Freitag, 21. Mai 2010

Auf die eine oder andere Weise - Teil 1

Der Hunger führte uns zusammen! Das antworteten wir gleichzeitig und spontan, als uns meine beste Freundin nach unserem Kennenlernen befragte. Ob wir es noch in zwanzig Jahren so betrachten werden? Ist das nicht genauso eine Konstruktion wie alles, was erzählt wird? Jedes Erzählen, egal ob alltägliches oder fiktives? Hätten wir nicht etwas anderes antworten können? Werden wir bald etwas anderes sagen, wenn jemand es wissen möchte? Oder wird nur der Eine Hunger als Grund angeben, der Andere Begehren? Oder romantischer: Schicksal?
Hunger. Auf die eine oder andere Weise.
Er saß da und sagte: „Entschuldige, ich muss erst einmal etwas essen. Ganz dringend. Dann reden wir. Ich bin gerade total gereizt, weil ich solchen Hunger habe.“ Ich kannte das Gefühl, und in Wahrheit ging es mir ähnlich, nur dass ich niemals solche Maßnahmen erwogen hätte, um meinen bedauernswerten Zustand zu ändern.
Plötzlich musste ich lachen, während ich ihn beim Brezeln Essen beobachtete. Wir saßen in der Nähe vom Karlstor bei einer Kirche, ich weiß nicht mehr, wie sie heißt, und aßen etwas, was ich als typisch bayerisch empfand. So Klischee. Ich, der Frankfurter, der zu Besuch in der Landesmetropole Bayerns war, der gerade versuchte herauszufinden, in welcher der beiden Städte die unhöflicheren und versnobteren Menschen lebten. Er, der… Zu diesem Zeitpunkt konnte ich keine Einschätzung geben. Nachdem, wie er sich diese Brezeln in den Mund stopfte, musste er sehr ausgehungert gewesen sein. Doch er sah nicht wie ein Obdachloser oder so etwas aus. Im Gegenteil. Er hatte dieses Auftreten, das gutaussehenden Männern eigen ist, dieses „Ich weiß, dass ich Stil und ein hübsches Äußeres habe, also kann ich alles auf der Welt bekommen“. Diese Art von Typ trifft man vermutlich vor allem in diesen zwei Städten. Aber vielleicht gibt es sie auch überall. Ich weiß so etwas nicht. Im Herzen bin ich kein Großstädter. Ich bin nicht weltgewandt und viel zu naiv, aber das tut nicht zur Sache. Wird es wohl auch nie zwischen uns. Ich bin neugierig und erlebnishungrig. Und das tut zur Sache.
Wollüstig sah es aus, animalisch, wie er die Brezeln in den Mund steckte. Die blauen Augen waren dabei leicht geschlossen, seine Stirn in Falten gelegt und sein Mund ganz groß. Anders als andere Menschen schien er nicht wahrzunehmen, dass er beobachtet wurde. Oder: es war ihm gleichgültig. Ja, ganz sicher war es ihm gleichgültig, so wie es ihm gleichgültig war, diese Brezeln zu klauen.
Unschlüssig hatte ich am Karlsplatz gestanden, ich wusste einfach nicht, in welche Richtung ich laufen musste, um zu meiner besten Freundin, die ich gerade besuchte, zu gelangen. Ich drehte und wendete mich, schaute mir verwirrt alles an, um herauszufinden, aus welcher Richtung ich Stunden vorher gekommen war, doch mir wollte so recht keine Eingebung kommen.
Orientierungslosigkeit war eines meiner hervorstechendsten Merkmale. Auf die eine oder andere Weise.
Er rannte mich fast um, mit seinem Brezelkorb in den Händen, schrie mich an, ich solle ihm folgen, schnell. Ich war viel zu verwirrt, um zu realisieren, was gemeint war. Eine einzige Sache stand plötzlich groß in meinem Gehirn geschrieben: Renn dem Typen hinterher. Wieso? War es der Hunger? Diese Brezeln, die noch warm und frisch rochen, gerade aus dem Ofen geholt? War es der Typ, der mich umhaute, dem ich überall hin folgen wollte? Der einfach ein schöner Mann war?
Er blieb bei dieser Kirche stehen. Ich war außer Atem und konnte nicht sprechen. Rasch setzte er sich auf die Treppenstufen vor dem Kirchportal und begann das Schlingen. Nach und nach kam ich zu Bewusstsein und begriff, dass ich mich zum Mittäter bei einer Straftat machte. Doch dieser Gedanke verlor sich schnell, wurde vom Wunsch nach Sättigung ersetzt.
Dieses Erlebnis passte zu meinem Abend, der sehr merkwürdig verlaufen war. Ich hatte mit meiner besten Freundin getrunken, Vorglühen, wie man das nennt. Als wir gerade letztes Mal Hand an uns legten, um stylish und dem Münchner Schick entsprechend auszusehen, klingelte plötzlich ihr Telefon. Ihr Ex-Freund rief an und beschwatzte sie so lange, bis sie ihm versprach, sich mit ihm zu verabreden, allerdings ohne mich. Was letztendlich bedeutete, dass wir gemeinsam an den Karlsplatz liefen, wo sie ihn treffen wollte, und sie mir Anweisungen gab, wie ich laufen musste, um zu dieser Kneipe zu kommen, in der unsere gemeinsamen Freunde aus Schulzeiten auf uns warteten. Doch dahin gelangte ich nie. Nicht weil ich mich verirrt hätte, was durchaus im Bereich des Möglichen gewesen wäre, sondern, weil zwei Minuten, nachdem ich mich von ihr verabschiedet hatte, mein Ex-Freund vor mir auftauchte. Ich hatte ihn seit einem Jahr nicht gesehen. Mir war weder bekannt, dass er mittlerweile in München wohnte, noch dass er sich wieder von seinem Neuen getrennt hatte.

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