Samstag, 2. Januar 2010

Wild Tigers I Have Known

Einer meiner Lieblingsfilme ist WILD TIGERS I HAVE KNOWN. Wieso? Keine Ahnung. Aber meine Gedanken dazu:
Jeder hasst die Mittelschule. Da ist der introvertierte dreizehnjährige Logan keine Ausnahme, denn dort kriegt er jeden Tag zu spüren, dass er „anders“ ist. Er flüchtet sich in Tagträume, in denen er von wilden Tieren fantasiert und andere Jungs als Gefährten imaginiert. Nach dem Schwimmen beobachtet er den wunderschönen fünfzehnjährigen Rodeo beim Duschen und fortan sehnt er sich nach diesem Jungen. Dieser ist ebenfalls Außenseiter, aber auf andere Weise: Er ist nämlich zu cool, um sich mit anderen Jungen in seinem Alter abzugeben. Cool möchte auch der schüchterne Joey sein, dessen bester Freund Logan ist. Dafür macht der sogar Listen.
Rodeo jedoch ist gelangweilt. Und er findet Gefallen an dem jungen Logan, der von den Mitschülern Schwuchtel genannt wird. So freunden sie sich an. Während die anderen Schulkinder "Tiger"-Partys feiern, wird die Schule von Berglöwen heimgesucht, die angeblich draußen in den Wäldern leben. Rodeo weiß wo und zeigt Logan diese Höhlen. In einer davon passiert am Ende auch eine interessante, aufschlussreiche Episode…

