Sonntag, 16. Mai 2010

Kehler Messdi

Ach ja, Kehl hat doch etwas zu bieten, nun ja, die Bahnhofsgegend ist nicht schön, zugegeben, und Kritiker sagen, Kehl sei nur deswegen zu ertragen, weil es der Vorort von Straßburg ist. Nein, an alle, die sich nicht so auskennen, obwohl Kehl gelegentlich zu Frankreich und Strasbourg zu Deutschland gehörte, es ist da eine Staatsgrenze dazwischen, die aber keinen mehr interessiert. Kehl hat etwas zu bieten, und damit meine ich nicht mich, auch nicht die neue Brücke namens Passarelle, die sehr idyllisch ist, nein, ich meine natürlich den Messdi. Messdi ist "beste Leben", wie Jugendliche aus Darmstadt-Kranichstein gerne sagen. Messdi ist einfach die sechste Jahreszeit in Kehl, und noch viel lustiger als bereits die fünfte. Ich muss natürlich nicht extra betonen, dass dem ABK diese Feierlichkeiten rund um Christi Himmelfahrt ein Dorn im Auge sind. Genauso wenig wie sie Fasching mögen, mögen sie diese vier Tage Dauer-Besäufnis im Kern der Stadt. Einfach um 21 Uhr eine Bombe auf die City werfen, da triffste nicht nur sehr viele Menschen, sondern mit Sicherheit immer die Richtigen - das sagen sie jedes Jahr zu mir. Mich lässt das kalt, denn ich treffe am Messdi immer alte Bekannte, kriege sehr viele Drinks bezahlt und was am schönsten ist: an keinem Ort der Welt und zu keinem Zeitpunkt werde ich so oft von heterosexuellen Männern umarmt und geherzt. Das gefällt mir. Jedes Jahr freue ich mich aufs Neue darauf, witzige Abend mit den Leuten von früher zu verbringen, die sich genauso wie ich das Wochenende frei nehmen, um in ihre alte Heimat zu reisen. Und diejenigen, die in der Gegend geblieben sind, müssen sich noch nicht mal irgendwo hinbewegen, um einmal Pause vom Alltag zu machen. Das Geld, das sie sich für die Reise sparen, geben sie für alkoholische Getränke aus. Für "Agua die Valencia", wahrscheinlich sind da frischgepresster Orangensaft und Cremant im Glas (doch ich kann nichts beschwören) oder für "Sugar Hill", was einfach eklig orange ist, total eklig ist und nach ungefähr drei Glas dazu führt, das man dem Brechreiz schon sehr nahe ist. Mein Lieblingsstand war bei der Boutique Bonita beheimatet - da kriegte man harte Long Island Iced Tea Mischungen in Jumbo-Gläsern für wenig Geld. Was stört die ABK denn an diesem Event, außer die Tatsache, dass "Deutsche immer regelmentiert bekommen müssen, wann sie zu feiern haben?" Ich glaube, die ständige Lärmbelästigung auf dem Messdi, denn überall hört man wirklich schlechte Musik, ich sag nur Atzeeeeeeeeeeeeeen, man erträgt es kaum, naja, außer betrunken eben. Vielleicht stört sie allerdings auch, dass nirgends so viele Nonsense-Unterhaltungen geführt werden wie auf dem Messdi. Ich sage nur Alkohol: Besonders wirkt sich der dann aus, wenn man auf unliebsame Bekannte aus früheren Zeiten trifft, mit denen man eigentlich schon damals nichts gemein hatte, mit denen man gar nicht reden möchte und denen man gar nichts zu sagen hat. Aber mit Alkohol geht alles besser, plötzlich fallen einem dämliche Episoden ein, die man dank des Pegels sehr lustig findet, umarmt sich und verabredet sich für die nächsten Tage auf weitere Drinks. Naja, Messdi eben. Da werden ganz neue Grenzbereiche der Kommunikation ausgelotet. Jaja, der Kehler Messdi, jedes Jahr aufs Neue, jedes Jahr neue Eifersuchtsdramen, Männlichkeits-Initiationen von Jugendlichen (erste Besäufnisse), Prügeleien usw. Ich werde es wieder einmal ein Jahr lang vermissen, bis es dann wieder so weit ist. An Christi Himmelfahrt 2011.

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