Samstag, 16. Januar 2010

Ein ganz normaler Sonntag

Ein ganz normaler Sonntag. Wie immer. Naja, fast. Alle zwei Wochen das gleiche. Der große Bruder lag noch im Bett, der kleine Bruder verbarrikadierte sich im Bad, während die Schwester da unbedingt hinein wollte. Geschrei, Gezeter, Aufregung. Die Mutter dazwischen, fluchend, motzend, schimpfend. Der im Bett Liegengebliebene dachte sich: ach, jetzt kriegen die Nachbarn wieder alles mit. Nun, die Hälfte zumindest, denn die war deutsch, die andere bestand aus griechischen Beschimpfungen. Was machte der Kleine im Bad? fragte er sich. Und warum musste die Schwester so dringend dorthin? Er schüttelte den Kopf. Für ihn als Spätaufsteher unverständlich, was da passierte. Er stand als letzter auf. Das reichte auch noch. Was machten denn die anderen? Der Vater klopfte an: „Was willst du denn essen? Was soll ich dir für ein Brot schmieren?“ Es war ja nett gemeint, aber – er würde gleich durchdrehen. Er wollte noch eine Weile schlafen, er brauchte nicht lange, sich abfahrbereit zu machen. Was stressten diese Menschen denn so rum? Unverständnis. „Ich weiß nicht!“ antwortete er gereizt. „Ich stehe bald auf und sag dir Bescheid.“ Diese unerträgliche Hektik. Ein wichtiger Tag. Sonntag. Die nervöse Mutter schrie immer lauter, wütete. Die Schwester klopfte an die Tür, trat nach einer Weile bereits; und letzten Endes schaffte sie es: eine Delle hatte sie der Tür beigebracht. Jetzt griff der Vater ein: „So, du gehst von der Tür weg, Augenstern! Du kriegst nachher eine Tracht Prügel, wenn ich mit dem jungen Mann fertig bin! Laki, du kommst jetzt da raus! Ich werde dich windelweich schlagen! Du machst deine Mutter völlig kaputt. Sie weint bereits!“ Haha, lachte einer im Bett. Immer diese leeren Drohungen. Die Gutmütigkeit stand ihm ins Gesicht geschrieben, dem alten Möchtegern-Pfarrer. Der schlägt doch seine Kinder nicht. Rührend, wie er seiner Frau – dem Nervenbündel – helfen möchte, bloß nimmt ihn keiner ernst. „Ich hole gleich mein Werkzeug und dann –“ „Brichst du die Tür auf, jaja, bin ja schon draußen!“ Der Kleine stiefelte an ihm vorbei. Bekleidet mit seinem Parka, wie immer, darunter trug er weiße Feinripp-Unterwäsche und weiße Socken. Er verschwand in sein Zimmer. Der Vater sagte zu seiner Tochter: „So, jetzt kannst du rein, oder nicht? Was willst du auf dein Brot?“ Nun meldete sich die völlig aufgelöste, zerzauste Mutter: „Super hast du das gemacht, Mann. Vielleicht hätte ich mich ja mal gerne frisiert. Wie sehe ich denn aus!“ Sie weinte herzzerreißend. Jaja, dachte sich Jakos, das alte Spiel, flüsterte vor sich hin: „Und außerdem, Mann, drehe ihnen nicht irgendwelche Brote an, die sie sowieso nicht essen dürfen, Hornochse. Metalawia!!!“ Und – es ließ nicht lange auf sich warten – die Frau spuckte genau das ihrem Mann entgegen. Wie berechenbar! Er lag immer noch in sei-nem Bett, er hörte regelmäßig dieses Schauspiel, er brauchte es nicht noch mit anzusehen. Er wunderte sich nicht mehr, dass sich nichts änderte, dass keine Konsequenzen gezogen wurden. Wahrscheinlich war das alles ganz normal. Der Kleine ließ sich kurz blicken, in der Küche, sagte: „Metalawia! Scheiß drauf! Als Kind konntest du mich vielleicht dazu zwingen, aber jetzt nicht mehr. Ich hätte oft dem Pfaffen am liebsten auf seine schöne, glitzernde Kutte gekotzt. So wie das Baby vor zwei Wochen, das trotz Geheul, das Zeug in den Mund gestopft bekommen hat. Kindern Wein geben, und zerkrümeltes Brot darin! Mit einem Löffel für die ganze Gemeinde. Zum Kotzen!