Montag, 10. Mai 2010

John Jasperse

Am Samstag schaute ich mir im Bockenheimer Depot die Frankfurtpremiere von John Jasperses Stück Truth, Revised Histories, Wishful Thinking, And Flat Out Lies, eine Auftragsarbeit der Forsythe Company in Koproduktion mit der John Jasperse Company, an, und ich war hinterher genauso schlau wie vorher.
Ich sage es frei heraus: Ich bin am Samstag zu dieser Veranstaltung hin, ohne mich vorzubereiten, wie ich das sonst tue. Die Erklärung dafür ist ganz einfach. Bei den anderen Tanztheatern hatte ich mich im Internet informiert, habe das Programm nach Informationen über das Stück und über die Tänzer durchforstet und mir Gedanken über all das gemacht. Als ich das Stück dann anschaute, verstand ich, worum es ging, konnte das Eine oder Andere deuten, bestimmte Dinge hineininterpretieren. Doch was passiert, wenn ich gar nichts weiß, fragte ich mich. Nichts über den Choreografen, nichts über die Tänzer, nichts über das Stück?
Ich sitze also sehr weit hinten im Bockenheimer Depot – übrigens ein sehr schöner Veranstaltungsort mit tollem Flair – und schaue auf die Bühne. Sie ist sehr dunkel. Auf der von mir aus linken Seite, von der Bühne her rechts, ist eine bunte, blumigeTapete an die Wand gepinnt, ebenso am Boden entlang geklebt. Wieso dies so ist, erfahre ich erst später. Oder eben nicht. Zwei Tänzerinnen und zwei Tänzer betreten die Bühne, tanzen ein bisschen wirr durch die Gegend. Wieso sehen ihre Bewegungen so stümperhaft aus? Das sind doch professionelle Tänzer, denke ich mir. Irgendetwas möchten sie damit zum Ausdruck bringen. Doch was? Erste Interpretation: Es geht um das Thema Körperlichkeit – die Frage nach der Fragilität von Körper, Bewegung und Sein. Nun ja, keine Ahnung, ob das stimmt. Dann kommt John Jasperse, der Choreograf, zusätzlich auf die Bühne. Mit einem Mikrofon. Er redet Englisch. Erklärt, was er tut. Welche Schwierigkeiten er mit verschiedenen Tanzfiguren hat. Kommentiert seine Bewegungen. Eine Frau, die wohl Mitglied der Forsythe Company ist, sitzt im Publikum und schreit ihm etwas zu. Wie er die Bewegungen besser machen könnte. Was soll das? Frage ich mich. Gehört das dazu? Oder denke ich nur, dass sie dazu gehört? Ich meine, das muss ja geplant gewesen sein, ich würde mich ja als Zuschauer auch nicht dabei einmischen. So stelle ich mir vor, dass es vielleicht tatsächlich um das Tanzen an sich geht, an die Unmöglichkeit Dinge darzustellen, um die Unmöglichkeit mancher Figuren.
Doch später ziehen sich die zwei Tänzerinnen und Tänzer aus, zumindest bis auf den Slip, bei den Männern übrigens einen Jock-Strap. Und ich frage mich zuerst: Wieso ziehen die sich jedes Mal beim Tanztheater nackt aus, wenn ich dabei bin. Oder ziehen sich grundsätzlich alle Tänzer bei allen Tanztheatern aus, und ich weiß das nicht, weil ich zu wenige anschaue?
Geht es also um Sex? Geht es um die Beziehung von Mann und Frau in diesem Stück? Da aber die zwei Männer sich eher mit sich beschäftigen, an sich rumschnüffeln, sich aneinander lehnen, und auch die Frauen eher beieinander als bei den Männern stehen, könnte es auch etwas mit Homosexualität zu tun haben. Oder auch nicht.
Jetzt halte ich es nicht mehr aus und schaue auf das Programm, um herauszufinden, um was es gehen soll.

„Das Stück erkundet die oftmals fließenden Grenzen zwischen Fantasie und Realität“, kann ich da lesen.

„Eine Collage aus unterschiedlichen Tanz-, Performance- und Musikstilen oszilliert zwischen Ernst und Ironie. So fordert das Werk uns auf, zu überprüfen, was wir glauben und was nicht – und warum.“

So geht es weiter im Text und endet auch. Mehr nicht. Sehr allgemein. Stimmt: das Lied „Pony“ von Ginowine zu benutzen, ist entweder platt oder möchte ironisieren. Zum Beispiel das Macho-Verhalten von Männern? Ist eine Frage. Der Refrain lautet:

“If youre horny lets do it, Ride it my pony, My saddles waiting, Come and jump on it”

Und weiter geht es:

“If were gonna get nasty baby, First well show and tell, Till I reach your pony tail, oh, Lurk all over and through you baby, Until we reach the stream, Youll be on my jockey team, oh…”

In der nächsten Sequenz haben die Frauen Bikinis passend zu der Tapete an, eine der beiden Tänzerinnen betritt zuerst die Szene, mit einem Regenschirm, auch der in diesem Stoff, und bewegt sich lasziv. Später räkeln sich beide Tänzerinnen auf dem Boden, stellen einen lustigen Sommertag am Strand dar. Währenddessen tanzen die männlichen Tänzer daneben auf der Bühne in sehr luftigen Outfits. Der Zusammenhang? Nun, der fehlt mir. Der Versuch, irgendetwas zu deuten, mit nur wenigen Informationen zu haben, scheitert nun immer mehr. Liegt es an mir? Liegt es am Stück?

Nach der Pause kann ich dem Geschehen immer weniger folgen. Was nicht passiert: Dass mich das Stück auffordert, zwischen Glauben und Nicht-Glauben zu schweben. Ich wüsste nicht, an was ich glauben sollte, während ich das anschaue, oder eben nicht. Doch den schmalen Grat zwischen Fantasie und Realität kann ich wahrnehmen. Das liegt einerseits an der Tatsache, dass die ganze Zeit dieser Disko-Rauch über der Bühne schwebt und so ein bisschen eine traumhafte Atmosphäre bietet, andererseits die Kostüme gut gemacht sind. Vor der Pause sind sie dunkel gehalten, nach der Pause hell, ein bisschen erscheint es wie Teufelchen und Engelchen. Viel Raum zum Interpretieren. Viel Raum für Fantasie.

Die Musik in dem Stück, die von Hahn Rowe stammt, gefällt, weil sie verschiedene Stimmungen spiegelt. Die Tänzerinnen und Tänzer (Neal Beasley, Erin Cornell, Eleanor Hullihan, Kayvon Pourazar)) machen einen guten Job, auch wenn man nicht immer weiß, was sie darstellen wollen bzw. sollen. Tanztheater ist nicht nur Verstehen, Tanztheater ist auch Ästhetik, schöne Bewegungen und viel Gefühl. Und dieses können alle vier bzw. fünf sehr gut rüberbringen, wobei John Jasperse regelmäßig nur für die Ironie zuständig zu sein scheint.
Wie immer bei der Forsythe Company, auch wenn es hier eine Auftragsarbeit an John Jasperse und seinen Tänzern ist, hat man einen interessanten und spannenden Abend. Und trotzdem bleiben am Ende alle Fragen offen. Aber vielleicht muss das so sein und es hat keinen Zweck für den normalen Zuschauer, sich zu viel zu informieren? Frage.

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