Sonntag, 31. Oktober 2010

Über Universen - Teil 2 -

Später, als ich selbst beginne zu schreiben, so einfach drauflos, mit einem kleinen Plan im Kopf, dass die Handlung so und so sein soll, die Figuren die und die Charaktereigenschaft haben und das und das sagen sollen, merke ich plötzlich, dass die Figuren ein Eigenleben besitzen. Wie oft haben sich in meinen Geschichten Figuren mehr Raum erkämpft, haben ihre Rolle in der Erzählung zu einem Maximum vergrößern können, wie oft sind andere groß gedachte Figuren zusammengeschrumpft. Die Personen in meinen Geschichten wachsen mir regelmäßig ans Herz, sie sind wie Freunde, das geht dann auch so weit, dass ich sie nicht sterben oder nicht unglücklich leben lassen möchte. In manche meiner Figuren habe ich mich gar „verliebt“, wenn das überhaupt möglich ist. In den Anfängen meiner „Schreibarbeiten“ habe ich auf dem Blatt Papier das ausgelebt, was ich in der Realität nicht schaffen konnte, die erste Liebe, der erste Kuss, der erste Sex – alles das hatte ich zuerst in meinen Erzählungen. Schreiben als Therapie ist in dem Fall das erste Stichwort, es ist mir bewusst, und es ist sicherlich eine Antwort auf die Frage, warum Autoren schreiben – sie schreiben sich den Frust von der Seele, verarbeiten Wunden, läutern sich, finden im Geschriebenen eine Lösung, wie sie mit bestimmten Situationen umgehen sollen. Doch dieser Punkt ist damit nicht abgeschlossen, nein, erstens funktioniert dieses als Therapie Geschriebene als wundervolles Tagebuch, in dem man noch Jahre danach gerne blättert und darüber schmunzeln kann, welche Probleme einen einmal beschäftigt haben, zweitens sind diese „erfundenen“ Figuren wie alte Freunde, irgendwo in seinem Kopf in irgendwelche Gehirnwindungen versteckt gehalten, die plötzlich ans Tageslicht treten, und mit ihnen diese „erfundenen“ Geschichten, die genauso „wahr“ sind wie alle anderen Erinnerungen an das vergangene Leben.
Ich lese mir alte Texte von mir durch und plötzlich tun sich ganze Welten auf, nicht nur die Geschichten selbst, sondern auch die Zeit, in der ich das geschrieben habe, der Ort, die Menschen, die damals um mich herum waren, mir fällt ein, was ich zu der Zeit alles getrieben habe, wen ich mochte, wen ich liebte, mit wem ich gerade nicht sprach, weil wir Streit hatten, mir fallen Partys ein, Getratsche, das ich auf diesen hörte, alles alles alles, eine ganze Welt das, und dieses Eintauchen darin erfüllt mich, macht mich glücklich.
