Dienstag, 18. Mai 2010

Schuld

Selbstverständlich hat die aufmerksame Leserin bzw. der aufmerksame Leser dieses Blogs schon seit Langem bemerkt, dass der Verfasser desseleben ein sehr emotionaler Mensch ist, sehr sensibel, schnell von Himmelhochjauchzend zu Tode betrübt, wie man so schön sagt, oder prosaischer: launisch. Oder sehr sensibel, und natürlich einfühlsam. Daher kann auch die Lektüre eines Romans manchmal zu einer mittleren Sinn- und Lebenskrise bei mir führen. Naja, im Hinblick auf weiter unten: Selbst Fernsehsendungen können dazu führen.

So las ich das Jugendbuch "Rotkäppchen muss weinen" von Teresa Beate Hanika (im Fischer Verlag erschienen) und kam zu folgender Stelle auf Seite 103/104:

Der Krebs, sagte sie, ist schon ganz lange in mir drin. Jahrelang. Erst ist er nur ein Gedanke, ein Gefühl, ein unglückliches Gefühl, eine kleine Wunde, die dir jemand zufügt, und wenn du nicht zusiehst, dass du diese Wunde heilst, dann wächst daraus etwas, das größer und größer wird, und dann wird man von innen aufgefressen, weil man die ganzen Jahre nicht auf sich und die kleine Wunde achtgegeben hat. Weil man die ganzen Jahre unglücklich war.
Unter der Wange spürte ich den kratzigen Stoff ihrer Bluse und ihre magere Schulter. Der Spülschaum fiel knisternd in sich zusammen, leises Platzen von schillernden Bläschen; am liebsten wäre ich einfach aufgesprungen und hätte meine Arme bis zu den Ellbogen in diesen Schaum getaucht, als könnte ich damit das Gesagte wegwischen und den Krebs und alles, was sich so bedrohlich vor uns aufzutürmen schien.
Was tut man denn mit so einer Wunde?, fragte ich, weil ich mir darunter nichts vorstellen konnte, nichts Wirkliches, vielleicht etwas wie einen Schnitt in der Seele, etwas Winziges, Balsses, etwas, das man von außen nicht sehen kann, was man nur spürt, wenn man in der Nacht alleine in seinem Bett liegt und in sich hinein hört. Dann hört man vielleicht das Schlagen des Herzens, zuerst, und dann, hinter dem Schlagen, spürt man etwas anderes, diesen Schnitt, oder vielleicht ist es auch nur ein blauer Fleck, eine Schürfwunde, ein Kratzer.
Man muss ihr zuhören, sagte Oma, und man darf nicht aufhören damit, bis sie das letzte Wort gesprochen hat. Ich hab nie zugehört, Malvina, sagte sie.
Es machte mich wütend. Als wäre man selbst Schuld an der Krebserkrankung. Dazu habe ich nach der Sendung "Beckmann", als Christoph Schlingensief von seiner Erkrankung und seinem Buch erzählte, einen Text geschrieben. Hier:

