Donnerstag, 31. Dezember 2009

Grundeinkommen... ich liebe es! :-)

Das Bloggen ist eine tolle Sache, kurz vor 2010 habe ich endlich die Gewissheit darüber. Und diese Begeisterung liegt eindeutig am Thema Grundeinkommen. Wieso? Weil mir total nette Mitmenschen schöne Kommentare mit hilfreichen Links geschrieben haben. Vielen Dank dafür!!! Also, Konsequenz ist: ich bin jetzt Mitglied der Facebook-Gruppe http://www.facebook.com/bedingungsloses.grundeinkommen?ref=ts und regelmäßiger Leser des Blogs http://grundeinkommenimbundestag.blogspot.com/. Natürlich möchte ich euch alle auch dazu anregen, auf diese Seiten zu gehen, Fan bzw. regelmäßiger Leser/-in zu werden. Einfach als Vorsatz für das Jahr 2010: sich für eine sozialere Welt zu entscheiden und sich zu engagieren! Und das Grundeinkommen ist vermutlich ein guter Weg dahin. Wer natürlich schlüssige Gegenargumente liefern kann, darf es gerne tun. Auch darüber freue ich mich. Früher wollte ich nur gute Bücher lesen, spannende Filme schauen, interessante Stücke sehen, inspirierende Ausstellungen besuchen und schöne Musik hören. Und leben. Einfach leben und genießen. Aber ohne Politik geht es nicht. Ohne Engagement geht es nicht. Ohne Interesse am Weltgeschehen. Ohne sich zu bemühen, eine sozialere Gesellschaft aufzubauen. Schritt für Schritt. Ganz langsam. Jeden Tag ein paar Menschen mehr, die sich engagieren, die Welt verändern wollen. Das reicht! Und dann haben wir plötzlich die Revolution! Auf ein in diesem Sinne erfolgreiches 2010!

Mittwoch, 30. Dezember 2009

Ein Lesetipp für das nächste Jahr...

Das Buch "Eine italienische Liebe" von PHILIPPE BESSON...
Es ist eine banale Weisheit: In Romanen kommt es auf die Sprache an. Wieso ich das so hervorhebe? Ist das nicht zu trivial, um es extra zu betonen? Ist es nicht. Den meisten Lesern ist das so nicht bewusst. Muss es auch nicht. Das Lesen hat verschiedene Funktionen. Manche schalten ab, manche fliehen in fremde Welten, manche möchten erregt werden, andere wollen Gänsehaut bekommen. In erster Linie geht es in diesen Leseweisen um Inhaltliches. Der Text muss leicht lesbar sein, aber nicht zwangsläufig sprachlich niveauvoll. Die Handlung ist spannend, aufregend, attraktiv. Wieso sollte es in einem Roman von Elizabeth George Schachtelsätze geben wie in Thomas Bernhards Texten? Trotzdem kann sie sehr gut schreiben. Nur macht man sich keine Gedanken über den Satzbau, die Formulierungen. Und selten denkt man: Wow, welch wahrer Gedanke!
In Philippe Bessons Bücher ist das anders. Er hat die Fähigkeit, Wahrheiten in einfacher und doch wunderschöner Art und Weise zu äußern. Ähnlich wie bei Sachbüchern ist man ständig dazu geneigt, Sätze zu unterstreichen, Bemerkungen daneben zu schreiben. Sie üben eine Faszination aus, sie erfreuen in einem Maße, das etwa mit der Energie zu vergleichen ist, die Gläubige durch schöne Psalmen erhalten.
In Bessons Roman „Eine italienische Liebe“ erzählt er eine ganz besondere Liebesgeschichte, die eine Dreieckskonstellation darstellt, was allerdings Anna, die feste Freundin von Luca, nicht weiß. Er hatte nebenher mit dem Bahnhofsstricher Leo eine Affäre. Doch davon erfährt die Frau erst nach dem Tod Lucas, während Leo bereits die ganze Zeit als Geliebter Bescheid weiß. Er wiederum gerät in Verdacht, den unter ungeklärten Umständen im Fluss Arno Verstorbenen umgebracht zu haben. Der Roman wird in fragmentarischen und alternierend angeordneten Sequenzen aus der jeweiligen Ich-Perspektive seiner drei Hauptfiguren erzählt. Dabei besteht eine eigenwillige und humorvolle Besonderheit darin, dass Luca, unmittelbar bevor er zum ersten Mal das Wort ergreift, verstorben ist. Das ist der Rahmen, den Besson für Reflexionen auf die großen Themen der Literatur, bietet: Leben und Tod, Zeitlichkeit und Zeitlosigkeit, die Nähe von Glück, körperliche und emotionale Liebe, Eigen- und Fremdwahrnehmung. Für Anna stellt sich die Frage, wie gut sie ihren ehemaligen festen Freund tatsächlich kannte, und was wohl noch alles ans Tageslicht gerät. Leo hingegen denkt vor allem darüber nach, dass Luca der einzige Mann in seinem Leben war, zu dem er eine Beziehung aufbauen konnte.
Luca liebte beide, auf seine Weise. Anna weil sie ihn nicht ausfragte, ihn so sein ließ, wie er war, ihn nicht drängte. Weil sie ihn AC Florenz- Fan sein ließ, ihn nicht zur Hochzeit zwang, und vor allem, weil sie ihm innere Ruhe gab. Er war wunschlos glücklich mit ihr. Und dann kam Leo. Und er wurde noch glücklicher. Vom ersten Moment hatte er ein Glücksgefühl, während sie miteinander schliefen, und das blieb bis zum Schluss so.
Luca erzählt Leo von Anna:


„Es gibt eine junge Frau in meinem Leben. Sie heißt Anna. Ich weiß nicht, wie lange sie in meinem Leben bleiben wird. Vielleicht das ganze Leben lang. Heute jedenfalls ist ihre Anwesenheit unanfechtbar.“ Ich habe darauf nur geantwortet: „Ich fechte sie nicht an. Ich bin anderswo.“
Es gibt Sätze, die spricht man fast zufällig aus, ohne viel zu überlegen, ohne sie auszufeilen, unbesorgt um ihre Wirkung. Sie sprudeln einfach heraus, auf eine völlig naive Weise, ohne jeden Hintergedanken. Es sind irgendwie kindliche, intuitive, unbeabsichtigte Sätze. Und plötzlich treffen sie ins Schwarze. Sind absolut richtig, vollkommen adäquat. Wir können wie eine Offenbarung. Staunend befällt einen. Das Staunen der Kinder, ihre ungläubige Freude.
„Ich bin anderswo“ war einer jener Sätze für Luca. Dieser Satz hatte blitzartig aufgeklärt, hat ihn der Unschuld zurückgegeben. Der Satz hat alle Probleme aus der Welt geschafft. Er hat ihn von der Last befreit, Erklärungen geben zu müssen.


Luca analysiert die Situation der beiden zurückgelassenen geliebten Menschen:

Armer Leo. Sie werden ihn demütigen, ihn über die Grenzen des Schamgefühls hinaustreiben, ihn zwingen, das Unsagbare zu sagen. Und ihm wird nichts anderes zur Verfügung stehen als sein armseliges Vokabular, das der glücklichen Menschen, und seine Brutalität, die der kleinen, miesen Halunken, denn so nennt man Leute wie ihn leichthin. Sie werden Details, Daten, Orte, Umstände wissen wollen. Werden seine Aussagen auf gemeine Weise infrage stellen. Werden ihm zu verstehen gegeben, dass sie sich nichts vormachen lassen, dass man sie nicht für Dummköpfe halten darf. Und er wird in Rage geraten, Ausflüchte benutzen und sich, ohne es zu wollen, ins Unrecht setzen. Sie werden ihn manipulieren, ihm drohen, ihm schmeicheln, je nachdem, schließlich wird er nachgeben. In solchen Situationen behält immer die Schwäche die Oberhand. Die Kleine hat ihre Wurzeln in der Kindheit, sie hat ihn nie verlassen. Seine Härte tritt nur nach außen in Erscheinung.
Arme Anna. Sie wird sich in den Qualen eines endlosen Knäuels von Fragen verlieren. Sie wird wie ein Stück Holz sein, das in einem tiefen Brunnen geworfen wird und mit einem dumpfen Geräusch gegen die Umrandung schlägt, und dessen unterhaltsamer Fall sich beschleunigt, bis es einen immer weiter entfernten Grund berührt. Auf der Suche nach einer immer weiter von ihr zurückweichenden Grenze wird sie neue und trostlose Territorien entdecken. Annäherungen und Interpretationen werden ihr nicht erspart bleiben. Sie wird allen Mut zusammennehmen und sich an jedem Strohhalm festhalten müssen. Um vom Treibsand, in dem sie ums Überleben kämpft, nicht verschlungen zu werden, wird sie sich mit den Händen an dem Stock festklammern, den man ihr hinhält. Sie wird zu spät erkennen, dass es sich um eine scharfe Klinge handelt.


„Eine italienische Liebe“ von Phillippe Besson ist eine wundervolle Lektüre. Diese Geschichte ist psychologisch feinsinnig geschrieben, lebt von wunderschönen Bildern über die geliebten Personen. Faszinierend ist, wie präzise und unpathetisch Phillippe Besson die menschlichen Abgründe beschreiben kann. Er benötigt kein Brimborium, keine großen Worte. Es ist daher schade, dass ihn noch viel zu wenig Menschen kennen. Das muss sich ändern!


Der Roman „Eine italienische Liebe“ ist bereits 2004 im Deutschen Taschenbuchverlag erschienen und sollte unbedingt noch bekannter werden. Er umfasst 178 Seiten und ist für 14 Euro im Fachhandel erhältlich.

Blue for you...

I tried to do handstands for you
I tried to do headstands for you
Everytime I fell on you yeah everytime I fell
I tried to do handstands for you
But everytime I fell for you
I'm permanently black and blue, permanently blue for you


Höre "Bruises" von CHAIRLIFT und frage mich, was der Sinn der Worte ist. Frage mich aber auch, inwieweit ich das Lied auf mein Leben oder auf meine Partnerschaft beziehen kann. Traurig bin ich auch. Ist dies der Sinn einer Beziehung? Sich permanent traurig zu fühlen, den anderen zu verletzen und selbst verletzt zu werden? Ist dies das Wesen einer Beziehung per se? Wieviel Verletzung hält eine Partnerschaft aus? Wieviel Traurigkeit, wieviel schlechte Laune, Komplexe, Narben aus der Vergangenheit? Wie kriegen das andere Menschen hin? Paare, die seit 43 Jahren verheiratet sind, Paare, die sich in- und auswendig kennen. Wieviel Gewalt, sei es körperliche oder verbale, hält eine Beziehung aus? Wieviel Angst und Leid?
Es ist das Ende des Jahres und damit auch die Zeit, sich Gedanken über das vergangene Jahr zu machen. Über die Dinge, die passiert sind, und die hätten passieren können, aber nicht passiert sind. Über Gedanken, die man hatte, oder die man nicht hatte, aber hätte haben können. Über Fehler, die man vermeintlich begangen hat, oder eben nicht, manchmal ist da eins ehr schmaler Grat. Und da man nicht weiß, was passiert wäre, wenn man dies oder das (nicht) getan hätte...
Oft habe ich mir Gedanken über Menschen gemacht, die vor einer Hochzeit stehen und die plötzlich Ängste bekommen. Es erscheint ihnen alles ausweglos: Das muss jetzt funktionieren oder... Wieso fühle ich mich oft genauso, sobald ich eine Beziehung eingehe? Bin ich ich etwa nicht beziehungsfähig? Oder hat mich die Liebe einfach schon so lange nicht mehr berührt? Denke ich schon seit langer Zeit genauso wie in dem zitierten Lied angedeutet? Dass Liebe einfach Trauer und Verletzung bedeutet? Dass, sobald man sich verliebt, auf jemanden einlässt, das Leid vorprogrammiert ist?

Dienstag, 29. Dezember 2009

Ach, das Grundeinkommen!

