Samstag, 9. Juli 2011

Flammen: Hellsichtige Visionen

Sie wärmten sich am Feuer. Yasar sagte: „Salli Tüt.“ Jonas verstand nicht: „Das heißt doch Solitaire?!“ Der andere lachte. Jonas hatte bereits vergessen, dass er fünf Minuten zuvor seinen Freund ausgelacht hatte, als der mit einer Tüte aus seinem Zimmer gekommen war, hatte sie absurderweise mit "Salli Tüt!" begrüßt. Um sie herum saßen Uli, Mark und andere "Abstinenzler", sie unterhielten sich über Schulthemen, Physik-LKler und so... Für Jonas wirkte die Feuerstelle riesengroß und er dachte, dass da sehr viele Leute um ihn herum sein mussten. Er schaute ihn die Flammen, es entstanden wunderschöne Feuervisionen vor seinen Augen, Realität und Traumwelt verwischten, die Feuersbrunst wurde mit einem Male riesiger, schien näherzukommen und dann wieder zurüchzuschnellen, er sah funkelnde Schlangen aus dem Feuer emporgleiten, sah sehr viele Schlangen und konzentrierte sich immer wieder auf eine Einzelne. Folgte ihr von ihrem Entstehen aus weiter auf ihrem schlängelnden Weg nach oben, bis sie sich in nichts auflöste - und dann wieder von vorne. Dieses Schauspiel faszinierte ihn. Dann tauchten neue Bilder in ihm auf, er wippte hin und her, um sie kraftvoller zu sehen. Bilder von knackigen Jungs, die um das Feuer tanzten, lasziv, sexy und nur für ihn. Während seine Gedanken mit diesem erotischen Schauspiel beschäftigt waren, hörte er neben sich die Stimmen der anderen, sie kamen ihm vor wie aus einer anderen Welt, sie diskutierten; Jonas, der mittlerweile hellsichtig geworden war, schaute ins Feuer und kam sich wie Kassandra aus Troja vor, er gab ihnen die richtigen Antworten auf ihre Fragen, doch genauso wie ihr keiner ihre Prophezeiungen glauben wollte, schenkte ihm  keiner Gehör. Schade, dachte er sich, ich weiß gerade alle Antworten auf die schwierigsten Fragen der Welt. „Der Jonas ist gut drauf“, sagte Mark amüsiert. „Mit Drogen vollgepumpt“, setzte der spießige Uli hinzu. Jonas war von der Wahrheit seiner Worte überzeugt, doch die anderen ignorierten ihn - selber Schuld, dachte er sich -, noch Wochen danach erzählten sie ihm ihre Sicht dieser Begebenheit am Feuer: „Na Jonas, weißt du noch, in Dambach, am Feuer, kannst du dich erinnern? Du bist ständig nach vorne und nach hinten gewippt, warst gut drauf, hast völlig unverständliche Dinge von dir gegeben. War das lustig!“ Sie hatten ihre Chance verpasst, Jonas hatte in den Flammen die absolute Wahrheit gesehen und sie ihnen sofort mitgeteilt, anstatt für sich zu behalten. Nur dumm, dass er sich nicht mehr an seine Worte erinnern kann...

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