Sonntag, 20. Februar 2011

Guttenberg, DSDS und das Geschichten erzählen...

Storytelling war vor einigen Jahren das große Trendwort in Pädagogik, Psychologie und im NLP (Neurolinguistisches Programmieren). In der Schule bedeutete Storytelling zum Beispiel, dass man einen erzählerischen Einstieg wählte, um die Schüler emotional zu berühren, in der Psychologie baute man über das Erzählen von sich selbst eine Brücke zum Klienten. Bei Vorstellungsgesprächen präsentiert man sich selbst, bekam ich einmal bei einem Coaching gesagt, und das tue man über Geschichten, die man über sich erzählt. Du kannst die eine gleiche Geschichte verschieden erzählen und charakterisierst dich so selbst und vor allem formst du dich und dein Leben damit. Einen Studienabbruch kannst du depressiv mit "ich war halt immer so überfordert und kam nicht mehr mit" einleiten, aber auch sagen "naja, ich habe bald gemerkt, dass ich andere Stärken habe, deswegen habe ich mein Studium abgebrochen und gebe mir die Möglichkeit, meine Kompetenzen in der Praxis auszuleben". Oder so. ;-) Sagt man...


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Guttenberg erzählte Geschichten von sich, gemäß des Storytelling, baute sich selbst auf, als sympathischer, fleißiger, ehrenwerter, glaubwürdiger Mensch, als ein neuer Typ des Politikers, jung, dynamisch, gleichzeitig konservativ und trendy, authentisch und elegant, mit den Medien umgehen könnend, immer souverän, immer alle Schwierigkeiten umschiffend. Und nun das: er wird des Betruges verdächtigt, Plagiatsvorwürfe bei seiner Dissertation - und jetzt kommt er ins Straucheln, brüskiert die Presse, einst beste Freunde des Lieblingspolitikers aus deutschen Landen, naja, die BILD wird wohl noch zu ihm stehen, zumindest mein Freund Franz-Josef Wagner (;-)). Kein gutes Krisenmanagement. Er hat sich durch seine eigene Selbstdarstellung, durch sein Storytelling, das er auch mithilfe der Presse, die ihn angeblich nun jagt, in die Tat umgesetzt hat, die Latte sehr hoch gesetzt, um jetzt daran gemessen und beurteilt zu werden...


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Auch in DSDS wird das Storytelling vom Anfang bis zum Erbrechen genutzt. Geschichten werden um die einzelnen Kandidaten herumgesponnen, ob sie es wollen oder nicht. Da ist dann ein Ardian der Macho und wird schnell als der Bad Boy hochstilisiert, mit erhobenem Zeigefinger sogar, damit auch der letzte versteht, dass das ganz schlimm ist, aber für amüsantes Konfliktpotenzial sorgen wird. Nein, er sollte ja nicht rausfliegen, aber die Sendung braucht halt den Bad Boy. Da wird eine Sarah Engels als eingebildete Zicke dargestellt, auch das braucht das Format. Dabei wird ihr selbst vorgeworfen, eine Geschichte von sich zu erzählen, und zwar die der eingebildeten Zicke, die deswegen ausgebuht wird, weil sie zu angeberisch sei. Und um das zu unterstreichen versuchen die Macher das Publikum so aufzustacheln, dass es buht. Gut gemacht! ;-) Schöööön manipuliert, RTL! Wer seine ihm zugedachte Geschichte nicht erzählen möchte, fliegt raus. Siehe Christopher, der einfach nicht den schönen Surferboy spielen wollte. Wenn Marvin hingegen nicht tanzen möchte, passt das in das Schema und wird weiter hochgespielt. Wenn Pietro verzweifelt versucht, nicht als Komiker rüberzukommen, wird auch damit gespielt, das ist nett, das ist süß, das ist seine Rolle: Der junge Mann, der ein Komiker ist, aber so gerne ernstgenommen werden möchte. Aber wie beeinflussen die Kandidaten dieses Storytelling? Oft bieten sie selbst diese Rollen durch ihre Präsentation zu Beginn an, bewusst oder unbewusst, und der kluge Bohlen und seine Helfer erkennen das sofort, Norman ist unser Schlagerstar, der sowohl Frauen im mittleren Alter als auch schwule Männer begeistert, der Müllmann Mike ist gut, auch solche Leute können singen, aber bitte nicht über die erste Live-Show hinaus. Ist das alles verdammenswert? Nein, ich denke nicht. So funktioniert das Leben, es ist im Büro nicht anders, nur dass dort nicht überall Kameras sind, aber Augen der Kollegen sind auch überall und das Getratsche genauso. 

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