Ach ja, nun habe ich einen weiteren Newsletter bestellt. Zum Thema Grundeinkommen. Und das kam so: Wir saßen Sonntag noch zusammen, alle ein bisschen fertig von den FEIERtagen, die mehr oder weniger feierlich oder etwas zu viel an Party waren, noch immer in Kehl, aber schon startbereit, in das "wahre Leben" zurückzukehren. Also, natürlich vorausgesetzt man sieht das Leben, das man in einer Großstadt in einem Büro, ganz Kapitalismus und Leistungsgesellschaft als wahres Leben titulieren kann. Nun gut! M. begann mit diesem Thema: Grundeinkommen. Ich hatte bereits davon gehört und für gut geheißen. Allerdings war es mir nicht so ganz klar, wie es funktionieren sollte, und wie man die Notwendigkeit eines Grundeinkommens herleiten kann. Wir nahmen uns also vor, mehr darüber erfahren. Also, gleich nach Ankunft in dieser Hauptstadt des Kapitalismus schaute ich länger bei http://www.grundeinkommen.de/ vorbei, aus der ich einzelne Zitate herausfildere. Die könnt ihr euch gerne zu Gemüte führen, aber ich möchte euch gerne dazu auffordern, selbst noch mehr darüber nachzulesen...

Die Idee, die hinter dem Grundeinkommen steckt, ist ein Einkommen, das bedingungslos jedem Mitglied einer politischen Gemeinschaft gewährt wird. Es soll die Existenz sichern und gesellschaftliche Teilhabe ermöglichen, einen individuellen Rechtsanspruch darstellen, ohne Bedürftigkeitsprüfung ausgezahlt werden und keinen Zwang zur Arbeit bedeuten.
Das Grundeinkommen stellt somit eine Form von Mindesteinkommenssicherung dar, die sich von den zur Zeit in fast allen Industrienationen existierenden Systemen der Grundsicherung wesentlich unterscheidet. Das Grundeinkommen wird erstens an Individuen anstelle von Haushalten gezahlt, zweitens steht es jedem Individuum unabhängig von sonstigen Einkommen zu, und drittens wird es gezahlt, ohne dass Arbeitsleistung oder Arbeitsbereitschaft verlangt wird.

Für ein Grundeinkommen werden viele Argumente angeführt: Die Autonomie der Bürgerinnen und Bürger (mehr Autonomie für Unternehmerinnen und Unternehmer durch deren Befreiung von der Verantwortung als „Arbeitgeber“, mehr Autonomie für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer durch die grundsätzliche Verfügbarkeit der Möglichkeit der Nicht-Erwerbstätigkeit bzw. einer sinnvollen Tätigkeit außerhalb der Erwerbsarbeit, mehr Autonomie für Eltern durch die größere Einkommensunabhängigkeit usw.), die Verteilungsgerechtigkeit, der Anreiz zu größerer Wertschöpfung und Rationalisierung, die Flexibilität des Arbeitsmarktes, die Effizienz des Sozialstaates, die Wahrung der Würde aller Menschen und die Beseitigung von Stigmatisierungen vor allem bei den gegenwärtig Arbeitslosen und Sozialhilfeempfängern, die Humanisierung der Arbeit, die Förderung der Bildung, die Stärkung der Familien und die Steigerung der Geburtenrate, die Förderung von Existenzgründungen wie auch von ehrenamtlichen Tätigkeiten, die Förderung von Kreativitätspotenzialen durch die Möglichkeit der Muße und vieles anderes mehr.
Wie soll das Grundeinkommen finanziert werden? Es wäre eine Milchmädchenrechnung, wollte man einfach die Bevölkerungszahl mit dem Betrag des Grundeinkommens multiplizieren und sich von der daraus folgenden Riesensumme erschrecken lassen. Tatsächlicher Finanzbedarf entsteht in der Tat, da die Einkommen von Menschen mit geringem Einkommen erhöht werden müssen. Dieser Finanzbedarf ist jedoch weit geringer als es die einfache Rechnung ergibt, da bereits jetzt jährlich rund 700 Milliarden Euro an Transferleistungen an die Bevölkerung fließen, von denen der weit überwiegende Teil durch das Grundeinkommen ersetzt würde. Jedes Finanzierungskonzept muss darauf zielen, den gesamtwirtschaftlichen Ertrag möglichst gerecht zu verteilen. Das Grundeinkommen muss deshalb in einer Weise eingeführt werden, die eine deutliche Umverteilung von oben nach unten bewirkt. Bezieherinnen und Bezieher mittlerer Einkommen sollen nicht zusätzlich belastet sondern entlastet werden. Gewinnen werden dabei alle, nämlich soziale Sicherheit – ihr Leben lang..
Zu den tatsächlichen Größenordnungen gibt es sehr unterschiedliche Finanzierungsvorschläge, von der Einkommensteuer über eine alleinige Mehrwertsteuer bis hin zum Mix verschiedener Steuern, die zur Finanzierung herangezogen werden können. Grundsätzlich gilt, dass die Besteuerung der Erwerbsarbeit langfristig aufgegeben werden muss, weil die Wertschöpfung sich zunehmend von dem in Arbeitszeit zu messenden Arbeitseinsatz entkoppelt. Hier findet sich die vergleichende Darstellung von Transfermodellen
(inklusive ihrer jeweiligen Finanzierung), die für sich beanspruchen, ein Grundeinkommen zu sein.

Die Vorstellungen zum Grundeinkommen gehen davon aus, dass Preissteigerungen ausgeglichen werden. Das Grundeinkommen ist also stets als dynamisierter Betrag zu verwirklichen.
Ein Grundeinkommen verteilt Geld um, ähnlich wie andere politisch gewollte Umverteilungen für Transfers und Subventionen. Die Geldmenge wird dazu nicht erhöht. Es ist keine allgemeine Preiserhöhung zu erwarten, aber eine andere Struktur der Preise. Jene Güter und Dienstleistungen, die überwiegend unangenehme Arbeit erfordern, könnten in der Tat teurer werden. Andererseits zeigt sich bereits heute in den qualitativ hochwertigen Angeboten der Open-Source-Bewegung, dass viele Dinge allein aus der Motivation heraus, etwas zu schaffen, entstehen und herkömmlichen Produkten durchaus ebenbürtig, ja zum Teil sogar leistungsfähiger sind.

Schon heute gibt es in einer Reihe von Ländern Bestrebungen, in bestimmten Bereichen ein Grundeinkommen einzuführen – in Namibia und Südafrika, in Brasilien, Kanada und in einigen europäischen Staaten. Diese Bestrebungen werden von einer Vielzahl gesellschaftlicher Initiativen getragen. Die Idee des Grundeinkommens wird in den letzten Jahren immer bekannter und findet zunehmend Rückhalt in der Bevölkerung.
In Deutschland gibt es mittlerweile in vielen gesellschaftlichen Bereichen, aber auch in fast allen politischen Parteien Befürworter eines bedingungslosen Grundeinkommens. Je mehr Menschen sich für ein Grundeinkommen einsetzen, je breiter die Unterstützung in der Gesellschaft wird, desto eher werden sich die Parteien der Idee annehmen und die politische Umsetzung voranbringen.
Karl Marx sagt: Eine Idee wird zur materiellen Gewalt, sobald sie die Massen ergreift. Oder Victor Hugo: Nichts ist mächtiger als eine Idee, deren Zeit gekommen ist.


Das hört sich doch alles ganz gut an, in meinen Ohren zumindest. Um noch mehr zu erfahren, habe ich mich also für den Newsletter angemeldet. Aber ich muss sagen, dass ich auch gerne diskutieren würde.

Montag, 28. Dezember 2009

Brot statt Böller

Und was tun wir jetzt gegen diesen Missstand an Silvester, dieses dumme Böllern mit den grauseligen Silvesterkrachern? Tatsächlich fahren Leute über die Grenze nach Polen und Tschechien, um für billig Geld, Billigkracher aus China zu kaufen, die nicht geprüft werden und lebensgefährlich sind. Nicht dass Kracher nicht schon per se lebensgefährlich sind, schließlich schmeißen irgendwelche Idioten diese Böller auf vorbeilaufende oder in den Himmel blickende Passanten. Mehrmals stand ich schon neben Freunden, die dann ins Krankenhaus mussten. Einmal war es meine Schulfreundin M., der ein Böller-Frosch (das sind so kleine Dinger, die umherhüpfen und dann erst knallen) auf die Wange geraten ist, Jahre danach sah man noch die Brandwunde. Eine andere Freundin hatte durch nen auf sie geworfenen Böller eine Verbrennung zweiten Grades. Da muss etwas getan werden. Das eine ist Charity: Anstatt Böller zu kaufen, das Geld spenden, z.B. hier
http://www.brot-statt-boeller.de/index.php?id=17
Doch was tun gegen die Menschen, die sich trotzdem Silvesterkracher kaufen? Selbstverständlich lassen sich diese Menschen nur schwer von solcher Charity begeistern. Aber je mehr Leute diese merkwürdige Tradition verdammen, die sicherlich nichts mehr mit dem eigentlichen heidnischen und abergläubischen Zweck, Hexen und Geister zu vertreiben, zu tun hat. Je mehr Widerstand entgegengesetzt wird, schon beim Kauf im Geschäft (Leute immer darauf ansprechen), je öfter ein Kommentar an Silvester angebracht wird... Ja, nun, ich weiß. Es ist ein sehr idealistischer Ansatz. Aber die kleinen Dinge sind es, die letztlich die Veränderung bringen....
Die Deutschen werden übrigens 110 Millionen, ausgeschrieben 110.000.000 Euro für Böller ausgeben dieses Jahr! Einfach nur krass! Was ne Spendensumme, oder?

Sonntag, 27. Dezember 2009

ABK - Kehler Reflektionen

Nun, ich bin in Kehl, nach wie vor, wenn auch nicht mehr lange. Es ist nicht schade darum, anders als der ABK habe ich eine neue Heimat gefunden. Und da spricht man nicht alemannisch. Obwohl diese Sprache durchaus charmant klingen mag bei der ein oder anderen Person. Bei N. zum Beispiel hört es sich sehr süß an. Aber lassen wir das.
Damals vor fast zwanzig Jahren, als ich noch in Kehl lebte, stand ich den Antifa-Leuten sehr nahe. Die organisierten Konzerte im Jugendzentrum, Spendenaktionen und natürlich viele viele Demos. Ein ums andere Mal protestierten sie gegen die NPD, gegen Kernkraftwerke, Atommüll-Transporte etc. Sehr löblich. Und eigentlich gab es fürmich nur einen Grund, mich ihnen nicht anzuschließen. Dass ich nämlich keiner Gruppe zugehörig sein wollte. Der ABK sah es damals ähnlich, ebenso Antifa-affin, wirklich immer nah dabei, aber nie dazugehörend. Der ABK hatte allerdings einen anderen Grund, weitaus oberflächlicher als der meinige, zumindest aus meiner Sicht, der ABK wiederum sieht es anders. Er wollte nicht zu einer Gruppe gehören, die nur dunkle, verranzte Klamotten anhat. Nicht dass der ABK eher auf teure und gute Kleidung stünde, sie sehen alle nicht wie Internatsschüler aus, aber diese dunkle Uniformierung fanden sie deprimierend und hässlich.
Dem ABK fällt es generell sehr schwer, sich mit anderen zu verbinden oder zu solidarisieren. Natürlich sind sie die ersten, die sinnvolle Petitionen zum Schutz von Lebensraum und Menschen unterschreiben, aber das immer mit sehr viel Distanz - es geht um die Sache und nicht um einzelne Individueen. Auch ihr Verbund ist eher lose, und keiner weiß so genau, wieviele Mitglieder es gibt. Selbst in Kehl ist die Vereinigung nachezu unbekannt. Und doch besitzen sie eine große Macht, die im Hintergrund agiert. Es ist alles ein bisschen undurchsichtig. Fast wie bei den früheren Geheimbünden, die aber heutzutage, falls es sie noch gibt, vor allem mit den neuen Medien spielen. Im Gegensatz zum ABK, der ja bekanntlich nichts davon hält.
Der ABK ist sehr froh, dass Weihnachten endlich vorbei ist, dieser kommerzielle Scheiß, wie sie sagen, der die Leute sentimental und gierig macht, dieser Ausbund an Kapitalismus, der zu verdammen ist. Jetzt ekeln sie sich bereits vor dem nächsten großen Event in Deutschland: Silvester. Dieses ganze Geld, das für Feuerwerkskörper, für Kracher, ausgegeben wird, und noch schlimmer diese abscheulichen Silvesterparties, für die man Pauschalbeiträge um die 40-80 Euro bezahlt, um sich mit vielen gleichgesinnten, gleichgeschalteten Idioten zu betrinken und möglichst viel Spaß zu haben, und wenn es das letzte ist, was sie auf Erden tun. Der ABK ist dagegen. Das wird ebenso boykottiert wie dämliches Gansessen an Weihnachten oder Sit-Ins mit den Verwandten, die plötzlich ernsthaft und glückselig zusammensitzen, obwohl sie sich die zwölf Monate lang maximal einmal gemeldet haben. An Silvester stört sie, dass alles ao aufgebauscht wird und manche schon im September fragen, was sie an Silvester machen werden. Der ABK weiß das erst an dem Tag selbst.

