Samstag, 11. Dezember 2010

Stuhl hin oder her... KOKOLORES - Teil 3 -

„Es ist unumstößlich“, sagte er, „als ich in die Schule kam, hatte ich klare Nachteile. Ich konnte kaum Deutsch, ich war einer der wenigen Migranten. Die Deutschen konnten schon lesen und schreiben und ich konnte noch gar nichts. Als ich so weit wie sie war, da konnten sie schon kleine Aufsätze schreiben, ich hinkte immer hinterher.“

„Ja“, antwortete ich, „Bourdieu würde dir jetzt zustimmen. Die Kapitalientheorie. Akkumulation von kulturellem Kapital. Wer nix hat, hat Schwierigkeiten, mehr dazu zu bekommen, wer schon viel hat, dem wird noch mehr gegeben. So funktioniert das System! Das ist nicht anders als beim ökonomischen Kapital, wer kein Geld hat, der kriegt die erste Million sehr schwer, wer die Million schon hat, kriegt die zweite und dritte Million im Nu. Und du, lieber Metin, hast von keiner Art des Kapitals genug, weder ökonomisch, noch sozial, noch kulturell. Leider.“ – „Ja, leider.“

Im Laufe des Studiums kristallisierte sich immer weiter heraus, dass wir Studierenden mit Migrationshintergrund nicht so recht ins System passten. Wohlwollende Kommentare unseres reformpädagogischen Profs aus dem Einführungsseminar verblassten, die ersten Praktika zeigten ganz deutlich, dass Deutschland noch nicht weit genug für uns war. Wir wurden frustriert, scherten aus unserem Pfad aus. Die ersten war Dani, die eine Ausbildung als Mediengestalterin begann. Danach folgte Toula, die an eine andere Hochschule wechselte und Germanistik studierte, das Lehramt war ihr zu viel Kokolores. Herman wechselte auch, wollte lieber in die Politik, Chrissoula wusste nie so Recht, was sie tun wollte, „eigentlich bin ich ja Künstlerin“, sagte sie. Gemma war die einzige, die ihrem Weg treu blieb. Bevor ich alles schmeißen konnte, überredete sie mich zu einem Aufbaustudiengang, um nicht umsonst studiert zu haben. „Lass uns später ein Büro aufmachen!“ machte sie mir die Idee schmackhaft. Doch sie bekam dann eine Referendariatsstelle gleich neben ihrem Elternhaus, sie war verloren für mich, und ich begann meinen neuen Weg alleine zu gehen. 

Unsere Lieblingsbeschäftigungen waren, im Park zu liegen, der sich erfreulicher- aber auch bedauerlicherweise in der Nähe unserer Hochschule befand, und natürlich shoppen. Manchmal konnten wir uns nicht aufraffen, in der Sonne liegend, nach unserer Mittagspause zu unseren Seminaren zu gehen. Manchmal war auch die Tauschsucht von Gemma und Dani zu groß, wir mussten in den H & M und Teile umtauschen. Sie verfuhren nach dem Motto: „Wenn ich es kaufe und ein- oder zwei Mal anziehe, danach umtausche, dann habe ich immer das Gefühl, ganz viele Klamotten zu besitzen, ohne viel Geld zu verlieren.“ Ich war davon nicht ganz überzeugt.

Mich überraschte nicht, dass Metin sein Studium abbrach, mich überraschte eher der Studiengang, den er daraufhin für sich wählte: Neue Deutsche Literatur, Theaterwissenschaften und Kunstgeschichte im Magister. Ein Studium, das eher meinen Begabungen und Interessen entsprach, das ich aber niemals in Angriff nahm. Er schon. Er nahm Vieles auf sich. Umzug nach München, welches nicht gerade günstig war, neben dem Studium mehrere Jobs und nichtsdestotrotz brauchte er trotz alledem eine Ausbildungsförderung des Bayerischen Landes. Etwas, das ihm dann bei seinen ersten Jobs als Hauptamtlicher immer im Nacken bliebe. 

Als Mensch mit Migrationshintergrund zu leben war nicht Behinderung genug, meinte Metin, noch dazu kam, dass wir in K. aufwachsen mussten. Einem Kaff, das uns jegliche Energie und jegliche Möglichkeit aufzusteigen, nahm.
„Sag doch mal“, fing er an, „wer von den Leuten aus K. hat es denn geschafft? Niemand!“ Nein, tatsächlich, mir fiel niemand so richtig ein, und wenn jemand ansatzweise Erfolg hatte, dann zerpflückte Metin das sofort. Er fand dafür viele Gründe, wieso wir zu Misserfolg und Elend verflucht waren. Psychotherapie, Psychoanalyse – ja, die hatten alle aus K. nötig, und viele von unserer Clique waren in Therapie, Metin und mich eingeschlossen. Andere waren nicht so clever gewesen, und dafür mausetot. Suizid war kein Fremdwort in unserem „geliebten“ kleinen Kaff.

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