Freitag, 21. Mai 2010

Auf die eine oder andere Weise - Teil 3

„Es war mein erstes Mal“, begann er ganz aufgeregt, und ich schaute ihn verwirrt an. Seine Geschichte ging so: „Eigentlich wollte ich ja nur ein Bier oder zwei mit einem Freund trinken. Er hatte noch Lust, ein bisschen auszugehen, mal andere Leute sehen, bevor er sich müde ins Bett legte. Wir gingen also in eine Bar mit Karaoke. Dort traf ich einen Freund, der gerade aus Wien zu Besuch ist. Er wollte mich dazu überreden, mit ihm nach dem Karaoke noch weiter um die Häuser zu ziehen, schließlich hätten wir zwei nicht oft die Möglichkeit, zusammen feiern zu gehen. Ich gab ihm Recht, sagte ihm allerdings, dass ich nicht fit genug sei. Dann sagte der Freund, dass er in diesem Falle etwas für mich habe. Ich solle ihm folgen. In Ordnung, wieso denn nicht, dachte ich mir, ich kann ihm ja vertrauen. Wir hingen zusammen auf Toilette und er packte ein kleines Päckchen aus seiner Hosentasche aus. Verwundert beobachtete ich ihn und hätte nicht überraschter sein können, als plötzlich ein weißes Pülverchen zum Vorschein kam. Mir fiel die Kinnlade herunter. Was sollte das denn? Ich hatte dreißig Jahre meines Lebens hinter mir, ohne jemals mit Koks in Berührung zu kommen. Ich hatte schon die Türklinke in der Hand, als er mich festhielt und mir versicherte auf mich aufzupassen. Nur eine kleine Portion, sagte er. Unsicher schaute ich ihn an, bat ihn darum, mir zu zeigen, wie ich es machen müsse. Mit einer seiner Karten fertigte er auf dem Toilettendeckel zwei kleine Lines für uns und rollte dann einen Geldschein zusammen. Er schniefte zuerst und ich schaute ihm fasziniert dabei zu. Ich tat es ihm gleich. Im Grunde genommen weiß ich bis jetzt noch nicht, wieso ich das gemacht habe. Aber es begann der schrägste Abend meines Lebens. Wir zogen bald weiter in andere Etablissements, in Spelunken, die ich vorher noch nie von innen gesehen hatte. Wir tranken mit Menschen Bier, die ich sonst nur aus dem Fernsehen kenne, abgewrackte Nachtgestalten, völlig kaputt. Und immer wieder ging es weiter mit dem weißen Zeug. Um neun Uhr morgens gingen wir noch mit zu irgendwelchen Leuten, ein Typ mit neun Jahren Bewährung und seine Schläger-Tussi-Freundin, weil sie noch etwas zuhause hatten, was wir konsumieren konnten. Unter normalen Umständen wäre ich nie mit. Aber ich tat es. Obwohl es wie bei Messies bei ihnen aussah, obwohl sie vier Hunde und mehrere Katzen und Vögel hatten. Wir verbrachten den ganzen Tag und den ganzen Abend da. Bis ich zu diesem Club kam. Ich habe nicht geschlafen, ich hatte die ganze Zeit nichts gegessen. Und jetzt… jetzt sitze ich mit dir hier.“ - „Nachdem du eine Bäckerei überfallen hast!“ – „Nachdem ich mehr aus Versehen einen Korb mit Brezeln, der da im Weg rumstand, habe mitgehen lassen.“ Er zwinkerte mir zu. „Auch das war mein erstes Mal“, sagte er.
Es war eine dieser Situationen, in denen man weiß, dass der andere absoluten und untolerierbaren Blödsinn redet, man aber nichts findet, um ihn davon zu überzeugen. Auf die eine oder andere Weise.
Ich schaute ihn an. Wie reagiert man auf so etwas? Mit Alkohol hatte ich kein Problem, auch mit dem Kiffen nicht, aber etwas Härteres als das? Wohin führte das? Dass man Brezeln klaute und wildfremde Männer mit hineinzog. Aber… er gefiel mir. Ja, er war ein schöner Mann. Ja, irgendetwas fühlte sich zu ihm hingezogen, irgendetwas ließ mich innerlich lächeln. Der Hunger nach etwas Liebe? Sehnsucht? Begehren? Das Schicksal?
„Was wird nun dein nächstes erstes Mal?“ fragte ich ihn belustigt, ohne zu wissen, wo das herkommt. Und er sagte: „Jemanden zu heiraten, den ich erst ein paar Minuten kenne. Willst du?“ Ich musste laut lachen, aber im nächsten Moment erschien es mir folgerichtig. Und ich sagte: Ja. Es passte zu diesem Abend. Es war richtig. Auf die eine oder andere Weise.

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