Freitag, 7. Mai 2010

Ein langer traumatischer Tag

(6.5.) 22:02 Völlig aus der Puste gekommen, kann ich nur zuschauen, wie der Zug nach Frankfurt am Main vor meiner Nase wegfährt, 45 Sekunden früher und ich hätte vielleicht noch in den Zug springen können.
(7.5.) 03:47 Ich liege glücklich und zufrieden in meinem Bett, neben mir der schönste Mann der Welt, der auch der liebenswerteste Mann der Welt ist.
(6.5.) 22:04 Wütend überlege ich mir, womit ich diesen Arsch am Service-Point kaltmache, er verdient einen qualvollen Tod, mit viel Schmerz und Leid, am besten filme ich ihn dabei und schicke diesen "Horror-Film" allen Deutsche Bahn Schaltern Deutschlands, selbstverständlich mit der Drohung, gerne weitere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu malträtieren, wenn die Service-Leistungen und vor allem die empathischen Fähigkeiten sich nicht "optimieren".
(7.5.) 01:57 Der Zug, ein Euro-Night Richtung Wien, kommt zu früh in Würzburg an, und bestätigt Murphys Law: Züge kommen nur dann zu früh bzw. rechtzeitig, wenn man es gar nicht gebrauchen kann.
(6.5.) 21:18 Bibbernd vor Kälte, diese unangenehme Nass-Kälte, mit der ich schon den ganzen Tag zu kämpfen habe, stehe ich nun in Eichenberg, vier weitere Personen stehen da, genauso verwirrt wie ich. Der Bahnhof scheint verweist, im Häuschen ist niemand mehr, es gibt aber auch keine Anzeige, keine Durchsage, einfach nichts. Wir vertrauen darauf, dass uns diese dämliche Cantus-Gesellschaft abholt, der Deutschen Bahn scheint das egal zu sein.
(6.5.) 22:08 Nachdem mir der Vollhorst am Bahnschalter nicht geholfen hat, suche ich Verbindungen von Göttingen nach Frankfurt. Ich werde zunächst nicht fündig, Donnerstag Abend fährt der letzte ICE von Göttingen nach Frankfurt um 22:02, danach erst wieder am frühen Morgen des nächsten Tages. Doch ich kenne niemanden in Göttingen. Habe keine Lust, mir ein Hotel zu suchen, dass ich selbst zahlen müsste, obwohl ich ohne Not in diese Situation geraten bin.
(6.5.) 21:31 Ich sitze im CAN, doch der Zug setzt sich nicht in Bewegung. Das alte Ehepaar in meiner Nähe ist aufgeregt, es muss ebenso wie ich in Göttingen umsteigen, um nach Frankfurt zu fahren, zum Flughafen, ein paar Stunden geht der Flieger in die Vereinigten Staaten.
(6.5.) 22:10 Völlig aufgelöst telefoniere ich mit dem schönsten Mann der Welt, der ebenso aufgeregt ist. Ich erzähle ihm, dass ich mittlerweile einen Zuge gefunden habe, der um 02:05 in Würzburg ankommt, und dass ich dann um 4:25 Uhr in Richtung Frankfurt weiterfahren könne. Ein Aufenthalt von fast 2,5 Stunden? ruft er aus, und außerdem möchte ich neben dir einsclafen diese Nacht...
(6.5.) 17:06 Ganz entspannt sitze ich bei Frau Schneutzer, der Beauftragten für Migration und Integration in Halle (Saale), die mir sehr spannende Informationen über das Integrationsnetzwerk der Stadt und dem Bündnis der Migrantenselbstorganisationen gibt.
(6.5.) 14:15 Es ist nasskalt, ich friere, weil ich nicht auf so eine Kälte eingestellt war, als ich am frühen Morgen des 5.5. für die Reise in den Osten Deutschlands gepackt hatte. Ich bin missmutig und unmotiviert, weil ich gerade die Regionalbahn von Jena-Paradies nach Halle über Naumburg verpasst habe, nur um 45 Sekunden. Das Wetter ist nicht paradiesisch, und die Deutsche Bahn auch nicht, denn...