“ Oh, das war neu, dachte er sich kichernd. Respekt, Brüderchen, du machst dich! Er ging wieder in sein Zimmer zurück. „Ihr seid alles Türken! Ungläubige! Was habe ich nur für Kinder – Monster!“ zeterte die Alte. Naja, das war altbekannt. Der Junge kehrte in die Küche zurück. „Warum sollten denn Türken ungläubiger sein als Griechen. Im Gegenteil würde ich vermuten. Die stehen um 5 auf, um zu ihrem Allah zu be-ten!“ erwiderte Lakis süffisant. Sein großer Bruder lachte, ja, er krümmte sich geradezu vor Lachen. Er flog aus dem Bett heraus. Es krachte. Der Vater kam angerannt. „Was ist denn los? Ist etwas passiert?“ Jakos lachte noch immer. „Weißt du noch, Mbamba (Papi), ti? Tix-tafti, ke diakos sto kefali!“ (griechisch – ungefähr: was? was an deinem Ohr? und ein Diakon – Pfarrer – auf deinem Kopf) Auch der Vater brach in Lachen aus. Die Mutter schrie laut auf: „Amann, amann! Womit habe ich das nur verdient?!“ Sie weinte. Fragte: „Warum kann es bei uns nicht wie bei anderen Familien sein. Warum habe ich so eine Familie von Bestien, von Ungläubigen, von – von, ach, ich weiß nicht was!“ Sie ließ ihren Tränen freien Lauf. Die Leidende. Nicht besonders kreativ, dachte sich der auf dem Boden der Tatsachen und der schlechten Laune Zurückgekehrte; und Lakis Senior wird ihr gleich beistehen. Der Gute. „Schatz! Popi-Augenstern kommt gleich aus dem Bad, Lakis Junior ist gleich fertig, und du weißt genau: Jakos braucht nie länger als fünf Minuten. Ist doch alles gut! Wir sind doch noch nie zu spät gekommen!“ Er musste sich – deutlich erkennbar – ein: obwohl du jedes Mal so ein Theater machst verkneifen. „Aber immer als die Letzten!“ – „Nicht als die Letzten, Frau, höchstens als letzte.“ War das wieder ein Spaß, dachte sich der große Bruder. „Voll witzig“, sagte der kleine Bruder, kam geschwind in Jakos´ Zimmer und klatschte ab. „Und was die Leute wieder von uns denken! Vor allem, wenn ich mit diesen Haaren da hinkomme!“ Jaja, die Leute, das war wichtig. Was die anderen Leute dachten. Das konnte ihr doch Scheißegal sein! War es aber nicht. Das störte ihn. Das störte auch seinen kleinen Bruder. Das wusste er. Und was war mit seinem Schwesterherz? Das war zu jung, um sich von der Meinung anderer, ihrer Freundinnen, unabhängig zu machen; zu unreif, zu abhängig von ihrer Mutter. Auch für den Vater war es wichtig, was die Leute dachten, nur war er meist sehr viel naiver, zu naiv, um auf ganz „blöde“ Ideen zu kommen. Im Gegensatz zu seiner Frau. Wie ich das hasse! dachte sich der große. Pubertät! Ärger mit den Eltern. Fehlender Respekt. Abkapselung. Normal. Das Übliche. Wie immer. Er machte sich bereit. Letztendlich. So wie alle anderen. Er-neut kamen sie sehr spät, die Mutter abwechselnd motzig und weinend, sämtlichen Auto-Insassen schlechtes Gewissen einredend, der Vater eine Zigarette nach der anderen rauchend; und die Kinder hinten schafften es weder ihre Ohren zu verschließen noch ihre Nasen. Betäubt von dem Geschwätz und dem Rauch, leidend. Leidend wie Märtyrer in die Kirche, um dort weiter zu leiden – während sie sich abrackerten, den unsympathischen Bekannten ihrer Eltern in einer für sie doch eher fremden Sprache (griechisch) Rede und Antwort zu stehen. Teilweise Fragen gestellt zu bekommen, die sie nicht einmal in „ihrer“ Sprache (deutsch) hätten beantworten können. Auch die Mutter überlebte es, mit wenig Selbstvertrauen, aber doch… Dafür war sie nach der Kirche und noch mindestens vier Tage danach gramvoll, ja, noch mehr: depressiv. Verweint, mit ihrem Leben hadernd, todunglücklich.

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