Ich lese viele Bücher, quer durch die ganze Weltgeschichte durch, ich habe Bücherlisten, die ich abarbeite, einerseits sind das Bücher, die ich rezensieren soll, andererseits sind es Bücher, die ich irgendwo aufschnappe, in einem Feuilleton vielleicht, von Gleichgesinnten, aber auch aus den Büchern selbst. Ich mag es, wenn Autoren andere Autoren zitieren, wenn sie fremde Texte als Querverbindung benutzen. Querverbindungen, die bei Büchern automatisch entstehen. Es ist doch so, dass einem beim Lesen plötzlich Bilder in den Sinn kommen, Erinnerungen an das eigene Leben, an Situationen, die man erlebte, an Orte, die man besuchte, an Sätze, die man anderswo hörte. Mich fasziniert, dass in bestimmten Phasen mir hintereinander Bücher in die Hände fallen, die thematisch, emotional oder auf sonst eine Weise zusammengehören, zumindest in meinem Kopf. Und wenn ich schreibe, habe ich die Vorstellung, dass jemand anders mein Werk in der Hand halten könnte, sich ihm dabei ganze Universen von Geschichten, Büchern, Filmen, Gehörtem, Erlebtem auftun, und meine Erzählung ein kleiner Teil davon ist. Aber ich möchte noch mehr, so sehr mich viele Romane, die ich lese, noch mehrere Tage lang beschäftigen, beeindrucken, beeinflussen, möchte ich das mit meinen Texten genauso erreichen.
Seit einigen Monaten blogge ich und dabei habe ich zwei schöne Erfahrungen gemacht: Zum Einen, dass sich Freunde per Email oder am Telefon meldeten, von sich erzählten, und sich dabei auf meine Worte bezogen, auf meine Formulierungen, sie übernahmen oder paraphrasierten, sie in ihr Leben mitnahmen. Zum Anderen, dass wildfremde Menschen mir hilfreiche Kommentare oder mehr oder weniger nette Emails schrieben, um mir etwas über die gelesenen Texte mitzuteilen.
In einem Posting in diesem Blog schrieb ich über Gabi Kreslehner, einer Bekannten von mir, deren Bücher ich sehr wegen ihres Tons mag. Ihr Buch „In meinem Spanienland“ hatte ich in der Bahn gelesen, plötzlich kamen mir Tränen, weil mich die Erzählung so berührte – das schrieb ich genauso in meinen Blog. Als ich Gabi Kreslehner das letzte Mal traf, erzählte sie mir davon, wie sie kürzlich im österreichischen Rundfunk interviewt wurde und die Moderatorin ihr plötzlich sagte, dass ein junger Mann bei ihrem Buch geweint habe, wie sie im Internet nachlesen könnte. Gabi Kreslehner kicherte nur und behielt für sich, dass sie diesen jungen Mann kennt. Solche kleinen Anekdoten gefallen mir, sie machen mir Spaß, sie machen mir Mut, sie erfreuen mich deshalb, weil ich gelesen werde, weil mit dem, was ich geschrieben habe, etwas gemacht wird. Meine beste Freundin schreibt mir regelmäßig Sonntagabends über ihre „Sonntagabend-Gefühle“ und bezieht sich auf einen meiner Blog-Einträge. Das Wort „Integrationist“, das ich im Blog erschuf, ist ein stehender Begriff bei uns auf der Arbeit geworden. Etwas, das ich geschrieben habe, ist ein Teil eines Universums eines anderen Menschen geworden. Ja, ich glaube, das ist der Grund, warum ich schreibe, aber warum auch Filme, Fotos, Musik oder Tanz meine Medien sein können, in die Universen anderer Menschen zu gelangen…

