Mittwoch, 16. November 2011

Pontikaki kai gataki - Teil 3 -

Ich verschlief meine erste Beziehung mit einer Frau. Bevor ich es realisiert hatte, dass das etwas Festes sein soll, führte sie schon das Beziehungsende-Gespräch, wie sie es nannte, mit mir. Viel zu sehr von den Beziehungen verstört, die mir vorgelebt wurden, hatte ich nicht gemerkt, dass wir eine führten, zu wenig Streit gab es da, zu wenig Kabbelei, zu viel Harmonie, zu viel Geknutsche, zu viel Lächeln, Lachen, sich Freuen. Als wir uns kennenlernten, mehr durch Zufall, wir waren beide auf eine Party eingeladen und liefen uns über den Weg, als wir das Haus suchten, das, wie wir nicht wussten, im Hinterhof zu finden war. Sie, die blonde blauäugige Hamburgerin, mit ihrem aristokratischen Akzent, ich, der mit seinem dunklen Teint im Sommer, mit seinen dunklen Augen und Haaren, mit seiner leicht schnodderigen Art zu reden, wir, die am Ende der Party auf einer Couch lagen und knutschten, stundenlang. Tagelang überlegte ich nach unserer Trennung, ob meine Eltern oder Großeltern solche Momente wohl erlebt hatten. Und ich begann mich nach ihr, der hellen Schönheit Nike, mit ihrem griechischen Namen, zu sehnen, so wie sich meine Eltern nach ihrer vermeintlichen Heimat, ihren Geburtstorten gesehnt hatten, jahrelang, jahrzehntelang, bis sie mir hoffnungslos verkündeten, dass sie nun in Deutschland begraben werden, von ihren Enkelkindern, meinen Nichten und Neffen, diesen Deutschen, so wie wir alle Deutsch geworden sind. Nike und ich trafen uns wochenlang im Park und picknickten, in alternativen Tee-Läden, in denen wir „Bergtee“ aus der Türkei tranken, den sie besonders mochte und was mich besonders schmunzeln machte, auf Partys von Freunden, die alle „so cool“ und „so anders“ waren, und außer Küssen und Schmusen lief nichts, wochenlang, wahrscheinlich war dies der Grund, wieso ich mich nicht gebunden fühlte, anders als sie. Doch ich fragte mich, ob sie nicht das Bedürfnis hatte weiterzugehen, wenn ich sie am Hals zärtlich küsste, dann mit meinem Mund weiter Richtung Ausschnitt hauchte und meine Zunge zum Liebkosen einsetzte. Umgekehrt konnte ich kaum an mich halten, wenn sie das bei mir tat, ständig war ich kurz davor, mich zu vergessen und ihr ihre Kleider vom Leib zu reißen, selbst wenn Leute um uns herum saßen. Doch sie wehrte das alles ab. Ich wollte sie Kätzchen nennen, so wie mein Vater gataki zu meiner Mutter sagte in guten Momenten, doch sie ohrfeigte mich für diesen Wunsch, leicht zwar, und auch nur einmalig, aber unmissverständlich. „Sicherlich möchtest du nicht Mäuschen genannt werden von mir, mein Freund!“ erwiderte sie, und ich dachte, wenn es gut läuft, wird mein Vater pontikaki von meiner Mutter genannt. Am liebsten beobachtete ich Nike, wenn sie mit anderen sprach, wie sie ihre Augen leicht zukniff, wenn sie konzentriert zuhörte, wie sie verständnisvoll nickte, wenn das Gegenüber ein Feedback erwartete, immer mit einem leichten Augenzucken, das man fast als Tick bezeichnen könnte, aber nur fast. Ich mochte auch, wie sie beim Ratgeben nervös an ihrem Ausschnitt nestelte, immer mit der Angst, vielleicht etwas Falsches zu sagen, das dann zu einer falschen Handlung führen könnte, sie, die immer Stellung bezog. Níki sprach ich ihren Namen aus, griechisch, ich, der das Griechische gerade ganz aus sich tilgen wollte, der, der nicht wusste, was „das Griechische“ denn überhaupt sein sollte. Nike, meine Nike, die schon nicht mehr meine war, als ich sie die MEINE nennen wollte. Nike, die Siegesgöttin, die von Eltern aufgezogen worden war, die so ganz anders als meine Erzeuger waren, gebildet, mit Studium, akademischen Titel und einem guten, angesehenen Job.  Wir blieben Freunde... so sagt man doch ganz klischeehaft nach so einem Versuch einer festen Beziehung, die nicht so recht klappen mag, doch ich versuchte es immer wieder bei ihr, ließ nicht locker.

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