Freitag, 25. Dezember 2009

Eine Antwort an R. - Alberto Caieros Poesie

Manchmal ist das Ganze etwas unfair. Der eine möchte nichts von sich in einem Blog lesen (wie z.B. P.), der andere möchte nur Gutes von sich lesen, wieder ein anderer nur Wahres, der letzte vielleicht nur Erfundenes. Ich gehöre sicherlich nicht zu denjenigen, die von sich behaupten, immer DIE WAHRHEIT zu sagen. Denn ich weiß, dass es DIESE EINE WAHRHEIT nicht gibt. Bestimmt gehöre ich ebenso wenig zu den Schmeichlern und Charmeuren. R., um ihn als Beispiel zu nehmen, hat das Gefühl, nicht immer so gut wegzukommen in meinen Beschreibungen. Kann sein, muss nicht sein. Und sicherlich trifft das auf andere ebenso zu. Doch darauf möchte ich mit einem Gedicht antworten. Geschrieben hat es Alberto Caiero in seinen POESIEN. Schön finde ich, dass sein Meisterschüler Ricardo Reis das Vorwort dazu verfasst hat. Seine Worte klingen mir noch in meinen Ohren: "Caeiros Leben läßt sich nicht erzählen, denn von ihm als Person gibt es nichts zu erzählen. Seine Gedichte waren sein Leben." Wie verhält es sich nun mit mir als Autoren? Als Autoren meines Blogs? Sind meine Posts im Blog mein Leben? Ist dort die wahre Realität zu finden? Und was sagt das über mein Verhältnis zu C.H. oder gar zu R. aus? Auf Seite 65 meiner Ausgabe der POESIAS in Vers XXIX liefert mir Caiero eine Annäherung an den Kern meines Problems:

Nicht immer bleib´ ich mir gleich bei dem, was ich sage und schreibe.
Ich wandle mich, doch ich wandle mich wenig.
Die Farbe der Blumen ist im Sonnenlicht anders,
Als wenn eine Wolke vorüberzieht
Oder es Nacht wird
Und die Blumen die Farben des Schattens annehmen.

Wer aber genau hinsieht, erkennt, es sind die gleichen Blumen.
Deshalb seht genau hin,
Wenn es scheint, als stimmte ich nicht überein mit mir:
War ich zuvor nach rechts gewandt,
So kehrt´ ich mich nunmehr nach links,
Bleib´ aber immer ich und steh´ auf denselben Füßen -
Der Immerselbe dank Himmel und Erde,
Dank meiner Augen und wachen Ohren,
Dank meiner klaren seelischen Schlichtheit...
Das führt am Problem vorbei? Und was hat R. von diesen Zeilen? Keine Ahnung. Das muss jetzt jeder selbst hineininterpretieren. Das In-etwas-Hinein-Interpretieren ist vielleicht genau die Schwierigkeit an dieser ganzen Sache. Der Blog ist eine Art von Wahrheit. Das Leben eine andere. Was veröffentlich wird, ist eine Wahrheit, muss aber nicht kongruent zu der realen sein. Vielleicht ist im Blog die Blume im Schatten, aber in meinen Gedanken danach in der Sonne. Vielleicht erwähne ich eine eher negativ bewertete Eigenschaft in einem der Texte des Blogs. Vielleicht denke ich im nächsten Moment, ach, der soundso ist so liebenswert, schreibe das aber nicht auf, weil es nicht in den Text gehört. R. ist ein sehr aufmerksamer Leser des Blogs, und das freut mich sehr. So wie ich mich über jeden einzelnen Leser und jede einzelne Leserin wahnsinnig freue.

Zwei Anmerkungen muss ich zu dem Post noch machen:
a) die beiden genannten Autoren Caeiro und Reis sind Erfindungen oder besser gesagt Heteronyme von Fernando Pessoa.
b) R. ist ein wundervoller, genauso sensibler wie liebenswerter Mensch. Und er hat sicher mehr schöne Eigenschaften als Macken. Das weiß ICH am allerbesten. ;-)

Donnerstag, 24. Dezember 2009

Der ABK in der Nacht - Weihnachtsgedanken

Der ABK hat einen Lieblingsautoren, nein, eigentlich sogar zwei. Sie sind beide aus Skandinavien. Das sollte auch nicht so schwer zu erraten gewesen sein. Der eine ist Erlend Loe, aber von dem möchte ich ein ander Mal schreiben. Heute erzähle ich vom größten Helden meiner Freunde vom ABK: Matias Faldbakken. Dessen Worte saugen sie auf, als wären sie die Zuflüsterung einer höheren Kreatur. Nein, sie wissen, dass er nicht höher ist als sie. Sie wissen auch, dass er ihre Gedanken einfach nur in literarische Sprache verwandelt. Nicht mehr und nicht weniger. Doch sie wundern sich, dass er IHRE Gedanken errät. Nun, das kann man positiv oder negativ sehen: einerseits ist es schön, dass Andere genauso denken wie sie, andererseits ist es frustrierend, dass Andere genauso denken wie sie, dann ist das alles gar nicht mehr so einzigartig. Ja, das ist eines der größten Probleme, die den ABK beschäftigen. Niemals langweilen - nicht sich selbst und erst recht nicht andere Menschen, Unschuldige, nein, nein, das darf nicht sein! Niemals langweilig gleich spießig sein. Ja, denn spießig darf man ebensowenig sein. Aber zurück zu Matias Faldbakken. Eine Textstelle, die der ABK liebt, ist aus dem Buch UNFUN:

Man kann ohne Weiteres behaupten, dass viele Menschen im Westen ihr ganzes Leben hart und zielgerichtet arbeiten, nur um bei Kollegen und Konkurrenten mit einem Lebenslauf, der verglichen mit ihren solider ist, ein kleines bisschen Neid und Unterlegenheitsgefühl zu wecken. Deshalb ist Erfolg als solcher inexistent; Erfolg funktioniert nur umgekehrt proportional zum Selbstwertgefühl der anderen. Wenn jemand das Gleiche wie du zustande gebracht hat, hast du nicht wirklich Erfolg. Wenn dir jemand deinen Erfolg gönnt, hast du auch keinen Erfolg. Du hast Erfolg, wenn deine Konkurrenten am Boden liegen. Wer sind die Konkurrenten? Alle. (UNFUN von Matias Faldbakken, im Blumenbar Verlag erschienen)
Der ABK ist gegen Erfolg, gegen Leistungsgesellschaft, gegen diesen ganzen Kapitalismus. Das versteht sich von selbst. Der ABK ist für Splatterfilme, und für Pornos, aber auch das wundert niemanden angesichts der Wahl seiner Lieblingsliteraten.

The Horrors - Sea Within a Sea

Es ist nicht ganz einfach. Nein, es ist vielleicht sogar unmöglich. So scheint mir. Oder zumindest mir unmöglich. Und diese Sache beschäftigt mich seit Jahren, ohne dass ich jemals eine Lösung dafür gefunden habe. Es begann alles mit diesen alten Kassetten meines Vaters, rare Aufnahmen griechischer Folklore-Sänger/innen. Ich fragte mich, wie ich dieses Gefühl, das diese Musik in mir auslöste, die Bilder, die sich mir aufdrängten, in Worte fassen könnte. In Worte fassen, die das richtig wiedergeben, für andere verständlich machen. Nein, das ist nicht einfach. Nein, ich bin kein Philippe Besson, ich bin kein Johannes Weinberger, keine Siri Hustvedt, und schon gar nicht ein Philip Roth, Franz Kafka oder Albert Camus. Ich kann schreiben, ich kann mich ausdrücken, ich kann Gefühle erzeugen. Aber es ist schier unmöglich, diese Gefühle, die einem Individuum bei einem bestimmten Lied begegnen, so darzustellen, dass jemand anders einen wahren Eindruck bekommt. Dies würde heißen, Dinge für andere fühlbar zu machen, die in Wirklichkeit bei jedem einzelnen Menschen unterschiedlich sind. Selbstverständlich könnte ich SEA WITHIN A SEA von THE HORRORS http://www.youtube.com/watch?v=K1lD5cE6Bwc genauer beschreiben. Könnte schreiben, in welches Genre das Lied einzuordnen ist, welche Bands sich ähnlich anhören, in welcher Tradition es daherkommt, was der Kontext ist, sowohl was die Platte selbst, aber auch das gesamte Oevre der Band angeht. Das könnte ichmit etwas Recherche, und Leser/innen der Intro könnten etwas mit diesen Informationen und Beschreibungen anfangen. Vielleicht würde auch euch etwas klarer werden, was ich fühle, wenn ich sage, dass mir diese Düsterkeit des Liedes gefällt, diese Schwärze, dieses Bodenlose. Dass sich dann mit einem schnellen Rhythmus, einem fast schon heiteren Crescendo verbindet, und dieses Düsterkeit, diese Finsternis, dieses Jenseitige, ad absurdum führt, fast schon wie schwarzer Humor in der Musik, oder beinahe an die Musik in Westerns erinnert. Nein, das könnte niemand verstehen. Also, ich meine, niemand könnte verstehen, wie ich mich fühle, während ich das höre. Dieses Depressive, dass sichmit dem Heiteren. Lebensbejahenden verbindet, aber dann doch schwarz und traurig bleibt, das Negative bleibt als Grundstimmung erhalten, auch wenn es zwischendurch aufgeheitert wird und fast glücklich machend erscheint. Wie soll ich das in Worte fassen, die nicht öde und platt wirken? Ich bin kein Updike und bin kein Daniel Kehlmann, und schon gar kein James Joyce oder Fernando Pessoa. Daher kann ich eucdh nur bitten, das Lied anzuhören, anmich zu denken, und mit mir darüber reden, versuchen Worte dafür zu finden, quasi als Projekt, als sinnvolle Beschäftigung für einen Heiligabend, der lau und öde dank seiner Kommerzialität ist...