Über Christoph Schlingensiefs Auftritt in Beckmanns Sendung
In Beckmanns Sendung vom 20.4.2009 machte Christoph Schlingensief seine Krebserkrankung auf offene und entwaffnende Weise zu einem öffentlichen Thema. Viele Menschen reagierten darauf betroffen und verstört. Die Frage, die sich dabei stellt, ist: Sind schwere Krankheiten und Tod Themen, die in einer Talkshow verhandelt werden sollen?
Blicken wir ein paar Jahre zurück: Am 28. Dezember 2004 starb die amerikanische Publizistin, Essayistin und Romanautorin Susan Sontag im Alter von 71 Jahren an ihrer zweiten Krebserkrankung. Bereits dreißig Jahre zuvor war sie an Krebs erkrankt und hatte aus diesem Anlass eines ihrer wichtigsten Bücher - „Krankheit als Metapher“ – geschrieben. 1988 beschäftigte sie sich erneut mit dieser Thematik und verfasste das Buch „AIDS und seine Metaphern“. Dabei stellte sie fest, dass es mittlerweile einen kollektiven Wandel der Einstellung und der öffentlichen Rede im Umgang mit Krebs gebe. Sie konstatierte, dass das Wort „unbefangener ausgesprochen“ werde. In Todesanzeigen spreche man nicht mehr euphemistisch über eine „lange, schwere Krankheit“, sondern von Krebs als Todesgrund.
Folgt also Schlingensief dieser Lesart und möchte mit seinem Buch und dem Auftritt aufklären? Oder möchte er auch hier nur provozieren, so wie er dies bereits sein ganzes künstlerisches Leben tat?
Womit beschäftigt sich Schlingensief? Mit den gleichen Fragen, die jeden umtreiben, der diese Diagnose gestellt bekommt. Warum ich? Wieso Krebs? Und recht bald ist man auch bei der Frage nach der vermeintlichen eigenen Schuld an der Krankheit. Davon spricht bereits Susan Sontag: Dass Patienten mit der Betonung auf psychologische Erklärungen der Ursache ihrer Erkrankung belastet werden. Krebserkrankte sollen durch Triebunterdrückung, durch Unterdrückung von Sexualität, von Wut oder Angst, die Krankheit selbst hervorgebracht haben. Und so argumentiert auch Schlingensief – wie die meisten Menschen in dieser Situation. Sie nehmen die „Schuld“ auf sich, oder bezichtigen andere, beispielsweise den depressiven Vater, wie in Schlingensiefs Fall. Susan Sontag kämpfte dagegen, aber an Schlingensief sieht man, dass diese „Schuldzuweisung“ an die Betroffenen in unserer Gesellschaft noch zu inhärent ist. Ihre Analysen hatten zum Ziel, dass diese Symbolik von Krankheiten als kulturelles Konstrukt entlarvt wird, das sehr fragwürdig ist.
Es gibt verschiedene Wege mit seiner Erkrankung umzugehen. So hat auch Schlingensief seine eigene Weise, die er gewohnt selbstbewusst als die beste und sinnvollste ausstellt. Natürlich gibt er zu, dass er seine Meinung über die Erkrankung ständig ändere, aber die Dinge, die ihm gerade gewiss sind, spricht er so aus, als wären sie die absolute Wahrheit, die natürlich niemand für sich beanspruchen kann. Ich greife ein paar Beispiele auf: Er spricht über die verbreitete Meinung, dass man mit seinem Tumor einen Vertrag abschließen, ihn als Teil von sich respektieren solle. „Da kriege ich zu viel“, sagt er dazu, und: „das ist ein mieses Teil“ und „alles Quatsch“. Mir hingegen hat genau das geholfen, ohne von dieser Theorie gewusst zu haben. Ich nannte meinen Tumor „Marco“ und schrieb ihm Briefe. Ich lernte mit ihm als Teil von mir umzugehen. Mir tat das gut. Schlingensief thematisiert immer wieder seinen Glauben, seine katholische Erziehung, seine Beziehung zu Gott. Andere Betroffene hadern mit Gott, verlieren den Glauben an ihn und stellen den Glauben an sich selbst und die Kraft, die Krankheit durchzustehen, in den Mittelpunkt ihres Lebens. Auch dieses ist ein Weg. Er beschwert sich darüber, dass Ärzte heutzutage ihren Patienten nach amerikanischem Prinzip jegliche Kleinigkeit ihrer Erkrankung erklären. Er hält nichts davon. Auch da möchte ich ihm widersprechen: Ich wollte alles über meinen Krebs wissen, über die Chemotherapie und über die Bestrahlungen. Ich kann mir nichts anderes vorstellen. Aber das muss jeder für sich wissen.
Ich halte den Diskurs über schwere Erkrankungen und Tod in den Medien für sehr wichtig. Krank sein und sterben gehört zum Leben. Wie Schlingensief betonte, kenne jeder von uns genug Fälle von Krebs in der Familie und im Freundeskreis. Etwas Weiteres beschäftigte mich bei der Sendung: Im Umgang mit Krebs und Krebserkrankten fallen immer wieder Standardfloskeln wie: „Genießen Sie jeden Tag, als wäre er Ihr letzter!“ oder: „Wenn man die Diagnose Krebs erhält, fängt man erst an, bestimmte Dinge zu schätzen – das hätte man viel früher tun sollen.“ Beim ersten Satz möchte ich sagen: Diese Menschen, die das sagen, sind selbst nicht von dieser Krankheit betroffen, wie können sie wagen, so etwas einem Erkrankten zu sagen? Ich wollte jedem Einzelnen, der so etwas zu mir sagte, verprügeln. Zum zweiten Satz: Vielleicht trifft diese These zu, ich weiß es nicht, mir fällt nur auf, dass dieser Satz von Sterbenskranken erwartet wird. Aber warum?
Das Thema, das Schlingensief ins Gespräch bringt, ist aktueller denn je: In Corpus Delicti entwirft Julie Zeh unlängst ein Szenario, in dem die Gesundheit zur höchsten Bürgerpflicht erhoben wird. Die so genannte „Methode“ (Gesundheitsbehörde) verlangt von ihren Bürgern ein festes Sportpensum ebenso wie die Abgabe von Schlaf- und Ernährungsberichten. Wer jetzt noch erkrankt, ist selbst Schuld. Depressionen sind genauso ausgemerzt wie Krebs.
Doch lebensbedrohende Krankheiten und Tod wird es immer geben. Und Schuld wird den Erkrankten schon immer aufgebürdet. Der Umgang mit dem Thema fällt allen Menschen schwer. Es wird Zeit das zu ändern. Schlingensief sagt, er möchte den Menschen helfen. Es wird sich zeigen, ob er mit seiner persönlichen Beschäftigung mit seiner Erkrankung auf dem richtigen Weg dazu ist. Zu wünschen wäre es ihm. Dabei ist nicht so wichtig, welche Meinung er vertritt, es geht um den notwendigen Diskurs.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen