Sonntag, 27. November 2011

Plattenbaugefühle - Leseprobe 1 -

Wow! Die Schule sieht gar nicht übel   aus. Alles  verglast, sehr ´stylish´. Einen Kiosk gibt es auch. Soll   ich an ihm vorbei und dann nach oben? Oder rechts   herum? Ich gehe rechts die Treppe hinauf. Was  kommt nach der Treppe? Ich laufe weiter.  Kunstraum. Super! Und weiter? Oh, die  Schulbibliothek. Und die Stadtteilbibliothek. Naja, an   Büchermangel werde ich nicht leiden. Muss ich mir   gleich nachher einen Ausweis machen lassen. 
Jeder Jahrgang hat seinen eigenen Trakt. Nur die 9er und 10er nicht. Die sind zusammen. Auch hier ist alles neu und noch ganz edel. Ich schaue mich um und sehe das Schild für die 10 b. 

»Was willste hier, Alda?« Ein Junge mit Jogginghosen und weißen Nerd-Lacoste-­Schuhen rempelt  mich  an.    
»In den Klassenraum gehen?«  
»Scheiß auf das Klugscheißern, du Spast! Was  machste hier an der EKS?« sagt er, leicht aggro.  
»Hör mal, ich gehe jetzt in die 10 b.«   
»Woher biste, Spast?« Er spuckt das fast aus. Was heißt denn eigentlich Spast? Was soll das Verhör? Dabei sieht er ganz nett aus. Er ist groß, 1,85 vielleicht,  arabische Herkunft, braun gebrannt, Sportler-­Typ, wahrscheinlich Fußballer.  
»Ich komme aus Berlin!«  
»Oh, einer aus der Großstadt! Bist du Hertha BSC-­Fan?« fragt er in einem Ton,   den ich nicht so recht einordnen kann - Interesse? Neugier? Respekt?  
»Hm, nee, Fußball ist nicht so mein Ding!«   
»Waas?«    
Dieser `Mohammed´- Mohammed haben Fabian und ich alle Nordafrikaner   genannt, gar nicht böse gemeint, nur als Typbezeichnung - schubst mich einfach weg. Schon das erste Fettnäpfchen. Merken: Immer sagen, dass Fußball das Größte ist! Aber ist es nun etwas Gutes, ein Hertha-­Fan zu sein? Wie heißt der Verein in Kranichstein oder in Darmstadt? - »Kranichstein ist ein   großer Stadtteil Darmstadts an dessen Peripherie«, wie mein Vater das  ausdrückt - ich hasse Fußball. Ich gehe lieber ins Klassenzimmer und suche mir  einen Platz.
»Ey, da ist besetzt!« ruft ein anderer ´Mohammed´, ein zu klein geratener Bursche mit Kurzhaarfrisur und Brille.  
»Von wem?«  
«Geht dich nichts an! Der Platz ist besetzt!« sagt er entschieden. Ich finde ihn  ätzend.  
Ich suche einen anderen Platz. Aber auch hier ein Widerspruch.    
»Hör mal, Kleiner, da sitzt niemand! Da liegt keine Tasche, keine Klamotten. Also gehört der Platz mir!« entgegne ich ihm diesmal entschlossen. So schnell   kann ich gar nicht kucken, da liegt der Kurze auf mir, während der erste ´Mohammed´lacht! Der Spinner drischt auf mich ein, ich wehre mich so gut ich  kann, er liegt bald am Boden, unter mir, spürt meine Faust auf seiner Nase. Sie blutet! ´Mohammed´und andere Jungen reißen mich von ihm weg - tut mir   leid, kleiner Arab, ich habe früher immer gerne Jean-­Claude van Damme-­Filme   geschaut und trainiere seit Jahren Judo - während er von einem Mädchen  hochgezogen wird.    

»Alda, ich schwör, das wirst du bereuen!« schreit er. Als wäre ich Jimmy Blue im Film ´Sommer´, der an seinem ersten Tag an einer neuen Schule von der  Gang mit den angesehensten Jungs an der Schule verprügelt wird. Er kämpft  darum, respektiert zu werden, um das schönste Mädchen der Schule für sich   zu gewinnen, das mit dem Anführer der Gang zusammen ist. Wird es mir  ähnlich ergehen? Ich gewinne den  Kampf - und damit an Respekt?  Ich  richte   meine Klamotten zurecht, soweit das geht und setze mich auf den erkämpften   Platz. Ein Junge kommt lachend auf mich zu, 1,80 groß, mit großer Nase, dunklen Haaren und einer Frisur, wie man sie in Berlin vor zwei Jahren trug,  hinten ein Muster einrasiert, ein Playboyhase.    

»Hi, du Tier!« 
Meint er das jetzt ernst? Wie soll ich das verstehen?   
»Hallo!«  
»Wie heißt du?«   
»Jonas. Und du?«  
»Baddääung!«   
Ist das sein Name? Ich bin verwirrt. Was sind das für Leute an dieser Schule?  Ich drehe hier durch! Was war das für ein Geräusch, dieses Baddäung?! Der  Typ lächelt mich an, aber ganz schleimig.    
»Ich heiße Shad M. Bin Sänger! Mich kennt jeder in Darmstadt!«   
Er klingt dabei, wie diese Gangstas aus Talkshows, Berlin36 oder Frankfurt-Sossenheim-­65936 - sie rappen und sind angeblich der King des Stadtteils.

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