Samstag, 1. Mai 2010

Teil 2: Gefährliche Liebschaften: Formwandler und Homosexualität in „Star Trek: Deep Space Nine“ aus einer

Zur Folge „Chimera“: Sie beginnt mit der Sequenz, in der Odo, ein Formwandler, der in Deep Space Nine der Sicherheitsoffizier ist, und O´ Brien, dem Schiffsingenieur im Cockpit sitzen. Schon hier finden wir die „unsichtbare“ Sichtbarkeit von Heterosexualität, als die beiden Männer, die mit Frauen verheiratet sind, über Geschenke an diese reden. Dabei sieht man zwei verschiedene Typen von Männlichkeiten: O´Brien als Vertreter der normativen, traditionellen Männlichkeit hat kein Geschenk und damit kein Gespür für die weibliche Sehnsucht nach Aufmerksamkeit. Odo hingegen, der den femininen, empathischen Mann darstellt, hat gleich zwei davon: einen Diamanten und Süßigkeiten, was beides als Geschenke für Frauen per se gelten. Die Wissenschaftlerin Durden stellt fest, dass seit den 1890er Jahren das Wissen um „weibliche“ Bedürfnisse und Themen bei Männern als Indikator für Homosexualität gilt. Weswegen heterosexuelle Männer sich davon distanzierten, um nicht in diesen Verdacht zu kommen. In vielen Serien sieht man, dass es einen „Ästhetik“-Split zwischen homosexuellen und heterosexuellen Männern gibt: in der vierten Staffel von „Sex and the city“ beschäftigt Samanthas umtriebiger Liebhaber Richard extra einen Homosexuellen, der zuständig für die Geschenke an Samantha ist.
Plötzlich taucht etwas vor den Augen O´ Briens und Odos auf und macht seltsame Geräusche. Die beiden springen auf; bemerkenswerterweise duckt sich Odo und versteckt sich hinter dem breiten Rücken O´Briens, eine weitere Demontage von Odos Männlichkeit. Aus dem Belüftungsschacht dringt eine flüssige Masse, aus der sich letztendlich ein humanoid aussehender Alien-Mann manifestiert. Odo, der noch nie ein anderes Wesen seiner Spezies kennengelernt hat, konstatiert sofort, dass es ein Formwandler ist. Schon in dieser ersten Sequenz wird der fremde Formwandler als invasive Bedrohung eines bis dato sicheren halb-öffentlichen Raumes kodiert: Die gezogene Waffe und die filmtechnische Umsetzung, aufgrund derer wir in einer „Point of View“-Subsequenz „mit den Augen“ der verunsicherten Protagonisten versuchen, den unheimlichen Geräuschen auf dem Shuttle zu folgen, vermitteln einen ersten Eindruck von der Gefährlichkeit dessen, was da kommen mag.
Unter vorgehaltener Waffe O´ Briens erklärt der Fremde, der sich Laas nennt, dass er in das Shuttle eingedrungen ist, weil er Odos Anwesenheit gespürt hat, und da er noch nie einen Formwandler getroffen habe, ihn kennenlernen wolle. Dies könnte man als die Formwandler-Variante des „Gaydar“ deuten, das in Ableitung des Wortes „Radar“ für die Fähigkeit homosexueller Menschen steht, Gleichgesinnte in nicht-homosexuellen (sprich allen) Öffentlichkeiten außerhalb der Subkultur „aufzuspüren“, entweder anhand subkultureller Codes, z.B. durch bestimmte Kleidung, oder anhand „angeborener“ Merkmale.
