Dienstag, 15. November 2011

Pontikaki kai gataki - Teil 2 -

Ich verschlief den qualvollen Tod meiner Oma. Jahrelang hatte ich mich geweigert, nach Griechenland mitzugehen, nun in meinen Teenie-Jahren sei ich ja wohl alt genug, zuhause in Deutschland zu bleiben, um mit meinen Freunden alleine zu reisen. Man beschrieb mir diesen langsamen Tod kaum verständlich, ich ging davon aus, dass meine Oma niemals schlief oder immer schlief, denn das Bild, das mir vermittelt wurde, war Folgendes: Sie sitzt in einem Schaukelstuhl, vor sich hinstarrend, nimmt nichts wahr, starrt an die Decke vielleicht, an die Wand vielleicht, nimmt aber ihre Kinder und Enkel nicht mehr wahr, regt sich nicht, zuckt nicht einmal mit ihren Augenlidern, starrt nur, während mein Opa sich ganz bösartig weder um sie kümmert noch ein Herz für sie hat. Er höhnte: „Die war doch in ihrem ganzen Leben so, keinen Muckser gab sie von sich, nie hat sie sich gegen mich durchgesetzt, nie!“ Meine Mutter war dann immer nahe dran, ihm nicht nur eine Ohrfeige zu geben, sagte sie, sondern eine für jedes verdammte Jahr, welches meine Oma mit diesem A… verbringen musste. So erzählte sie mir davon, und nur mein Vater habe sie regelmäßig daran gehindert, nicht etwa der Respekt vor dem Alter, auf den sie in so einem Fall pfeife, aber nicht so dein Vater, lästerte sie, da ist er plötzlich Christ und proklamiert irgendwelche Bibel-Psalmen, die das Alter ehren. Ich hörte gar nicht richtig zu, vielmehr war ich damals mit mir beschäftigt, mit meinem Ziel, mich von der Familie, von der Geschichte abzunabeln, von diesen Mythen, die mein ganzes Leben nicht nur zu füllen, sondern zu überfüllen drohten. Eine Zeit lang hatte ich diese ganzen Anekdoten, Welt-Erklärungen, Entschuldigungen und Sehnsüchte einfach satt. Diese Sätze, die mit „Dein Opa musste noch…“ oder „Dein Vater kam her, um den Entbehrungen zu…“ begannen, ich konnte, ich wollte sie nicht mehr hören, sie gingen mich nichts mehr an. Auch die Erläuterungen meiner Mutter in ihren schlechten Momenten, als sie schon zu viel getrunken hatte, dass sie nur wegen mir und meiner Geschwister noch mit meinem Vater zusammen sei, sonst hätte sie… Das interessierte mich nicht, alles nicht. „Trenn dich doch von ihm!“ schrie ich ihr entgegen. „Mach doch, was du willst!“ Und sie brüllte mich an: „Ja, genauso wie du, dein ganzes Leben lang schon, nie hat dich etwas außerhalb deiner Person interessiert!“ Vermutlich hatte sie Recht damit, doch mir war das gleich.

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