(6.5.) 14:45 Verfroren stehe ich am Gleis, es schüttet, die Leute sind im wahrsten Sinne des Wortes angepisst, der ICE hat einen Triebwerkschaden, verspätet sich deswegen um mindestens 20 Minuten. Das kann doch nicht sein, denke ich mir. Aber Murphys Law bestätigt sich: Wenn man Züge dringend braucht, um Termine wahrzunehmen, dann kommen sie garantiert zu spät.
(6.5.) 20:17 Uhr Das Mobiltelefon ist ausgegangen, ohne Grund, wie es mir scheint. Ich versuche es wieder anzukriegen, tippe aber den falschen Pin ein, das Telefon ist neu, ebenso die SIM-Karte. Mist!
(6.5.) 21:45 Der CAN fährt gerade ab, mit 18 Minuten Verspätung. Ich bleibe ruhig, denn ich denke, dass ja noch vier Minuten (four minutes...) vom Puffer übrige geblieben sind und ich es locker schaffe, den Anschluss-Zug zu erreichen. Der schönste Mann der Welt ist gerade im Gegensatz zu mir der aufgeregteste Mann der Welt.
(6.5.) 22:18 Ich laufe gerade hinter dem Bahnhof in Göttingen herum, auf der Suche nach einem Automaten einer bestimmten Bank, finde aber keine. Erst einmal blöd, denn ich habe nur noch 40 Cent in der Hosentasche.
(6.5.) 22:03 Das geht mich nichts an, sagt er, da müssen sich bei Cantus beschweren, nicht bei der Deutschen Bahn. Ganz gleichgültig sagt er das, desinteressiert. Er gibt mir auch keinen Tipp, wie ich jetzt weiterfahren soll. Hat dieser Mann vom Infopoint jemals etwas von Dienstleistung gehört? Weiß er, wieso er da angestellt ist, was er machen soll? Oder hat er jemals etwas von Empathie gehört? War er jemals auf seinen eigenen Arbeitgeber angewiesen?
(6.5.) 22:45 Ich sitze gerade im Burger King, mir ist schlecht, Mobiltelefon Nummer 2 hat einen leeren Akku, weswegen es ausgeht, während ich mit dem schönsten Mann, der der unruhigste Mann der Welt ist, telefoniere. Ich wechsele gerade die SIM-Karten aus, denn die zweite PIN kenne ich zufällig.
(6.5.) 15:12 Gerade werde ich von einer Psychotherapeutin in ein Gespräch verwickelt. Ich sitze im ICE nach Naumburg, endlich, und lese ein Jugendbuch, das ich für den Jugendbuchpreis Goldene Leslie bewerten muss. Eine Lesung dazu hatte die Psychotherapeutin besucht, jedoch nicht das Buch gelesen, deswegen wollte sie gerne wissen, wie es mir gefalle. Wir waren beide der Meinung, dass sich ein Mädchen, das offensichtlich missbraucht wurde, so optimistisch und positiv verhalten würde, eher unglaubwürdig erscheine.
(6.5.) 16:25 In der Tram stehen fahre ich Richtung Halle Marktplatz. Ist ja alles ganz nett, aber wieso muss dieses Teil im Berufsverkehr vor sich hin dümpeln. Ich bin jetzt schon zu spät dran und ich hasse Zuspätkommen.
(6.5.) 11:45 Ein Eklat bei der Tagung in Jena, absolutes Kindergarten-Verhalten meiner Meinung nach, Befindlichkeiten, Empfindlichkeiten, Feigheiten. Bei der Gruppenarbeit gibt es eine Verweigerungshaltung, ein Projektleiter steht sauer auf und geht, die Projektmitarbeiter sehen keinen Sinn in der Übung, genervt schreiben sie auf die ewigen Moderationskarten Begriffe, während sie sich fragen, ob sie die unklare Aufgabensetllung überhaupt verstanden haben.
