Montag, 18. Januar 2010

Wenn du singst, wie kannst du hassen?

Die Beschäftigung mit Klezmer-Musik sollte ebenso ein Bestandteil der Auseinandersetzung mit dem Judentum sein, wie die Geschichte der Judenverfolgungen, des Holokaust und die dementsprechende Lektüre (bzw. Filme). Die Klezmer-Musik stammt aus Ost-Europa und ist instrumentaler Gesang: Der Mensch selbst soll zum Instrument werden. Sie hat nichts mit Religion zu tun – Musik hat niemals mit Religion, Nationalität und Grenzen zu tun. Es gibt in Wahrheit keine Grenzen, sie sind nur Illusionen, wegen derer Millionen von Menschen ihr Leben verlieren. Musik ist unsichtbar, unberührbar, sie ist Sprache der Seele, sie ist Ausdruck der Liebe, sie kann keinen Hass ausdrücken. Natürlich schmerzt es, wenn Musik mit schrecklichen Ereig-nissen aus der Vergangenheit in Zusammenhang steht, aber gerade die schönste jüdische Musik ist in den Ghettos und Konzentrationslagern entstanden, womit die Musik – wie Kunst allgemein – beweist, dass nur der Körper angegriffen wird, die Seele jedoch unantastbar bleibt. Man hört in diesen Liedern sowohl die Qualen und Schmerzen, als auch die Hoffnung und die Vergebung. Giora Feidmann, der bekannteste jüdische Klarinettist, sagt, dass Musik eine heilige Sache sei, eine Verbindung mit unserem Schöpfer, und man solle vergessen, wer der Komponist sei, denn der wahre Ursprung stelle Gott dar. Dies wird auch mit dem Shalom gemeint: Shalom bedeutet Ganzheit; die Welt als Ganzheit betrachten, nichts vergessen, besonders im Sinne der Judenverfolgungen. Der in Argentinien geborene Giora Feidmann, der übrigens in der vierten Generation jiddischer Musiker ist, sagt weiterhin: „Alle Menschen sind geborene Sänger. Es ist eine natürliche Kraft.“ Was er bei seinen Konzerten beweisen möchte und kann: Er bringt den gesamten Saal zum Singen; ein ergreifendes Erlebnis. Giora Feidmann: „Mein Vater hat gesagt, die Klezmer-Musiker seien Diener der Gesellschaft. Sie seien ein Kanal durch den der Klang, die Musik und die Liebe fließen!“ Die Hauptinstrumente des Klezmer sind die Klarinette und die Geige, die die ausdrucks-vollsten Elemente der menschlichen Stimme am besten wiedergeben. Obwohl der Klezmer im engeren Sinne keine religiöse Musik ist, hat er ein religiöses Thema, denn er hat einen Teil des Rabbinergesangs aus den Synagogen übernommen: Der Rabbi steckt alle Emotionen, sein ganzes Herz in ein Lied und schmückt es mit Tönen um den Stimmenübergang herum. Die Tradition der jüdischen Musik bestand schon immer in der Auseinandersetzung mit der Umgebung, in der die Juden (so oft in der Diaspora) gerade leben, sei es in Rumänien, Odessa oder New York. Von daher ist es selbstverständlich, dass der Klezmer sehr viele Einflüsse aus anderen Bereichen vorzuweisen hat – beispielsweise aus dem Jazz und dem Tango. Ein Besuch in der Weltmusik-Abteilung der CD-Fachgeschäfte wird das beweisen! (Tipps: CDs von Giora Feidmann, den Klezmatics, Cora Laila, Kroke…)

Kommentare:

  1. dieser text ist übrigens sehr alt... ich dachte, er dürfte nicht in der versenkung verschwinden - daher ein relaod an dieser stelle :-)

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  2. Singen, vor allem mit anderen zusammen, ist mindestens so gut wie Sex! Ich spreche aus Erfahrung: http://stancerblog.blog.de/2008/03/10/wochenend-und-sonnenschein-3852551/

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