Montag, 10. Dezember 2012

Netzgemüse

Vielleicht ist es in erster Linie ein Buch für Eltern und Pädagogen, vielleicht ist es aber auch für alle anderen interessant - ich habe es zumindest regelrecht verschlungen. Worum es geht? Um das Buch "Netzgemüse. Aufzucht und Pflege der Generation Internet". Und es ist ja tatsächlich die Generation Internet. Sie sind die digital Aufgewachsenen, während bereits meine Generation, die ja die Eltern-Generation ist, zu den "digitalen Migranten" gehört, wie es das Autorenpaar Haeusler ausdrückt. Die beiden sind nicht nur die Betreiber des mit dem Grimme-Online-Award ausgezeichneten Blog "Spreeblick", sondern auch seit 2007 im Organisationsteam der "re:publica", einer der wichtigsten europäischen Konferenzen für Online-Medien und die digitale Gesellschaft. 
Sie wurden, nicht zuletzt von Sascha Lobo, dazu angetrieben, etwas über dieses Thema zu schreiben. Als Personen, die mit dem Internet und mit Videogames und Co. quasi verwachsen sind, als Eltern von Kindern, für die das alles so selbstverständlich und einfach ist, wie es für viele Menschen in meinem Alter oder gar älter niemals sein wird. Das darf nie vergessen werden: während wir häufig erst in unseren Zwanzigern das erste Mal im Internet gesurft sind, benutzt diese Generation sowohl den PC/ Laptop als auch das Smartphone schon im einstelligen Alter. Die Haeuslers sagen, dass diese Medien für unsere Kinder nicht etwa Technologien sind, sondern Lebensraum und Kultur. Was mir bereits im Vorwort sehr gut an diesem "Ratgeber" gefällt ist, dass er kein Ratgeber sein möchte - und bewusst sagt und begründet, wieso es keine "Schema F-Lösungen" geben kann, denn diese "stellen sich im Praxistest quer und wollen sich einfach nicht in den Alltag des Mikrokosmos Familie und seinem variationsreichen Individuen-Cocktail fügen." Und genau das beweisen die beiden Autoren mit witzigen Anekdoten aus ihrem Familienleben.
Gemeinsam mit den Haueslers schreiten wir durch ganz viele wichtige Kapitel des Internets: Facebook wird ebenso thematisiert wie YouTube, Videospiele, Smartphones - es geht um Regeln, Schutzräume, Gesetze, Abmachungen, um Mobbing, Pornografie, darum, wie man an Informationen gelangt - und wie man sie bewertet. Und... um die wichtigste Botschaft an sich: Mit seinen Kindern zu reden, sie nicht alleine zu lassen vor den Medien, sich damit befassen, wissen, was sie tun und mit ihnen darüber zu diskutieren. 
Kehren wir zurück zur Tatsache, dass wir selbst niemals eine "Quatsch-Phase" im Internet mitgemacht haben, wir begannen mit dem Internet aus pragmatischen Gründen, während die digitale Generation ganz selbstverständlich herum probiert und spielt. Wir Erwachsenen haben dann Angst, dass ihnen etwas passiert. Hallo? Ein Kind kann über die Straße gehen und wird dabei überfahren. Was machen wir, um dies zu verhindern? Wir erklären die Regeln, üben mit unseren Kindern, im Kindergarten und in der Schule lernen sie die Regeln nochmals im Fach Verkehrserziehung ein. Daher: sollten wir das gleiche auch beim Thema Internet/Spiele/Smartphones machen. Wir haben Angst davor, dass sie im Netz an verrückte Menschen geraten? Nun, den gleichen verrückten Menschen sind sie tagtäglich ausgesetzt, und da haben sie keinen Bildschirm dazwischen. Vielmehr sollte man sie auf die Gefahren im Netz vorbereiten und mit ihnen durchsprechen. 
Oft ist es einfach die Angst vor einem nicht zu kontrollierenden Medium, das uns zu irrationalen Verboten führt, die nicht selten unnötig sind. Wir fühlen uns ohnmächtig. Und wieso? Weil es eben selbstverständlich ist, dass wir alle damit überfordert sind, ist doch das Internet vergleichbar mit der Erfindung der Buchkunst. Das Internet hat sogar noch sehr viel mehr in sehr viel kürzerer Zeit verändert - und da muss die Gesellschaft erst einmal hinterher kommen. Damit ist auch die Schule gemeint, in der wenn überhaupt Medienerziehung gelehrt wird, Spielsoftware mit einer Grafik und einer Komplexität geboten wird, das die Kinder nur mit Kopfschütten und Langeweile beantworten. Das wäre so, wie wenn man kleinen Kinden Bücher ohne Bilder vorsetzen würde...
Eine Stärke des Buches ist, dass nichts schwarz oder weiß gesehen wird. Es gibt keine Pauschalisierungen, keine leichten Ratschläge, es werden verschiedene Perspektiven beleuchtet und auch eigene Fehler eingestanden. Man merkt zwar, dass die beiden neuen Medien sehr stark verbunden sind, gleichzeitig aber sehr verantwortungsbewusst und reflektiert mit dem Thema umgehen. Manchmal reizen die beiden manche Thematik zu sehr aus, geben zu viele Details, wiederholen zu vieles. Das könnte für Fortgeschrittene in dieser Thematik manchmal eine Spur zu viel sein, für Anfänger jedoch ist das natürlich optimal. 
Die Haeuslers bieten gelegentlich ganz einfache und trotzdem spannende Erklärungen für Phänomene an, die manche Eltern zur Verzweiflung bringen, zum Beispiel die, dass Facebook eher der Wunsch sein könnte, mehr soziales Leben zu haben, soziale Kontakte zwischendurch erreicht werden können in einer Welt, in der ihre Freizeit immer knapper bemessen ist (dank G8, Sportvereinen etc.). Oder welche wichtigen Kompetenzen auch im Internet erlernt werden können, die nicht nur für das spätere Berufsleben wichtig sind.
"Netzgemüse" habe ich mit sehr viel Spaß gelesen, auch Neues gelernt, und es wird sicherlich mein neues Lieblingsgeschenk für Eltern von Teenies und vor allem (angehende) Lehrer/innen. 
http://netzgemuese.com/
http://www.amazon.de/Netzgem%C3%BCse-Aufzucht-Pflege-Generation-Internet/dp/3442157439/

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