“: Sie beginnt mit der Sequenz, in der Odo, ein Formwandler, der in Deep Space Nine der Sicherheitsoffizier ist, und O´ Brien, dem Schiffsingenieur im Cockpit sitzen. Schon hier finden wir die „unsichtbare“ Sichtbarkeit von Heterosexualität, als die beiden Männer, die mit Frauen verheiratet sind, über Geschenke an diese reden. Dabei sieht man zwei verschiedene Typen von Männlichkeiten: O´Brien als Vertreter der normativen, traditionellen Männlichkeit hat kein Geschenk und damit kein Gespür für die weibliche Sehnsucht nach Aufmerksamkeit. Odo hingegen, der den femininen, empathischen Mann darstellt, hat gleich zwei davon: einen Diamanten und Süßigkeiten, was beides als Geschenke für Frauen per se gelten. Die Wissenschaftlerin Durden stellt fest, dass seit den 1890er Jahren das Wissen um „weibliche“ Bedürfnisse und Themen bei Männern als Indikator für Homosexualität gilt. Weswegen heterosexuelle Männer sich davon distanzierten, um nicht in diesen Verdacht zu kommen. In vielen Serien sieht man, dass es einen „Ästhetik“-Split zwischen homosexuellen und heterosexuellen Männern gibt: in der vierten Staffel von „Sex and the city“ beschäftigt Samanthas umtriebiger Liebhaber Richard extra einen Homosexuellen, der zuständig für die Geschenke an Samantha ist.
Plötzlich taucht etwas vor den Augen O´ Briens und Odos auf und macht seltsame Geräusche. Die beiden springen auf; bemerkenswerterweise duckt sich Odo und versteckt sich hinter dem breiten Rücken O´Briens, eine weitere Demontage von Odos Männlichkeit. Aus dem Belüftungsschacht dringt eine flüssige Masse, aus der sich letztendlich ein humanoid aussehender Alien-Mann manifestiert. Odo, der noch nie ein anderes Wesen seiner Spezies kennengelernt hat, konstatiert sofort, dass es ein Formwandler ist. Schon in dieser ersten Sequenz wird der fremde Formwandler als invasive Bedrohung eines bis dato sicheren halb-öffentlichen Raumes kodiert: Die gezogene Waffe und die filmtechnische Umsetzung, aufgrund derer wir in einer „Point of View“-Subsequenz „mit den Augen“ der verunsicherten Protagonisten versuchen, den unheimlichen Geräuschen auf dem Shuttle zu folgen, vermitteln einen ersten Eindruck von der Gefährlichkeit dessen, was da kommen mag.
Unter vorgehaltener Waffe O´ Briens erklärt der Fremde, der sich Laas nennt, dass er in das Shuttle eingedrungen ist, weil er Odos Anwesenheit gespürt hat, und da er noch nie einen Formwandler getroffen habe, ihn kennenlernen wolle. Dies könnte man als die Formwandler-Variante des „Gaydar“ deuten, das in Ableitung des Wortes „Radar“ für die Fähigkeit homosexueller Menschen steht, Gleichgesinnte in nicht-homosexuellen (sprich allen) Öffentlichkeiten außerhalb der Subkultur „aufzuspüren“, entweder anhand subkultureller Codes, z.B. durch bestimmte Kleidung, oder anhand „angeborener“ Merkmale.
Der fremde Formwandler kommt unter die Fittiche von Odo, der ihn bei den anderen verteidigt, wobei er die anderen nur anhand von medizinischen Beweisen von der „Unschuld“ des Fremden überzeugen kann. Dieser ist nämlich genauso wenig wie Odo mit dem Virus infiziert, das diejenigen Formwandler haben, die die „Gründer“ genannt werden und die Gegner der Star-Trek-Flotte sind. Der Virus kann durchaus als Metapher für AIDS gesehen werden. Der Sex dieser Formwandler ist das gegenseitige „Verschmelzen“. Was das für die Millionen von miteinander verflüssigten Formwandlern auf dem Heimatplaneten bedeutet, ist mit dem Wort „promiskuitiv“ wohl nur annähernd zu beschreiben. Ohne diese „Massenverschmelzung“ hätte das Virus niemals in so rascher Zeit die gesamte Gründer-Population infizieren können. So findet sich also hier einer der klassischen AIDS-Diskurse in science-fictionalisierter Gestalt wieder. Die enge Verknüpfung von AIDS mit männlicher Promiskuitivität liefert ein weiteres Indiz für die sexuelle Markierung der Formwandler. Dabei ist noch wichtig zu bemerken, dass in westlichen Diskursen grundsätzlich weibliche Körper als ansteckende Krankheitsherde konstruiert werden!