(6.5.) 14:03 Ein Taxi vor der Noll, die Insassen möchten nach Jena West, außer mir, ich muss nach Jena Paradies. Der Fahrer beeilt sich, lässt mich heraus, ich renne über die Straße, ziehe mir im Automaten ein Ticket, er zickt herum, nimmt zuerst meine BahnCard nicht an, später auch nicht meine Bankkarte. Letztendlich geht es, ich verpasse aber den Zug.
(6.5.) 23:35 Auch der Euro-Night hat zunächst Verspätung. Ich setze mich in ein Abteil, freue mich, dass es Steckdosen gibt, mache es mir gemütlich, möchte mein Mobiltelefon und den Laptop anstöpseln. Dann kommt die unhöfliche Schaffnerin, schneißt mich aus dem Waggon, weil dieser reservierungspflichtig sei, schickt mich zwei Wagen weiter. Hätte ich diesen anderen Typen nur kaltblütig und mit viel Folter umgebracht, und hätte ich doch hier bei dieser Tussi nur weitergemacht! Viel zu müde, um zu diskutieren, bin ich einfach in den anderen Wagen, habe Bücher gelesen, weil der Akku meines Laptops ja kaputt ist und ich Strim gebraucht hätte. Doch den kann ich nur in reservierungspflichtigen Waggons erhalten.
(6.5.) 15:25 In den Augenwinkeln nehme ich wahr, dass wir gerade in Naumburg halten. Mit der Psychotherapeutin ins Gespräch vertieft, hätte ich es fast nicht bemerkt und vergessen auszusteigen. Ich packe schnell meine Sachen, stehe auf und rennend werfe ihr meine Abschiedsfloskeln zu.
(6.5.) 12:05 Ich habe Hunger und möchte zur Mittagspause, doch wir müssen unsere Ergebnisse präsentieren, ich warte darauf, dass der Projektleiter seinen Unmut äußert und mal wirklich Tacheles redet, damit es zur wirklichen Eskalatin kommt, doch er zieht den Schwanz ein. Wie immer. Wir Projektmitarbeiter schweigen, warten auf mehr. Wir möchten uns verweigern und nicht präsentieren, die Übung war sowieso für´n Arsch! Letztendlich trage ich die Ergebnisse vor. Genervt! Aber irgendwie, ja, irgendwie souverän.
(6.5.) 18:46 Ich bin spät dran, noch am Marktplatz, mein letzter Zug, der mich nach Hause bringt, fährt um 19:04, wie meine Schwester mir gerade berichtet. Die Bahn lässt auf sich warten. Nimm doch ein Taxi, mein Gott! Sonst schaffst du es doch nicht mehr! Die paar Euro. Nur habe ich eben nur noch 9 Euro in der Tasche!
(6.5.) 11:48 Meine Motivation ist auf dem Nullpunkt, ich sage zu meiner Lieblingskollegin nur: Just two Words - für´n Arsch! Das sage ich auch jedem und jeder anderen, die es wissen oder auch nicht wissen möchte.
(6.5.) 18:40 Überrascht registriere ich, dass mein Mobiltelefon diese Uhrzeit anzeigt. Ich hatte gedacht, es sei vielleicht 17:50 fünf Minuten plus oder minus, dann hätte ich den anvisierten Zug um 18:23 Uhr noch erhalten, knapp zwar, aber ich hätte locker die Tram nehmen können, ein Ticket lösen usw. Ich überlege kurz, was ich machen soll. Meine Freunde in Halle besuchen, dort schlafen? Aber ich möchte diese Nacht wieder neben dem schönsten Mann der Welt schlafen, den ich so sehr vermisse, von dem ich nicht länger als eine Nacht getrennt sein möchte.
(6.5.) 12:25 Die Stimmung ist gedrückt, als wir am Mittagstisch setzen, und wird es nicht besser dadurch, dass der Service etwas lahm ist. Letztendlich kriegen wir unser Essen zu spät, müssen unsere Pause verlängern. Doch Essen ist wichtiger, die Tagung ist eh für´n Arsch.
