Montag, 27. Dezember 2010

Lesung Kaminer - eine jüdische Anekdote

So fing alles an: M. B. vom Radio fragt mich an, ob ich Lust hätte zur Wladimir Kaminer-Lesung zu gehen. Wir schreiben das Jahr 2006, genauer gesagt im Februar. Ich sage ganz naiv: ja, natürlich, kenne ich doch Kaminers "Russendisko" und finde diesen Menschen einfach charmant und superwitzig! Siehe: http://bit.ly/gRWhan - schaut euch da mal Videos an. :-) Nun, ich wollte ihm nicht den Rücken massieren, ich wollte ihn einfach mal lesen hören und sehen. Doch folgendes passierte: Ich musste in die Verwaltung der jüdischen Gemeinde im Frankfurter Westend gehen (jeder muss da einzeln hingehen, mit Personalausweis und so). Zuerst ans Häuschen, wo ein Soldat saß, ihn fragen, wie ich hineingelange. Dann geleitet er mich dorthin. Dort muss ich erst einmal warten. Danach wie am Flughafen durch so eine Kontrolle (Tasche abgeben, Gürtel ausziehen etc.). Es holt mich ein weiterer Soldat ab, der mich zu der Sachbearbeiterin führt. Ich bin schon nassgeschwitzt oben. Dann geht alles ganz einfach, irgendwie. Mit der Karte in der Hand (nach fünf Minuten Warten, obwohl sonst niemand außer mir da war) gehe ich aus dem Raum, werde wieder nach unten geführt. Und verschwinde da so schnell ich gehen kann.
Es ist der betreffende 23.Februar des Jahres 2006: Wir stehen vor dem Ignatz-Bubis-Gemeindezentrum im Frankfurter Westend. Mit wir meine ich etwa 450 Leute, es ist zwar schon 20.00 Uhr vorbei, aber noch stehen 300 Leute draußen. Warum? Tja, erneute Kontrollen, die mit den Kontrollen an amerikanischen Flughäfen nach dem 11.September wahrscheinlich konkurrieren wollten - es ging und ging nicht weiter. Die Leute werden missmutig. Zum ganzen Missmut kommt dazu, dass manche Leute überhaupt keine Karte haben wollen. Mein Kollege saß schon drin, ich stand draußen, ich fror. Hörte mir das Gekreische und Gejaule von den Menschen um mich herum an. Eine Frau sagte die ganze Zeit: "Oh nein, ich habe keine Karte bekommen, aber ich möchte unbedingt da rein, ich liebe Kaminer. Der ist wie George Clooney, nur redet er süßer und ist schlauer." Oder so etwas in der Art. Ich war schon etwas angepisst und murmelte in mich hinein: bescheuerte Tussi, bescheuerte Sicherheitsmaßnahmen, völlig unnötig, und Kaminer ist ein Spasst! Sie sagt: "Wie bitte?!" Ich sage nur: "Ach, wissen Sie was? Sie können meine Karte kriegen!" Sie fällt fast in Ohnmacht - dabei sah sie eigentlich eher wie eine langweilige Steuerberaterin, die sich versucht hat, schick und damenhaft zu kleiden. "Was wollen Sie dafür haben?" fragt sie mich ganz aufgeregt, weil sie wohl denkt, dass ich sie jetzt abzocken möchte. Ich schaue sie an und teile ihr mit, dass ich lediglich mein Geld zurück haben möchte: 8 Euro also. Sie kann es gar nicht fassen. Sie bedankt sich überschwänglich und ich zetere vor mich hin: Ahja, viel Spaß, ich könnte ihn eh nicht mehr haben, bin jetzt genervt! Und so ziehe ich von Dannen. Ich höre beim Weggehen nur noch, wie sie mit jemandem telefoniert und ins Handy schreit: JA, ICH KOMME DOCH REIN, MIR HAT SO EIN NETTER EINE KARTE VERKAUFT, JAAAAAAA!!!

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