Sonntag, 10. Oktober 2010

Sehnsucht nach Sonne von Roland Gramling

Donnerstag Nachmittag, Buchmesse, 17 Uhr, Sektempfang, Querverlag, wie immer, jeden verdammten Buchmesse-Donnerstag in Frankfurt. Alle freuen sich schon seit Wochen darauf, vom charmanten und supernetten Jim Baker verwöhnt zu werden und interessante Leute aus der schwullesbischen Verlags-"Szene" kennenzulernen. Diesmal stellt er mit den sympathischen Autoren Roland Gramling, dessen Roman "Sehnsucht nach Sonne" (siehe ein paar Posts zuvor) gerade gelesen habe.
Zwei Jahre zuvor: Roland Gramling hatte gerade den Roman "30 Grad" geschrieben und mein Kollege hatte ihn für Radiosub interviewt. Ich fand "30 Grad" in meiner Rezension wohl etwas überambitioniert, weil ich den Verdacht hatte, dass Roland Gramling der Armistead Maupin Frankfurts werden möchte... Ich habe den Verdacht immer noch. Aber zunächst der Plot von 30 Grad, bevor es mit der Fortsetzung weitergeht:

Der Fixpunkt des Romans Frankfurt 30 Grad ist Tina Sternheims Wohnhaus in der Ackerpflaumenallee 33. Hier ist der Dreh- und Angelpunkt ganz verschiedener Großstadt-Persönlichkeiten. Roland Gramling lenkt den Blick auf ihr Suchen und Finden, auf Hoffen und Harren und ihre Träume und Triebe. Alles beginnt und endet mit Luke, einem jungen Schwulen, der von der Lüneburger Heide nach Frankfurt zieht. Ihn hat die Liebe zu seinem Jugendschwarm Samuel in diese Großstadt gezogen. Die dunkelhäutige Sarah wird in der Ackerpflaumenallee seine Mitbewohnerin. Sie ist eine Polizistin und legt gerade ihre Kommissarinnen-Prüfung ab. Sie ist Lesbe und gerade von ihrer Freundin Melanie verlassen worden. Die Wohnhaus-Besitzerin Tina Sternheim ist eine Tochter aus gutem jüdischen Hause. Sie schreibt Kinderbücher und hat zwei Kinder. Ihr Bruder Meiko ist schwul und bedient gerne jedes Klischee. Er ist ein so genannter „Universalschwuler“. Tom ist ein früherer WG-Mitbewohner. Er ist ein Banker und Schlipsträger. Ausgezogen ist er, um mit seinem ebenso vernünftigen wie langweiligen Freund Sven zusammenzuwohnen. Wichtig sind neben diversen anderen Figuren auch Marco und Jörg, die beide im schwullesbischen Altenwohnheim arbeiten und auch zusammenwohnen. Marco ist HIV-positiv, was uns zu unserem Hauptthema der ersten Stunde heute führt… (aus meiner Rezension, die ihr auf www.radiosub.de - Kulturecke - finden könnt)

So, in "Sehnsucht nach Sonne" geht die Geschichte weiter, der zweite Teil der "Frankfurter Geschichten", der sicherlich nicht der letzte Teil ist, und darüber freue ich mich. Zwar hatte ich geschrieben, dass er nicht an Armistead Maupin nicht heranreicht, aber für die Frankfurter Szene (und da nicht nur die Schwulen und Lesben) ist dieser Roland Gramling sehr wichtig.

