Mittwoch, 1. Juni 2011

STADT LAND FLUSS

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Das Mal Seh´n Kino im schönen Nordend Frankfurts hat ein feines Programm und die Edition Salzgeber hat einige ganz besondere und empfehlenswerte Filme im Angebot – eine sehr gute Kombination also. Das zeigt sich auch bei STADT LAND FLUSS, einem semidokumentarischen Film von Benjamin Cantu, der ab morgen dort läuft.
In seinem ersten Langfilm erzählt der Regisseur einerseits dokumentarisch von der Agrargenossenschaft "Der Märker" in Jänickendorf bei Luckenwalde. Er gewährt dabei Einblicke in Arbeitsvorgänge im 60 km südlich von Berlin gelegenen landwirtschaftlichen Betrieb. Er lässt sowohl eine Betreuerin zu Wort kommen, die ihre Lehrlinge auf das Berufsleben vorbereitet, als auch diese selbst. Darin eingebettet hat er eine Coming-Out Geschichte: vom schüchternen Außenseiter Marko, der von einem echten Schauspieler namens Lukas Steltner dargestellt wird, und der etwas offenere Abiturient Jacob, dessen Rolle Kai-Michael Müller spielt.
STADT LAND FLUSS ist kein lauter Film und auch kein schneller. Er handelt mal nicht von Clubs in Berlin und stellt nicht hundert Mal gehörte Drehbuch-Dialoge zwischen Jugendlichen in den Mittelpunkt. Im Gegenteil: die echten Lehrlinge und deren Anleiterin reden in ihren normalen dialektalen Färbungen und ihrer schnodderigen Art. Und sie lassen durch ihre herzenswarme, erfrischende Persönlichkeit manchmal den eigentlichen Hauptstrang des Films ein bisschen in den Hintergrund treten. Zum Beispiel als die Anleiterin ihrem Lehrling Jacob als Anweisung gibt, ganz laut „Geh weg!“ zu schreien, wenn eine Kuh genau auf ihn zurennen sollte. Sie wisse allerdings nicht, ob die Kuh darauf höre, schiebt sie schmunzelnd nach. Oder als bei einer Besprechung Jacob sich vorstellen soll und von seiner abgebrochenen Banklehre erzählt. Er wird von den Lehrlingen nach dem Lohn im ersten Lehrjahr gefragt, das natürlich sehr viel höher ist als das ihre. Da weist die Anleiterin darauf hin, dass sie niemals so viel verdienen werden wie Banker. Noch sympathischer ist ihr Ausspruch „Wollen kommt nicht von Wolle“.
Dies betrifft Marko, den Außenseiter aus sozial kritischem Hause, Mutter Alkoholikerin und dergleichen, der alleine lebt, seitdem er fünfzehn ist. Will er überhaupt die Prüfung bestehen? Will er eine Annäherung an Jacob, der ihm nachstellt? Diese Coming-Out-Geschichte bzw. anbrechende Liebesgeschichte wird weniger in Dialogen als vielmehr in sehr gut beobachteten Gesten inszeniert. Im sich Entziehen von Zärtlichkeiten auf Markos Seite, in seinen Blicken, in seiner Haltung. Manchmal gelingt es dem Regisseur fast so etwas wie lyrische Szenen zwischen den beiden zu entwickeln. Wenn er zum Beispiel melancholische Klaviermusik von Keith Kenniff, unscharfe Bilder und Zeitlupe einsetzt, die ästhetisch schöne Stimmungsbilder erzeugen.
Kritisch muss man anmerken, dass er vielleicht die Liebesgeschichte der beiden jungen Männer gelegentlich etwas zu skizzenhaft gestaltet. Wenn er hier ein bisschen mehr die Gefühlswelt beleuchtet hätte, hätte es dem Film vielleicht ganz gut getan.
Doch insgesamt lässt sich sagen, dass STADT LAND FLUSS ein sehr spannendes Experiment ist, eine interessante Dokumentation mit fiktiven Spielfilm-Elementen anzureichern. Also, nichts wie hin ins Mal Seh´n Kino und sich selbst einen Eindruck verschaffen. Der Film läuft vom 2.6. bis zum 7.6. ab 22 Uhr und am 8.6. ab 22.15 Uhr.

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