Im folgenden sieht man die beiden Formwandler, die ins Zimmer von Odo gehen. Dort steht eine verstaubte Skulptur, die praktisch ein Übungsgerät für das Formwandeln ist. Odo benutzt es also nicht. Laas schaut auf ein Bild, das Odo mit dessen Frau Kira zeigt, einer aggressiven Frau, die durch die Ehe „gezähmt“ wurde. Wieder ein Symbol der Heterosexualität. Aufgrund des Portraits erklärt Laas warnend, dass er auch eine Beziehung mit einer humanoiden Frau gehabt habe, die aber an ihrem mit dem Formwandler unerfüllbaren Kinderwunsch gescheitert sei. Dieser Kommentar von ihm evoziert ein populäres Erklärungsmuster für männliche Homosexualität, indem diese als Kompensation für eine gescheiterte Beziehung mit einer Frau betrachtet wird. Die Artikulation des heterosexuellen Scheiterns fungiert hier dementsprechend als Initialzündung für die homosexuelle Affäre. Nach einer Diskussion über die Sexualität ihrer Spezies, reicht Odo Laas die Hand und die beiden verschmelzen das erste Mal miteinander. Diese Vereinigung wird mit romantischer Musik unterlegt, und auch der kritischste Zuschauer erfasst diese Szene als Sex zwischen zwei Männern. Odo genießt diesen Sex im Privaten.
Dass gelebte Homosexualität im öffentlichen Raum ganz andere Reaktionen bei Odo auslöst, ist im weiteren Verlauf der Episode zu sehen, als nämlich Laas Odo dazu bringen möchte, sich mit ihm auf dem Promenadendeck zu verschmelzen. „Here?“ fragt Odo fassungslos, da ihm dies unerhört erscheint – im Gegensatz zu Laas, der keinen Unterschied zwischen Privat und Öffentlich macht. Damit befinden wir uns im Public Sex/ Gay Sex-Diskurs. Odo als „guter“ Homo, der solches Verhalten nur im Geheimen auslebt und Laas, der „böse“ Homo, der dies überall ausleben möchte. Die einige Szenen vorher gezeigte Homo-Erotik wird dadurch wieder relativiert: Durch die Privatisierung von Homosexualität bleibt der omnipotente und dominante Charakter von Heterosexualität im öffentlichen Raum unangetastet. Laas wirft Odo vor, seine „wahre Natur“ zu verleugnen, nur um von seinen KollegInnen und FreundInnen akzeptiert zu werden. „You deny your true nature in order to fit in!“. In diesem Gespräch wird die Rhetorik von „Outing“-Diskursen der 90er Jahre gespiegelt, wobei Laas die Rolle des fordernden „Out and Proud“-Schwulen übernimmt und Odo die Rolle der „Schrankschwester“.
Odo erzählt Kira von Laas und ihrem Verschmelzen, was diese recht tolerant aufnimmt. Sie möchte Laas sogar kennenlernen. Sie ist sehr nett zu ihm, während der fremde Formwandler ihr gegenüber feindselig auftritt. O´Brien tritt hinzu und äußert einen Satz, der aus der McCarthy-Ära stammt und die Angst vor Kommunisten und Homosexuellen unter den Amerikanern spiegelt: „We´re not the ones who can disguise ourselves as everything we want.“ Damit meint er das „Passing“ der Homosexuellen, das Auftreten als Hetero, das auch in der heutigen Zeit noch „normal“ für Homosexuelle ist. Laas wird in dieser Sequenz entsprechend der von Steven Seidman konstatierten Porträtierung von Homosexuellen in Hollywoodfilmen der 70er und 80er Jahre als sozial unverträglich und moralisch fragwürdig gezeichnet, während die Heterosexuellen im Gegensatz dazu als integer und frei von negativem Verhalten dargestellt werden.
