Freitag, 14. Dezember 2012

Fortsetzungsroman: Moody Blue 19

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Ich hatte eine Idee. Um vier fährt ein Zug direkt nach ... durch, sagte ich, lasst uns hinlaufen. Im Grunde genommen hätten wir in meiner Wohnung in Karlsruhe übernachten können, aber ich hatte keine Lust dazu, wollte heim. Und mein Auto? fragte Christian. Da wird sich eine Lösung finden, sagte ich. Alejandro und ich liefen los. Tobi und Chris folgten uns. Einmal war Verlass auf die Deutsche Bahn. Wir setzten uns in den fast leeren Zug in ein Nichtraucherabteil, Alejandro und ich nahmen auf der linken Seite Platz, die beiden anderen auf der rechten. Müde schwiegen wir. Ein paar Sitze weiter saßen noch welche, ich hörte eine weibliche Stimme, die mir bekannt vorkam, dann eine männliche, die mir noch vertrauter war. Die sagte: ich lese dir nun den Anfang des letzten Romans, den ich geschrieben habe, vor. Was machte er nachts um vier in diesem Zug? Ich wartete ab, mein Brasileiro schaute mich verwirrt an. Levent rezitierte:

Stelio
Meine Mutter glaubt, dass ich verrückt bin. Verrückt. Ich weiß gar nicht, wie sie darauf kommt! Doch! Ich weiß es! Sie findet nicht gerade normal, dass ich....
... mit sechs eine ihrer Freundinnen auf den Mund küsste, als diese gerade ihre Kaffeetasse auf den Tisch gesetzt hatte. Meine Erzeugerin war zunächst perplex, entschuldigte sich dann tausend Mal für mein Verhalten, die Geküsste lachte und nahm mich in ihre Arme, allerdings entriss mich meine Alte daraus und brachte mich in mein Zimmer, während ich meiner Angebeteten einen Heiratsantrag zuschrie. Seitdem durfte ich an keinem der Kaffeekränzchen meiner Mutter teilnehmen.
... mit sieben jedem erzählte, dass ich nur noch ein halbes Jahr zu leben hätte, weil ich an einer unheilbaren Krankheit litte. Und mit jedem meine ich wirklich jeden. Wenn wir durch die Stadt bummelten, redete ich wildfremde Leute an, denen ich mein angebliches Todesschicksal aufzwang; meine Mutter schämte sich so sehr für mich, dass sie diese Ausflüge mit mir strich.
... mit neun behauptete, von Außerirdischen entführt worden zu sein, die mir ihr geheimes Wissen anvertraut hätten, damit ich die Welt retten könnte; ich gab ständig solche Weisheiten von mir wie: „Spucke drei Mal auf den Boden, bevor du durch ein Maisfeld gehst“ oder „Wer blaue Strümpfe trägt, sollte sich nicht darüber wundern, dass er beim Duschen nicht vollständig sauber wird“.
... mit elf nackt in unserem Reihenhausgarten lag, um mich zu sonnen. Die Nachbarn auf beiden Seiten schauten mich schräg an, schließlich war ich kein Kleinkind mehr, schon alt genug, um Scham zu besitzen. Als meine Mutter das sah, kam sie mit einer Badehose in den Händen aus dem Haus gerannt, die ich allerdings trotz ihrer Proteste und der von dem alten Knacker, der auf der rechten Seite neben uns wohnte, nicht anzog, anstattdessen schlenderte ich frivol an unseren Zaun, der sehr niedrig war, stellte mich demonstrativ so davor, dass mein Pimmel über dem Zaun baumelte, steif wurde und ich onanierte auf das Grundstück des alten Sacks, der kurz vor dem Herzinfarkt stand, hechelte, schnaubte, meine Alte schmierte mir eine, zog mich ins Haus hinein; auch Sonnenbaden im Garten wurde mir verboten.
... mit zwölf in unseren Dorfpfarrer verliebt war, mit Freuden nicht nur jeden Sonntag in die Kirche ging, sondern in der ersten Reihe saß, diesen jungen Geistlichen anschmachtete, mich nach einer Predigt meldete und fragte, wie man Pfarrer werden könne, erfreut sagte er mir es und bot mir an, mir nach dem Gottesdienst etwas über das Studium zu erzählen. Als wir in seinem Zimmer saßen, eröffnete ich ihm meine Liebe zu ihm, fragte ihn, ob ich ihn in vier oder fünf Jahren heiraten könne, das sei mein größter Wunsch. Erschrocken fragte er mich, ob ich ihn zum Narren halten wolle und ich sagte: „Nein, ich meine das wirklich so.“ Und danach meinte ich lässig: „Du kannst mir deinen Pimmel in meinen Popo stecken und ich mache das dann bei dir auch.“ Völlig errötet zerrte er mich sofort aus dem Zimmer, brachte mich nach Hause und erzählte meinen Eltern alles; ich durfte nie wieder in die Kirche mit.
... mit vierzehn mich angeblich umbringen wollte, was allerdings gar nicht der Wahrheit entspricht, da ich lediglich auf unserem Balkon im ersten Stock stand, weil ich darauf balancieren wollte. Ich meine, wenn ich mich selbst um die Ecke hätte bringen wollen, dann wäre ich doch von einem Hochhaus hinuntergestürzt.
... mit sechzehn meine Haare abrasiert habe, nur noch braune Ge-wänder anzog und den ganzen Tag vor mich hin meditierte; ich wollte ein perfekter Buddhist werden und das Nirvana so bald als möglich erreichen.
... mit achtzehn Jahren von einer Studienfahrt in London heimgeschickt wurde, weil ich meine Englisch-Lehrerin angeblich auf mieseste Weise sexuell belästigt hätte. Da war ich gerade dabei, Tim einen zu blasen, wir beide dementsprechend nackt und erregt, es klopft jemand an die Tür, ich sage: „Sind gerade voll beschäftigt.“ Die Antwort lautet: „Beeilt euch mal, wir müssen los, das Musical fängt gleich an, auf, eins, zwei, drei, macht mal.“ Ich sage: „Wenn Sie reinkommen, geht’s schneller.“ Während sie die Tür öffnet, ins Zimmer tritt, holt mir Tim einen runter und ich sage: „Wenn Sie mitmachen ist es noch geiler und erregender und ich komme schneller.“ Sie rannte schnurstracks aus dem Zimmer, verbannte mich am gleichen Abend zurück nach Deutschland.
... mit zwanzig vom Zivildienst suspendiert wurde, weil ich mir aus Versehen eine E in mein Maul stopfte anstatt einer Kopfschmerztablette und dann hohldrehte, ich schob einen Behinderten im Rollstuhl, es ging ein wenig bergab und ich begann schneller zu werden, immer schneller, plötzlich rannte ich wie ein Irrer, konnte nicht mehr stoppen, was ja nicht so schlimm gewesen wäre, wenn mir die Rollstuhl-griffe nicht aus den Händen geglitten wären und der gute Behinderte schmerzhafterweise einen Crash mit einer Laterne gehabt hätte.
... mit zweiundzwanzig aus einem Seminar geflogen bin, weil ich – zugekifft wie ich war – von Peace, Love and Happiness träumend meine Professorin angelächelt und ihr gesagt hatte, dass sie Humanbiologie auch interessanter gestalten könnte, wir zwei könnten uns ja ausziehen und Sexualkunde plastisch darstellen, ich sei sowieso schon längst spitz auf sie.
... mit dreiundzwanzig als Stripper durch das Land zog, um mir mein Studium zu verdienen, allerdings nicht lange, denn ich ging meinen Chefs zu weit, was das Ausziehen und Erotisieren des Publikums betraf, ich zog zum Beispiel einmal einen Schwulen ganz aus, tanzte um ihn herum, er bekam einen Steifen, genauso wie ich, was sich durch meinen Slip abzeichnete, er zog ihn mir erregt herunter und begann meinen Pimmel zu lutschen, was die Veranstalter noch gestatteten, mich aber nie wieder irgendwo auftreten ließen. Doch ein Pornofilm-Produzent entdeckte mich bei dieser Gelegenheit und ich drehte einige Streifen, bis mich das annervte.
Tja, meine Mutter fände da sicherlich noch sehr viel mehr Gründe, die gegen meine Zurechnungsfähigkeit sprechen, aber wen interessiert das?