Marco und Thomas sind nun ein Paar und es läuft sehr gut bei ihnen, bis... ja bis... die verhasste Mutter von Marco stirbt und ihm Geld und vor allem ein Haus im Rheingau hinterlässt. Das möchte er zunächst - trotz der unpraktischen Klausel im Testament - verkaufen, doch dann... passiert etwas mit ihm, er entdeckt, dass dies auch eine Chance, eine neue Herausforderung werden kann, und beschließt, das Haus mit seiner spektakulären Transenfreundin Marge zu renovieren, was Thomas nicht gerade begeistert. Marcos Arbeitskollege Jörg ist jetzt seit Jahren mit Tina Sternheim zusammen, doch auch das wird auf eine Probe gestellt, als er von ihr wissen möchte, wann sie zusammen ziehen. Sie macht einen Rückzieher, aus Angst vor zu viel Nähe. Er wiederum kriegt ein Angebot, einen lukrativen Job in Miami anzutreten, bei seiner Ex übrigens. Wird Tina ihn zurückhalten? Nicht weniger beziehungsfeindlich ist Tinas Bruder Meiko, der beschlossen hat, auf ewig ein Single zu bleiben, Spaß und reichlich Sex mit verschiedenen Partnern ist wichtiger. Doch dann lernt er den bulgarischen Stricher Dejan kennen. Meiko und Luke, die in "30 Grad" so gute Freunde waren, und es ja noch sind, haben die meiste Zeit über Streit im zweiten Teil. Der entbrennt durch die Verliebtheit Lukes in Cem, dem Deutsch-Türken, der quasi einen Kulturkonflikt mit dem Deutschen erlebt. Auch Sarah und Basimah, die beiden Lesben, haben nicht mehr Glück. Seit Wochen beschäftigt sich Sarah mehr mit ihrem neuesten Fall als mit ihrer Freundin...

Als Schwuler, als Lesbe, aber selbst auch als Heterosexueller in Frankfurt findet man sich hier in dem Roman wieder. Roland Gramling merkt man an, dass er sich in der Frankfurter Partyszene, vor allem im "Bermuda-Dreieck" sehr gut auskennt, aber nicht nur dort. So erzählt er vom Markt auf dem Friedberger Platz am Freitag (und ich bin da Anrainer!), der wahrscheinlich ursprünglich auch eine schwule Domäne war, er erzählt von den ganzen Spelunken und Clubs in der Alten Gasse und in der Schäfergasse. Meiko lässt er den Besitzer des "Blue" sein, wahrscheinlich ist da das "Blue Angel" gemeint, das in der Realität aber zu hat, dafür ist ja da das "Travolta" drin. Auch andere Kaschemmen erkennt man wieder, vor allem die, in denen auch gerne einmal Stricher verkehren.

Es ist ein interessantes Buch und lesenswert, vor allem für Frankfurter, oder für Menschen, und die gibts es viele (durch die Messen), die gelegentlich in Frankfurt unterwegs sind. Es ist etwas für Gayromeo-Nutzer und auch ein bisschen ein Kriminalroman, es ist ein Brevier, das hilft, Beziehungen zu führen (;-)) und es ist auch ein Schwulen- und Lesbenratgeber. Manchmal ist es allerdings auch zu redselig, zu ambitioniert, wie auch der erste Teil "30 Grad" bereits.

Wenn ich ihn interviewen sollte, würde ich fragen, wie die Recherche vonstatten ging, wo er überall war, was er erlebt hat, was er davon in seinem Roman verarbeitet hat. Welche Geschichten wurden ihm erzählt, von wem überhaupt, hat er mit bulgarischen Strichern persönlich geredet, oder mit den Leuten von der Aids-Hilfe, die diese betreuen? Ich habe den Verdacht, dass er immer wieder zu den Figuren zurückkehren möchte, sie leben - daher würde ich ihn fragen, wie die Figuren mit ihm reden, welche Eigengeschichte sie haben, ob er zum Beispiel im ersten Teil ursprünglich bestimmte Figuren in den Hintergrund treten lassen wollte, sie sich aber im zweiten aufgedrängt haben. Wieviele Frankfurt-Romane schreibst du noch, würde ich ihn fragen, und ich würde ihn nach den pikantesten Geschichten fragen, die er aus der Szene kennt, und er wird einige kennen, da bin ich mir sicher. :-)

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