Samstag, 1. Mai 2010

Teil 3: Gefährliche Liebschaften: Formwandler und Homosexualität in „Star Trek: Deep Space Nine“ aus einer queeren Perspektive

Im Hintergrund sieht man, dass sich zwei Klingonen sehr durch diesen Nebel und Laas gestört fühlen. Einer der beiden tritt auf ihn zu und beschwert sich darüber, woraufhin Laas entgegnet, dass er formwandle, wo und wann er wolle. Der Klingone wirft ihm nun vor, einer der Gründer zu sein und dass dementsprechend das Blut unschuldiger Klingonen an seinen Händen klebe. Der Klingone zieht mit Kampfgeschrei ein Messer, im Gegenzug erschafft der Formwandler ein Kurzschwert und sagt amüsiert: „Mine´ s bigger!“ Der Klingone zielt auf die vermeintliche Magengegend des Gegners, doch das Messer versinkt in der verflüssigten Masse, die eben noch humanoider Körper war. Laas´ Schwert hingegen wird immer länger und trifft den Klingonen tödlich.
Zu dieser Sequenz schreibt die Wissenschaftlerin Scheer, müsse man neben den Kategorien „Geschlecht“ und „sexuelle Orientierung“ auch noch eine dritte hinzuziehen: die der „race“. Denn Klingonen werden in der Fachliteratur als science-fictionalisierte Verkörperungen von Stereotypen nicht-weißer Menschen afrikanischer Abstammung gelesen. Dementsprechend werden sie als gewalttätig dargestellt, die in dieser Sequenz nicht kontrolliert vorgehen, sondern wütend und aggressiv werden. Ihre Körper sind durch stabilisierende Verknöcherungen und übermenschliche Kraft hypermaskuliniert, ihre Sexualität ist brutal und animalisch, ihre Hautfarbe dunkel.
Zum Täter: da ihm der Angriff des Klingonen nichts anhaben konnte, war es keine Notwehr, sondern er wollte seine Überlegenheit verdeutlichen, was ihn klar als Mörder qualifiziert. Obwohl homosexuelle Männer in westlichen Diskursen stark feminisiert werden, werden sie auch als gewalttätige und höchst gefährliche Menschen konstruiert. In der Populärkultur tauchen viele homosexuelle Mörder und Serienkiller auf; in der klassischen homophoben Filmtradition werden Schwule oft als (Serien)Mörder präsentiert. Mit dem Mord an einen Klingonen, lies Afro-Amerikaner, und dem fehlenden Mitgefühl Laas´, erscheint dieser Mord sich in die Reihe des „hate crime“ einordnen zu lassen. Und dies ist sehr perfide, bedenkt man, dass seit den 90ern eine neue Welle dieser „hate crimes“ in Nordamerika zu beobachten ist, die sich gegen Schwule, Lesben, Transsexuelle und Bisexuelle richtet – der bekannteste Fall ist Brandon Teena, ein wahrer Fall, der im Kino in „Boys don´ t cry“ beschrieben wird.
Im weiteren Verlauf muss Odo nun vor den Kommandeuren Rede und Antwort stehen über das Verhalten seines Schützlings. Es entsteht eine Diskussion, die im Sinne der soziobiologischen und evolutionspsychologischen Diskurse steht: letztendlich lehrt uns diese Deep Space Nine-Folge auch, dass Gene immer recht haben, und dass die Formwandler-Phobie (lies Homophobie) zu unserem genetischen Rüstzeug gehört, das unser Verhalten bestimmt, die Furcht vor dem Anderen also berechtigt ist.
Quark sagt auch: „Watch your Step, Odo. We´re at war with your people. This is no time for a changeling pride demonstration on the promenade.” Dies ist der deutlichste textuelle Beleg für die science-fictionalisierte Repräsentation von Homosexualität in dieser Folge. Unter „gay pride“ bzw. „pride parade“ verbirgt sich das, was wir in Deutschland Christopher Street Day nennen. Die oft sexuell impliziten und körperbetonten Performanzen im Rahmen der pride-Umzüge stellen eine der Hauptthematiken des Public Sex/ Gay Sex-Diskurses dar und werden in ihm oft als pars pro toto für die „grenzüberschreitende“ Propagierung von Homosexualität im öffentlichen Raum betrachtet.
Odo besucht Laas in dessen Arrestzelle und kehrt danach verwirrt zu seiner Frau Kira zurück, er hat Angst um Laas, weil er glaubt, dass dieser an die Klingonen ausgeliefert und nach einem unfairen Prozess zum Tode verurteilt wird. Er überlegt, ob er mit seinem neuen Kumpel zu den anderen Formwandlern fliehen soll. Kira hört ihm traurig zu. In der nächsten Sequenz verhilft sie Laas zur Flucht, was der nicht verstehen kann; sie sagt: „I love him!“. Odo und Laas treffen sich am vereinbarten Ort und Odo teilt ihm mit, dass er bei Kira bleibe. Laas sagt, dass sogar Kira eingesehen habe, dass die beiden Formwandler zusammen leben müssten, das beweise auch ihre Fluchthilfe. Odo hingegen erwidert, dass dies ein anderer Beweis sei: dass sie ihn nämlich liebe. Diesen Hinweis versteht Laas und er bemerkt verächtlich: „Love conquers all.“ Hier findet sich ein weiterer allzu bekannter Stereotyp: Als „schlechter“ Homosexueller ist Laas zwar in der Lage, sich jederzeit und überall sexuell zu betätigen, aber zu einer „erwachsenen“, „verantwortungsvollen“ und „echten“ Beziehung ist er nicht bereit. Die Selbstlosigkeit Kiras kann er nicht verstehen. Er ist der „typische“ selbstbezogene und egozentrische Schwule – ein Vorurteil, das teils auf der psychoanalytischen Tradition, homosexuelle Männer als narzisstisch einzuordnen, beruht, und teils auf der populären Imagination, dass Homosexuelle als (meistens) kinderlose Männer noch nicht einmal bereit sind, ihre Gene an andere weiterzugeben.
Als letzte Szene sehen wir die einzige Sexszene zwischen Odo und Kira als Happy End, in die nun auch das Formwandeln integriert wird. Die homosexuelle Praxis dient also in dieser Folge der Verbesserung des heterosexuellen Lebensstils – und zwar im Privaten –, während ihr Verfechter, der „schlechte“ Homosexuelle, der sich nicht in der Öffentlichkeit „unsichtbar“ machen wollte, verschwinden muss.
Somit ist als Fazit festzustellen, dass sich die Repräsentation homosexueller Sexualitäten und Identitäten in dieser Deep Space Nine-Folge auf mehreren Ebenen aus einer queeren Perspektive als sehr problematisch erwiesen hat.

Nachzulesen ist dies im Artikel: Gefährliche Liebschaften: Formwandler und Homosexualität in „Star Trek: Deep Space Nine“ aus einer queeren Perspektive von Uta Scheer in dem Buch: Identitätsräume, herausgegeben von Brigitte Hipfl. Elisabeth Klaus und Uta Scheer, erschienen beim transcript Verlag und für 26,80 Euro im Fachhandel zu beziehen.

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