Die Avatar-Unruhen

Es fing alles am Montag an. Da wollten wir die Karten vorbestellen. Denn AVATAR ist ja ein Blockbuster. Die schaue ich sonst nicht so gerne an... Die sind meist so amerikanisch und so wenig hintegründig. Aber das ist ein anderes Thema. Schon vor Wochen, als wir FINAL DESTINATION in 3D schauten, hatten wir uns vorgenommen, AVATAR anzuschauen, egal, was da komme, C.H. und ich hatten das beschlossen. R. schloss sich natürlich an. Jetzt war also Montag abend. R. saß am Laptop, schaute nach Sitzplätzen. Es gab genau noch eine Logen-Reihe, in der drei Plätze nebeneinander waren. Ich rufe also C.H. an. Er sagt: Mh, aber S. soll mitgehen. Ich frage: Who the fuck ist S.? - Äh, egal. Nun ja, es geht nicht. Das war die erste Unruhe. C.H. entscheidet mehr oder weniger diplomatisch, dass er S. ein ander Mal treffen sollte. Dann klappte es vorerst nicht mit der Reservierung. Und dann ist dann da noch die Problematik mit dem Karten ausdrucken. Zur PDF konvertieren. Ups, das geht erst einmal nicht. Also das Konverteirungsprogramm downloaden. Es geht. Gespeichert. Bei der Arbeit morgen ausdrucken.
Morgen ist dann der Dienstag. Und somit kommen wir zur ersten Unruhe des Tages: C.H. ruft an und fragt, wie lange der Film gehen würde. Naja, länger als 23 Uhr. Waaaaaasssss? fragt er irritiert, ich bin mit der Bahn da, und die letzte fährt um elf. Karten sind gekauft und die Anfangszeite hatte ich drei Mal erwähnt am gestrigen Tag. Moment, sagt der Diplomat C.H., ich ruf dich später an. Mein Akku ist leer, mein Akku ist leer, schreit er später in sein Mobile, aber es klappt, es klappt. Na gut!
Der genauso schöne wie stressige R. tut, was er am besten kann, mich antreiben nämlich, und so sind wir rechtzeitig, so denke ICH zumindest, vor dem Kino. C.H., sehr süß und mit hübscher Fellmütze, war nicht ganz so pünktlich, but just in time, so denke ICH zumindest. Allerdings, und jetzt kommt die Blockbuster-Problematik voll zur Geltung: Eine Riesenschlange nicht etwa an der Kasse, sondern am Einlass, denn alle anderen hatten die Karten auch im Internet vorbestellt. Es ging ewig, bis wir endlich durchkamen. Und... wir mussten dann noch 3 D-Brillen ausleihen, für je einen Euro. Nun gut. Wieder eine Schlange. Ich brauchte aber mein Kino-Bier...
3 D ist eine tolle Erfindung, schon die Film-Bewerbung macht sehr viel mehr Spaßals früher, aber dann der Film. Alles ist also jetzt schön und gut, wir sind ganz in den Film getaucht, und merken gar nicht wieviel Zeit vergangen ist, seitdem der Film begonnen hat, bis die Lichter angehen und eine Durchsage ertönt: So, eine kurze Pause für alle. Wir sind im großen Kinosaal und es laufen wirklich sehr viele Menschen gleichzeitig los, um auf die Toilette zu gehen. Das war die nächste Unruhe. Bis das alles abgewickelt wurde... Ich sage nur, die Terroristen in 9/11 haben die logistische Meisterleistung vollbracht blablabla, und hier in Deutschland schaffen es die Menschen noch nicht einmal so etwas zu koordinieren. Denn zusätzlich zu unserem Kinosaal hatten die Nachbarn auch gerade die Pause.
Die logistischen Meisterleistungen gingen kurz nach der Pause weiter. Kaum waren wir wieder in den Film eingetaucht, lief ein weiß-be-t-shirter junger Mann, der offensichtlich im Metropolis arbeitet, in den Saal reingelaufen und schrie aufgeregt: Feueralarm, Feueralarm, Sie müssen alle ganz ruhig aus dem Saal usw. ja, von wegen RUHIG, jetzt begann erst die richtige Unruhe. Und es ging etwa zwanzig Minuten so. Hinauslaufen, alle gleichzeitig, einige laufen wieder zurück, andere bleiben sowieso sitzen, falscher Alarm heißt es plötzlich, alles wieder zurück, nach fünf Minuten erneutes verzweifeltes Rufen, es sei bitterer Ernst und der Feueralarm ausgelöst, viele stehen auf, mit Sack und Pack, fast gleichzeitig natürlich, wir kommen gar nicht mehr raus, aber bis wir in die Nähe des Ausgangs gekommen sind, heißt es erneut falscher Alarm, wir also wieder zurück, bis allerdings alle Menschen wieder hineingekommen sind, vergehen wieder zehn Minuten. Ganz toll!, wenn man bedenkt, dass der Film teilweise untertitelt wurde. Nun gut!
Nach dem Film erneut eine Riesenschlange. Die Leute kamen, um sich zu beschweren (und wo war TOCOTRONIC da?). Da es schon nach Mitternacht war, hatten wir auch keine Lust anzustehen. Geld zurück oder Karten für eine weitere Vorstellung erhalten. Nur C.H., der mittlerweile (einen Tag später) ins Kino ging, um das Geld zurückzukriegen, weiß, wie das dann ausging. Als ich anrief, stand er gerade wieder in einer Riesenschlange.
Aber zum Film: Natürlich ist die Geschichte 08/15, aber weihnachtlich rührig und mit herzig, aber was richtig gut ist - diese Technik, diese faszinierenden Tricks und Einstellungen, das wundervolle 3 D, ein ganz besonderes Kino-Erlebnis, alles das beeindruckte sehr. Ins Kino gehen ist wieder Trend. Gott sei Dank. Und man hat einfach viel mehr Unruhe, wenn man ins Kino geht, und sich die Filme nicht zuhause auf einem Riesenflat anschauen, wenn sie auf DVD heraus sind. Aber Unruhe ist Aufregung. Und Aufregung ist gut! ;-)

Weihnachten

Ja. Das nun darf nicht vergessen werden. Weihnachten heißt ebenso: Nach Kehl zu fahren, und das wiederum heißt: Kontakt zum ABK zu haben. Der ABK wiederum hasst Weihnachten. Es liegt natürlich auf der Hand, wieso dies der Fall ist. Übrigens allesamt nachvollziehbare Gründe, nur gelegentlich schwer sich diesen Dingen fernzuhalten. Na, Weihnachten bedeutet Konsum. Geschenke sind unter ABK´lern strengstens verboten! Zumindest an Weihnachten und Geburtstagen. Zum Essen einladen (aber nicht Fastfood und keine Bonzenküche!) ist erlaubt, wenn auch nur an Tagen, an denen andere nicht feiern. Trinken spendieren ist nie falsch, da wird jeder Anlass gerne gesehen, so lange es natürlich keine schicken und bonzigen Getränke gibt: mit Champagner, Kir Royal oder ähnlichem Schischi braucht man ihnen nicht zu kommen. Selbstverständlich sind Weihnachtsemails streng untersagt, was sich von selbst versteht, schließlich hat keiner vom ABK eine Email-Adresse. Karten dürfen geschrieben werden, aber die Motive müssen selbst hergestellt werden. Weihnachtsfeindliche Motive sind dabei besonders gerne gesehen, obszöne immer immer immer, es sei denn sie sind frauenverachtend - männerverachtend geht schwer, sagen sie. An Weihnachten darf gut gegessen werden, auch bei den ABK´lern, allerdings nichts, was nach Weihnachten schmeckt. Keine Gans, schon gar nicht gefüllt, keine Pute. Überhaupt ist Fleisch ganz schlecht. Ach, man darf jetzt aber auch nicht denken, dass die ABK´ler nur mit Regeln leben. Das sind alles Prinzipien, die gebrochen werden dürfen. Sonst würden sie ja wohl den Verfasser dieses Textes nicht akzeptieren können in seiner Art. Ich schreibe gerne Sammel-Emails, und schon besonders an Weihnachten. Wenn auch eher das Ziel ist, die Lieben daran zu erinnern, diesen Blog zu lesen. ;-) Aber ich werde ja morgen erzählt bekommen, was der ABK für Werte, gerade an Weihnachten, vertritt. Und das lest ihr dann HIER!

Die Persönlichkeit... ein paar Zeilen von Johannes Weinberger

Und wenn ich es noch nicht gesagt hätte, müsste ich es nochmal und nochmals sagen: Dieser Autor ist einfach krass genial. Er ist ein Grund, nicht mehr zu versuchen zu schreiben. Denn wie sollte ich da heranreichen? An seine Sprache, an seine Bilder, an seine Inhalte, an seinen Humor, seine Absurdität und vor allem seine Schwärze?

Ich zerbrösele meine Persönlichkeit in ein offenes Zigarettenpapier und rauche sie. Im Rausch meiner Persönlichkeit sehe ich Gegenwart als Eidechsenknäuel in der Mittagssonne, Vergangenheit als flache schwarze Katze, der die Eingeweide auf der Autobahn aus dem Leib gequetscht worden sind, und Zukunft als auseinandergebogene Büroklammer, die in meinem Bauchnabel steckt.
Wer hat die Büroklammer in meinen Bauchnabel geschoben?, frage ich die stickige Luft im Zimmer. Die Frau, die der Berg ist, auf dem mir die Luft ein für allemal ausgegangen ist, flackert wie eine kaputte Glühbirne: hier, weg, hier, weg, hier, weg, und so weiter und so fort.

aus: Das Kleine Tao der Tiere

Dienstag, 22. Dezember 2009

Was ich toll finde...

Sightjogging in Berlin: Eine etwas andere Sightseeing-Tour... Beim Sightseeing Pfunde verlieren, gesünder leben und die Augen trainieren. Puh! Das möchte ich auch.
http://www.n-tv.de/reise/dossier/Stadtfuehrung-im-Laufschritt-article640515.html
Richtig schlecht tanzen! Die Videos sind sauwitzig! Und ich könnte auch gut daran teilnehmen. Gerade geschehen am Samstag bei Nimet´s Glühweinparty. Die Anwesenden wissen, was ich meine! :-)
http://www.myspace.com/bigbaddancecontest
deutsche Dialekte!!!
http://www.youtube.com/watch?v=p3E3g06UZuc&feature=related
http://www.youtube.com/watch?v=jBUlwJbc9eU

Montag, 21. Dezember 2009

Schnee im Dunkeln...

Den Baum vor lauter Bäumen... oder so... Es schneit und ist dunkel. Und schneit noch mehr. Ich laufe. Ich setze die Brille ab, weil mir Schnee ins Gesicht weht. Es ist nass. Mein Rücken schmerzt. Meine Beine. Es ist saudunkel. Ich sehe gar nichts mehr.... Ist das genug Ausrede für meine Orientierungslosigkeit?
Gerade habe ich es noch einmal gegoogelt. Tatsächlich stand ich quasi vor der Straße. Bog aber nicht ein. Das war der Fehler. Wo war ich in Gedanken? War es der Schnee? Die Dunkelheit?
Der Schnee weht. Liegt es daran? Oder waren es Nachwehen des Films, den ich vorher gesehen hatte? "Berlin Calling". Ich sollte die DVD zurückbringen. Fand aber die Straße nicht. Der Film. Zuerst bekomme ich dabei Flashbacks. Denke an "Einer flog über das Kuckucksnest", an "I´m a Cyborg and it´s okay" und an "Das weiße Rauschen", manchmal auch an "Trainspotting". Später sehe ich mich in bestimmten Szenen... Wie ich an
der Haltestelle stehe, Kopfhörer auf, Sigur Ros hörend... Großstadtfeeling. Alleine unter Vielen. Verstört. Überfordert...
Ich verirre mich. In meinem Inneren. Das wirkt sich auf das Äußere aus... Ich verirre mich, kurz vor dem Ziel, kurz davor, kurz...

Sonntag, 20. Dezember 2009

DAS KLEINE TAO DER TIERE

"Das kleine Tao der Tiere" von Johannes Weinberger ist krass, es ist verstörend, es ist merkwürdig, es ist faszinierend, es ist ein Unding.
Ich könnte gar nicht sagen, wie man seine Schreibweise, seine Sprache, seine Ideen in Worte fassen könnte. Alles, was er beschreibt, entspricht einer Realität, und doch ist es unrealistisch. Alles, was er schreibt, ist wie ein Traum, könnte aber auch tatsächlich so passieren - wenn alles auf der Welt anders angeordnet wäre.
Seine kurzen Erzählungen sind wie Gemälde von Salvador Dali: Sie sind präzise, sie sind technisch perfekt, sie wirken so, als ob sie so sein müssten, wie sie sind. Sie hallen in einem nach, wirken, verändern. Doch ohne zu wissen, ohne zu bemerken, wie sie das tun.
Da hat der Luftschacht-Verlag echt was Faszinierendes ausgegraben...

Von der Un-Laune...