Der fremde Formwandler kommt unter die Fittiche von Odo, der ihn bei den anderen verteidigt, wobei er die anderen nur anhand von medizinischen Beweisen von der „Unschuld“ des Fremden überzeugen kann. Dieser ist nämlich genauso wenig wie Odo mit dem Virus infiziert, das diejenigen Formwandler haben, die die „Gründer“ genannt werden und die Gegner der Star-Trek-Flotte sind. Der Virus kann durchaus als Metapher für AIDS gesehen werden. Der Sex dieser Formwandler ist das gegenseitige „Verschmelzen“. Was das für die Millionen von miteinander verflüssigten Formwandlern auf dem Heimatplaneten bedeutet, ist mit dem Wort „promiskuitiv“ wohl nur annähernd zu beschreiben. Ohne diese „Massenverschmelzung“ hätte das Virus niemals in so rascher Zeit die gesamte Gründer-Population infizieren können. So findet sich also hier einer der klassischen AIDS-Diskurse in science-fictionalisierter Gestalt wieder. Die enge Verknüpfung von AIDS mit männlicher Promiskuitivität liefert ein weiteres Indiz für die sexuelle Markierung der Formwandler. Dabei ist noch wichtig zu bemerken, dass in westlichen Diskursen grundsätzlich weibliche Körper als ansteckende Krankheitsherde konstruiert werden!
Im folgenden sieht man die beiden Formwandler, die ins Zimmer von Odo gehen. Dort steht eine verstaubte Skulptur, die praktisch ein Übungsgerät für das Formwandeln ist. Odo benutzt es also nicht. Laas schaut auf ein Bild, das Odo mit dessen Frau Kira zeigt, einer aggressiven Frau, die durch die Ehe „gezähmt“ wurde. Wieder ein Symbol der Heterosexualität. Aufgrund des Portraits erklärt Laas warnend, dass er auch eine Beziehung mit einer humanoiden Frau gehabt habe, die aber an ihrem mit dem Formwandler unerfüllbaren Kinderwunsch gescheitert sei. Dieser Kommentar von ihm evoziert ein populäres Erklärungsmuster für männliche Homosexualität, indem diese als Kompensation für eine gescheiterte Beziehung mit einer Frau betrachtet wird. Die Artikulation des heterosexuellen Scheiterns fungiert hier dementsprechend als Initialzündung für die homosexuelle Affäre. Nach einer Diskussion über die Sexualität ihrer Spezies, reicht Odo Laas die Hand und die beiden verschmelzen das erste Mal miteinander. Diese Vereinigung wird mit romantischer Musik unterlegt, und auch der kritischste Zuschauer erfasst diese Szene als Sex zwischen zwei Männern. Odo genießt diesen Sex im Privaten.
Dass gelebte Homosexualität im öffentlichen Raum ganz andere Reaktionen bei Odo auslöst, ist im weiteren Verlauf der Episode zu sehen, als nämlich Laas Odo dazu bringen möchte, sich mit ihm auf dem Promenadendeck zu verschmelzen. „Here?“ fragt Odo fassungslos, da ihm dies unerhört erscheint – im Gegensatz zu Laas, der keinen Unterschied zwischen Privat und Öffentlich macht. Damit befinden wir uns im Public Sex/ Gay Sex-Diskurs. Odo als „guter“ Homo, der solches Verhalten nur im Geheimen auslebt und Laas, der „böse“ Homo, der dies überall ausleben möchte. Die einige Szenen vorher gezeigte Homo-Erotik wird dadurch wieder relativiert: Durch die Privatisierung von Homosexualität bleibt der omnipotente und dominante Charakter von Heterosexualität im öffentlichen Raum unangetastet. Laas wirft Odo vor, seine „wahre Natur“ zu verleugnen, nur um von seinen KollegInnen und FreundInnen akzeptiert zu werden. „You deny your true nature in order to fit in!“. In diesem Gespräch wird die Rhetorik von „Outing“-Diskursen der 90er Jahre gespiegelt, wobei Laas die Rolle des fordernden „Out and Proud“-Schwulen übernimmt und Odo die Rolle der „Schrankschwester“.
Odo erzählt Kira von Laas und ihrem Verschmelzen, was diese recht tolerant aufnimmt. Sie möchte Laas sogar kennenlernen. Sie ist sehr nett zu ihm, während der fremde Formwandler ihr gegenüber feindselig auftritt. O´Brien tritt hinzu und äußert einen Satz, der aus der McCarthy-Ära stammt und die Angst vor Kommunisten und Homosexuellen unter den Amerikanern spiegelt: „We´re not the ones who can disguise ourselves as everything we want.“ Damit meint er das „Passing“ der Homosexuellen, das Auftreten als Hetero, das auch in der heutigen Zeit noch „normal“ für Homosexuelle ist. Laas wird in dieser Sequenz entsprechend der von Steven Seidman konstatierten Porträtierung von Homosexuellen in Hollywoodfilmen der 70er und 80er Jahre als sozial unverträglich und moralisch fragwürdig gezeichnet, während die Heterosexuellen im Gegensatz dazu als integer und frei von negativem Verhalten dargestellt werden.
