Donnerstag, 6. Januar 2011

„Der Garten der toten Bäume“ von Jossi Avni

„Diese Stille – weißes Todesraunen fallenden Schnees. Es gibt keine schönere Musik als das Pochen der weichen Berührung dieser dicht gesponnenen Tropfen, die die feuchte, nächtliche Erde kosen. Mach mir die kleine Katze, flüstere ich ins Kissen, und ich höre Andreas´ genießerische Zunge miauend an meinem Ohrläppchen und meinem Hals lecken. Ich stöhne, genüsslich an die Wand gepresst, und Andreas kichert mir das Kichern der bösen Hexe zu, das mich immer zum Lachen bringt, und bedeckt mich mit seinen Küssen.“

Rasch wird deutlich, worum es in diesem Roman in fünfzehn Episoden geht: um eine stilistisch schöne Sprache, um Bilder, die sich jeder gut vorstellen kann, um Sehnsucht, um die Liebe, die jeder sich erhofft. Doch selten ist sie zu sehen wie hier, in ihrer genussvollen Variante. In allen Geschichten steht eine Figur im Mittelpunkt, die sich unglücklich in jemanden verliebt – teils genießt sie kurze Zeit das Glück in der Zweisamkeit, um dann abermals verlassen zu werden. Teils wird die zerstörerische Sehnsucht nicht gestillt. 
Im Ersten Teil des Romans taucht hin und wieder Jossi auf, der sich unsterblich in einen jungen Mann verliebt, der in einem Kibbuz arbeitet. Es ist ein ständiges Hin und Her. Zunächst kann der Angebetete nicht damit aufhören, sich im Park oder sonstwo mit Zufallsbekanntschaften herumzutreiben, dann tut er sich mit einer Frau zusammen, um sie später zu heiraten und Kinder zu kriegen. Doch insgeheim lässt ihn die Liebe zu Männern und insbesondere zu Jossi nicht los. Dies geht vielen Figuren so: Sie sehnen sich nach Menschen, die unerreichbar sind, egal ob es an Konventionen, am Status oder an Moralvorstellungen liegt. Dies ist übrigens auch die Verbindung zum zweiten Teil, bei dem man sich in den ersten drei Kapiteln fragt, was dieser mit dem ersten Teil zu tun hat.

Der Park Tel Avivs, in dem gecruised wird, gibt dem Buch den Titel:

„Viele einsame, durstige Menschen treiben sich dort wie blinde Falter zwischen den Bäumen herum. Wie oft habe ich mir geschworen, dass ich auch in den schwersten Augenblicken nicht mehr an diesen fürchterlichen Ort gehen werde, aber Wahnsinn und Lust haben mich besiegt. Ich laufe dort mit all diesen Menschen zwischen den toten Bäumen herum, die Sonnenbrille habe ich trotz der Dunkelheit auf. Dies ist ein Garten, in dem nichts wächst und gedeiht; es ist der Garten der toten Bäume.“

In schonungsloser Offenheit beschreibt er die kleinen Niederlagen, die Selbstbetrügereien, die Scham, das schlechte Gewissen, die kurzfristige Befriedigung, die bald nachlässt und noch trauriger macht. Der Melancholiker, so sagten bereits die alten Griechen, ist wollüstig. Doch er merkt bald, dass nach der schnellen Befriedigung eine noch größere Leere entsteht.

„Fremde, die sich aus der großen Stadt auf die stillen und bösen Wege des Parks flüchten, um zu finden. Um was zu finden? Sie wandern zwischen den Bäumen umher, suchen, fragen: ‘Verzeihung, wie spät ist es?’, prüfen den Körperbau im Licht einer Laterne, ziehen sich zurück, sie senken ihre Stimme und flüstern ‘Willst du?’ Sie räuspern sich, und von der Stille beschämt lassen sie sich wieder von der Dunkelheit verschlucken, oder sie flüchten zitternd vor Erwartung an den Fuß der Mauer oder zu den Kalknischen, die zum Strand blicken, lassen die Hose herunter, nach Haut und Fleisch verlangt es sie, und hinterher sagen sie: Okay, man sieht sich‘’, kehren um und suchen und finden nicht.“

Nein, seine Episoden sind selten positiv, selten hat man etwas zum Lachen. Da ist Jossis Mutter traurig, weil er nicht heiraten möchte. Da ist der junge Soldat, den er auf der Straße kennenlernt, der sehr sexy ist, der ihn ausraubt. Da ist der Professor, der in seinen Studenten vernarrt ist, ihm tausend Briefe schreibt, auf ein Zeichen wartet. Da ist der Arzt, der homosexuell ist, seit Jahren mit einer Frau verheiratet, eine Tochter hat. Und der plötzlich von einem jungen Mann verfolgt wird und seine alten Sehnsüchte aufbrechen sieht. Doch die Geschichten haben manchmal kuriose Wendungen, die dann doch das eine oder andere Mal ein Schmunzeln hervorlocken.

Der Roman „Der Garten der toten Bäume“ von Jossi Avni ist 2006 neu als Taschenbuchausgabe im Männerschwarm Verlag erschienen, umfasst 200 Seiten und ist für 10 Euro im Fachhandel erhältlich.

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