Ich muss wohl ein schwieriger Mensch sein. Sagt man mir zumindest gelegentlich. Und manchmal denke ich es selbst schon. Vielleicht bin ich es aber auch nicht. Wer weiß?!
Meine Launen wechseln schnell. Sagt man. In einer Minute schwebe ich, in der nächsten Minute versinke ich in der Untiefe. Das ist eben so. Das kann ich nicht ändern. Ich würde es gerne ändern. Aber es geht nicht. Ist eben nicht einfach. Oft habe ich schon versucht, diese Zustände abzuschaffen. Manchmal habe ich es geschafft, für längere Zeit die gleiche Laune zu haben. Also keine schlechte. Sondern gute Laune. Wobei sich fragen lässt: Was ist gute Laune? Und wie zeigt sie sich bei mir?
Manchmal war es da: dieses Gefühl, in mir zu ruhen, komme was wolle. Es war da: dieses Gefühl, glücklich und zufrieden zu sein. Um dann von einem Moment zum anderen umzuschlagen. In ein anderes Gefühl. In Verzweiflung, Depression. In dieses diffuse. Ich bin wie weggetreten. Traurig, überfordert, lustlos. Möchte woanders sein. Was anderes tun. Nicht mehr in dieser Situation gefangen. Gefangen, weil ich mich plötzlich selbst nicht mehr wohlfühle. Einfach so. Mich einfach so unwohl fühle. Jawohl unwohl.
Das ist alles Scheißdreck! Wie fühle ich mich da? Sind doch alles Worthülsen. Also, ich meine... Es ist so, dass ich ein merkwürdiges Gefühl habe. Im Bauch. Im Kopf. Und dass ich mich in mich selbst verkriechen möchte. Dass mich die Anwesenheit der Anderen überfordert. Mich innerlich schmerzt. Ich will sie ausblenden, aber es geht nicht. Sie haben auch ihre Bedürfnisse. Wollen mit mir reden. Wollen von mir gemocht oder geliebt werden. Doch ich möchte gerade niemanden mögen oder lieben. Nur alleine sein möchte ich. Alleine mit meinen Gefühlen und Gedanken. Ich weiß das und doch kann ich es dann nicht artikulieren. Es sagen, ohne zu verletzen. Und das tut dann in mir drin noch mehr weh. Weil ich mich dann noch kleiner, noch schlechter fühle. Weil das Gefühl schmerzhafter wird. Dieses Ungenügen. Dieses nicht so sein können, wie ich sein möchte. Dieses nicht bei mir sein Können in diesem Moment. Dass ich bräuchte, aber gerade nicht kriegen kann.

Freitag, 18. Dezember 2009

Nächtliche Depressionen

Weiß gar nicht, was das soll, weiß gar nicht, was das ist. Von einem Moment auf den anderen fühle ich mich niedergeschlagen, deprimiert. Alles erscheint mir hohl und sinnlos. Auch das, was ich schreibe, kann nur platt sein. Das Ding ist, mit diesen Ansprüchen zurechtzukommen. Mit dem, was man sich vom Leben wünscht, und was man von ihm bekommt. Mit dem, was man sich vor Jahren, als man noch jung war, vorgestellt hatte. Mit dem, was man seinem besten Freund unter Drogeneinfluss wortreich erzählte.
Da sitze ich dann an meinem PC, nachdem ich mir den hundertsten Horrorfilm angeschaut habe, immer noch nicht hinter Twitter gekommen bin, meinen Selbstwert durch eine weitere Erhöhung meiner Freundesanzahl bei Facebook versuchte zu steigern, und fühle mich weiterhin leer und sinnlos auf dieser Welt. Frage mich, wohin das alles führen soll, und dass das alles doch ganz anders geplant war. Spüre, dass ich anders, woanders sein möchte. Weiß aber nicht wie und nicht wieso. Frage mich, wieso ich Potenziale verschwende. Spüre, dass es da noch etwas anderes geben muss. Doch womöglich werde ich es nicht finden. Das, was mich zum ganzen Menschen machen wird. Das, was mich ans Ziel führen wird.
Oder vielleicht wird es nie dazu kommen. Vielleicht wird das ewig so weitergehen. Die Verzweiflung. Die Ängste. Die Niedergeschlagenheit. Die Resignation?
Fragen, die ich mir stelle... Was hast du erreicht? Was wäre, wenn du in diesem Moment sterben würdest? Was willst du aus deinem Leben machen? Wen würdest du vermissen, wenn du für immer gehen müsstest? Warum bist du so wie du bist? Warum kann es nicht mal einfach sein? Wohin sind alle meine Träume, Wünsche und Erfüllungen gegangen?
Alles zwecklos. Vermutlich. Schwarz ist es um mich herum. Dunkel.
Worthülsen immer wieder. Tagein tagaus, viele Jahre schon, jede Minute, jede Sekunde.

Donnerstag, 17. Dezember 2009

Im Dunkeln die beknackte u1...

Seit Wochen dieses Rumgenerve... Eine Riesenbaustelle an der Heddernheimer Landstraße... Habe einen neuen Job und wo muss ich hin. Genau durch diese Baustelle. Konsequenz: auf der Rückfahrt muss ich erst einmal in die verkehrte Richtung fahren, dann umsteigen, dann in die andere, diesmal die richtige Richtung fahren... Das ist schon schlimm genug. Ich meine, wieso unnötig Zeit verlieren auf dem Weg in die Freizeit?!
Heute alles "over the top". Ich stehe an der Haltestelle. Um fünf Uhr. Extra früher Schluss gemacht, um früher ins Wochenende zu kommen. Verständlich. Dann der erste Schock: Die Anzeige sagt mir, dass die nächste Bahn in 26 Minuten komme. Nächster Blick: 28 Minuten. Geht´s noch? denke ich mir. So, was tun? Ich entscheide, einfach mal loszulaufen. Aber wohin? Überall Baustelle. Und wohin führt dieser Weg? Ich folge ihm ein paar Minuten, um in einer Sackgasse zu landen. Beim nächsten Versuch lande ich im Feld. Hä? Ich kehre wieder um an die Haltestelle. Schon völlig genervt. Immer noch 12 Minuten. Aaaaaaaaaarrrrrghhh!
Irgendwann nach gefühlten zwei Stunden und tatsächlichen 30 Minuten fährt eine U-Bahn ein. Ungefähr eine Million Menschen stehen, sitzen und liegen schon da drin. Wir quetschen uns also dazu, die anderen Wartenden und ich. Irgendwie geht es. Beim nächsten Halt kullere ich automatisch heraus, stolpere fast auf eine alte Frau mit Gehhilfe. Millionen von Menschenfahren diese beschissene Rolltreppe zum Nordwestzentrum hoch... Ich nur um auf die andere Seite zu gelangen. Und wieder das gleiche Bild: mehr als eine Million wartender Menschen. Und die U-Bahn kommt wieder nicht. Ich schaue schon gar nicht mehr auf die Anzeige. Irgendwann ist sie da. Ich schon ganz entnervt. Aber das lässt sich alles toppen. Weil... denn... nämlich... indem garantiert an jedem Halt, irgendwelche Leute noch auf den Knopf drücken, um ihre ganze Sippschaft in die Bahn zu quetschen. Macht ja nichts, dass mein Nachhauseweg mittlerweile schon 40 Minuten länger dauert als normal. Der Fahrer mittlerweile aggressiv, motzt alle zwei Minuten mit den Fahrenden. Ich drehe gleich durch. Die Leute schon ganz wirr, wollen teilweise an der falschen Station schon raus, vielleicht weil sie es auch nicht mehr aushalten. Ich denke mir genauso: boah, jetzt noch einmal am Willy-Brandt-Platz umsteigen und auf die u5 warten? Und wenn die genauso Verspätung hat? Oh mein Gott! Ich steige lieber am Eschenheimer Tor aus. Und meine Blase muss es auch noch bis zu Hause aushalten. Dass ich dann nach 80 Minuten erreiche - anstatt nach 35 Minuten, die mir auch immer schon zu lange erscheinen wollen!
Und das alles in dieser Kälte und im Dunkeln - na, herzlichen Glückwunsch auch!

Sonntag, 13. Dezember 2009

Fernando Pessoa

Ich habe einen neuen Lieblingsdichter. Gar nicht, weil ich etwas von ihm gelesen habe... also, ich habe schon mal was von ihm gelesen.... Und heute einen Brief an seine Ex-Frau. Aber nicht deswegen ist er mein neuer Liebling. Sondern wegen seiner Biografie. Wegen seiner Heteronyme.

Wikipedia schreibt dazu:

Die besondere Eigentümlichkeit im Werk Pessoas bilden die Heteronyme. Im Unterschied zu gewöhnlichen Pseudonymen sind die Heteronyme nicht bloß andere Namen für denselben Autor; hinter ihnen stehen fiktive Personen mit eigenen Biographien, eigenen Schreibstilen, Themen, Motiven und philosophischen Kontexten. Der englische Übersetzer Pessoas, Richard Zenith, zählt 72 verschiedene Namen, wobei nicht immer klar wird, welche davon für Heteronyme stehen und welche Pseudonyme sind – entweder für Pessoa selbst oder für eines der Heteronyme. Die drei wichtigsten Heteronyme sind Alberto Caeiro, Álvaro de Campos und Ricardo Reis. Pessoa beschreibt die drei folgendermaßen:
Ricardo Reis wurde 1887 in Porto geboren (ich erinnere mich nicht an Monat und Tag, aber irgendwo habe ich die Daten); er ist Arzt und gegenwärtig in Brasilien. Alberto Caeiro wurde 1889 geboren und starb 1915; er kam in Lissabon zur Welt, lebte aber fast sein ganzes Leben auf dem Land. Er hatte keinen Beruf und fast keine Bildung. Álvaro de Campos wurde in Tavira geboren, am 15. Oktober, 1890 (um 1:30 Uhr nachmittags [...]). Er ist [...] Schiffsbauingenieur (studiert in Glasgow), doch jetzt ist er hier in Lissabon ohne Tätigkeit.
Álvaro de Campos, Ricardo Reis und auch Fernando Pessoa selbst bezeichnen Alberto Caeiro als ihren Meister. Das Schlüsselwerk für die drei ist Alberto Caeiros' O Guardador de Rebanhos (Der Hüter der Herden). Hierbei handelt es sich um einen Gedichtzyklus, der in Anlehnung an die Thematik der Hirtendichtung eine von Pessoa, Campos und Reis als Paganismus bezeichnete Philosophie vorträgt.
Ricardo Reis folgt diesem Paganismus in Form eines klassizistischen Neuhellenismus. Seine Gedichte, die er als Oden bezeichnet, sind stark rhythmisiert. Álvaro de Campos ist weniger an eine äußere Form gebunden; seine Gedichte sind oft ohne festen Rhythmus, doch finden sich auch einige Sonette. Thematisch beziehen sie sich auf ein urbanes Umfeld und präsentieren ihr Lyrisches Ich oft als gescheitertes Genie. Für ihn wie für Fernando Pessoa selbst, ist v.a. der Okkultismus das Bindeglied zu Caeiros' Paganismus. Eines der berühmtesten Gedichte Pessoas, Tabacaria (Tabaksladen), stammt von ihm.
Die Beziehung der vier zueinander (Pessoa selbst mit eingeschlossen) ist nicht einfach zu entschlüsseln. Dies liegt z.T. an der komplexen, oft widersprüchlich erscheinenden Struktur der Texte. So ist der erste Satz des Zyklus Der Hüter der Herden: Ich habe nie Herden gehütet. Es liegt aber auch an den oft irreführenden Kommentaren, die Pessoa über die Heteronyme hinterlassen hat. So sagt Pessoa über den Schreibstil der drei:
[...] Caeiro schrieb schlecht Portugiesisch, Campos akzeptabel, aber mit Lapsus wie "ich selber" anstatt "ich selbst" etc. Reis schreibt besser als ich [!] aber mit einer Reinheit, die ich übertrieben finde.

Nachts im ERSTEN...

Nun, wieso laufen alle interessanten Programme am späten Abend oder in der Nacht? Alle guten Filme, alle interessanten Sendungen?
Erschreckend gerade der Bericht auf TTT im ERSTEN. Gerade habe ich es noch geschrieben: Homophobie allenthalben. Gewalt gegen Schwule und Lesben... Schwuler und Schwuchtel die Hauptschimpfwörter. Und niemand macht etwas dagegen! SCHLIMM!

