Montag, 11. Januar 2010

Shortbus

SHORTBUS heißt der Film des 1963 geborenen Amerikaners John Cameron Mitchell, der im offiziellen Cannes-Programm außerhalb des Wettbewerbs lief. Es ist der Film, über den am ersten Cannes-Wochenende fast alle redeten.

Die Kamera schwebt über ein buntes Comic-Modell von New York in verschiedene Wohnungen; man guckt einem Paar dabei zu, wie es sich in lustigen Verrenkungen durch einen Art Hochleistungs-Kamasutra vögelt; eine Domina quält in einem Appartement mit Blick auf Ground Zero einen reichen jungen Schnösel; und ein junger Schwuler besorgt es sich selbst, indem er sich so lange verbiegt, bis er seinen Penis in den eigenen Mund befördert hat.

So beginnt der Film und man könnte meinen: ui, super, ein Pornofilm, der es in sich hat. Muss man gesehen haben. Aber das muss man aus anderen Gründen. Vordergründig geht es in diesem Film um Sex, aber das Thema ist tatsächlich die Selbstfindung von New Yorker Stadtneurotikern. Sie befinden sich auf einem schwierigen Weg. Und die Lösung für ihre Probleme sehen sie alle im Geschlechtsverkehr. Nehmen wir die Sexualtherapeutin Sofia, die noch nie einen Orgasmus hatte. Oder den ehemaligen Stricher James, der sich umbringen möchte, weil er nichts mehr fühlen kann, und dessen Problem ist, dass er nicht von anderen Männern genommen werden möchte/kann. Oder die ungewöhnliche Domina, die ständig mit einer Polaroid-Kamera Fotos schießt, die, als ihr Freier auf eine Jackson Pollock-Reproduktion onaniert, darüber sinniert, wie das Ejakulat zum restlichen Bild passt, und die als kleines Mädchen missbraucht wurde. Alle treffen sich im Shortbus, einem Etablissement, das von einem schwulen Kunstwesen namens Justin Bond geführt wird, das sehr mütterlich durch dieses polysexuelle Freudenhaus schlawinert. Dort erleben sie sehr aufregende Dinge. Frauen treiben es mit Frauen, Frauen mit Männern, Männer mit Männern, wild durcheinander, in Ekstase. Das Geschlecht ist hier egal. Alles ist erwünscht und alles erlaubt.

Im Feuilleton gab es eine heftige Debatte um diesen Film: ist das ein Pornofilm, der dafür gedreht wurde, um auch in Programmkinos mit einem bestimmten intellektuellen Anspruch laufen zu können? Quasi eine Mischung von einem Falcon Film und einer Arthouse Produktion? Ist er Kunst? Ist er Kitsch? Ist er überhaupt ernst gemeint?

Nein, wie bereits angedeutet, er ist kein Pornofilm. Denn… seit wann lacht man in einem Pornofilm über Sexszenen? Mancher wird jetzt sagen: na ja, unfreiwillig komisch ist so mancher Porno. Ja, aber dieser Film ist meines Erachtens sehr freiwillig und bedacht komisch. Gut, so ein paar Zoten und Querverweise auf frühere erotische Filme sind zu finden, man denke nur an das Ei, das in die Vagina gesteckt wird, das schon im Reich der Sinne von Oshima vorkommt, und nun zu neuen Ehren kommt. Aber wer hat schon gesehen und gehört, wie beim Rimming die amerikanische Hymne ins A….loch gesungen wurde? Überhaupt: seit wann darf und soll über Sex gelacht werden?

Was noch kein Kritiker erkannt hat, war folgendes: Im Grunde genommen versucht Mitchell die alten griechischen Tragödien in die neue Zeit zu transportieren und es ist ihm sehr geglückt. Was meine ich damit? Gab es denn nicht immer schon einen antiken Chor, der alles Geschehen kommentierte? Das passiert hier über gnadenlos gute Musiker, oft mit Country-Music-Touch, manchmal sehr Indie. Richtig gute Bands wie Yo la Tengo, die sich auch hauptsächlich für die Musik verantwortlich zeichnen, aber auch die Hidden Cameras und andere Größen der Subkultur. Besonders anrührend war, als Jay Brannan, der sowieso mit seiner Schönheit und mit seinem Lächeln in diesem Film brillierte, Lieder von sich gab. Wenn irgendwo ein Konzert von ihm ist, geht hin. Er ist der amerikanische Patrick Nuo, nur dass er auch gute Musik macht und nicht nur gut aussieht. Zum antiken Drama gehört auch ein Erzähler, der plötzlich in das Geschehen eingreifen kann: so macht dies der Stalker von James und rettet diesen, bevor er sich selbst umbringen kann.

Die Schauspieler sind Laien und durften ihre Charaktere in Workshops mitkreieren. Das ist erfrischend. Genauso wie die Art, wie mit Sex und dem Zeigen von Körperteilen und von Sexualverkehr umgegangen wird. Natürlich hat der Film auch deswegen in Amerika für Schlagzeilen gesorgt.

Kritiker werfen dem Film vor, zu platt zu sein. Nein, der Film möchte vielleicht gar nicht so intellektuell sein. Er möchte zwar eine tiefere Ebene erzeugen, doch vergisst er nicht, dass wir alle nur Menschen sind, und dass egal, wie intelligent und gebildet wir sind, wir doch Selbsttäuschungen unterliegen.

Der Film macht Spaß, weil er komisch und unkonventionell ist. Er zeigt Dinge, die unter der Oberfläche liegen, Dinge, die wir uns häufig nicht trauen, einzugestehen. Er inspiriert auch dazu neue Dinge auszuprobieren. Er lässt keinen Platz für Klischees und wenn, dann wendet er sie geschickt um, so dass man hinterher nicht mehr merkt, dass da eines war.

1 Kommentar:

  1. Ein wirklich wunderbarer Film, schöne Geschichte, tolle... ähem... Bilder!

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