Später in der Folge sind Odo und seine Frau Kira allein in ihrem Zimmer. Sie äußert ihre Besorgnis darüber, dass Laas Odo gefragt hat, ob sie gemeinsam weiter reisen sollen, um andere Formwandler zu treffen. Doch ihr Mann beruhigt sie, er liebe sie und wolle nicht gehen. Daraufhin entschuldigt sie sich bemerkenswerterweise bei ihm dafür, dass sie nicht fähig dazu ist, sich mit ihm zu „verbinden“. Er erwidert: „It doesn´ t matter. I love you.“ Auf den ersten Blick der verständnisvolle, großzügige, liebevolle Mann, der aber tatsächlich nur verzeiht, dass sie ihm nicht das geben kann, was ihm der männliche Geliebte selbstverständlich bietet. Es wird nun ein starker Kontrast zwischen der Beziehung der beiden Verheirateten aufgebaut, die auf Liebe beruht und in zärtlicher Weise im Privaten vonstatten geht, und der rein sexuellen Beziehung der beiden Formwandler, die von Laas` Seite auch in der Öffentlichkeit vollzogen werden soll.
Als Odo Kiras Quartier verlässt, um in sein eigenes zurückzukehren, wird er dort von einem lodernden Feuer erwartet. Während er den Stations-Computer auffordert, das Feuer zu löschen, bemerkt er, dass es sich um Laas handelt. Diese Metapher ist offensichtlich als brennende Eifersucht zu bewerten und Laas als Feuer steht auch als Gefährdung des privaten Schonraumes, wie er gerade noch in Kiras Zimmer konstruiert wurde. Im darauffolgenden Gespräch lehnt Odo erneut den Vorschlag ab, gemeinsam wegzugehen. Die folgende Reaktion von Laas reflektiert erneut die Outing-Rhetorik, indem Laas Odo vorwirft, lieber im „Closet“, also als nicht „offen“ lebender Formwandler/ Homosexueller unter den „Solids“, den Nicht-Formwandlern bzw. Heterosexuellen zu bleiben und sie zu imitieren, als seine „wahre“ Identität auszuleben: „Why? So you can keep pretending to be one of them?“ Als Odo sein Mitgefühl für die Enttäuschung über seine Entscheidung, auf der Station zu bleiben, artikuliert, antwortet Laas lakonisch: „I will survive!“. Es fällt schwer, diesen Satz nicht als Reminiszenz an die Schwulenhymne „I will survive“ von Gloria Gaynor zu lesen. Im Anschluss vereinigen sich die beiden ein weiteres Mal miteinander, trotz des Liebesgeständnisses Odos ein paar Minuten zuvor!
In der nächsten Sequenz materialisiert sich Laas „zur Entspannung“ auf dem Promenadendeck in einen Nebel, in dem zwei kleine Kinder spielen. O´ Brien beschwert sich darüber, dass Laas dieses Formwandeln nicht im Privaten, nachts macht, sondern in der Öffentlichkeit. Das entspricht dem System der Heteronormativität: weiße, heterosexuelle Männer der Mittelklasse erheben sich als Wächter und Kontrolleure über Frauen, Homosexuelle und Nicht-Weiße, und bewerten, was „normal“ und was „unnormal“ in ihrem Herrschaftsgebiet ist. Odo sagt zu ihm: „If you want to relax, do it in private.“ Ein weiterer Aspekt in dieser Sequenz ist, dass homosexuelle Praktiken im öffentlichen Raum als Gefährdung für heterosexuelle Menschen gelten, insbesondere für Kinder. In dieser Materialisierung als im Nebel spielende Kinder, wird nun erneut auf diese Gefährdung der Kinder durch diese „pädophilen Sexmonster“ hingewiesen.

Teil 1: Gefährliche Liebschaften: Formwandler und Homosexualität in „Star Trek: Deep Space Nine“ aus einer queeren Perspektive

Unter Einbeziehung eines Textes von Uta Scheer schildere ich eine Folge von „Deep Space Nine“ aus einer queeren Perspektive.