Das war wirklich unfassbar! Unser verschwundener Levent saß hier, las Stellen aus meinem Roman vor, die er für seine ausgab. Levent und Stefanie, schrie ich, kommt sofort her! Sie erhoben sich von ihrem Platz, fragten, wo kam das her? Tobi und ich standen auf. Hierher! Sie setzten sich zu uns. Wo wart ihr nur? fragte Tobi. Mal hier, mal da, antworteten sie unlustig. Ihr wollt es nicht erzählen, oder? fragte er. Nein, nicht heute, antwortete Levent, morgen vielleicht. Er schaute mich mit diesem „Bitte-sag-nichts“-Blick an. Ich sagte nichts. Ruf morgen früh in München an, sagte ich, und geh endlich nach Hause, deine Familie nervt mich, seitdem du weg bist mit Anrufen. Ja, hmmm, machte er, kam mir dann näher und drückte seine Lippen auf meine, er setzte sich wieder, lächelte mich süßlich an. 
War das autobiographisch? fragte Steff ihn. Was glaubst du! behauptete er. Bestimmt! dachte ich. Ich schloss meine Augen und versuchte auszuruhen. In ... angekommen, mussten wir alle nach Hause laufen. Alejandro und ich hatten eine andere Richtung als die anderen, was gut war. Wir beeilten uns, damit wir endlich ins Bett konnten. 

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