(6.5.) 08:58 Mit meiner Lieblingskollegin, der weltbesten Mutter der Erde, sozusagen Mother Earth, sitze ich am Frühstückstisch, ich liebe Büfett, könnte mir stundenlang den Magen vollschlagen. Die Tagung Teil 2 beginnt um 9:00, doch Essen ist wichtiger, ich verputze noch schnell das leckere Müsli mit dem Naturjoghurt.
(6.5.) 15:40 Der Anschluss-ICE wartet nicht, ich muss als den RE nehmen, der vor sich hintuckert. Oh Mann, wie anstrengend das alles!
(7.5.) 02:10 Wieder einmal friere ich, vor Müdigekeit fallen meine Augen fast schon zu. Wo bleibt er nur? frage ich mich, wo bleibt der schönste Mann der Welt?
(6.5.) 18:52 Der Taxifahrer fährt über Rot, baut beim Einordnen fast einen Überfall, ich schwitze Blut und Wasser, stehe Todesängste aus. Letztendlich erreiche ich es noch rechtzeitig, kann allerdings keine Quittung mehr bekommen, habe es zu eilig, löse schnell ein Ticket, im Vorbeirennen kaufe ich noch schnell ein Getränk, und bin damit dank der Taxifahrt so gut wie pleite.
(6.5.) 16:38 Verschwitzt und außer Puste komme ich bei der wichtigen Frau im Büro an, mir ist es unangenehm, weil ich nur ein kleines Licht bin, und sie so respektabel und so eine supernette und angenehme Person ist. Aber sie beruhigt mich.
(7.5.) 02:15 Endlich erblicke ich den schönsten Mann der Welt. Er steht am eingeschränkten Halteverbot und die Polizei schaut schon. Müde und abgekämpft setze ich mich ins Auto. Endlich nach Hause kommen nach diesem langen stressigen Tag! Doch erst liegt eine Fahrt vor uns, etwa 70 Minuten.
(6.5.) 21:56 Göttingen wurde schon längst angesagt, aber der Zug kullert vor sich hin und kullert und kullert. Die Minuten verrinnen im Höchsttempo: 21:57, 21:58, 21:59, vielleicht geht die Uhr im CAN ja vor? Nein! 22:00, 22:01. Das Ding hält, ich nehme noch gerade mit, dass das alte Ehepaar sagt: Der schafft es noch, wir nicht! Ich renne, ich schwebe, ich fliege. Mit Sack und Pack. Aber ich schaffe es nicht. Scheiße! Wieso, frage ich mich, hat der Zug auf der Strecke noch weitere Minuten verloren? Und wieso können sich Cantus und die Deutsche Bahn nicht absprechen und den ICE warten lassen?
(6.5.) 21:35 Keine Durchsage in Eichenberg, nichts, doch wir sehen einen Zettel, auf dem angekündigt wird, dass wegen Bauarbeiten an den Gleisen zehn Minuten Verspätung normal sind. Noch denken wir, dass wir den Anschluss trotzdem erreichen können.
(6.5.) 08:07 Wenn der schönste Mann der Welt morgens nach dem Aufwachen nicht neben mir liegt, bin ich muffelig. Kein guter Tagesanfang! Keine Motivation zur Tagung zu gehen. Einziger Lichtblick: Das Frühstücksbüffet.
(6.5.) 13:47 Gleich ist die Tagung in Jena zu Ende. Die Erkenntnis ist, dass alles ein großer Kindergarten ist. Dass das alles nichts mehr wird. Und dass wir einfach nur unser Ding machen werden, wir zwei Entertainer, Mother Earth und ich. Aber der Rest? Sinnlos.
(7.5.) 04:02 Ich schlummere vor mich hin. Träume davon, mit dem schönsten Mann der Welt, der glücklicherweise mein Mann ist, am Strand zu liegen. Doch das Ankommen dorthin blende ich natürlich aus. Auch die Rückkehr...

1 Kommentar:

  1. Klingt nach nem ganz schönen Absturzprogramm durchsetzt mit Seeeeehnsucht ;-)

    Schön, das du wieder @ home bist, hmmm ;-)!?

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