Nachts in sozialistischen Köpfen des ABK

Sie sind nicht modern diese Menschen, das lässt sich widerspruchslos behaupten. Den Alternativen Block Kehl kann man nicht googlen. Der ABK hat kein Facebook-Profil, kein Studivz, kein wer-kennt-wen, hat kein MSN, noch nicht einmal eine Email-Adresse. Der ABK verweigert sich Twitter, Nachrichten Online lesen, und Blogs erstrecht. Das ist der ABK - und er tut gut daran. Vielleicht. Der ABK - oder richtiger die Mitglieder des ABK - schauen nicht die "Super Nanny" und auch nicht "Raus aus den Schulden", DSDS, Popstars oder den "Frauentausch". Sie verdammen das alles sogar. Ohne sich näher damit beschäftigt zu haben. Doch das darf der ABK. Weil es der ABK ist. Wenn eine Zeitung gelesen wird, dann die Taz. Oder noch linkere Organe.
Der ABK ist nicht zeitgemäß, ich weiß. Und die Frage ist, was mich damit verbindet. Ich chatte, blogge, twittere, schaue gerne besagte Sendungen. Trotzdem fühle ich mich verbunden. Kann dem ABK zustimmen. Kann nachvollziehen, wenn er gegen die Bourgeoisie wettert. Gegen Brunchen am Sonntag vormittag. Gegen Spazieren am Main. Gegen schicke Schuhe in Schicki-Micki-Dissen in Frankfurt. Gegen dieses Sich aufbrezeln und Sehen und Gesehen werden allenthalben. Ich kann verstehen, wenn er für den Sozialismus ist, Hass-Tiraden gegen die neue Regierung loslässt, gegen den Kapitalismus, gegen die Globalisierung, gegen die Umweltverschmutzung. Gegen Manager-Gehälter, schwarze Kassen in der CDU, gegen Koch und gegen alle anderen machtgeilen Schweine da oben.
Mit dem ABK verbunden bin ich seit der Ausstellung zum Sommer ´68 im letzten Jahr in Frankfurt (Historisches Museum). Ich las mir alles durch, schaute mir die Filme an, die Bilder. Und dachte: Wofür haben sie gekämpft diese Menschen? Sind wir 40 Jahre danach weitergekommen? Jüngst las ich eine Umfrage darüber, was Jugendliche in acht Staaten Europas für Einstellungen haben. Nicht nur die Fremdenfeindlichkeit und der Antisemitismus nehmen zu, sondern auch die Einstellung zur Homosexualität, zu Schwulen ist negativer geworden. Die Jugend wird konservativer, Frau am Herd kommt zurück, Männer miteinander knutschen erscheint eklig usw. Vor allem bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund nehmen solche besorgniserregenden Werte zu. Aber wieso? Wofür haben die 68er damals gekämpft? Und warum sind sie selbst so verlogen geworden, vom Steineschmeißer zum Schleimscheißer? Vom Verteidiger von RAF-Mitgliedern zum Rechtsradikalen? Auch bei meiner Arbeit bedrückten mich die Werte meiner Jugendlichen. Ich kämpfte und kämpfte dagegen an.
Der ABK kämpft auch. Und ich wünschte mir, dass er mehr Menschen findet, die ihn unterstützen. Doch wie soll das heute ohne Internet geschehen? Und wer will noch unzeitgemäß links sein? Flower Power und Hippie-Gerede möchte doch keiner mehr haben! Oder? Möchte jemand eine neue alternative "linke" Zelle haben? ;-)

"Der Einzelgänger" von Christopher Isherwood

In wenigen Wochen werde ich nicht mehr viel von der Handlung dieses Romans wissen, aber das macht nichts, darauf kommt es beim Lesen nicht an. In Büchern soll man Erfahrungen, die man gemacht hat, wiedererkennen, die Szenen aus der gegenwärtigen Lektüre mit welchen aus Filmen, aus anderen Büchern, aus dem eigenen Leben vergleichen. Es geht um die Erinnerung, um die Emotion, um das Reifen. So liest man Romane mit mehr innerer Beteiligung, wenn man auf Szenen trifft, die man aus dem eigenen Erfahrungshorizont kennt. Vielleicht begreift der Leser dann, vielleicht weint er, vielleicht ist er zornig, vielleicht deprimiert. Wenn ein Buch es geschafft hat, das innere Eismeer zu durchbrechen, hat es sein Ziel erreicht.

„Der Einzelgänger“ hat dies bei mir geschafft. Wie in der Szene im Supermarkt: Der Protagonist geht einkaufen und sieht die vielen Produkte, die ihm verheißungsvoll entgegenblicken, die sagen: Nimm mich mit! und die guten Appetit versprechen, und denkt dann:

„Kaum bist du in deinem leeren Zimmer, findest du schnell heraus, dass dich die trügerische Elfe Werbung geschickt hintergangen hat. Was übrig bleibt, sind Kartons, Zellophan und Kalorien. Und dir vergeht jeder Appetit. Dieser freundliche Ort ist eigentlich gar keine Zufluchtsstätte. Im Hinterhalt all der Flaschen, Kartons und Dosen lauern erschreckend lebendige Erinnerungen an Mahlzeiten, die eingekauft, zubereitet und verspeist wurden, zusammen mit Jim. Und sie stechen auf George, während er seine Einkaufswagen vor sich herschiebt. Wer nie sein Brot alleine aß…“

Spätestens jetzt weiß der Leser, in dem Fall ich, dass es absolut normal ist; dass viele Menschen dieses Gefühl kennen: im Lidl zu stehen und verzweifelt und deprimiert die Orangensaft-Packung anzuschauen, die ich einstmals mit meinem Ex-Freund gekauft und getrunken habe; die Dinner Mints, unsere Lieblingssüßigkeit, in den Einkaufswagen zu tun, mit Herzstichen.

Die Haustiere, die George und Jim gemeinsam hatten, gibt er aus dem gleichen Grund weg, sie erinnern ihn zu sehr an den alten Freund, den er unsäglich vermisst.

„Der Durchgang zur Küche ist zu schmal gebaut worden. Zwei Leute in Eile, mit Frühstückstellern in der Hand, müssen hier einfach zusammenstoßen. Und genau hier, fast jeden Morgen, wenn George die unterste Treppenstufe erreicht hat, überkommt ihn plötzlich das Gefühl, er stehe auf einem jäh und brutal abbrechenden Felsvorsprung – so als sei jeder weitere Weg von einem Erdrutsch verschlungen worden. Genau hier hält er unvermittelt inne, und ihm wird aufs Neue, fast als wäre es zum allerersten Male, bewusst: Jim ist tot. Ist tot. … Bewegungslos steht er still und wartet darauf, dass die Beklemmung weicht. Dann erst betritt er die Küche. Diese morgendlichen Beklemmungszustände sind viel zu schmerzhaft, als dass ihnen mit sentimentalen Mitteln beizukommen wäre. Erleichterung spürt er erst, wenn sie vorbei sind. Es ist wie das Durchstehen eines bösen Krampfes.“

Doch was heißt Durchstehen?! Jeder, der diese Beklemmungen kennt, weiß, dass diese Gefühle den ganzen Tag ihren Nachhall finden, vielleicht nicht in weiteren Beklemmungen, aber in anderen negativen Empfindungen, in Zorn, Aggression, in Niedergeschlagenheit oder Depression. So ist George den Nachbarskindern gegenüber aggressiv, für sie ist er ein Monster. Diese seine Art konnte er an der Seite von Jim vor diesem verbergen, nun kommt sie zum Ausbruch.

„Was würde Jim sagen, wenn er beispielsweise mit ansehen müsste, dass George mit fuchtelnden Armen wie ein Wilder aus dem Fenster brüllt, während Mrs. Strunks Benny und Mrs. Garfeins Joe aus purem Übermut auf der Brücke hin und her toben?“

Joana Zimmer singt: „I´ ve learned to walk alone“ und wer kennt den Schlager nicht: „Eine neue Liebe ist wie ein neues Leben“. Nach einer Trennung von einem langjährigen Beziehungspartner leben alle Menschen in diesem Spannungsfeld. George bleibt in dem gemeinsamen Haus, weil er die Hoffnung hat, eine neue Liebe zu finden, einen neuen Jim. Doch wie? Das einsame Leben bekommt ihm nicht – diese Bindungslosigkeit. Aber einen Partner zu finden, zumal in seinem fortgeschrittenen Alter? Er ist achtundfünfzig, hat aber den Körper eines Jüngeren, da er regelmäßig ins Fitness-Studio geht. Viele kenne dieses Gefühl: diese Perspektivlosigkeit, dieser fehlende Sinn, wenn man nur für sich alleine lebt, ohne die etwaige Freude mit einem Partner zu teilen, oder die Trauer, den Ärger. Viele können nicht alleine gehen, schon gar nicht, wenn sie das Gefühl haben, dass sie von den restlichen Menschen nicht angenommen werden. Weil sie anders sind, fremd, überlegen, gegen den Strom.

Seine Studenten schwimmen nicht gegen den Strom, sie werden die gleiche Biographie haben wie ihre Eltern, wie alle, die gleichen Gedanken, die gleichen Normen. Die Kinder verhalten sich wie im Fernsehen, imitieren ihre Serienhelden, die Werbung. George übt Gesellschaftskritik, auch in Bezug auf die Menschen in seinem Alter, wenn er im Fitness-Studio feststellt, dass er besser als sie aussieht. Warum?

„Nicht, dass die anderen in besonders schlechtem Zustand wären – es sind ganz gesunde Kerle –, was bei ihnen nicht stimmt, ist ihre fatalistische Einstellung zum Altern, dieses unwürdige Resignieren, Großvater zu sein, in Ruhestand zu treten, Golf zu spielen. George unterscheidet sich von ihnen auf eine Art, die man nicht genau beschreiben kann, die jedoch sofort ins Auge springt, wenn man ihn nackt sieht – denn er hat noch nicht aufgegeben.“

Auch bei seinen Studenten ist der Professor unbeherrscht, gerät außer Kontrolle. Er hält Predigten, redet die Jüngeren nieder. In einem Monolog spricht er vom Verhältnis von Minoritäten zu Majoritäten, ignoriert dabei den Blick eines homosexuellen Studenten.

„Angenommen, diese Minorität wird jetzt verfolgt – ganz gleich, aus welchen politischen, wirtschaftlichen oder psychologischen Gründen. Gründe gibt es immer, ganz gleich, wie falsch sie sein mögen – das ist meine Meinung. Natürlich ist Verfolgung an sich immer falsch; darin sind wir uns doch wohl alle einig. Das Schlimme dabei ist, dass wir hier auf eine weitere liberale Ketzerei stoßen. Der Liberale sagt sich: Weil die verfolgende Mehrheit gemein ist, deshalb muss die verfolgte Minderheit makellos rein sein. Sehen Sie nicht, was für ein Unsinn das ist? Müssen unbedingt alle christlichen Opfer in der römischen Arena Heilige gewesen sein?“

Auch die Minorität hat ihre Aggression, sagt George, sie fordert die Majorität heraus, sie anzugreifen. Sie hasst die Majorität, natürlich nicht ohne Grund. Aber sie hasst sogar alle anderen Minoritäten, weil sie untereinander in Konkurrenz stehen.

„Jede verkündet dass ihre Leiden die schlimmsten und die Kränkungen die tiefsten seien.“

Dabei werden die Minoritäten immer unangenehmer, je mehr sie verfolgt und gehasst werden, was natürlich absolut verständlich ist.