Kommentare:

  1. Bamm, sehr gut. Selbstehrlichkeit, dass man nicht nur schreibt, um vielleicht einem Hobby nachzugehen, sondern "man schreibt um gelesen zu werden", weil es nichts geileres gibt, als Teile der selbst geäußerten Philosophie irgendwo im Leben wiederzufinden. Um sich selbst irgendwie wiederzufinden.
    Einer der wenigen, der so ehrlich ist und sagt, dass er etwas mit seinen Worten zu tun haben will, muss er dazu Stellung nehmen, mehr als "ist doch nur Spaß" (auch wenn es genau der natürlich auch sein kann). Außerdem ist es immer wieder eine Hürde, den inneren Schweinehund zu überwinden, der einen hin und wieder daran zweifeln lässt, dass was man ins Leben "einpflanzt" könne evtl. nicht das sein, was man wirklich wiedertreffen will, wenn man es irgendwann antrifft.

    Ich habe leider erst in meinem Leben bei einem Buch auf meinem Zähler, als nie medikamentiertes ADS-Kind wirds dabei wohl auch bleiben, denn die Selbstmedikation hattvon einer extrem geringen Aufmerksamkeitsspanne zu null Aufmerksamkeit geführt.

    Deshalb bin ich auch vor einem Jahr, als ich anfing ein bisschen vor mich hinzukritzeln, wohl auch schlussendlich bei Gedichten gelandet und werde dort auch bleiben, aber wenn du rezensierst, dann kannst du mir nächstes Jahr im Mai mal einen Gefallen tun, wenn du magst ;-P

    Hab heute ein Gedicht gepostet, was glaube ich zur Gefühlslage, die man als Autor dann und wann hat,ganz gut beschreibt:

    http://makaveli85.wordpress.com/2010/10/31/psychologie-fur-menschenkenner-1/

    Haste Lust auf adden in die Blogroll?

    Peace

    Basti

    AntwortenLöschen
  2. hey mein lieber basti,
    vielen dank für deinen langen kommentar! ja, cool. super, dass du dir so viele gedanken darüber machst. der grund für den text ist, dass mir in der textwerkstatt darmstadt (schreibwerkstatt), die aufgabe gestellt wurde: "Warum schreibst du?"
    Ja, und tatsächlich: wenn man nur des spaßes willen schreiben würde, dann müsste man doch nicht bloggen, oder? der blog an sich ist doch schon selbstdarstellung pur. warum stelle ich die texte rein? um mich selbst daran zu erfreuen? Oder weil ich möchte, dass andere diese texte lesen? Und möchte ich nicht, dass sie mir hinterher (egal ob per kommentar online oder in der realität) auf die schulter klopfen? ist das schreiben nicht der wunsch nach aufmerksamkeit? nach anerkennung?
    ja, das mit dem ads und so kann ich recht gut verstehen. ich habe da auch so meine schwierigkeiten. aber durch das lesen von büchern habe ich mich recht gut trainiert mittlerweile, so schaffe ich es auch, mal etwas länger zu schreiben. mache aber auch viele pause, werde leicht abgelenkt, stehe gelegentlich auf, mache andere dinge. ich könnte mich nicht morgens um 9 uhr hinsetzen und schreiben, und dann nur zum mittagessen aufstehen, um dann erst wieder am abend aufzuhören. geht gar nicht. deswegen kann ich zum beispiel auch nicht gut lernen. drei stunden maximal am tag.
    gerne tue ich dir einen gefallen, wann du willst: auch im mai 2011. :-)))
    ganz liebe grüße,
    jannis

    AntwortenLöschen
  3. Ja, das mit dem Lesen ist halt schon shit, zum Glüc schlägt sich das mit der Aufmerksamkeit beim Schreiben nicht wirklich nieder, im Gegenteil, da habe ich manachmal sogar das Gefühl, dass es mir dabei sogar entgegen kommt.

    Was rezensierst du denn so? Hast du auch Erfahrungen mit kleineren Verlagen (also keine DKZV´s)?

    Das schreiben an sich ist noch nicht mal so das Ding, aber die Gedanken die dahinter stehen eben schon (abgedroschen, ich weiß ;-P)
    Ich habe noch nie etwas erlebt, was einem wertvoller erscheinen kann als der Gedanke, der einem dann und wann kommt, wenn dieser dann plötzlich auch noch rausgeputzt vor dir auf Papier gebannt zu lesen ist, man selber am Besten noch ein Feedback bekommt, der einem unter Beweis stellt, dass das "Päckchen" ohne "Frachtschäden" beim "Endkunden" auch noch "Fristgerecht" abgeliefert wurde, dann ist das schon ein geiles Gefühl.

    Peace

    AntwortenLöschen
  4. hey basti,
    die größe der verlage ist mir egal. ich rezensiere für das radio, genauer gesagt radio x, für das schwullesbische magazin radiosub. auf radiosub.de findest du auf der seite kulturecke meine rezensionen. http://www.radiosub.de/index.php?option=com_content&view=section&layout=blog&id=12&Itemid=65
    und natürlich rezensiere ich auch hier für den blog. wenn du mir früh genug bescheid gibst und schon den text vor der veröffentlichung zur verfügung stellst, kann ich auch versuchen die rezension woanders unterzubringen. :-)
    bin ja schon sehr gespannt darauf! :-)
    lg, jannis

    AntwortenLöschen