Sonntag, 27. Juni 2010

Der Arzt (und weiter gehts...)

Sind Sie, lieber Leser, ebenfalls so entscheidungslos wie ich es bin? Falls ja, brauche ich Ihnen ja nicht zu erzählen, wie man sich das Leben schwer machen kann. Man verhält sich in dem Moment, in dem man sich entscheiden muss, gerade so, als ob es um Leben oder Tod ginge, oder als hätte die falsche Entscheidung in jedem Fall weitreichende Konsequenzen. Ich glaube, dass diese Entscheidungslosigkeit aus Lebensangst resultiert. Vielleicht nimmt man sich aber auch selbst zu wichtig und damit ebenso alles, was um einen herum ist.
Nachdem ich an der Haltestelle niemand Interessantes erblicke, dessen Schönheit mir die sieben Minuten Wartezeit versüßen könnte, laufe ich los. So einfach ist das. Ich sollte es immer so machen. Das ist der Vorteil in der Stadt, neben den vielen Millionen Idioten, die einem im Weg sind, sieht man auch ein paar hübsche Gesichter, manchmal auch Körper, die man eine kurze Zeit betrachten und sich ausmalen kann, wie es wäre, wenn ...
Ich laufe auf dem Gehsteig, schaue mich um, es wird schon dunkel, und kalt ist es auch, ungemütlich, doch ich habe es nicht weit, ich muss nur noch die große Hauptstraße mit den vielen Autos überqueren. Vielleicht hätte ich doch in die Bibliothek gehen sollen, dann hätte ich meine Aufgabe aufschieben können. Was weiß denn der?! Als hätte ich noch nie geschrieben, oder es zumindest versucht. Wie oft habe ich etwas über mein Leben auf Papier gebracht, wie oft versagte ich dabei. Wie oft war ich danach noch schlechter gelaunt, depressiver, völlig unzufrieden mit mir. Ja, es ist nicht so einfach, alles, was einem durch den Kopf und vor allem, was einem nicht nur den Kopf geht, sondern auch den Magen durchschüttelt, in Worte zu fassen, das noch einmal alles in stärkerer Dosis nachzuerleben, noch mehr in Bewegung zu versetzen. Ich fühle mich schlecht, wenn ich schreiben muss, ich leide, ich schiebe es hinaus, so lange es geht, ich bekomme Kopfschmerzen, werde müde, sage, jaja, morgen dann, morgen passt es mir besser! Morgen, oder übermorgen. Irgendwann. Was weiß der schon?! Meint er wirklich, ich schreibe ihm einen Roman oder sonst etwas über mein Leben und gebe es ihm zum Lesen? Was will er von mir? Tut so, als wüsste ich nicht, was Schreibtherapie bedeutet. Natürlich kenne ich die Poesietherapie. Ich interessiere mich schon längst dafür. Als wüsste ich nicht, dass die meisten Schriftsteller schreiben, um etwas zu verarbeiten, was in ihnen drin ist und hinaus muss. Was glaubt der eigentlich? Dass ich Analphabet und dumm bin?
Mittlerweile komme ich am Anti-Drogencafé vorbei, meine Nachbarn sind das. Naja, ich hoffe, dass sie dem Alkohol und dem Kokain und Heroin fernbleiben können, aber ich rege mich jeden Tag neu darüber auf, dass sie Kaffee trinken und Zigaretten rauchen in diesem Teil. Das sind genauso Drogen. Wenn schon Anti-Drogencafé, dann doch richtig, oder? Wenn ich in besserer Laune wäre, ginge ich endlich hinein, um ihnen das unter die Nase zu reiben. Die versuchen auch, ihre Klienten mit Büchern zu therapieren, wenn man nach der Ausschmückung dieses Treffpunktes geht. An der einen Glasscheibe entlang sind mehrere Bücherauslagen zu sehen. Wahrscheinlich liest sowieso niemand. Der Fernseher läuft meistens, vor allem, wenn Fußball gezeigt wird.
Wieder – wie hunderttausend Mal davor – muss ich durch unseren langen Gang, der nach irgendwelchen Gasen aus der Luftballonfabrik riecht, die unter unserer Wohnung ist. Kiffer fühlen sich hier wohl. Das „unserer“ muss ich wohl auch erklären, sonst fragt sich der aufmerksame Leser: Wie? Hatte der gute Mensch bereits erwähnt, wen dieses Personal-pronomen umschließt? Hat er selbstverständlich nicht, verschiebt es allerdings auf nachher, erwähnt an dieser Stelle lediglich, dass es sich nur um eine Person handelt.
Nicht, dass Sie nun denken, ich lebe in einer riesigen Wohnung, nur der Gang ist lang, die Wohnung ist klein, architektonisch betrachtet miserabel, wenn Sie, verehrter Leser, einmal einen Blick darauf werfen könnten, wüssten Sie, wovon ich spreche. Man hat selten so schräge Wände, schiefe Böden, unnütze Ecken und Kanten usw. gesehen. Und jeder, der uns im Winter besucht, friert, die Fenster sind winddurchlässig und die warme Luft dieser verdammten Gasheizung steigt nach oben, und da, wo wir sitzen und liegen, auf den Sofas zum Beispiel – und vom Boden wollen wir ja schon gar nicht reden – ist es saukalt und es zieht. Klinge ich irgendwie frustriert? Natürlich hat diese Wohnung auch Vorteile, wenn es auch nicht allzu viele sind. Im Moment fällt mir vor allem einer ein, man kann ohne Ende Partys feiern, da wir ja alleine sind. Die Luftballonfabrik macht um vier Schluss.

Kommentare:

  1. Schöne Geschichte. War aber auch ne Art Schreibtherapie, oder!? ;)

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  2. nun, das liegt nahe. ;-) ist aber zum größten teil fiktional trotz anleihen aus der realität :-))

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