Samstag, 1. Dezember 2012

Cappuccino Romane: Ein Jahr im Frühling - von Martina Nohl


Anmerkung: Ist jetzt schon erschienen!!!
Dazu: http://www.cappuccino-romane.de/fruhling-ohne-winter/
1
Nächtliches Gepolter, die Dichterfürstin, kurzzeitiger Herzstillstand und ein Bürgersohn.
Emily träumte. Es rumpelte und polterte. Nein, nicht schon wieder! Sie blickte auf die Leuchtziffern ihres Weckers. Pünktlich um zwei Uhr kam Thorsten, ihr unsäglicher Mitbewohner, mit einem kichernden Mädchen in die Wohnung gestürzt. Sie hatten wohl gerade angefangen sich gegenseitig direkt vor ihrer Zimmertür auszuziehen und sich dabei verheddert, als Emily schlaftrunken die Tür aufriss und „Ruhe“ schrie. Betreten und fast schuldbewusst blickten sie hoch – das Mädchen konnte wirklich nicht älter als sechzehn sein – und prusteten dann gemeinsam los, als sie in Emilys versteinerte Miene blickten. Emily schlug die Tür zu, dass die Bleieinfassung der Glaselemente bedenklich zitterte und suchte nach ihren Ohrstöpseln, die nun schon zu ihrer nächtlichen Standardausrüstung gehörten. Seufzend kuschelte sie sich wieder in ihr warmes Bett und ihre Gedanken glitten erneut zurück zum Bergfriedhof und dem hochgewachsenen, südamerikanisch aussehenden Mann, dem sie gestern dort begegnet war. Sie schnappte sich sehnsüchtig ihren uralten Frotteehasen, der in solchen Fällen herhalten musste, und drückte ihn an ihre Brust. Während sie langsam zurück in die gnädigen Arme des Schlafs glitt, sah sie sich auf ihn zugehen. Er streckte liebevoll seine Hand aus. Sie ergriff sie und wusste sofort, dass sie dieser Hand ihr Leben anvertrauen würde. Hand in Hand liefen sie den Friedhofsweg entlang, der in eine Frühlingswiese mündete. Glocken klangen aus der Ferne, die sich allerdings sonderbar nach zersplitterndem Glas anhörten. Emily schrak erneut auf. Sie traute ihren Augen nicht.
Thorsten war doch tatsächlich rücklings durch ihre Zimmertür gekracht. Überall lagen bunte Glassplitter. Er schrie wie ein waidwundes Tier. Undeutlich konnte Emily sehen, dass in seinem Rücken einige große Scherben steckten. Emily knipste das Licht an. Das Mädchen lag in sonderbar verrenkter Haltung im Flur und rang die Hände. „Tun Sie ihm nichts!“ Bei Emily dreht sich alles im Kopf, als sie zum zweiten Mal so abrupt aus dem Schlaf gerissen wurde und es dauerte eine Weile, bis sie einen klaren Gedanken fassen konnte. Dann suchte sie hektisch nach ihrem Handy während sie Thorsten beruhigende Worte zumurmelte. 
Da war es ja endlich. Sie bestellte einen Krankenwagen in die Schlossbergstraße. Dann setzte sie sich zu Thorsten auf den Boden, nachdem sie einige Scherben zur Seite gewischt hatte. Er sah wirklich schlimm aus, immerhin schrie er jetzt nicht mehr, sondern wimmerte nur noch. Sollte sie ihm die Glasscherben selbst aus dem Rücken ziehen oder doch lieber warten? Sicher würde es weniger wehtun, wenn er vorher eine Spritze bekommen hätte. So ließ sie die Scherben an Ort und Stelle und nahm seine Hand, die ganz kalt war.
Nun wurde es ihr selbst ganz Angst und Bange, so einen starren Blick hatte er und das nervöse Kichern, das eben noch in ihr hochgeblubbert war, weil sie die Situation einfach zu grotesk fand, verebbte. Thorsten begann seinen Oberkörper vor und zurück zu wiegen und eine kleine Melodie zu summen.

Erscheinungstermin: 2.12.12
Umfang/Kosten: ca. 490 Seiten,  2.99 Euro

Unter www.cappuccino-romane.de wird es ab heute einen Adventskalender geben, der mit Leseproben, besinnlichen Texten, Rezepten und mehr die Wartezeit bis zum Erscheinen des Kindle-Buchs verkürzt! :-)

1 Kommentar:

  1. Scheint ein leichtes, flüssig geschriebenes und kurzweiliges Lesevergnügen zu sein! Mit 490 Seiten aber schon ein ziemlich umfangreiches Buch... Danke für die Leseprobe!

    AntwortenLöschen