Die „Star Trek“-Fernsehserien versprechen eine bessere Zukunft – ein Universum, in dem Diskriminierungen auf Grundlage von Rasse, Geschlecht oder der sexuellen Orientierung als überwunden gelten oder, wenn doch noch vorhanden, erfolgreich bekämpft werden. Und gerade diese Einstellung gilt als entscheidend für den weltweiten Erfolg von „Star Trek“ – und einer bis dato einmaligen, globalen Fankultur, inklusive vieler queerer Fans. Aber verwirklicht „Star Trek“ sein Versprechen in Hinsicht auf die science-fictionalisierte Repräsentation von Schwulen, Lesben, Bisexuellen, Transgenders und gelebter Sexualität, die nicht heteronormativen Standards entspricht? Um diese Frage zu beantworten, analysiert die hessische Kulturwissenschaftlerin Uta Scheer eine Episode namens „Chimera“ aus der dritten „Star Trek“-Serie „Deep Space Nine“.
Zunächst unterstreicht Scheer noch einmal die wichtige politische Bedeutung der Repräsentationen nicht-heteronormativer Sexualität für die Gesellschaft, stellt aber gleichzeitig fest, dass das Aufkommen von schwulen oder lesbischen Charakteren nicht zwangsläufig eine Verbesserung der Situation von Homosexuellen darstellen muss. Dann nämlich nicht, wenn Homosexuellen bestimmte diffamierende Verhaltensweisen zugeschrieben werden, die das negative Bild in der Öffentlichkeit verfestigen. Studien belegen, dass solche teilweise subtilen Diffamierungen selbst von Homosexuellen übernommen und reproduziert werden.
Scheer stellt heraus, dass es Parallelitäten zwischen Queer studies und Science Fiction gibt, denn in beiden Bereichen reflektiert und kritisiert man gegenwärtige Selbstverständlichkeiten oder muss Dinge akzeptieren, die dem „gesunden Menschenverstand“ widersprechen. Trotz allem musste man bei „Star Trek“ lange Zeit auf eine schwule, lesbische oder transsexuelle Figur warten, während solche Charakteren in vielen anderen amerikanischen Serien bereits einen Platz eingeräumt wurde.
Dass nun die erste Affäre zwischen zwei Männern, die in einer Episode von Deep Space Nine gezeigt wird, ausgerechnet zwischen zwei Formwandlern geschieht, ist kein Zufall. Formwandler sind eine Spezies, deren Angehörige ihre flüssige Ausgangsform in jegliche andere Form (organisch, anorganisch etc.) umwandeln können. Besonders berühmt sind sie dafür, dass sie Individuen anderer Spezies perfekt imitieren können. Bezeichnend allerdings ist, dass die geschlechtslosen Formwandler in dieser Serie sich als Mann und Frau materialisieren müssen, um das immanente System der Zweigeschlechtlichkeit zu garantieren. So wie der weibliche Körper in patriarchalischen Gesellschaften im Gegensatz zum männlichen Pendant als flüssig und instabil präsentiert wird, gar als chamäleonartig in seiner Fähigkeit seine Form zu wandeln, kann also der Formwandler im Science-Fiction als weiblich konnotiert werden. Formwandler kamen vor allem in der McCarthy-Ära in den 50ern in vielen Science-Fiction-Filmen vor. Meist wurden sie als Metaphern für die Bedrohung durch verdeckt in Nordamerika lebende Kommunisten interpretiert. Aber die Wissenschaftlerin Pearson führt aus, dass sie ebenso als Warnungen vor den Gefahren männlicher Homosexueller für die westliche Gesellschaft gelesen werden kann: Sowohl der Kommunist als auch der männliche Homosexuelle waren, anders als Frauen und nicht-weiße Menschen, körperlich nicht markiert.
Eine weitere Vorbemerkung der Autorin Scheer betrifft den „Public Sex/ Gay Sex“-Diskurs. Dieser heteronormative Diskurs handelt von „schlechten“ oder „bösen“ Queers, die Sex in der Öffentlichkeit haben und dabei „unschuldige“ Heterosexuelle gefährden, und „guten“ Queers, die das nicht sichtbar machen. Der öffentliche Raum wird dabei als nicht-sexuell und neutral konstruiert. Als legitimes Subjekt dieses öffentlichen Raumes fungiert der „public citizen“, der der Mittelklasse angehört, männlich, weiß und heterosexuell ist. Im Grunde genommen wird jedem Homosexuellen, der sichtbar in unserer Gesellschaft lebt, vorgeworfen in diesen öffentlichen Raum einzudringen und seine/ ihre sexuelle Ausrichtung auszuleben, während heterosexuelle Praxen, Strukturen und Identitäten aufgrund ihres vorherrschenden Charakters nicht als Sexualität wahrgenommen werden.