Die Berglöwen sind in diesem Film Symbol und Realität zugleich. Die Eltern und vor allem der Schulleiter versuchen die Schülerinnen und Schüler auf die Gefahren vorzubereiten und zu beschützen. MACH DICH GROSS heißt es da und wird in einer witzigen Szene von Schulleiter und einem Schüler, der es dann doch anders macht, großartig dargestellt. Wer den Film TEENAGE ANGST kennt, weiß um den gleichnamigen Begriff. Auch in diesem Film wird dieses Thema vom Regisseur behandelt. Doch Cam Archer ist es ganz anders als Robert Stuber angegangen.
Der 1982 geborene Cam Archer lieferte mit diesem Film sein Langspielfilm-Debüt ab. Davor hat er einige Kurzfilme und traumartige Videoclips von Pantaleimon, Xiu Xiu oder – wie gleich zu hören – von Six Organs of Admittance gedreht. 2005 wurde Cam Archer mit seinem Drehbuch zu WILD TIGERS I HAVE KNOWN zur Drehbuchwerkstatt des Sundance Instituts eingeladen. Der Heroe des New Queer Cinema Gus van Sant – er drehte zum Beispiel Good Will Hunting, Elephant, My Private Idaho und Drugstore Cowboy – stieg schon recht bald als Mitproduzent ein.
Die Inhaltsangabe klang recht geradlinig und stringent, was dieser Coming-of-Age-Film jedoch nicht ist. Das ist keine Schwäche, sondern die große Stärke dieses Films. Denn wer hier einen kurzweiligen, unkomplizierten Kino- oder DVD-Abend vermutet, muss sich eines Besseren belehren lassen. WILD TIGERS I HAVE KNOWN verstört, er wirkt lange nach, er provoziert Fragen nach dem Sein. Und das auf eine Weise, die vielleicht für manch einen Zuschauer recht anstrengend sein könnte. Ist dieser Film doch der Videoclip-Erzählweise Cam Archers geschuldet und wirkt daher für manche Kritiker wie ein langgezogener Clip. Dies impliziert lange Traumszenen, die mit Musik unterlegt sind, die einen Jungen zeigen, der in schönen Landschaften spaziert, allein mit seinen Gedanken. Oder der onaniert und dabei seinen Fantasien nachhängt. Einspielungen von philosophischen Anwandlungen Logans konterkarieren diese Harmonie genauso wie die Noise-Sounds von Nate Archer, dem Bruder von Cam Archer.
Manchmal ist es so, dass wir die schönsten Dinge, die unschuldigsten, einfach übersehen. Ich lasse das nicht zu…
Dies sagt Logan, die bemerkenswerte Hauptfigur dieses Films. Er hatte zwei Jahre zuvor bei der Casting-Chefin vorgesprochen und sie erinnerte sich daran, als sie mit Cam Archer über seine Pläne sprach. Sie zeigte damit ein sehr feines Gespür. Malcolm Stumpf verkörpert diesen ganz besonderen Charakter überzeugend und authentisch. Man stellt sich vor, dass er mit der Figur Logan identisch ist. Er ist ein Außenseiter, er ist oft alleine. Doch das stört ihn nicht. Genauso wenig wie die Tatsache, dass er in der Schule als Schwuchtel beschimpft wird. Auf den ersten Blick wirkt er schwach. Auf den zweiten Blick ist er weise und selbstbewusst. Er weiß Dinge, die andere Dreizehnjährige nicht wissen. Er tut Dinge, die sich andere Jugendliche nicht einmal vorstellen. Von ihm müsste man reden, wenn man über die Dekonstruktion der Geschlechter diskutieren möchte. Er durchsprengt Barrieren in einem Alter, in dem die meisten Pubertierenden in einem Gefängnis ihrer Nöte sitzen. Doch Logan steht da drüber. Er schminkt sich die Lippen kirschrot, weil er weiß, dass das auf einem Bild gut wirken könnte, wenn Joey vorschlägt sich mit Baseball-Schlägern zu fotografieren. Logan nimmt auch eine andere Geschlechtsrolle ein, um Rodeo auch auf andere Weise näherzukommen.
Rodeo wird von Patrick White dargestellt. Ist Malcolm Stumpf schon sehr schön anzusehen, wird er von Patrick White in seiner Coolness, in seinen Cowboy-Stiefeln und seinem Stirnband noch dabei übertroffen. Er ist auf andere Weise selbstbewusst: Die desjenigen, der jedes Mädchen und sogar fast jeden Jungen rumkriegen kann. Doch er hat keine Ziele, er langweilt sich in dieser öden Mittelschule mit diesen uninteressanten Menschen, die ihm begegnen. Deswegen gibt er sich mit dem jüngeren Logan ab, mit dem er rumhängen kann und in dem er einen Gleichgesinnten erkennt. Besonders anmerken muss man bei Patrick White, dass er in dem Film eine wunderbare nuschelige Stimme hat, die sehr stimmig ist.
Etwas, was beide Jungen beschäftigt ist, dass sich vor einiger Zeit ein Junge ihrer Schule umgebracht hat. Der wurde permanent von Mitschülern gehänselt, als schmutzig und hässlich tituliert. Die Nöte der Kleinstadt. Deprimierend umgesetzt.
Der Film ist sehr poetisch. Es wird nicht viel gesprochen und wenn, dann eher wie in einem Buch. Die Traumsequenzen begeistern, weil sowohl der Kameramann Aaron Platt, der diese auch in den Musikclips Archers führt, perfekt die Ideen des Regisseurs umsetzt.
Es ist kein einfacher Film, keine Hollywood-Schonfreie-Kost. Man muss sich Mühe geben, man muss sich öffnen. Aber der Preis dafür ist ein Erlebnis, von dem man länger als fünf Minuten zehren kann. Es ist ein Film, den man sich oft anschauen kann und immer wieder neue faszinierende Dinge entdeckt. Es ist ein Film, der junge Menschen inspiriert und ältere Semester zurückversetzt in andere Lebenssphären. Doch ohne dabei stehen zu bleiben. Der Stoff ist für alle wichtig und beim Anschauen im Malsehn-Kino waren alle egal wie alt nach der Vorstellung ergriffen und es fehlten ihnen die Worte. Wenn Kafka sagte, dass ein Buch das innere Eismeer in uns zerbrechen muss, wenn es ein gutes sein möchte, dann kann man hier davon sprechen, dass dies WILD TIGERS I HAVE KNOWN ebenso tut.

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