Testcard

Die Testcard wird vom in Mainz ansässigen Ventil Verlag herausgegeben. Hauptverantwortlicher ist Martin Büsser, der die Herausgabe und Redaktion koordiniert. Ihm zur Seite stehen Roger Behrens, Jonas Engelmann, Atlanta Athens und Johannes Ullmaier. Jede Ausgabe widmet sich einem bestimmten Thema. Die letzte # 18 zum Beispiel: Regress. Motto: »testcard« reagiert auf den reaktionären Wandel unserer Gesellschaft – polemisch, analytisch, kämpferisch, aber nicht resigniert... Frühere Ausgaben beschäftigten sich mit Black Music, Linken Mythen, Gender - Geschlechterverhältnissen im Pop, Pop-Texte, Pop und Literatur oder Retrophänomene in den 90ern.
Nach einem einleitenden Editorial gibt es in jeder Ausgabe kleine Essays, die aus verschiedenen Perspektiven die angesprochene Thematik beleuchten. Am Ende der Zeitschrift befindet sich jedoch auch ein sehr umfangreicher und kenntnisreich geschriebener Rezensions-Teil, in dem Tonträger, Bücher und DVDs besprochen werden. Allesamt eher aus dem linken alternativen Spektrum, immer jedoch sehr interessant.
Ausgabe # 17 beschäftigt sich mit dem Thema Sex. Die Intention dahinter liegt in der Erkenntnis, dass in der linken Szene über Sex nicht geschrieben wird. Linker Sex in den 90ern? Er scheint nicht existent zu sein. Doch danach gibt es einen Wandel, der vor allem mit den Gender und Queer Studies zu tun hat. In den Universitäten heiß diskutiert, fanden diese Themen plötzlich Einzug in den Alltag. In dieser testcard möchte man Denkimpulse anregen, die der linken und queeren Community Alternativen zu gängigen Schönheits- und Sexvorstellungen bieten.
Georg Seeßlen zum Beispiel stellt in dem Artikel DIE NACKTEN WILDEN DES KAPITALS zehn Ungebote von Sexualität und Marktwirtschaft auf. Mile Laufenberg schreibt über THE TROUBLE WITH NATURE, d.h. über homosexuelle Körper und das Dilemma der Identitätspolitik. Die Homosexualität, so stellt er fest, sei Schauplatz von politischen, moralischen und religiösen Auseinandersetzungen, Gegensatdn von pädagogischen Programmen und wissenschaftlichen Studien, ökonomische Ressource, Quelle für kollektive Identitäten sowie Framing für Praktiken körperliche rund symbolischer Gewalt. Kurzum, so sagt er, ist unsere Gegenwart besessen von der Figur des Homosexuellen. Im Artikel geht er zunächst auf die Erklärungen von Homosexualität und wie Homosexuelle mit diesen Theorien umgehen, und wie sie sich in der Gesellschaft versuchen zu etablieren. In einem Artikel von Projekt L wird das Projekt (anti)lookism anhand von Shrek und Tokio Hotel erläutert.
Jens Thomas beschäftigt sich mit Homophobie im deutschen Hip-Hop, nach dem Motto: Ich bin nicht schwul, und das ist auch cool so. Darin weist er nach, dass wenn die Homophobie auch geringfügig nachlasse, gerade bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund vermehrt schwulenfeindliche Äußerungen vernommen werden. Die Entgleisungen im Hiph-Hop, so sagt er, sind Teil einer Unterhaltungsindustrie geworden, und meint damit nicht nur die Schwulen-, sondern auch die Frauenfeindlichkeit. So schreibt er über Mario Barth, dass dies für die einen ein Festival der Kalauer sei, für die anderen jedoch spaßig konnotierte sexuelle Belästigung. Er zitiert die Linguistin Helga Kotthoff, die als Kennzeichen dieser spaßigen sexuellen Belästigung das Zurückziehen des Belästiger sei, der dann sage: Ich habe doch nur einen Scherz gemacht.
Atlanta Athens schreibt in ihrem Artikel WIE WAR DEIN BESTER ORGASMUS? über den Film „Shortbus“ und wie darin dazu aufgerufen werde, sexuelle Verhandlungsräume zu erweitern. Simon Dickel schreibt in BLACK MEN LOVING BLACK MEN AND OTHER REVOLUTIONARY ACTS über Positionen zu Begehren und Sexualität in schwarzer schwuler Kultur. Der Porno-Star Michael Lucas redet in einem Interview mit Tjark Kunstreich über Europa, Israel, Amerika und die Schwulen. Kerstin Stakemeier referiert in COME über Möglichkeiten eines wirklich geilen Pornos, und meint damit Pornos für die Frau. Martin Büsser schreibt in FOR YOUR PLEASURE Fragmente einer Porno-Komparatistik. Während Katja Peglow das JUNGSHEFT vorstellt, welches Pornografische Fotos vom Indie-Boy bzw. Indie-Mann von nebenan abbildet. Und das die linke Sexualität ein bisschen auffrischen möchte.
Im Rezensionsteil werden zum Beispiel die CD Good Arrows von TUNGG, Diedrich Diederichsens GOLDEN YEARS – MATERIALIEN UND POSITIONEN ZU QUEERER SUBKULTUR UND AVANTGARDE ZWISCHEN 1959 UND 1974 und TIDELAND, ein Film von Terry Gilliam vorgestellt.
Diese und viele andere spannende Artikel erwarten euch in der Testcard, die man über die Webseite www.testcard.de bequem beziehen kann. Dort findet man auch Informationen zu den alten Ausgaben.

Samstag, 12. Dezember 2009

Hercules & Love Affair

Hafen 2. Es beginnt damit, dass ich diese Location nicht finde. Zunächst. Steige irgendwo in der Pampa aus. Es ist dunkel. Und kein Main in Sicht. Ich laufe hin und her. Nirgends scheint es richtig zu sein. Dann sehe ich zwei Männer. Ich frage sie. Und ja, sie möchten auch dorthin. So laufe ich also diesen fremden Männern hinterher.
Es ist ein Auftrag vom Radio. Ich bin eingesprungen. Klar habe ich schon Lieder von Hercules & Love Affair gehört. Und ich erinnere mich an die Stimme von Antony Hegarty von Antony & The Johnsons. Aber noch nie habe ich ein Video von ihnen gesehen. Ich weiß nicht, wer hinter dieser Band steht. Und ich weiß nicht, ob sie jemand in Frankfurt kennt/mag/schätzt. Der Hafen 2 ist ja nicht gerade groß, aber dafür sehr nett.
Ach, was rede ich. Das Eigentliche ist, dass ich ab Konzertbeginn lächeln muss. Nee, es ist wirklich gar nicht so prächtig, so rein musikalisch. Die sonstige Sängerin Nomi Ruiz, wie ich erfahre, ist gar nicht dabei in Offenbach. Sie ist ein Zwitterwesen, eine Transe oder whatever. Ist ja auch egal. Jetzt wird sie von Daniella und Shaun ersetzt. Und die haben es mir wirklich angetan. Die zaubern mir ein Lächeln auf die Lippen. Sie und diese launige Disco-Musik. Die einerseits an die 70er erinnert, andererseits aber an House und Techno-Remixe der letzten Zeit. Elektro-Musik par excellence. Und dann diese zwei bunten Vögel Daniella und Shaun, mit ihren Glitzer-Oberteilen und schwarzen Leggings. Mit schwarzen langen Rastas, fast wie eine Frau, aber dann einen Schnauzbart, die eine. Die andere mit rumdem weichen Gesicht und flauschigen Locken. Und wie sie sich bewegen. Persiflieren Baccara oder Boney M. und sehen dabei so niedlich aus. Sie flirten mit O., die ich zufällig auf dem Konzert treffe, und mit mir. Sie strahlen so eine Freude aus. Ja, toll, dass wir hier singen dürfen! Für euch zur Freude!
Und dieses Publikum, dass mich an Boys and Girls von BLUR erinnert. Diese Indie/ Alternative Boys and Girls, alle stylish, alle fesch. Die Jungs leicht weiblich, die Mädchen leicht männlich. Grenzen verwischen. Geschlechter werden uneindeutiger. Und wer mit wem schläft, ist hier allen egal. Alle Möglichkeiten stehen offen. Heteros benehmen sich wie Schwule und haben Spaß daran, Schwule bewegen sich männlich und sind ganz Oldstyle-straight-Eighties angezogen. Ich mag die Stimmung, ich mag, wie die alle tanzen. Ja, vor allem die Jungs neben mir. Die sehen so niedlich aus, wie sie sich bewegen. Die Mädchen, die neben mir stehen, fast wie Ballettösen aussehen, fast wie Jazzdancer tanzen. Und ich bin mittendrin und freue mich. Freue mich. Tanze. Singe. Flirte. Schaue auf Andy Butler, dem Kopf der Band, schaue auf die kleine Lesbe, die zweite Kopf der Band ist: Kim Ann Foxman.
Wir stehen nach dem Konzert draußen. Glückliche, entspannte Menschen um uns herum... Und ich mittendrin.

Mittwoch, 9. Dezember 2009

Nachts in Darmstadt mein neuer Freund

Nachts in Darmstadt... es hätte auch anderswo sein können. Vielleicht. Aber es hätte nicht einem anderen passieren können. Vermutlich. Glaube ich zumindest. Vielleicht lag es auch an diesem Abend, an dieser Nacht. Aber... ach, eigentlich war es so wie immer in solchen Nächten.
Es war am Heinerfest. Alle Heiner betrinken sich da. Auch die Odenwälder, die verhinderte Heiner sind. Und auch die, die keine Heiner sein wollen. Wie ich. Aber ich wollte feiern. Zuerst stand ich da, nichtsahnend. Philipp rannte mir in die Arme. Er wollte gleich weiter. Er hatte einen Unsinn getrieben. Einer seiner Lehrer stand plötzlich da, wollte die Polizei rufen. Philipp bat mich, schnell mit ihm zu flüchten. Aber das ist eigentlich eine andere Geschichte. Später war ich mit den Freunden von Philipp im Schlosskeller. Feiern nach dem Heinerfest. Und dann war drei Uhr morgens. Und ich dachte: Ach, da kannst du doch mal langsam Richtung Bahnhof schlappen. Und dann... dann fährt vielleicht ja auch eine Bahn?
Meinen iPod auf den Ohren, Sigur Ros taumeln durch meine Gehirnwindungen. Ich bin wie weggetreten. Denn... so müde... und so trunken... und so...
Ich höre ihn nicht, spüre ihn aber. Plötzlich läuft er neben mir, leicht schwankend. Er quatscht mich dumm von der Seite an. Doch ich verstehe erst mal nichts. Stöpsele meine Kopfhörer ab. "Rauchst du?" - "Nein, ich bin Nichtraucher. Sorry." - Kauf mir bitte Zigaretten!" - "Wieso? Kannst du das nicht selbst?" - "Nein, ich habe es schon versucht, es geht nicht!" Will dieser Mensch mich veräppeln?! Was ist da los? "Also, mein Gutster, genau vor mir ist eine Tankstelle. Da gehste rein, sagst, was du willst und gibst dem netten Mann das Geld. Ok?" - "Oh nein, ich kann nicht. Mach du es! Ich gebe dir das Geld!" Und tatsächlich: Er legt behutsam ein paar Münzen in meine Hand. Na, meinetwegen, denke ich mir. Wahrscheinlich weil ich sowieso benebelt bin. Er folgt mir. In der Tankstelle das absurde Bild: Ich stehe an der Theke, der Verkäufer - mit leichtem nervösen Zucken - gegenüber, er schaut mich schräg an, zieht leicht die rechte Augenbraue hoch. Ich sage: "Er möchte ein Päckchen..." Zum Typen gewandt: "Welche möchtest du?" - "Marlboro Light." Das auch noch, denke ich mir. "Also, er möchte ein Päckchen Marlboro Light." - "Gut", sagt der Verkäufer. Reicht mir das Päckchen rüber. Alles gut. Ich drücke die Zigarettenschachtel dem Typen in die Hand. Wir verlassen den Tankstellen-Shop. Der Typ schaut mich an. Er sagt: "Jetzt musst du mit mir rauchen." - "Ich rauche nach wie vor nicht!" Sein Blick wird leicht unruhig, aber eher kindlich-fordernd. Er sagt: "Doch, jetzt rauchst du eine mit mir. Du hast mir die Kippen gekauft, also rauchst du sie auch mit mir." Äh, was sollte ich darauf antworten. Ich bleibe verdutzt stehen. Dann: "Ja, ich weiß auch ein gutes Plätzchen dafür." Ich kriege es nun mit der Angst zu tun. Doch er meint eine Stelle, die sehr öffentlich ist, an der Straße, man kann sich schön anlehnen. Ich stehe da und rauche eine mit ihm. Dann kommen Leute dazu, schenken uns Bier. Gehen weiter. Der Typ beginnt merkwürdige Unterhaltungen. "Du bist doch schwul, oder?" - "Was geht es dich an? Willst du was von mir?" blaffe ich ihn an. "Nein, nein, ich habe eine Freundin. Aber ihr bester Freund ist schwul. Den finde ich cool. Alles perfekt, habe kein Problem, dass du schwul bist!" - "Wer sagt...." - "Äh, nein, alles cool, das ist schon perfekt so. Ich find dich toll. Du bist korrekt." - "Äh..." Diese Unterhaltung geht minutenlang weiter, ohne rechtes Ziel und ohne Sinn vor allem. Plötzlich steht Ahmet neben uns. Um kurz nach vier oder so. Was macht der denn hier? Er ist der Mann einer Bekannten. Er muss gerade an den Bahnhof. Wir laufen mit. Er muss nach Rödermark. Ah, da fährt der Zug an Frankfurt vorbei. Ich also mit. Der Typ heftet sich an mich. Er möchte auch in Frankfurt übernachten. Schließlich wohne er da auch. "Ja, dann mach doch." - "Nee, geht nicht, das Auto steht bei meiner Freundin, und die wohnt am anderen Ende Darmstadts." Ich frage mich kurz, wieso er dann hier am Bahnhof steht, doch komme auf keine Lösung. Dann geht es hin und her. Ich weiß gar nicht, welche unsinnigen Argumente er hatte. Und wie vernünftig ich darauf reagierte. Oder auch nicht. Denn schlussendlich sagte ich leicht zerknirscht: "Kannst ja auch bei mir pennen..." Im nächsten Moment bereue ich es. Er lächelte glücklich. Was habe ich da nur angestellt? Wir sitzen in der Bahn. Ahmet, der Typ, ich. Ahmet ist wach. Wir beiden anderen nicken ein. Kurz vor der Konstabler wache ich auf. "Ahmet, ich muss raus." - "Und dein Freund?" Oh ja, denke ich mir. Mein neuer Freund. Ich schüttle ihn leicht. Doch er merkt nichts. Meine Bahn hält. Ich springe schnell hinaus. Der Typ hat nichts bemerkt. Ahmet schüttelt drinnen den Kopf. Ich winke. Erleichtert. Der Typ schläft und fährt derweil woanders hin. Bis nach Rödermark? Mir egal. Ich bin nochmal davongekommen, denke ich mir....

