Sonntag, 13. November 2011

Pontikaki kai gataki - Teil 1 -

Ich verschlief Erdbeben. Am Morgen wachte ich auf und alles stand an einem anderen Platz. Bestürzt schaute ich in die verstörten Gesichter meiner Familie, samt Oma und Opa, die ich in diesem Moment nicht vor mir erwartete, und fragte, was denn hier für ein Aufruhr stattfinde. Mein Vater, der selten seine Nerven verlor – im Gegensatz zu meiner Mutter  – zog seine Augenbrauen hoch, wie er das immer tat, wenn er mich aufziehen wollte, und sagte in seinem vermeintlichen Insolaner-Singsang: „Du glaubst, dass jetzt ein Aufruhr herrscht? Dann weißt du nicht, was deine Mutter für einen Aufriss in der Nacht gemacht hat, als sie sich schon im Himmel wähnte, und mich dafür verfluchte, dass ich aus diesem Höhlenloch komme.“ Irritiert fragte ich nach: „Höhle oder Hölle?“ Er erwiderte: „Höhle natürlich. Sie glaubt wie die alten Griechen, dass Erdbeben aus Höhlen ausbrächen.“ Er schüttelte sich dabei, wie ein großer dicker lachender Bär und meine wütende Bären-Mutter schnaubte verächtlich: „Ach ja, ICH glaube. Ich bin Christin und glaube nicht an so einen Kokolores wie deine Leute. DIE denken doch, dass sie das auf Poseidon zurückführen können.“ Mein Vater, der sich von solchen Kommentaren nicht beeindrucken ließ, lachte nur noch beherzter. Es war ein alter Streit zwischen ihnen, vielleicht etwas, das üblich war zwischen Insolaner- und Festland-Griechen, ich wusste es damals nicht und bis heute ist dies so geblieben. Während man den Insolanern aus der Ägäis ein frohes Gemüt nachsagte, dichtete man den Menschen aus Epirus immer eine Schwermut an. Dies konnte ich nicht beurteilen, die meiste Zeit meines Lebens verbrachte ich in Deutschland, und bereits da fiel es mir schwer, den badischen Dialekt zu verstehen, aber noch mehr die ganzen Vorurteile und Klischees über Badener, Schwaben und Pfälzer nachzuvollziehen oder gar auseinanderzuhalten. Ich verschlief Erdbeben und alles, was mit dem Bewerten anderer Menschen zu tun hatte. Es ging mir auf die Nerven, wenn jemand mich fragte, bist du Deutscher oder bist du Grieche. Es ging mir auf die Nerven, wenn jemand wissen wollte, wie es denn sei, in zwei Kulturen zu leben, während ich mich irritiert fragte, welche beiden Kulturen gemeint sein könnten. Mir reichte es schon an Aufgabe, meine Eltern davor zu bewahren, sich tatsächlich an die Gurgel zu gehen, wie sie es verbal ständig taten, wie zwei Hähne, die ihr Revier markieren wollen, wie zwei Bullentiere, die ihre Hörner aneinander stoßen, oder wie Katz und Maus, wenn es gut lief. 


Ich verschlief die Kirchgänge im Dorf, etwas, das mich noch heute in meiner Meinung bestärkt, dass all die sonstigen Bemühungen meiner Mutter, aus mir einen guten Christen zu machen, zum Scheitern verurteilt waren, weil mein Fleisch noch mehr als mein Geist gegen solch eine religiöse Vergeistigung wetteiferte; sie bekam mich einfach nicht wach. Ich saß am stark lädierten Holztisch meiner Oma, die schon in meiner Kindheit halbblind war, ließ mir „Berg-Tee“ machen, der den botanischen Namen Sideritis Tesan Flomis Cladestina trägt, wie ich allerdings erst sehr viel später – in meinem Erwachsenenleben – in Erfahrung brachte, und der nah verwandt mit dem Salbei ist. Dazu gab es schwarze Oliven und Weißbrot. Eine merkwürdige Mischung vielleicht, aber ich kam mir dabei immer so weise vor, vielleicht weil mein Opa seit fünfzig Jahren auf diese Frühstücksmischung schwor. Etwas, übrigens, was meine Oma nicht so gut fand, denn sie wollte, dass ich in den wenigen Tagen, in denen ich da war, ihren selbst gemachten Käse und Joghurt essen sollte, doch wie in vielen Dingen konnte sie sich nicht gegen die stoische Ruhe meines Opas durchsetzen. Berühmt wurde in unserer Familie ihr Disput, wie viele Stunden der Joghurt in warme Decken eingewickelt werden müsste, den meine Eltern regelmäßig in Deutschland nachspielten, wenn sie auf die irrsinnige Idee kamen, Joghurt selbst herzustellen. Oma und Opa hatten ihr ganzes Leben in diesem Ort gelebt und nie etwas anderes gesehen. In ihrer Welt gab es das Wort Scheidung nicht, selbst als ihre Kinder ihnen von ihren ersten Trennungen erzählten, wollten sie das nicht wahrhaben, ignorierten dies, vor allem mein Opa, der kein Problem damit zu haben schien, dass  meine Tante, die vorher einen dunkelblonden grünäugigen Mann gehabt hatte, nach ihrer Scheidung einen braunhaarigen Braunaugen-Typen mit nach Hause brachte, den er ebenso Nikos wie den Mann davor nannte, es war ihm einerlei, Wasilikis Mann war eben der Nikos. Ich beobachtete meine Oma jeden Morgen bei ihren Handgriffen, die so langsam wie in Zeitlupe von sich gingen, was mich total faszinierte, weil ich immer dachte, ich schliefe dabei ein, wenn ich sie selbst in diesem Tempo durchführte, die aber vor allem jeden Tag die gleichen zu sein schienen. Ich war ein Kind, ich versuchte jeden Tag alles anders zu machen, eine andere Hand zu nehmen, den Finger anders zu halten, die Geschwindigkeit zu ändern, irgendetwas. Ihre Falten faszinierten mich, diese Falten, die davon zeugten, dass sie sich vermutlich ein ums andere Mal in den Schlaf geweint, vielleicht auch in der Küche eingeschlossen hatte, damit es keiner sieht. Geweint, weil ihr Mann, mein Opa, sie einmal mehr angefahren hat, geweint, weil ihr ältester Sohn nach Deutschland geflüchtet ist, geflüchtet vor diesen ärmlichen und unglückseligen Verhältnissen. 

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