Freitag, 25. Dezember 2009

Eine Antwort an R. - Alberto Caieros Poesie

Manchmal ist das Ganze etwas unfair. Der eine möchte nichts von sich in einem Blog lesen (wie z.B. P.), der andere möchte nur Gutes von sich lesen, wieder ein anderer nur Wahres, der letzte vielleicht nur Erfundenes. Ich gehöre sicherlich nicht zu denjenigen, die von sich behaupten, immer DIE WAHRHEIT zu sagen. Denn ich weiß, dass es DIESE EINE WAHRHEIT nicht gibt. Bestimmt gehöre ich ebenso wenig zu den Schmeichlern und Charmeuren. R., um ihn als Beispiel zu nehmen, hat das Gefühl, nicht immer so gut wegzukommen in meinen Beschreibungen. Kann sein, muss nicht sein. Und sicherlich trifft das auf andere ebenso zu. Doch darauf möchte ich mit einem Gedicht antworten. Geschrieben hat es Alberto Caiero in seinen POESIEN. Schön finde ich, dass sein Meisterschüler Ricardo Reis das Vorwort dazu verfasst hat. Seine Worte klingen mir noch in meinen Ohren: "Caeiros Leben läßt sich nicht erzählen, denn von ihm als Person gibt es nichts zu erzählen. Seine Gedichte waren sein Leben." Wie verhält es sich nun mit mir als Autoren? Als Autoren meines Blogs? Sind meine Posts im Blog mein Leben? Ist dort die wahre Realität zu finden? Und was sagt das über mein Verhältnis zu C.H. oder gar zu R. aus? Auf Seite 65 meiner Ausgabe der POESIAS in Vers XXIX liefert mir Caiero eine Annäherung an den Kern meines Problems:

Nicht immer bleib´ ich mir gleich bei dem, was ich sage und schreibe.
Ich wandle mich, doch ich wandle mich wenig.
Die Farbe der Blumen ist im Sonnenlicht anders,
Als wenn eine Wolke vorüberzieht
Oder es Nacht wird
Und die Blumen die Farben des Schattens annehmen.

Wer aber genau hinsieht, erkennt, es sind die gleichen Blumen.
Deshalb seht genau hin,
Wenn es scheint, als stimmte ich nicht überein mit mir:
War ich zuvor nach rechts gewandt,
So kehrt´ ich mich nunmehr nach links,
Bleib´ aber immer ich und steh´ auf denselben Füßen -
Der Immerselbe dank Himmel und Erde,
Dank meiner Augen und wachen Ohren,
Dank meiner klaren seelischen Schlichtheit...
Das führt am Problem vorbei? Und was hat R. von diesen Zeilen? Keine Ahnung. Das muss jetzt jeder selbst hineininterpretieren. Das In-etwas-Hinein-Interpretieren ist vielleicht genau die Schwierigkeit an dieser ganzen Sache. Der Blog ist eine Art von Wahrheit. Das Leben eine andere. Was veröffentlich wird, ist eine Wahrheit, muss aber nicht kongruent zu der realen sein. Vielleicht ist im Blog die Blume im Schatten, aber in meinen Gedanken danach in der Sonne. Vielleicht erwähne ich eine eher negativ bewertete Eigenschaft in einem der Texte des Blogs. Vielleicht denke ich im nächsten Moment, ach, der soundso ist so liebenswert, schreibe das aber nicht auf, weil es nicht in den Text gehört. R. ist ein sehr aufmerksamer Leser des Blogs, und das freut mich sehr. So wie ich mich über jeden einzelnen Leser und jede einzelne Leserin wahnsinnig freue.

Zwei Anmerkungen muss ich zu dem Post noch machen:
a) die beiden genannten Autoren Caeiro und Reis sind Erfindungen oder besser gesagt Heteronyme von Fernando Pessoa.
b) R. ist ein wundervoller, genauso sensibler wie liebenswerter Mensch. Und er hat sicher mehr schöne Eigenschaften als Macken. Das weiß ICH am allerbesten. ;-)

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