Später in der Folge sind Odo und seine Frau Kira allein in ihrem Zimmer. Sie äußert ihre Besorgnis darüber, dass Laas Odo gefragt hat, ob sie gemeinsam weiter reisen sollen, um andere Formwandler zu treffen. Doch ihr Mann beruhigt sie, er liebe sie und wolle nicht gehen. Daraufhin entschuldigt sie sich bemerkenswerterweise bei ihm dafür, dass sie nicht fähig dazu ist, sich mit ihm zu „verbinden“. Er erwidert: „It doesn´ t matter. I love you.“ Auf den ersten Blick der verständnisvolle, großzügige, liebevolle Mann, der aber tatsächlich nur verzeiht, dass sie ihm nicht das geben kann, was ihm der männliche Geliebte selbstverständlich bietet. Es wird nun ein starker Kontrast zwischen der Beziehung der beiden Verheirateten aufgebaut, die auf Liebe beruht und in zärtlicher Weise im Privaten vonstatten geht, und der rein sexuellen Beziehung der beiden Formwandler, die von Laas` Seite auch in der Öffentlichkeit vollzogen werden soll.
Als Odo Kiras Quartier verlässt, um in sein eigenes zurückzukehren, wird er dort von einem lodernden Feuer erwartet. Während er den Stations-Computer auffordert, das Feuer zu löschen, bemerkt er, dass es sich um Laas handelt. Diese Metapher ist offensichtlich als brennende Eifersucht zu bewerten und Laas als Feuer steht auch als Gefährdung des privaten Schonraumes, wie er gerade noch in Kiras Zimmer konstruiert wurde. Im darauffolgenden Gespräch lehnt Odo erneut den Vorschlag ab, gemeinsam wegzugehen. Die folgende Reaktion von Laas reflektiert erneut die Outing-Rhetorik, indem Laas Odo vorwirft, lieber im „Closet“, also als nicht „offen“ lebender Formwandler/ Homosexueller unter den „Solids“, den Nicht-Formwandlern bzw. Heterosexuellen zu bleiben und sie zu imitieren, als seine „wahre“ Identität auszuleben: „Why? So you can keep pretending to be one of them?“ Als Odo sein Mitgefühl für die Enttäuschung über seine Entscheidung, auf der Station zu bleiben, artikuliert, antwortet Laas lakonisch: „I will survive!“. Es fällt schwer, diesen Satz nicht als Reminiszenz an die Schwulenhymne „I will survive“ von Gloria Gaynor zu lesen. Im Anschluss vereinigen sich die beiden ein weiteres Mal miteinander, trotz des Liebesgeständnisses Odos ein paar Minuten zuvor!
In der nächsten Sequenz materialisiert sich Laas „zur Entspannung“ auf dem Promenadendeck in einen Nebel, in dem zwei kleine Kinder spielen. O´ Brien beschwert sich darüber, dass Laas dieses Formwandeln nicht im Privaten, nachts macht, sondern in der Öffentlichkeit. Das entspricht dem System der Heteronormativität: weiße, heterosexuelle Männer der Mittelklasse erheben sich als Wächter und Kontrolleure über Frauen, Homosexuelle und Nicht-Weiße, und bewerten, was „normal“ und was „unnormal“ in ihrem Herrschaftsgebiet ist. Odo sagt zu ihm: „If you want to relax, do it in private.“ Ein weiterer Aspekt in dieser Sequenz ist, dass homosexuelle Praktiken im öffentlichen Raum als Gefährdung für heterosexuelle Menschen gelten, insbesondere für Kinder. In dieser Materialisierung als im Nebel spielende Kinder, wird nun erneut auf diese Gefährdung der Kinder durch diese „pädophilen Sexmonster“ hingewiesen.

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