Sonntag, 3. April 2011

Einmal auf der Documenta in Kassel...

„In Kassel lernt man nicht leicht Leute kennen!“ sagte M zu mir, gleich zu Beginn meines Besuches in seiner neuen Heimat, wahrscheinlich um mir zu erklären, wieso er nicht so viele neue Freunde hat. Und ich dachte mir nur, dass es wohl sein Ziel war, von einem müden Kaff ins andere zu ziehen. Davor Kehl, danach Augsburg...


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Wir fuhren gemeinsam zur Documenta, doch als wir so kurz davor waren, erhielt er einen Anruf von seiner damaligen Freundin, die gerade schwer an irgendetwas litt, er musste sofort hin, und fragte mich, ob ich mich eine Weile alleine beschäftigen könne, eine Stunde oder so, wir treffen uns dann etwas später. Naja, kein Problem. Setz mich irgendwo in einer Stadt mit Shopping Malls, Kirchen und Parks aus und ich werde mir meine Zeit schon vertreiben. Nach einer Weile Sightseeing drückte dann tatsächlich meine Blase, also ging ich in ein Kaufhaus, Karstadt, Hertie oder Kaufhof, wer weiß. Nichtsahnend also betrat ich diese Toilette und vernahm plötzlich einen Ruf. „Philiiiiiiiipp!“ schallte es hier durch den Raum, der Adressat dieses Schreis schaute mich erwartungsvoll an, ich zuckte zusammen und fragte mich, was das solle, wie jeder weiß habe ich viele Namen, Herr Woody, Chilli Billy, Schmerzwach, Plasta Master odr ganz einfach Jannis, Philipp jedoch gehört dazu nicht. Ich versuche das also zu ignorieren, doch... der Rufende ist nicht erschüttert, natürlich habe er sich verguckt, aber ich gleiche doch dem Philipp wirklich wie ein Zwilling. Jaja, denke ich mir, ist mir scheißegal, ich muss pissen! Leicht nervös also gehe ich an ihm vorbei. Als ich mich erleichtert habe und zurück an den Waschbecken angelangt bin, steht der Typ nach wie vor da. Ein Ali, vielleicht auch ein Mehmet, ich vergaß es zu sagen. Er redete wieder auf mich ein. Ey, was machst´n jetzt, gehen wir Kaffee trinken, komm los, lass uns Kaffee trinken gehen. Ja, in Gottes Namen, ich hab ja sonst nix Besseres zu tun – und in Kassel lernt man ja schließlich keine Leute kennen. Alleine Kaffee trinken gehen ist ja auch langweilig, sagt nun Ali, und meint zu mir: hey, wir reißen jetzt Chicks auf. Waaaas? Frage ich mich, mit mir? Ja, sagt er, der Philipp ist auch so ein Frauenmagnet, lass uns Weiber anquatschen. Will ich nicht. Er übernimmt es, Hauptsache meine Aura ist dabei. Wir fahren gerade eine Rolltreppe hinunter. Siehst du, siehst du, schreit er mich an, die Frauen stehen auf dich, die haben ALLE gekuckt. Fragezeichen auf meiner Stirn. Merkwürdig. Aber gut. Als wir ein Stück die Fußgängerzone lang laufen, sieht er zwei Mädchen vor sich, bildhübsch, blonde slawische Schönheiten, sagt er zumindest. Als wir sie ansprechen stellt sich heraus, dass sie aus Polen kommen und gerade für ein Jahr nach Deutschland gekommen sind, um Au-Pair zu machen. Mehmet oder Ali labert sie dumm und dämlich und obwohl sie anfangs dagegen sind, sagen sie dann doch zu, einen Kaffee trinken zu gehen. Siehst du, siehst du, sagt nun aufgeregt Ali oder Mehmet zu mir, mehrmals. Wir such ein paar Minuten nach vier Plätzen in einem Café und in dem Moment, in dem wir diese sichten, schaue ich auf die Uhr, weil ich noch denke, da war doch noch was... und tatsächlich es ist 15 Uhr und ich muss M treffen, ach, tut mir leid, ihr Lieben, ich muss. Mehmet oder Ali erschüttert das keineswegs, die Mädchen dagegen schauen etwas bedröppelt, obwohl sie das „dann ist mehr für mich da“ gar nicht verstehen können. Ich gehe zum verabredeten Treffpunkt, M steht da schon. Er fragt mich, ob ich die Stunde gut überbrückt habe. Als ich antworten möchte, werden wir von einem Mädchen gefragt, ob sie uns fotografieren könne, für so ein Documenta-Projekt. Und ich zwinkere M zu und sage: In Kassel lernt man nicht leicht Leute kennen und wird nie angesprochen...“ Und er antwortet völlig verwirrt: „Echt ey, das ist das erste Mal, dass mir so etwas passiert hier...“

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