Dienstag, 21. August 2012

Fortsetzungsroman: Moody Blue 5

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Wenn das alles nach seinen Wünschen läuft, schafft er es bestimmt, eine Lernstrategie zu finden und wird endlich erfolgreich in seinem Studium, dann wird er sich auch wieder für das Theaterspielen Zeit nehmen können. Vielleicht klappt es. Ich schlug nun vor, eine kleine Rast zu machen, wir waren am Rheindamm angelangt und zehn Meter von uns entfernt stand eine Bank. Auf diese setzten wir uns, schweigend. Er schaute nun um sich, betrachtete die Bäume, die majestätisch vor dem Rhein ragten. Nach wie vor gingen mir diese Gedanken durch den Kopf: Dieses verdammte Sex-Angebot. Es verwirrte mich, da ich lange Zeit nicht mehr an so etwas gedacht hatte, so etwas überhaupt nicht erwartet hätte. Levent schwieg. 
In der Dunkelheit konnte man ein kleines Leuchten erkennen, da hatten welche Kerzen aufgestellt. Wer ist das? fragte er. Wahrscheinlich ein paar Jugendliche, die kiffen wollen, sagte ich. Lass uns hingehen, forderte er mich auf. Wir liefen durch das Gestrüpp, machten zwei Gestalten aus, einen Jungen und ein Mädchen. Sie drehten ihre Köpfe zu uns, hauchten scheu ein Hallo. Stören wir euch? fragte Levent. Nein, nein, setzt euch zu uns, entgegnete das Mädchen, das nun nicht mehr so scheu wirkte. Es ist sogar sehr schön, dass ihr gekommen seid, setzte sie fort, vielleicht hätten wir uns zu zweit gelangweilt. Dabei schaute sie ihren Begleiter lächelnd an. Ist sie immer so charmant? fragte ich ihn. Meistens, antwortete er mit süßer Stimme. Er erinnerte mich ein wenig an den Eisverkäufer bei Lino´s, unserem Italiener an der Ecke, der sich schminkt und jünger aussieht, als er vermutlich ist. Sie war sehr hübsch, hatte wohlgeformte Brüste, lange Beine, schöne wallende Haare, ein makelloses Gesicht. Eine Frau, mit der sich jeder Junge, der „normal“ veranlagt war, gerne schliefe. Wahrscheinlich auch Levent, dachte ich sofort bei ihrem Anblick. Während wir es uns auf den Decken gemütlich machten, fragte ich die beiden, was sie eigentlich vorhatten. Wir wollten uns besaufen, sagte das Mädchen. Wir stellten uns gegenseitig vor, tranken Brüderschaft. Das Mädchen hieß Stefanie und war 18 Jahre alt, der Junge hieß Tobias und war im gleichen Alter. 
Irgendwie sah er mit seinen zarten Gesichtszügen sehr sanft aus, so als könnte er kein Wässerchen trüben und ließe sich vor allem nicht mit einer Sexbombe ein, mit der er sich dann einsam im Rheinwald besoff. Und mit der Zeit bestätigte sich mein Eindruck. Während sie anfing mit Levent zu flirten, zweideutige Anspielungen in dessen Richtung warf, verfinsterte sich der Blick von Tobias, doch ich konnte nicht glauben, dass es Eifersucht oder Neid sein sollte, eher Ärger darüber, dass sie sich notgeilerweise auf einen Jungen stürzte und sich nicht daran störte, dass er sich jetzt vielleicht langweilen könnte. Ich kümmerte mich um ihn, begann eine Unterhaltung, fragte ihn, ob er noch Schüler sei und auf welcher Schule, was er sonst noch so treibe und dergleichen Dinge, die man klärt, wenn man sich gerade kennenlernt. Währenddessen ging es bei den beiden anderen immer heißer zu, Tobias konnte es nicht mehr  mitansehen, seine Gesichtszüge veränderten sich zwischen irritiertem Zucken, finsterem Starren und enttäuschtem Funkeln, so fragte ich ihn, ob er ein wenig mit mir spazieren gehen wolle. Wir liefen den Waldpfad entlang, auf dem ich sonst joggte, wenn ich das Gefühl hatte, etwas für meine Figur und meine Fitness machen zu müssen. 
Tobias war gepflegt und gut gekleidet, fand ich – er trug eine schwarze, samtene Schlaghose, ein bequemes blaues Hemd aus Nikki-Stoff und schwarze Skater-Schuhe von der Firma Etnies –, schlank und nicht besonders hübsch. Seine zarten Gesichtszüge waren zu zart, zu konturlos, seine Haut zu blass, seine Ohren zu unförmig, seine Frisur zu brav, nur seine Augen stachen heraus, seine kalten grünen Augen, in denen ein warmer Stich brauner Farbe eine Insel bildete. Er war ein bisschen größer als ich. Daher standen ihm die Schlaghosen so gut. Trotzdem hatte er etwas Anziehendes an sich, eine Sensibilität, eine Verletzlichkeit, die vielleicht meinen Beschützer-Instinkt anstachelte. Was ist los? fragte ich ihn. Nichts, entgegnete er mir, was sollte denn los sein? Bist du eifersüchtig auf Levent? fragte ich ihn. Ich glaubte das natürlich nicht, denn ich hatte das Gefühl, dass er Mädchen nicht unbedingt begehrte. Nein, ich bin nicht eifersüchtig, sagte er, ich stehe nicht auf sie, wir sind eher wie Bruder und Schwester zueinander. Ja, als Bruder kann man doch eifersüchtig sein, meinte ich. Das stimmt, erwiderte er, allerdings bin ich nicht so kindisch, nein, ich verstehe den Unterschied: Ich bin der Bruder und andere Jungs können Liebha-ber sein, das ist nicht das Problem, nein, mich stört nur, dass es immer das Gleiche ist, sie trinkt zuviel und verführt einen x-beliebigen Jungen, der gerade auftaucht. Ich meine, nichts gegen deinen Freund, er mag ja ganz nett sein, aber ich habe ein schlechtes Gefühl bei ihm, er könnte böse oder gemein sein, man weiß ja nie. Nun, das könnte er, erwiderte ich, aber das wäre ja dann ihr Problem, sie wäre selbst daran schuld, nicht du. Findest du? Ich als Bruder könnte sie doch zu beschützen versuchen. Naja, Tobi, ich habe den Eindruck, dass sie sich selbst wehren kann. Und die Frage ist, wer wem wehtun wird. So sprach ich und kam mir sehr klug und erwachsen vor. 

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