Montag, 7. Dezember 2009

Schmerzwach

Ach, ich dachte, dass ich das Wort oder eher die Zusammensetzung der Wörter "Schmerz" und "wach" als ein Wort erfunden hätte. "Schmerzwach" hört sich doch gut an für diesen Zustand. Diesen Zustand nachts, wenn man nicht schlafen kann, weil man so erregt ist, weil man so viele Gedanken durch seinen Kopf schießen lässt, schießen lassen muss, weil man nicht mehr aufhören kann, darüber nachzudenken, über dies und das und eigentlich alles. Dieser Zustand, der einem schon weh tut, weil er so ausweglos ist. Diese innere Unruhe, die fast unerträglich ist. Schmerzwach nenne ich diesen Zustand. Doch ich bin nicht der erste, dem das einfällt. Friedrich Heer hat das Wort wohl erfunden. Siehe hier:

Europas Kultur wurde Weltkultur, geprägt durch Weltstädte: Athen, Konstantinopel, Jerusalem und Rom sind Gründerstädte Europas. Im Zusammenhang mit „Urbanität“ ist der Konflikt zwischen Rom und Athen-Konstantinopel von höchster Bedeutung. - Griechische Urbanität: Offenheit, alle Götter ehren, Menschenleben als Leben in voller Öffentlichkeit (auf Plätzen, in Wandelhallen). - Kennzeichen der urbanen Stadt: die Fähigkeit zur (ständigen) Wiedergeburt, die Befähigung zur Osmose, zum Aufsaugen fremder Elemente, damit also der unersetzliche Charakter der Vielsprachigkeit, der Polyphonie (als Fähigkeit, anderen zuzuhören, sie zu verstehen, sie zu übersetzen, sich in sie einzufühlen [„Polyphonie der Weltstadt: die Weltstadt ist Musik“ - 22]); die urbane Weltstadt ist Gast-Raum, ist Schutzraum, Freiheitsraum, ist Voraussetzung offener Intellektualität.
"Das Sterben der urbanen Stadt ist ein außerordentlich beunruhigendes
Phänomen.… Die technisch-industrielle Zivilisation zerstört die alte Urbanität. … Die Menschheit hat im nuklearen Zeitalter noch nichts erfunden und nichts gefunden, was diesen Ort und diese Ortsbestimmung ersetzen könnte: die Weltstadt als Heimat des unruhigen schmerzwachen Menschen“.Quelle des interessanten Zitats:
Amery, Jean, Friedrich Heer, Wolf-Dieter Marsch: Über die Tugend der Urbanität. Wuppertal. 1969. 33 S. (Das Gespräch. 80.) - Umfaßt drei aus der Sendereihe „Wie urban sind unsere Städte?“ des Bayerischen Rundfunks (2. Progr., 3. 5., 20. 5. und 3.7.1968) ausgewählte Vorträge. Heers Beitrag, gesendet am 3. 5. (= Rundfunk 1968/50), trägt den Titel trägt: "Ein Blick zurück: Die Weltstädte von einst".

Sonntag, 6. Dezember 2009

Sonntagabend-Gefühle

Vielleicht haben es manche Kinder schon im Kindergartenalter...
Vielleicht wurde deswegen der Tatort Sonntag abends erfunden, damit man sich ablenken, durch die Spannung abschalten kann...
Vielleicht wurde "Das Traumschiff" deswegen erfunden, um in andere Gefilde zu flüchten, nicht an den anderen Tag zu denken...
Dieses Sonntagabend-Gefühl, dieses "Scheiße-ich-muss-morgen-zur-Arbeit"-Gefühl, oder in die Schule, zur Uni, was auch immer. Dieses unangenehme Alltagstun...
Dieses maue Gefühl, diese innere Erregung, diese Qual...
Dieses Denken: Scheiße, Mann, ich will das nicht. Nicht schon wieder! Warum muss das denn schon wieder sein? Kann das nicht mal aufhören?! Ich will einfach meine Ruhe haben. Nicht aufstehen müssen, nicht studieren müssen, nicht arbeiten müssen; keine Verantwortung tragen, keine unangenehmen Aufgaben erledigen, nicht erwachsen sein...
Manchmal macht dieses Sonntagabend-Gefühl eine Pause- im Urlaub, in den Ferien. Aber dann fängt es wieder von vorne an. Schlimmer als je zuvor.
Manchmal ist es auch besonders schlimm: Wenn der Stress größer wird, vor Prüfungen, Jahresabschlüssen oder Präsentationen.
Manchmal ist es gar unerträglich, doch wohl nicht zu ändern.

So finster die Nacht

Es war im letzten Jahr. 2008. Der letzte Tag des Museumsuferfestes. Gleichzeitig das Fantasy Film Fest in Frankfurt. SO FINSTER DIE NACHT von Regisseur Thomas Alfredson läuft auf dem Festival. Ich gehe alleine hin. Meine Freunde wollen lieber feiern gehen. Ihr Pech! Denn während ich diesen Film anschaue, breitet sich in mir ein wohliges Gefühl in der Stirn aus. Kennst du dieses Gefühl? So wie beim Yoga oder bei einer Meditation.
Und nun habe ich das Buch von John Ajvide Lindquist gelesen, die Romanvorlage für den Film.
Natürlich, jetzt heißt es: Sicher war das Buch viel viel besser als der Film. Doch ich bin der Meinung, dass man Birnen und Äpfel nicht miteinander vergleichen sollte. Niemand käme z.B. auf die Idee den Geschmack einer Granny Smith mit dem der Pastorenbirne zu vergleichen. So haben Bücher und Filme ganz eigene Möglichkeiten und Begrenzungen. Sie sind ganz unterschiedliche Medien, die verschieden funktionieren. Filme können nicht an unser ureigenes Kopfkino heranreichen. Natürlich hat jeder seine eigenen Bilder im Kopf, die kein Regisseur in einen Film bannen kann. Jeder Menscht hat beim ersten Mal lesen seine eigenen Verknüpfungen und Bilder im Kopf. Im Film sehen die Schauspieler/innen anders aus, auch die Landschaften. Einzelne Szenen, die mich zum Schmunzeln bringen, werden weggelassen, andere aufgemotzt. Das ist eben so.
Bei SO FINSTER DIE NACHT kann man entdecken, dass sowohl der Film als auch das Buch grandios sind. Beide sind ungewöhnlich. Der Film ist eine absurde Mischung eines Astrid Lindgren-Stoffs mit einem reinrassigen Horrorfilm. Um es cineastischer auszudrücken: Er verbindet auf den ersten Blick zwei sehr unterschiedliche Genres miteinander, den Vampir- und den Coming-of-Age-Film. Thomas Alfredson schafft es die spröde, winterliche Atmosphäre des Vorortes Blackeberg mit all seinen sozialen Verwerfungen abzubilden. Sowohl der Film als auch das Buch sind Milieu-Studien, ohne jedoch die Horror-Komponente außer Acht zu lassen. Spannung wechselt sich mit Romantik und Dramatik ab. Im Buch tauchen Elemente des Kriminalromans mit Bildungsromanen und Sozialstudien auf.
Spannend an all dem ist, dass der Gedanke der Vermischung von Vampir-Legende und jugendlichen Außenseitern gar nicht so fern liegt. Liegt ihnen doch beiden die Erforschung der eigenen Identität und das Anderssein zugrunde. Beim Anderssein wird der größte Unterschied zwischen den beiden Medien deutlich. Um den Film nicht noch komplexer zu gestalten, verzichtet Alfredson im Film weitestgehend auf der homosexuellen Komponente der Geschichte. Nur sehr subtil wird auch im Film klar, dass die vermeintliche Heldin Eli keine genuin weibliche Geschlechtsidentität besitzt. Eli ist nicht etwa die Abkürzung für Elisabeth oder Eliane, sondern für Elias. So dass nicht nur die Frage nach der glechgeschlechtlichen Ausrichtung der "Liebesbeziehung" von Oskar und Eli gestellt werden kann.
Nein, im Roman wird es noch viel deutlicher: Hakan, der vermeintliche Vater Elis ist nicht tatsächlich der Vater. Vielmehr ist er ein pädophiler Lehrer, der sich in Elias verliebt. Er wird für Eli zum Mörder, besorgt ihr/ihm das nötige Blut. Er geht sogar noch weiter: Er verstümmelt sich selbst für diese Liebe, wird zum Monster, das später aufgehalten werden muss. Hakan ermordet nur Jungs, denen er im Wald auflauert oder auch im Schwimmbad. Lindqvist schafft es in den entsprechenden Szenen nicht nur, das grausige Töten klar und präzise zu formulieren, sondern auch die perverse Lust, die sie dem Mörder bereitet.
SO FINSTER DIE NACHT oder LAT DEN RÄTTE KOMMA bzw. LET THE RIGHT ONE COME IN ist aus mehreren Gründen sehr spannend. Die Dialoge nie kitschig, die Atmosphäre düster, die Spannung mitunter fast unerträglich....

Mitten in der Nacht mein Nachbar

Mitten in der Nacht, zumindest für mich. Sonntag. Es ist noch dunkel, die Dämmerung noch nicht herangekrochen. Ich werde durch Geräusche wach. Ein Schlüsselbund, der unsicher aus der Jackentasche gezogen wird. Der richtige Schlüssel, der verzweifelt gesucht wird. Und dann das Schlüsselloch finden. Doch wieso an meiner Tür? Wer soll das denn sein? R. hat den Ersatzschlüssel, doch wieso sollte er ihn mitten in der Nacht unangemeldet benutzen und in meine Wohnung eindringen? Um wieviel Uhr? Ich schaue auf das Mobile, das neben meinem Bett auf dem Boden liegt, falle fast aus dem selbigen dabei. 6 Uhr 30. Sonntag. Plötzlich klingelt es. Ich stolpere müde und wie benommen an die Tür. Ist es R.? Ist er betrunken? Keine Ahnung. Automatisch öffne ich die Tür, ohne die Sperrvorrichtung zu nutzen, die mich schützen könnte. Und daher kommt es, wie es kommen musste, als ich die Türe öffne. Der Mann läuft ohne Nachzudenken in Richtung meine Wohnung. Ich halte ihn jedoch fest, meinen griechischen Nachbarn. Schiebe ihn wieder zurück ins Treppenhaus. Wankend schaut er mich an. Ich sage: "Ähm, Entschuldigung, es ist die falsche Wohnung. Du musst nach oben." Er ist betrunken. Sehr betrunken. Oder etwas anderes. "Ah, kala les", sagt er auf griechisch. Er wendet sich ab, ich schließe die Türe. Lege mich wieder ins Bett. Dort mache ich mir so meine Gedanken. Fünf Jahre wohne ich in diesem Haus. Genauso wie er. Noch nie hatten wir miteinander geredet. Obwohl wir beide einen griechischen Nachnamen haben, im gleichen Alter sind, und scheinbar auf der gleichen Wellenlänge. Merkwürdig. Spooky. Und dann: Wieso hätte ich mich gefreut, R. zu sehen? Wieso dachte ich: Ey, cool, R. soll sich in mein Bett legen, reuig, schmusig wie eine Katze, schöne Worte säuselnd? Was ist falsch an dem Bild? fragte ich mich selbst. Und dann schlief ich wieder ein...