Mittwoch, 15. Dezember 2010

Liebesgeschichte in 11 Liedern - Teil 3 -

Lied 3: Helena Paparizou – My Number One

Wir schauten uns die Jubiläums-Show des Eurovision Song Contest an. Im spanischen TV. Wir tranken wieder ein bisschen Sekt, bereiteten uns auf Chueca vor, duschen, rasieren, anziehen, Haare machen. Meine Laune war sehr gut, wir hatten viel Spaß im Laufe des Tages gehabt, waren im IKEA in Madrid shoppen, in einem riesigen Einkaufszentrum, dann noch kurz in Nuevos Ministerios… Mit keinem machte mir Shoppen so viel Freude wie mit ihm. 

Als wir dann in Chueca auf Luc trafen, freute ich mich sehr. Er ist ein sehr hübscher junger Mann mit goldigem Wuschelkopf, spricht Englisch mit wundervollem französischen Akzent, ist schön angezogen, lacht total süß, mit anderen Worten: Ich war einfach hin und weg von ihm. Ich klinkte mich in das Gespräch der beiden ein. Wieder das gleiche Spiel: Freikarten abchecken, überall mal hineinschauen, wo etwas los sein könnte. Zuerst in den einen Schuppen von gestern, weil Luc die Hoffnung hatte, dass die einen ESC-Abend mit ebensolcher Musik machen würden, damit wir auf Helena Paparizous Siegertitel griechisch tanzen könnten, doch daraus wurde leider nichts... Meine beiden hübschen Jungs wurden in diesem Laden von so einem alten Sack regelrecht in die Enge getrieben, wir flüchteten. 

Letztendlich gingen wir wieder ins Longplay. Heute sehr viel voller, von Anfang an, allerdings waren wir auch später dran. In Madrid beginnt der Abend nicht vor halb eins. Wieder stupste mich Tom an, hey, der Lockenkopf ist wieder da. Ja. Auch Luc fiel dieser auf. Oh Mann, meinte der, der ist ja toll. Ich war eifersüchtig. Wenigstens der Belgier, der ja noch eine halbe Stunde zuvor Tom gesagt hatte, dass er mich süß finde, hätte doch lieber ein Auge auf mich werfen können. Dieser dumme Lockenkopf! Tom fand mittlerweile den Begleiter des Lockenkopfes toller. Meine gute Laune ließ sich kaum noch aufrechterhalten. Ich fragte Luc, ob er mit mir hinausgehen wolle. Zunächst nicht. Ich bewegte mich weiter wild. 

Dann nach einigen Minuten sagte er: okay, lass uns hinausgehen. Wir setzten uns in die Nähe des Eingangs, frische Luft. Redeten. Er holte sich Zigaretten. Wir blieben an dem Zigarettenautomaten stehen, er war direkt an der Tür. So ein bisschen kühler, gerade richtig. Plötzlich tauchte der Lockenkopf vor uns auf, wollte sich Zigaretten kaufen. Stellte sich tollpatschig an, das Kleingeld fiel ihm mehrmals aus der Hand, er brauchte längere Zeit, um zu seiner Packung zu kommen. Ich fragte ihn, ob er irgendwelche Probleme habe. Wir kamen ins Gespräch. Er sagte, er komme aus Brasilien. Wollte, dass ich ihm sage, dass ich ihn hübsch finde. Luc war begeistert. Von des Lockenkopfs Schuhen, von dessen Haaren, von dessen Art. Der Brasilianer verschwand. Wir sahen ihn noch mehrmals, aber er rauschte stets an uns vorbei. Luc ärgerte sich. Ich begab mich mit ihm auf die Suche, doch erfolglos. Er sprach nicht mehr mit uns. 

Wir kamen zurück zu Tom, der mittlerweile mit der Begleitung des Lockenkopfes knutschte. Ich schaute in die Richtung von Luc, ich wusste nicht, was ich machen sollte. Ich war kurz vor der Explosion. Ich rannte hinaus, hoffte, dass der Belgier mir folgt. Er kam nicht. Auch das enttäuschte mich. Ich ging wieder zurück. Ich konnte nicht mehr. Luc folgte mit seinen Blicken den Bewegungen des Lockenkopfes. Ich schaute immer wieder zu Tom. Ich hatte einen kurzen Blackout. Ich schloss die Augen, mir war schwindelig. Ich wandte mich an Luc, sagte, ich möchte jetzt gehen. Er macht nichts Falsches, sagte er. Ich lief auf Tom zu, ich möchte gehen. In Ordnung. Ich war sauer. 

Im Nachtbus konnte ich erst einmal nicht reden. Was sollte ich ihm noch sagen? Was hatte er sich dabei gedacht? Mir tat es so schrecklich weh! Ich wollte fort sein! Am liebsten tot und nichts mehr spüren! Wir schwiegen. Er konnte mich nicht anschauen. Irgendwann platzte es aus mir heraus. Ich beschimpfte ihn gnadenlos. Du hast recht, erwiderte er, ich weiß, dass ich Scheiße gebaut habe, und dass ich es nicht mehr gutmachen kann, ich weiß nicht, was ich mir dabei gedacht habe. Ich war wütend. Und kam mir wie in einem schlechten Film vor. Als wir zuhause ankamen, war ich noch immer sauer. Tom weinte. Wir legten uns ins Bett. Ich weiß nicht, was da passierte. Ich fragte mich, warum ich ihm verzeihen konnte. Wieso ich ihn in meine Arme nahm, mit ihm kuschelte. 

War ich nun schwach? War ich nun dumm? War ich stark? War ich in einer Übergangsphase? Ich weiß es nicht. Ich war traurig. Unendlich traurig, und doch fühlte ich mich geborgen, als ich mit ihm da lag, mit ihm schmuste. Ich fand es schlimm, was ich da hatte ansehen müssen. Konnte nicht verstehen, wie jemand so unsensibel, so respektlos sein konnte. Und doch gab es da etwas, was ich verstand. Vielleicht fühlte ich mich deswegen trotz allem ein bisschen wohl. Ich wusste, dass er mich lieb hat, dass er mich als besten Freund behalten möchte, mich respektiert, sehr gerne mit mir zusammen ist. Aber dass er einfach überfordert ist, dass er sich von mir bedrängt fühlt, dass er abblocken möchte, weil es zu viel ist, ungesund, weil wir eine andere Basis finden müssen. Und dass ich derjenige bin, der das verhindert. Dass ihn das auch unendlich traurig macht und er selbst nicht weiß, wie er das in eine andere Bahn bringen, wie er sich abgrenzen kann. Ich spürte, dass er sich schützen wollte, dass er vielleicht auch deswegen keine Rücksicht genommen hatte. Als ich später alleine auf meiner Matratze lag, hatte ich so viel Angst, vor meinen Gefühlen, vor der Zukunft, vor der Zurückweisung, vor dem Beziehungsabbruch. Ich konnte mir ein Leben ohne Tom nicht vorstellen. Wollte es nicht, konnte es nicht. Ich hatte Panik.

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